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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Paul Nizon

in Die schöne Welt der Bücher 11.02.2019 19:52
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Tja ... was genau fasziniert mich denn nun an diesem Schriftsteller? Ich kann es nicht sagen. Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, geriet mir fast zufällig in die Hände, stand da in meinem Regal ganz vergessen und hieß "Im Haus enden die Geschichten". Das hat mich dann auch gleich so gefesselt, dass ich alles lesen wollte, obwohl in der Erzählung selbst gar nicht so viel passiert.
Mit der Gesamtausgabe aller Werke und Tagebücher wurde ich dann auch nicht enttäuscht. Nizon lässt sich wirklich am Stück lesen und behandelt dabei auch ganz "egostisch" alleine seine eigene Welt, häufig sogar mit Wiederholungen aus verschiedenen Blickwinkeln. Das wurde ihm bei der Vorstellung von "Canto" regelrecht zum Verhängnis, dieses schriftstellerische "Schmarotzertum", das "Parasitäre" und "Unsolidarische". Die "Gruppe 47" zerriss das Buch und auch ansonsten erntete es schlechte Kritiken, mit denen Nizon zu kämpfen hatte. Ich persönlich finde "Canto" neben "Untertauchen" und "Im Haus enden die Geschichten" am besten.
All das Gelesene nun zusammenzufassen, ist gar nicht so einfach. Daher nur Eindrücke, weniger Rezensionen. Ich versuche dabei auch, durch die Zusammenfassung, Nizons Stil zu verdeutlichen. Der Ordner wird dann nach und nach gefüllt.
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"Canto"
Zuerst „Canto auf die Reise als Rezept“ und dann „Canto“ selbst. Neben anderen bekannten Werken ist dieser Roman ein Erinnerungsbuch Nizons an seinen Aufenthalt in Rom. Das Canto-Vorspiel ist herrlich verschachtelt, so verschachtelt wie das Leben in seinen ganzen Facetten, nur der Zwischenraum ist genau (im Sinne von wahr oder präzise. Man spürt die Übergänge mehr als die Ereignisse. Erst im Wechsel wird das Leben sichtbar. In den Veränderungen.).
Wahrhafter sind auch Reisen, das fliegende Zimmer des Zugs, als eine Art Flucht vor dem Miniaturunsinn der Lügengespinste und künstlichen Zwänge. „Dies Leben hat seine Stockwerke von Ehrbegriffen, sein Riesengefängnissystem von Ehren und Pflichten.“ Dahinter verlöschen selbst Wunder, die angezündeten Laternen der glücklichen Momente, der Liebe. Und die, die in Ketten gehen, denken: das ist das Leben. Gebunden an Schreibtische und Verantwortung, an Konsum und Ausverkauf als ein hoffnungsvolles Festsitzen im Lebensrahmen.

Das Leben wird in winzigen Notportionen ausgegeben und versachlicht, mit der Beschriftung „ Hauptsache“ als rote Markierung, getarnt als Lebenszweck. Dem will man entkommen, im Zug, auf Reisen, bis die Welt zur Landschaft verschmiert. Das gelingt dem Ich-Erzähler in Rom, wo er als Mitglied des Schweizer Instituts unterkommt.
Der Roman „Canto“ steht dann für die Ankunft in der Stadt, in der man, trotz Anwesenheit, dennoch erst ankommen muss. Hier erwacht der Ich-Erzähler, der bald zu seinem typischen Nizon-Stil findet, der auch in anderen Romanen und Erzählungen so fasziniert.

Der Ich-Erzähler hat durch das erhaltene Stipendium alle Zeit der Welt, um schreiben zu können und auch zu sollen. Ungestört, wie es der Schriftsteller benötigt. Er muss dabei das Leben ablaufen, „bis es wie Fahrtwind an die Gesichtshälften rauscht“. Alles, was dem Erzähler jedoch gelingt, ist die Flucht vor der Arbeit, als eine Art Findungsprozess. Der Ich-Erzähler ringt in Rom mit sich selbst, betrübt durch seine Antriebslosigkeit, wo er doch schöpfen könnte, während um ihn herum alle kreativ sind und schon über ihn hinwegreden. Auf der Brust trägt er bald das Schild: „Bitte nicht stören“.

Nizon berichtet lakonisch poetisch, während das Erzählte zu Text wird, dann zur Impression, dann zum Traum, zur Begegnung und zur Erinnerung. Ein Schritt in der Gegenwart hallt bereits laut in der Kindheit wider. Sprünge durch die Zeiten. Ausschnitte. Splitter. Das Flanieren gehört genauso dazu wie die Beschreibung der Landschaft, der Städte und der Menschen.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist bei Nizon der Gang zu Prostituierten. Hier dann die Geschichte des Hurenhirts als Beichte an den toten Vater. Die Reise beginnen, um „in Frauen anzukommen“. Eine Phase, die wieder vergeht. Ein weiteres Thema ist die erste Liebe und die ängstlich gestellte Frage in der scheinbar gleichen Wunderwelt, ob das Mädchen mit dem schüchternen Jungen (fort)gehen möchte. Es antwortet, es muss es sich überlegen, und die Antwort breitet sich wie Gift aus und zerstört das ganze Vertrauen. Denn „… der Hohlraum der Erwartung stillt sich nie mit der Gestalt der Erfüllung.“

Und was genau erzählt dieses Buch? Vielleich etwas von der Ahnung „Leben“ als erschreckend feste Struktur, das Stein-Bild mit dem häufig erstarten und gleichzeitig geprägten Stein-Sein als Abwehr und Schutz, umflossen von dem „über alle Grenzen hinaus Mehrdavon-Wissen“.

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(Alle Zitate aus: Paul Nizon "Gesamtwerk - Romane, Erzählungen, Journale", Suhrkamp Quatro)




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