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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Péter Esterházy

in Die schöne Welt der Bücher 01.04.2018 18:13
von Taxine • Admin | 5.943 Beiträge

Gedanken zu dem Werk
„Harmonia Caelestis“

Die Gegenwart ist, fast schon per definitionem, immer eine dürftige Zeit...

Das Buch ist natürlich für den Literaturliebhaber ein Genuss und eine Bereicherung. Hier funkelt der Geist, stimmt die Zusammensetzung, ist Spiel, Humor und Tragik gegeben, entspricht das Gewicht des Buches dem Gewicht des Inhalts. Der Leser wird buchstabentanzend geführt, kann herzlich lachen, nachdenken, staunen…, trifft auf interessant zusammengestellte Auszüge und Berichte, auf das schriftstellerische Experiment genauso wie auf klassische Elemente und im zweiten Teil dann auf "Figuren einer Romanbiografie, die frei erfunden" sind.

„Mein Vater“ – diese Bezeichnung steht nicht alleine für das eine Familienoberhaupt und die Familie an sich, sondern für ALLE Familien. „Mein Vater“ kann Deckname, Anonymus, bekannte Person, echter Verwandter oder auch ein Verbrecher sein. „Mein Vater“ ist die Maske für die geschichtlichen Ereignisse und die darin agierenden Personen. Natürlich wird auch das Aristokratengeschlecht der Esterhazys ausführlich behandelt, wobei „Mein Vater“ dann den Platz für alle Vorfahren einnimmt.

„Mein Vater“ steht aber auch für die persönliche Konfrontation mit den Umständen, dem Sein, der Vergangenheit, der Erziehung, der Moral und der Vielfalt des Lebens. Eng miteinander verwoben ist die Begegnung von Vater und Mutter, stehend für die Liebe, die überall und unter den tragischsten oder schönsten Umständen möglich ist bzw. genauso schnell zerstört werden kann. "Mein Vater" ist Don Juan, Freund und Förderer von Haydn, Schüler von Helmholz, kann sogar der Autor selbst sein oder in einer Diskussion über physikalische Experimente und über Kunst auftauchen.

Bei "Harmonia Cælestis" handelt es sich somit nicht nur um eine autobiografische Familienchronik, sondern um einen geschichtlichen Rundum-Blick, um ein Zeitdokument, das auch den Alltag samt allen Belanglosigkeiten in gleicher Form den Perlen und Blüten der Literatur und Kunst gegenüberstellt. Esterhazy bedient sich größtenteils der Collagentechnik, jedoch leider auch wesentlich dreister als beispielsweise Thomas Mann. Schön sind Szenen wie die, in der „mein Vater“ als Schrödingers Katze auftritt, die dann in Zusammenhang mit Schrödingers Reaktion auf seine Kiste und die etwas lästige Entsorgung den Leser zum Lachen bringt. Weniger schön ist die Entdeckung ganzer übernommener Kapitel aus bekannten und unbekannteren Romanen.

Dass es sich um eine Collage dieser Art handelt, ist auf den ersten Blick nicht sofort ersichtlich, so sehr das Buch auch gefallen mag. Es handelt sich nicht nur um eine Zusammenstellung von Mythen, Legenden, Chroniken, Zeitungsausschnitten und gemeinfreien Romanauszügen, sondern Esterhazy hat auch ganze Kapitel aus verschiedenen Büchern bekannter und weniger bekannter Autoren ungefragt und ohne Erwähnung der Quelle übernommen, so dass es nicht verwundert, dass so mancher Autor darüber erbost ist.

Dass der Verlag dazu gnädiger Weise einen Marginalienband erstellt hat, den es natürlich nicht zum Buch dazu gibt, und der dann alle Angaben enthalten soll, aus welchen Quellen zitiert wurde, ist ja schön, allerdings nicht gerade hilfreich. Besser wäre es, die Quellen direkt am Ende des Buches anzuführen, damit der Leser wenigstens weiß, womit er es zu tun hat und sich dann auch die Enttäuschung in Grenzen hält. Gerade bei der Collagentechnik ist ja die genutzte Quelle zum Teil auch wegweisend für den Blick in ein anderes Buch oder gestattet das freudige Wiedererkennen vergessener Szenen.
Schöner wäre es also, auf Schriftsteller wie z. B. Ernst Jünger, Wollschläger, Calvino, Borges oder Wenedikt Jerofejew hingewiesen zu werden, wobei die übernommenen Kapitel zum Teil auch noch schlecht übersetzt sind. Es macht dann doch einen Unterschied, ob ein aus der Not zusammengemixter alkoholischer Cocktail mit außergewöhnlichen Zutaten wie Fußpilzmittel oder Fichtenshampoo so wirkt, dass danach dem Nutznießer anderthalb Stunden lang ins Gesicht gespuckt werden kann, ohne (wie bei Esterhazy übersetzt) dass er „einen Mucks macht“, oder (herrlicher in der Übersetzung des Originals „Eine Reise nach Petuschki“) ohne „dass es ihn tangiert“. Aber das sind nur Kleinigkeiten.

Wenn nun wieder die Intention des Autors mit einbezogen wird, kann man darüber mit einem Zwinkern hinwegsehen. Die Welterfahrung ist einzeln und zufällig, persönlich und damit nebensächlich und kitschig. Es ist, wie Esterhazy sagt, entweder Gejammer oder Angeberei. Erst im Gesamtgeschehen wird Geschichte daraus und in einer Zusammenstellung guter Romanstellen und Ausschnitte wird auch ein Buch neu geschrieben.
Ohne Angaben der Quellen weiß man allerdings nie so genau, was jetzt von Esterhazy oder von anderen stammt, es sei denn, man kennt den Auszug oder schafft es, ihn als übernommenes und noch einmal übersetztes Stück zu erahnen. Das ist schade, da sich dadurch auch der Gesamteindruck verändert. Mit Quellenangaben wäre dieses Buch ein Traum.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.04.2018 18:13 | nach oben springen


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