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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Ádám Bodor

in Die schöne Welt der Bücher Gestern 12:57
von Taxine • Admin | 6.766 Beiträge

Ádám Bodor
„Die Vögel von Verhovina“

"Er betrachtet die Flaschen mit den verschiedenen Etiketten im Regal, als fiele es ihm schwer zu entscheiden, was er bestellen soll. Dabei ist in den Flaschen schon seit Langem nur Tee, in verschiedenen Farben."

Ádám Bodor wurde 1936 in Siebenbürgen geboren und lebt mittlerweile in Ungarn. Sein Vater war Bankdirektor in Klausenburg, das zum damaligen Zeitpunkt das politische Zentrum der Region in Rumänien bildete. Anfang des Zweiten Weltkriegs schloss sich Siebenbürgen wieder vorübergehend an Ungarn an. Nach der Machtübernahme der Kommunisten wurde der Vater als Teil der alten Elite verhaftet, und auch sein Sohn Ádám kam als 16-Jähriger wegen staatsfeindlicher Verschwörung ins Gefängnis, wie man im großartigen Nachwort von János Szegö erfährt. Die Erlebnisse haben eine tiefe Spur hinterlassen, die Bodor auch in seinen noch nicht auf Deutsch erschienenen Aufzeichnungen genauer benannte. Gerade seine Haft bewirkte, dass er sich lediglich als Randgänger in den literarischen Kreisen bewegen durfte. In den 60er Jahren agierte in Rumänien dazu eine brutale Geheimpolizei mit vielen Spitzeln, die im gesamten Ostblock als grausam galt. Diese Erfahrungen prägen Bodors Bücher in vielerlei Hinsicht. Sie sind inhaltlich nicht leicht zugänglich, aber im Stil und in den Sätzen deutlich weniger verschachtelt als die des Literaturpreisträgers Krasznahorkai. Von der Stimmung ähneln sie sich geringfügig, wobei Bodor mehr das Imaginäre bedient. Ins Deutsche übersetzt gibt es noch „Der Besuch des Erzbischofs“ vom Ammann Verlag und Erzählungen, mit dem Titel „Die Waldohreule“.

Dieser Roman zeichnet sich vor allem durch seine skurrilen Figuren aus. Irgendwo in den Bergen scheint der Ort Verhovina in der Siedlung Jablonska Poljana, samt seiner merkwürdigen Bewohner, ein tiefes Geheimnis zu bergen. Die ironische Anspielung auf das Gut Tolstois ist darum umso verwirrender, weil der Ort alles andere als eine Idylle ist. Häuser stehen leer oder wurden verlassen, alles ist heruntergekommen, und selbst die Vögel meiden die Gegend. Hinter den Geschichten der wenigen dort Lebenden verbirgt sich etwas Düsteres, das nicht sofort offenliegt und erst durch verschiedene Perspektiven deutlicher wird, mit der typischen Dorfatmosphäre, wo Gerüchte schnell die Runde machen. Erzählt wird das Meiste von Adam, einem Ziehkind des Brigadiers Anatol Korkodus, der irgendwann einfach aus dem Nichts kam und eines der leeren Häuser bezog. Der selbsternannte Dorfvorsteher liegt allerdings größtenteils im Bett und holt sich bei Bedarf schwererziehbare Kinder und Kleinkriminelle aus verschiedenen Heimen, die er ausbildet und für seine Zwecke nutzt.

Während sich die Einheimischen gut kennen, wird jeder Fremder misstrauisch beäugt und bei Bedarf auch gleich wieder verjagt. Das Ganze erinnert an einen typischen sowjetischen Alltag, mit fantastischen Einlagen, alleine durch die drohenden Verhaftungen und dieses Abwarten im Vagen, aber auch durch die Menschen, die sich gegenseitig kontrollieren und denunzieren. Alles klingt nur unterschwellig an. Der Leser muss hier genau lesen, um zu verstehen, was vorgeht. Bodor entwirft ein Szenarium, das die Leere ebenso verdeutlicht wie das undurchdringliche Wesen seiner Charaktere. Das Skurrile äußert sich sowohl in den Lebensbedingungen als auch in den merkwürdigen Einwohnern:

Zitat von Bodor
"In seinem Holzbein war eine kleine Schublade eingebaut, die er jetzt herauszog. Sie war voll von kleinem mörderischem Werkzeug, Scheren, Skalpellen, spitzen Eisenstücken. Er holte eine lange Nadel heraus und bevor er die Fische in die Tasche warf, stach er jedem in den Kopf. Die meisten waren Forellen, aber es gab auch ein paar mürrische Groppen."



Auffallend sind die vielen Fruchtweine, die in diesem Buch getrunken werden, Brombeerwein, Stachelbeerwein, usw., worauf auch das einleitende Zitat anspielt, denn die guten Weine im Wirtshaus trinkt alleine der Wirt selbst, nicht seine Gäste. Er bunkert einige letzte Flaschen und kippt sie bei Gelegenheit auch vor allen Augen aus, um seine Macht zu demonstrieren. Der Buchstabe N steht in Verhovina für Nikita und Nikita steht für den Tod. Für mich klingt hier eine Anspielung auf die Tauwetterjahre in der Sowjetunion an, wobei "Staatsfeinde" auch später noch verfolgt wurden und in Irrenanstalten verschwanden. Dass auch in Verhovina der Wahnsinn eingezogen ist, zeigt sich in vielen Situationen, wobei schon die Sehenswürdigkeit, in Form einer Götterstatue mit drei Beinen, einiges besagt. Bodor ist in seinen Einfällen wahrlich einzigartig und macht sich nicht die Mühe, das Ganze zu erklären. Alles geschieht mit einer eigenartigen Notwendigkeit und ist dennoch überraschend.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und macht mich neugierig auf weitere Werke dieses sympathischen Schriftstellers. Sein Schreibstil lässt Raum für eigene Deutungen. Erzählt wird durch eine abwechselnde Form aus Verschweigen und Beleuchten der Szenen, wodurch alles mehr Intensität erhält.


(Alle Zitate stammen aus der Ausgabe: Adam Bodor „Die Vögel von Verhovina“, Secession Verlag für Literatur, Basel 2022)




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