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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Valentin Rasputin

in Die schöne Welt der Bücher 19.04.2013 19:39
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Valentin Rasputin

"In den Wäldern die Zuflucht"



Geboren wurde Rasputin 1937 in Ustj-Uda, in Ostsibirien, wo er heute noch lebt und arbeitet. Er engagierte sich in Sibirien stark für den Umweltschutz und die Erhaltung seiner Heimat. Mehrfach wurde dieser Autor bereits in verschiedenen russischen Essays und Büchern gelobt, also habe ich ihn mir endlich einmal näher angesehen. Von Rasputin gibt es mehrere Werke in deutscher Übersetzung, darunter „Die letzte Frist“ oder „Abschied von Matjora“, ein Buch, das auch verfilmt und durch das er bekannt wurde. Er gilt als sogenannter Dorfliterat und die Sitten und Gebräuche der Bauern sind in all seinen Werken ein wichtiges Thema. Der beste Roman ist „In den Wäldern die Zuflucht“, im Grunde die Geschichte eines winzigen Dorfes mit weniger als dreißig Seelen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.


Nichts davon hatte er wirklich erlebt, niemals hatte man ihn einer schlechten Tat oder Absicht bezichtigt. Aber dem letzten Schritt unterwirft sich das ganze Leben, sogar seine Träume hatten sich verändert, sogar sie, die doch in ihm selber entstanden, traten jetzt gegen ihn auf. Was konnte man da von anderen Dingen und Leuten erwarten?


Drei Jahre hat Gussjkow im Krieg gekämpft, wurde mehrmals verletzt, das letzte Mal schwer. Er hofft, während sich die Heilung nur langsam vollzieht, darauf, auf Urlaub nach Hause geschickt zu werden. Seine gesamten Gedanken kreisen darum, er freut sich auf das Wiedersehen mit seiner Frau Nastjona und seinen Eltern. Er lehnt sogar ab, dass Nastjona Geld für die Reise ausgibt, um ihn im Lazarett zu besuchen, da er das elterliche Haus ja sowieso bald aufsuchen würde. Die anderen verletzten Soldaten glauben, dass er mindestens zehn Tage bekommen würde, wenn nicht gar mehr. Doch als er endlich entlassen wird, erfährt er, dass er direkt an die Front zurück muss. Das bringt sein gesamtes Gemüt durcheinander:

„Wie konnte er in den Kugelhagel zurückkehren, wenn er doch schon bei sich in Sibirien und fast zu Hause war?“

Er kann sich nicht überwinden, desertiert und nimmt den falschen Zug. So landet er nach großen Strapazen in dem winzigen Dorf, in dem er aufgewachsen ist, kann sich aber nicht zeigen und versteckt sich in den Wäldern. Er hat miterlebt, dass ein Junge, nur weil er fünfzig Werst nach Hause rannte, vor aller Augen erschossen wurde. Seine Schuld frisst ihn auf. Er fühlt sich als Deserteur und Vaterlandsverräter, befindet sich von nun an auf der Flucht und in ständiger Gefahr. Nie wieder kann er seine Familie wiedersehen, nie wieder leben, wie er es vor dem Krieg tat.

"Alles in ihm war verrutscht, hatte sich überschlagen, war im Leeren hängengeblieben."

Das Leben im Wald ist hart. Einzige Verbindung stellt er dann doch zu Nastjona her, die ahnt, dass er zurückkehrt ist und sich seiner annimmt. Sie versorgt ihn mit Nahrungsmitteln, einem Gewehr und muss Stillschweigen bewahren. Er droht ihr, dass er sie, wenn sie ihn verraten würde, töten müsste, sich noch als Toter an ihr rächen würde.
Schon vor dem Krieg gab es immer wieder Streitigkeiten zwischen den beiden. Gussjkow schlug sie, sie duldete es. Kinder konnten sie nicht bekommen. Nun wachsen sie durch das Unglück auf eigenartige Weise zusammen, bis das nächste sie ereilt. Nastjona stellt fest, dass sie schwanger ist.
Das so lang ersehnte Glück trifft zum ungeeignetsten Zeitpunkt ein, denn ihr Mann gilt schließlich als verschollen und Nastjona lebt bei den Schwiegereltern, die in ihrer Schwangerschaft nicht nur den Verrat an ihrem vermissten Sohn erkennen würden, sondern ihr auch noch den Betrug mit einem Mann unterstellen müssten, der nicht existiert. Dazu geschieht all das auch noch in einem so kleinen Dorf, wo die Blicke schwer auszuhalten sind und die Nachrichten sich in Windeseile verbreiten. Hier zeigt sich schnell, wer Freund und Feind ist.
„Wenn du die Stelle verlässt, an die sich die Leute gewöhnt hatten, verändern alle sogleich ihre Einstellung zu dir und sind bereit, dich mit einem anderen Namen zu benennen.“

All das bringt Gussjkow und Nastjona neben der bereits unerträglichen Situation in weitere Schwierigkeiten und fordert heraus, dass beide für das Leben, das sie nicht mehr führen dürfen, kämpfen müssen, jeder auf seine Art und Weise, wobei sich schnell zeigt, wer der Stärkere ist. Die eigene Verantwortung, die Ausflüchte, die äußeren Bedingungen werden hinterfragt. Hartherzigkeit, Güte, Vorurteile und Ängste werden beleuchtet. Inwieweit hat ein Mensch das Recht, einen anderen Menschen für die eigenen Fehler büßen zu lassen? Welche Last darf man einem anderen aufbürden? Wie lange kann man sich verbergen, ohne sich den Tatsachen und Bedingungen zu stellen? Was braucht es, um als Mensch, abgekapselt und vereinsamt, nicht zu verrohen?
Hinzu kommt, dass eine getroffene Entscheidung nicht nur für einen selbst Konsequenzen hat, sondern auch für all die, die in das eigene Leben involviert sind.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Nastjona und Gussjkow erzählt. Beide sind wunderbar beschrieben, einfühlsam und groß in den Gefühlen. Dem Leser wird dabei auch viel Raum für eigene Gedanken gelassen. Wer Bykau mochte, wird auch bei Rasputin etwas finden, gemischt mit etwas „Walden“-Atmosphäre eines Thoreaus und der plätschernden Stille, die man auch in „Beerenreiche Gegend“ von Jewtuschenko genießen konnte. Und dennoch ist es gleichfalls ganz anders, aber unverkennbar russisch.

Gerade Nastjona mit ihrem Kämpfergeist und Gussjkow in seiner Einsamkeit und Abgeschiedenheit von der Welt, der Kampf mit den Schuldgefühlen beider, die Stimmung im Dorf, das Warten der Frauen auf ihre Männer, die Verzweiflung derer, die ihren Mann bereits verloren haben, die Reflektionen über den Krieg, der harte Winter und der darauf folgende Frühling hüllen die Geschichte in ein sibirisches Licht, das genauso wechselhaft ist wie Glück und Leid, Sehnsucht und zerstörte Hoffnungen, Wahrheit und Selbstbetrug, denn:

… seit jeher fiel es dem Menschen leichter, in seinen Spuren heimzukehren, als sich einen neuen Weg zu suchen …




(Zitate sind der Ausgabe Valentin Rasputin "In den Wäldern die Zuflucht", Bertelsmann Verlag entnommen. Übersetzt von Alexander Kaempfe.)



Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.04.2013 20:00 | nach oben springen

#2

RE: Valentin Rasputin

in Die schöne Welt der Bücher 10.03.2019 21:14
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

"Abschied von Matjora"

„Es gibt nur drei Tage, auf die du fest bauen kannst, der gestrige, der heutige und der morgige Tag.“

In diesem Buch von Rasputin geht es um ein kleines Dorf auf der russischen Insel Matjora, das für den kommunistischen "Aufbau" und den Bau eines neuen Staudamms geflutet werden soll und um den Kampf bzw. die Ohnmacht der Dorfeinwohner, ihr gewohntes Leben zu verlieren und in die Stadt oder eine andere Siedlung zu ziehen. Die meisten sind bereits sehr alt und können das Ganze kaum verschmerzen. Vom Verlust des Friedhofs und ihrer Verwandten, dem Zwiespalt zwischen den Generationen bis hin zur Akzeptanz der Umstände beschreibt Rasputin diese Situation und das Leben sehr warmherzig und schön.
Erahnbar wird auch die große Verschwendung der Ernte während der Umwandlung der Bauerndörfer in Kolchose. Die Zeit, die bleibt, reicht kaum aus, um das lang Angepflanzte zu ernten und abzutransportieren. Was hier durch harte Arbeit den Menschen ernährte, kostet in der Stadt eine Menge Geld. Bekannt ist, dass die Veränderung nicht nur Menschenleben kostete, sondern auf der einen Seite einen erschreckenden Überfluss nach sich zog, wo ganze Wagenladungen während des Transports vergammelten, und auf der anderen Seite in den Städten die Läden leer blieben und die Menschen Hunger litten und schließlich ihre Brotrationen mit "Sägemehl" erhielten. All das bleibt bei Raspurtin jedoch im Hintergrund verborgen.

Das Geschehen wird vielmehr gemächlich erzählt, ohne gesetzte Akzente auf Leid, Kummer und Todschlag. Und doch trägt sich diese tiefe Traurigkeit gut durch die Zeilen. Rasputin ist, ähnlich wie bei seinem Roman "In den Wäldern der Zuflucht", ein sehr tiefsinniges und einprägsames Buch gelungen, das die philosophische Frage aufwirft, was das Leben ist und worauf es letztendlich ankommt.

„Der Mensch ist nicht aus einem Stück gebildet, in seiner Haut stecken mehrere Wesen, wie Landsleute, die in einem Boot von einem Ufer zum anderen rudern, und der wahre Mensch tritt nur in den Augenblicken des Abschiednehmens und des Leidens hervor. Dies ist er – so prägt ihn euch ein.“

Viele zeigen unter diesen Umständen ihr wahres Gesicht. Bei einigen wird es auch hässlich und gierig. Darja, die Dorfälteste, ahnt ihren Tod voraus, da ein Mensch, der keine Aufgabe mehr hat, letztendlich stirbt. Alles, was ihr bleibt, ist das eigene Familienhaus, das über 150 Jahre Zuflucht war, für den Brand vorzubereiten und noch einmal komplett zu erneuern. An dieser Aufgabe hält sie sich fest, bevor die Übersiedlung stattfindet. Während andere noch Hoffnung und Träume haben, ist sie durch ihr Alter längst darüber hinaus, sich Illusionen zu machen. Das Dorf zerfällt schon vor der eigentlichen Maßnahme. Für das Anzünden des eigenen Hauses gibt es Geld. Ein Haus nach dem anderen geht in Flammen auf und die Menschen verschwinden. Alles was bleibt, ist Rauch und der Gestank danach, vermengt mit den schwarzen Löchern im Boden zwischen den wenigen übriggebliebenen Häusern.

Um die Kraft der vergangenen Zeit zu verdeutlichen, ist eines der Highlights des Romans die Geschichte der Königlärch, einem uralten, riesigen Baum, der nicht nur keine weiteren Bäume, außer einer ebenso alten Birke, neben sich duldet, sondern auch über lange Zeit Unglück über das Dorf brachte, indem sich zunächst ein unglückliches Mädchen an einem der Äste erhängte, dann zwei Soldaten das gleiche Schicksal teilten und schließlich ein Kind von einem seiner Äste abstürzte und ebenfalls starb. Seitdem brachten die Dorfbewohner dem Baum Opfergaben, um ihn zu besänftigen, was auch gelang.
Als nun das Dorf dem Erdboden gleich gemacht wird, soll auch der Baum vernichtet werden, ist er gleichzeitig ein Sinnbild für Tradition und Glaube. Die vom Staat angeforderten Männer haben jedoch Probleme, die Arbeit zu erledigen, und keine Axt oder Motorsäge durchbricht das starke Holz, nicht einmal ein Feuer ist wirksam. Der Baum kennt keine andere Macht als die eigene und das demonstriert er bis zum Schluss. Daher ist er der einzige, der zurückbleibt. Er und ein alles einhüllender Nebel als Zeichen des Vergessens.

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(Alle Zitate stammen aus: Valentin Rasputin "Abschied von Matjora", Rowohlt Verlag, 1990)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.03.2019 21:38 | nach oben springen


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