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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Gottfried Benn

in Blicke auf Menschen 30.10.2010 19:40
von Martinus • 3.194 Beiträge

Gunnar Dekker: Gottfried Benn. Genie und Barbar, Aufbau-Verlag, 2006

Diese Buchbesprechung habe ich 2006 zum 50. Todestag des Dichters verfasst

Mit Gunnar Dekkers Buch über Gottfried Benn hat uns, 50 Jahre nach dem Tod des Dichters, eine umfangreiche Biografie über den bedeutenden Lyriker erreicht, der über sich selbst nichts erzählen wollte, Dekker aber sehr bemüht ist, feine Details aus seinem Leben darzulegen und Benns Charakter und sein Denken akribisch zu durchleuchten. Gottfried Benns kurzzeitige Verwicklung mit den Nazis nimmt verständlicherweise sehr breiten Raum ein, klärt auf, rückt die Fakten zurecht, dabei gibt Dekker dem Leser einen kleinen wertvollen Wink mit auf dem Weg. Es geht um den Briefwechsel mit dem Bremer Kaufmann F.W. Oelze:

"Dieser Briefwechsel ist eine Schatzkammer! Und nebenbei, aber nicht nebensächlich: Benns Ehrenrettung für die Zeit von 1933 bis 1945. Denn diese Briefe zeigen die Chronologie seiner Abwendung von den Nazis. Die Abwendung ist gründlich." (Dekker, S. 205).

Eine Schatzkammer deshalb, weil Benn über sich selbst persönliches schreibt. Er vertraut Oelze mehr an als seinen Ehefrauen und Geliebten:

"Jeden Tag denke ich daran, was es für Sie bedeuten muss, in diesem trostlos niedersächsischen Industrie-und Beamtendorf zu leben -: Sie können allein sein! Was für ein wirkliches Glück schliesst diese Tatsache ein! Keine Familie, keine offizielle Geselligkeit, keine Gaffer und Schnüffler, keine verkalkten Moralkontrolleure beiderlei Geschlechts mit erhobenem Zeigefinger und unbequemen Drohungen, keine Beerdigungen und Diners - das ist ja, wo ich hin möchte, wo ich endlich hin muss."
(an Oelze, 1936, in Dekker S.206)

Normalerweise pflegt er das anders:

"Eine mündliche Unterhaltung würde Sie enttäuschen. Ich sage nicht mehr, als was in meinen Büchern steht."

(an Oelze, in Dekker, S. 204).

Was für einen Charakter hatte Benn? "Geburtstag eines Nihilisten" nennt Dekker ein Kapitel. Über seinen 60. Geburtstag schreibt Benn an Oelze aus dem "zerstörten Berlin": "Lieber Herr Oelze, zu meinem 60. Geburtstag beschenke ich mich selbst damit, Ihnen einen Brief zu schreiben....keine Besuche, keine familiären Aufläufe, Essen mit dem Dienstmädchen in der Küche, die mich ins Gespräch zog über ihr neues Kostüm, das am Rücken noch nicht sässe, dann Patienten u. im übrigen kein Wort gesprochen." (in Dekker, Seite 373)

Fremden Menschen geht er aus dem Weg, hält auch mal Verabredungen nicht ein. Notorisch schüchtern, aber nicht nur dass. Mit Ehefrau Edith Osterloh wohnt er nicht zusammen, besuchte sie Sonntags für kurze Zeit, empfindet es als störend, mit ihr eine Tochter zu haben, sitzt lieber in seiner Wohnung im Dämmerlicht. Herta von Wedemeyer heiratet er, weil er jemanden für seinen Haushalt braucht. Der Tod beider hat ihn aber schockiert, für eine Geliebte finanziert er die Beerdigung, obwohl er für deren Selbstmord nicht schuldig war. Gertrud Zenses, die er mit liebevollen Kosenamen überschüttet, widmet ihr ein Exemplar seiner Gesammelten Schriften und schreibt hinein:

"Man denkt, man dichtet
gottweiß wie schön.
Und schließlich war man
bloß hebephren."
..........


Was mag die Frau nur gedacht haben?

Gottfried Benn, Facharzt für Haut - und Harnleiden, behandelt meist Geschlechtskrankheiten, übrigens gerne auch ohne Honorar, wenn Patienten kein Geld haben. 1914 arbeitet er als Militärtarzt in einem Prostituiertenkrankenhaus in Brüssel. 1928 wendet er sich in der Schrift "Dein Körper gehört Dir" gegen den §218. Schön, dass Gunnar Dekker dies erwähnt, war Benn doch sonst nicht sozial engagiert. Als Arzt sah Benn natürlich das Leid der Frauen. "Die Armen versuchen es mit Stricknadeln, schmutzigen Spritzen, Seifenlaugen und heißen Bädern. Benn weiß sogar vom stundenlangen Kitzeln der Brüste, vom pausenlosen Beischlaf, um die Gebärmutter zu sprengen." (Dekker, Seite 154). Ürsprünglich wollte er Psychiater werden, dazu kam es aber wegen seiner eigenen ungünstigen psychischen Disposition nicht. Der Mediziner Werner Rübe diagnostiziert in seiner Untersuchung "schizothym", nahe der Psychose (Werner Rübe, Provoziertes Leben, Stuttgart, 1993): "überempfindlich, gefühlsabweisend, kühl, kontaktarm und introversiv" (in Dekker, Seite 52). Ein bürgerliches Berufsleben war ihm wegen schneller psychischer Ermüdbarkeit nicht möglich. Dekker spricht "von ein bis zwei Stunden geistiger Hochspannung am Tag" in der er schöpferisch tätig sein kann (ebd. Seite 52).

Seine frühen expressionistischen Gedichten von 1912 ("Morgue und andere Gedichte") bringen ihn mit einem Schlag ins Licht der Öffentlichkeit. Er schrieb sie unter dem Eindruck seiner Sektionslehrgänge im Moabiter Krankenhaus. Gunnar Dekker stellt zwischen den "Morgue"-Gedichten und dem Vanitas-Gedicht des barocken Dichters Andreas Gryphius eine Verbindung her: "Wisse den Tod in dir, unter der Haut zeichnet sich schon das Skelett ab."(ebd. Seite 63). Das Gottvertrauen verloren, so sieht Dekker in dem Gedicht "Der Arzt", Nietzsches Ruf vom Tod Gottes ("Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch-: ...", Seite 65).

1915 wurde Gottfried Benn verpflichtet, als Militärarzt der Exekution der engl. Spionin Edith Cavell zugegen zu sein. Brisant daran, als im Jahre 1928 über diesen Vorfall Benns Bericht im Berliner >>8-Uhr-Abendblatt<< erschien, war er immer noch davon überzeugt, dass die Erschießungs rechtens war, obwohl wir heute wissen, dass hinter den Kulissen um das Leben der Edith Cavell gerungen wurde. Im Personenregister der Benn-Biografie von F.J. Raddatz sucht man vergeblich nach dem Stichwort Edith Cavell. Dekker beschäftigt sich über sechs Buchseiten mit diesem Fall. Das schaurige ist, 13 Jahrerspäter reflektiert Benn nicht darüber, sondern lässt alles so wie es ist: Militärischer Befehl und fertig. Gottfried Benn war ein unbeugsamer Fatalist. Für Benn sah das nach Dekker so aus: "Krieg kann nicht anders als grausam sein, denn Krieg bleibt immer ein Teil derGeschichte. Und Geschichte ist nur ein anderes Wort für die Abfolge mehr oder weniger sinnvoller Grausamkeiten." (Seite 93).

Gunnar Dekker beleuchtet den Fall Edith Cavell sehr ausführlich aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Autor widmet sich auch über Gottfrieds Benns Verstrickungen mit dem Nazionalsozialismus aüßerst akribisch. Erstaunlich, was Dekker hier zu Papier bringt, alles quellenorientierte Biografiearbeit. Zusammenfassend lässt sich sagen, Benn habe sich dem Nationalsozialismus kurzzeitig angebiedert, ohne ihn wirklich zu durchschauen. Gottfried Benn erhoffte sich mit einem starken NS-Staat "eine Neubelebung der Kunst" (Dekker, Seite 254). Und das ist vielleicht sein größter Irrtum, denn den Faschisten oder Nationalsozialisten geht es nur um absolute Macht, nicht um Kunst. Benns Schrift "Antwort an die literarischen Emigranten" (1933) ist für Dekker "ein frappierender Absturz des demokratieverachtenden Dichters in die Niederungen einer verbrecherischen Politik...Eine furchtbare Trivialisierung des Begriffs vom Barbaren liegt Benns Parteinahme für die Nazis zugrunde." Er mißverstand Nietzsches Frage nach den Barbaren, die auf "Ursprung, Mythos und Natur" gerichtet war. Eine "herrschaftliche Rasse" wächst aus "furchtbaren und gewaltsamen Anfängen" heraus (Zitate, Seite 231). In "Die Dorische Welt"(1934), schreibt Benn, "die Antike Gesellschaft habe auf den Kochen der Sklaven geruht,..., >>die schleifte sie ab, oben blühte der Staat<< . Apollo, als Synonym für Sparta, trat als >>große züchtende Kraft<< zwischen Rausch und Kunst." Bis hierhin folgt Benn Nietzsche. Doch will er den Nationalsozialisten unterkriechen und verteidigt die Macht, die sich mit Hilfe von Gewalt festigt.

Doch Benn bekam Schwierigkeiten mit dem NS-Staat, begonnen mit dem Vorwurf des Nazideologen - und - dichters Börries von Münchhausen (1933/34), er sei ein Jude. Benns Schriften "Lebensweg eines Intellektualisten" und "Der deutsche Mensch - Erbmasse und Führertum"(1933) sind von diesem Vorwurf beeinflußt, verteidigt er doch darin vehement seine Herkunft aus einem evangelischen Pfarrhaus. Tatsächlich, für die Nazis war Gottfried Benn kein Willkommensgruß, strich ihn der NS-Ärztebund schon 1933 von einer Arztliste, die bestimmte Atteste ausstellen durften, und mit dem Statement "Die Zeitalter enden mit Kunst, und das Menschengeschlecht wird mit Kunst enden" ("Dorische Welt", in Dekker, Seite 256) schrieb er sich schon 1934 von den Nazis weg. Benn pflegte seine privaten politischen Vorstellungen, die nicht nazikonform waren. So schrieb er 1936, den Verbrechern längst den Rücken zugewandt, am 25. September, an Oelze:

"Gegen die moderne Kunst wird jetzt die schroffste Ton - und Gangart eingeschaltet...alle Museen haben die modernen Bilder unverzüglich zu entfernen..."

(in Dekker, Seite 256).

1936 kommen Benns Gedichte ins Visier der Nazis. Auf Druck der Parteiamtlichen Prüfungskommission der NSDAP müssen vier Gedichte aus den >>Ausgewählten Gedichten<< herausgenommen werden (D-Zug, Untergrundbahn, O Nacht -:, Synthese). Im März 1938 wir er aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen und erhält Berufsverbot. Grund: Ihn könne man nicht die für die Tätigkeit als Schriftsteller erforderliche Eignung zubilligen. Das Schreibverbot wurde erst 1948 aufgehoben. Die "Statischen Gedichte", die seinen Spätruhm begründeten, erschienen in diesem Jahr aber im Schweizer Arche-Verlag.

Eine Biografie im wahrsten Sinne des Wortes. Gunnar Dekker geht es um Benns Persönlichkeit und um seinen Weg als Künstler. Auf das Werk wird sekundär eingegangen, besonders gerne aber dann, wenn sich durch sein Werk Aufschlüsse zu seiner Person ergeben. Natürlich geht Gunnar Dekker auch auf die berühmtem Gedichte ein, die der Dichter in Hannover verfasste ("Einsamer nie" u.a.). Eine Biografie wie ich sie mir wünsche: Um Sachlichkeit bemüht, und sehr lebendig geschrieben. Ich mochte das Buch nur sehr ungerne aus der Hand legen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#2

RE: Gottfried Benn

in Blicke auf Menschen 30.10.2010 20:55
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Martinus
Gunnar Dekker: Gottfried Benn. Genie und Barbar, Aufbau-Verlag, 2006

Diese Buchbesprechung habe ich 2006 zum 50. Todestag des Dichters verfasst

Mit Gunnar Dekkers Buch über Gottfried Benn hat uns, 50 Jahre nach dem Tod des Dichters, eine umfangreiche Biografie über den bedeutenden Lyriker erreicht, der über sich selbst nichts erzählen wollte, Dekker aber sehr bemüht ist, feine Details aus seinem Leben darzulegen und Benns Charakter und sein Denken akribisch zu durchleuchten. Gottfried Benns kurzzeitige Verwicklung mit den Nazis nimmt verständlicherweise sehr breiten Raum ein, klärt auf, rückt die Fakten zurecht, dabei gibt Dekker dem Leser einen kleinen wertvollen Wink mit auf dem Weg. Es geht um den Briefwechsel mit dem Bremer Kaufmann F.W. Oelze:

"Dieser Briefwechsel ist eine Schatzkammer! Und nebenbei, aber nicht nebensächlich: Benns Ehrenrettung für die Zeit von 1933 bis 1945. Denn diese Briefe zeigen die Chronologie seiner Abwendung von den Nazis. Die Abwendung ist gründlich." (Dekker, S. 205).

Eine Schatzkammer deshalb, weil Benn über sich selbst persönliches schreibt. Er vertraut Oelze mehr an als seinen Ehefrauen und Geliebten:



Danke, Martin, endlich, endlich einmal wieder ein Mensch, der das ausspricht, aufschreibt.
Was habe ich mit diesen starrsinnig unbeleckten Benn - Gegnern immer und immer wieder diskuitert, Benn war kein Nazi, lest, lest doch endlich einmal seinen Briefwechsel mit Oelze. Denn Benn war nahe genug daran, selbst in ein KZ...
Ich selbst denke auch, das dann Benns Briefwechsel mit Oelze (drei Bände) selten intime Einblicke in Benns geistiges Innenleben geben, oder besser gesagt - schenken. Es ist selten, das Benn sich einem Menschen so öffnete, wie Oelze gegenüber.

Schöner Beitrag, Martin!
(Benns Gedichte sind immer noch eines - meiner Kopfkissenbücher. Und das nun schon über viele, sehr viele Jahre hinweg.)

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