Literatur und Tod
Die Totenschau im "Morgue"
In Wilkie Collins großartigem Werk „Die Frau in Weiß“, einer der ersten Kriminalromane der Literaturgeschichte, wird gegen Ende des Buches, bei der Reise Hartrights nach Paris, das berüchtigte Leichenschauhaus „The Morgue“ erwähnt. Hier lagen im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Belle Èpoque, die Toten für die Masse hinter Glas ausgestellt, eine Tradition, die sich bis 1907 aufrechterhielt, als das Haus dann aus hygienischen, vielleicht auch aus moralischen Gründen geschlossen wurde. Collins erwähnte in den Briefen an seine Mutter, dass er das Morgue mehrfach selbst besucht hatte und nutzte dieses im Roman, um das Schicksal eines widerlichen Menschen zu demonstrieren, der das Wohl der Tiere über das der Menschen stellte und am Ende als anonymer Leichnam in der Seine endete. Bekannt ist, dass sich auch andere von diesem schaurigen Etablissement angezogen fühlten, darunter Gottfried Benn, mit seinem sezierenden Scharfblick in Lyrik, und Max Beckmann, in einigen beeindruckenden Skizzen.
Beckmann, Max,1884-1950, Das Leichenhaus.
Graphische Sammlung,
Städel Museum Frankfurt am Main
Die Zurschaustellung der Toten im „Morgue“ diente damals zum einen der Identifikation, mehr aber noch dem reinen Spektakel. In der Regel landeten hier Menschen der Unterklassen, Obdachlose, Gewaltopfer, Prostituierte, Ertrunkene und Selbstmörder, die auf leicht schräg geneigten Marmortischen in ihrer ganzen Nacktheit vorgeführt wurden. Die Bezeichnung leitete sich von dem Verb „morguer“ ab, das für „hochnäsig“ oder „verächtlich anschauend“ steht. Der hochnäsige Adel war hier jedoch nie präsent und schützte sich mit allen Mitteln vor der Begaffung durch das Volk. Anteilnahme, die Achtung der Privatsphäre oder gar Pietät waren im damaligen Paris weniger gefragt. Im Gegenteil wurden die Leichen mit kaltem Wasser gekühlt, um sie länger zu erhalten, und selbst die Kleidung der Toten wurde wie im Schaufenster drapiert. Am Tag drängten sich manchmal bis zu 40.000 Besucher vor der Glasscheibe, während Straßenverkäufer Knabbereien, Obst und Waffeln anboten. Viele Familien kamen mit ihren Kindern, um sich den Tod als Inszenierung anzusehen. Statt kontemplativer Andacht stand die Sensationslust im Vordergrund, und die Verstorbenen wurden zu reinen Objekten degradiert.
Der Tod übte schon immer eine eigenartige Faszination auf Menschen aus. Eine Mischung aus Neugierde, Angst und Verbot, wobei das „Morgue“ den Gaffern dann auch anschaulich demonstrierte, dass sie, gegenüber denen, die dort lagen, umso lebendiger waren. Gerade, weil wir nicht wissen, was danach kommt, weil uns der Zugang zu dieser anderen Welt (wie sie sich Platon wünschte) oder dem Nichts (wie es Epikur voraussagte) verwehrt ist, versuchen wir im Leichnam etwas davon zu entdecken, was auch uns irgendwann blüht. Der Tod als Sensation ist jedoch noch einmal etwas anderes, denn es handelte sich schließlich um echte Leichname, ähnlich wie die Exemplare, die Gunther von Hagen in seinen „Körperwelten“ präparierte, wobei nicht ganz sicher ist, ob das Einverständnis der Toten tatsächlich immer gegeben wurde. Zwar wird der Tod nicht mehr live präsentiert, dennoch sind Sendungen wie True-Crime, Autopsie oder der Dark-Tourismus sehr beliebt. Gerade der moderne Mensch ist einiges gewohnt und empfindet Krieg, Mord und Todschlag nicht mehr als erschreckend. Tagtäglich begegnen uns diese Dinge in Schlagzeilen und Bildern, dass längst ein Übersättigungsgrad erreicht ist. Der Tod bleibt auch im Journalismus weiterhin eine Sensation, der keine Rücksicht auf die Wehrlosigkeit der Verstorbenen nimmt.
So sehr wir technisch fortschreiten, so wenig haben wir uns im moralischen Sinn geändert. Auch wenn wir den Tod vor der Öffentlichkeit verstecken und in seine Schranken weisen, indem er nur in der sterilen Welt der Krankenhäuser und in den Krematorien erlaubt ist, beeinflusst er uns jeden Tag in unserem Denken. Alles, was an ihn erinnert, verdrängen wir, soll uns nur im kontrollierten Maß erreichen, denn wir wollen nicht mit diesem Ende konfrontiert werden, das Trauer und Angst auslöst. Trotzdem lassen sich die zwiespältigen Gefühle nicht so einfach überwinden, auch wenn philosophisch gesehen notwendig ist, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das Morgue, als provokante Schau der Armen und Vergessenen, war pragmatisch und demütigend zugleich. Aber vor allem zeigt es die Menschen vor der Glasscheibe in ihrem Wesen deutlicher, die dort im Grunde nichts zu suchen hatten. Und vielleicht war die Meute im damaligen Paris auch deutlich ehrlicher, als wir es heute sind. Sie nahm einiges an Mühe auf sich, stand in der Kälte und roch den Tod, während wir im Fernsehen und Internet die Bilder durch uns hindurchströmen lassen und bei Bedarf wegschalten oder weiterklicken, als hätten wir dem Geschehen gegenüber keine Verantwortung.
Bei Literatur und Tod denke ich auch an veränderte Rollen, die letzterer in ersterer bekommt. Ein Beispiel:
Bekanntermaßen ließ Graf Franz von Walsegg anonym bei Mozart in dessen Todesjahr mittels eines Boten das Requiem in Auftrag geben, um es dann als eigenes Werk auszugeben. Hundert Jahre später, also Ende des 19. Jahrhunderts, wurde jener Bote zum personifizierten Tod, eine neue Tradition, die sich zumindest bis zu Jelineks Klavierspielerin gehalten hat, worin wir lesen:
"Das Requiem hat ein geheimnisvoller Unbekannter in einem schwarzen Kutschermantel angezahlt. Die Frau Doktor und andere, die diesen Mozartfilm gesehen haben, wissen: es war der Tod selber!"
Ja, auch das Bild "Tod" ändert sich immer wieder mit den literarischen Strömungen. Im Mittelalter trat er eisig und kalt auf, als großer Gleichmacher und Knochenmann mit Sense. Beispiel dafür wäre Gryphius mit seinem "Ackermann aus Böhmen". Hier zeigt sich das Leben ähnlich wie ein Uhrwerk. Es tickt, läuft ab, und am Ende fällt alles still in die Kiste. Mit der Romantik wurde der Tod dann zum feurigen Verführer. Novalis machte ihn in seinen "Hymnen an die Nacht" zur süßen Heimkehr, mit fast schon erotisch aufgeladener Atmosphäre, wo er selbst durch den Verlust seiner jungen Verlobten schmerzhaft mit ihm konfrontiert war. Für ihn war er ein Übergang in ein höheres Dasein, während die Nacht den Raum der Vereinigung mit Gott und der verstorbenen Geliebten bildete.
Mit dem Naturalismus und Realismus gewann der Tod dann an Häuslichkeit, oft verbunden mit einer moralisch philosophischen Lehre, wie bei Tolstois "Der Tod des Iwan Iljitsch" oder den Werken Flauberts, der ja gerne mit seinen Figuren mitstarb, bis der Tod endlich zur nackten Tatsache wurde. Camus verband ihn mit dem Absurden, und in moderner Form tritt der Tod gerne ironisch bis zynisch auf, während zeitgemäße Lektüre ihn gar zum Algorithmus oder zum schwarzen Loch im Zentrum der Existenz erklärt. Die Menschen verbannen ihn aus dem Leben, die Kunst holt ihn zurück auf die Bühne. Rabenschwarz bis morbide ist er tatsächlich bei den Österreichern, hier beispielsweise auch Josef Winkler, der sich im Extrem nur mit diesem Thema beschäftigt, dass es fast schon die Schmerzgrenze des Erträglichen übersteigt. Seine Beschreibungen der Totenverbrennungen am Ganges werde ich nie vergessen und in einem seiner Bücher schreibt er auch genüsslich über die Gräber seiner Familie. Selbst ein einfacher poetischer Gang über den Markt erinnert bei ihm unweigerlich an den Tod. Da wären sicherlich noch so einige zu nennen, die dieses Thema fasziniert umkreisen.
"Im Mittelalter trat er eisig und kalt auf"
Aber immerhin oft tanzend (danse macabre), was auch in Versen überliefert ist.
Als Übergang wurde der Tod schon im altägyptischen Totenbuch und im Gilgamesch-Epos beschrieben. Bei "Lord of the Gates" und "Child of the Great Transformers", hatte ich einst romantische Ursprünge vermutet, doch selbst damit wurde sich auf das alte Ägypten bezogen. Dort wie auch im alten Indien beschrieb man eher den Durchgangscharakter.
Du hattest mal Helmut Kraussers Thanatos empfohlen. In altägyptischen Schriften gibt es keinen Gott des Todes, stattdessen hatten sie mehrere Götter für den Werdegang der Toten.
Zitat von Salin
Aber immerhin oft tanzend (danse macabre), was auch in Versen überliefert ist.
Eisig und kalt ist der Totentanz des Mittelalters jedoch trotzdem, auch wenn er makaber auftritt, da er seinen Ursprung durch die damals auftretenden Krisen hatte, Pest, Krieg, Hungersnot, usw. Die Botschaft blieb dabei, dass alle vor dem Tod gleich sind, wenn dieser zum Tanz auffordert, verbunden mit dem Memento Mori, der Vanitas und der Absurdität des menschlichen Strebens, auf die später auch Kierkegaard und Camus wieder zurückgriffen. Bei Epikur hieß es im „Brief an Menoikeus“ noch: „Der Tod bedeutet uns nichts, denn solange wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht mehr.“ Hier dann die Verbindung zu späteren Aussage von Wittgenstein: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Man erlebt den Tod nicht.“ Platon war da anderer Meinung, wobei Aristoteles dann wieder von keiner ewigen Essenz, sondern von bloßen Akzidenzien sprach. In der griechischen Antike gab es überhaupt ein tiefes Empfinden für die Sterblichkeit als ein Aufruf, das Leben bewusster wahrzunehmen, gefolgt von den Stoikern und Römern, die die Todesbetrachtung als geistige Übung sahen, was in der mittelalterlichen christlichen Variante dann durch Jenseitsfurcht und Buße ersetzt wurde.
Der Knochenmann mit Sense zeigte sich natürlich auch schon im Mittelalter spöttisch, während sich die durch den Tod angesprochene Person zumeist zu rechtfertigen suchte. Besonders poetisch soll die spanische bzw. kastilische Version sein, der „Danza general de la Muerte“. Als moralische Allegorie vermittelte der Tod in Kunst und Literatur allerdings genau das Gegenteil seiner Darstellung, dass er nicht mit uns tanzt, sondern unerbittlich ist. Eher ist das Leben selbst ein Tanz auf dem Abgrund. Er negiert dabei die Illusion des Ewigen im Irdischen, wohl auch als Antwort auf die Vorstellung der Ägypter und Griechen. Bei Erasmus enthüllte der Tod die Torheit allen menschlichen Strebens, was dann Maler wie Holbein wieder aufgriffen, wobei hier der Tod dann satirische Züge bekommt. Er demaskiert nicht mehr die sozialen Hierarchien, sondern das Wissen selbst. Montaigne nutzte den Tod in seinen „Essais“ dann wieder als Korrektiv gegen die menschliche Hybris.
Zitat von Salin
Als Übergang wurde der Tod schon im altägyptischen Totenbuch und im Gilgamesch-Epos beschrieben.
Auch Thomas von Aquin sah den Tod schon als Übergang. Die Romantik war dann wohl eine Art Renaissance und versuchte den Knochenmann wieder mit der Sehnsucht nach dem Unendlichen zu verbinden. Während ihn Goethe erneut tanzen lässt, mit der Liebe zum Schicksal, wird er bei anderen angebetet, enthüllt aber, wie bei Hofmannsthal, auch zum wiederholten Mal die Leere des Lebens.
Die Vorstellung, was nach dem Tod kommt, ist sowohl im ägyptischen als auch im tibetischen Totenbuch vertieft. Letzteres von Padmasambhava erzählt sehr eindrucksvoll über die Vorbereitung auf den Tod und den Gang durch die Bardos und Zwischenzustände, als Möglichkeit einer beruhigenden Sterbebegleitung. Das ägyptische Totenbuch wiederum habe ich noch nicht gelesen, was aber durchaus einmal interessant wäre. Oft hat mich die spirituelle Suche, die beispielsweise westliche Menschen dazu treibt, sich mit Zen und Buddhismus zu beschäftigen, daran erinnert, wie sehr viele nach einem Ausweg aus der inneren Leere in einer bedrohlichen Welt suchen und natürlich nach Antworten auf die ewige Sinnsuche und Frage: „Was kommt danach?“. Jedoch ist hier immer die Gefahr der Missdeutung und des fehlenden Zugangs gegeben. Wie in einigen buddhistischen Schriften, die für Westler verfasst wurden, wurde auch im Zuge der mystischen Kulte und Tempel, darunter, weil wir es im obigen Ordner vertieft haben, auch bei The Golden Dawn, oft vor der Überheblichkeit gewarnt, die Menschen durch die Aneignung von Wissen zu befallen droht, das sie nicht kompensieren können und ihnen weismacht, sie ständen auf einmal über den anderen. Erleuchtung, unabhängig vom gewählten Weg, erlangen die wenigsten, weil der Verstand bzw. die Logik den Zugang allgemein blockieren. Wir können uns nichts vorstellen, was unser Denken übersteigt. Ebenso bleibt auch das Danach ein ewiges Geheimnis, wobei es wohl am wichtigsten ist, dass jeder für sich eine Antwort findet, mit der er leben kann.
Auch Thomas Mann war sich für eine romantische, fast schon pathetische Reflexion über den Tod nicht zu schade, die danach freilich wieder ironisch relativiert wurde. Matz fasst die bekannte Szene im Schnee (die "weiße Finsternis" soll er übrigens von Stifter übernommen haben) aus dem "Zauberberg" elegant zusammen:
"... hier träumt Hans Castorp in seinem Halbschlaf jenen Traum, der ihm verführerisch den Tod zeigt, den Tod in einem zauberischen Bild von ewiger Ruhe und Erlösung. Erst im letzten Augenblick, kurz bevor er sich fallen lässt in einen eisigen und endgültigen Schlaf, schüttelt er sich in seinem philosophischen guazzabuglio und erwacht mit jenen kursiv gesetzten Worten, die seither als die eigentliche Lehre des Romans gelesen werden, wenn nicht sogar ihres Autors selber: »Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.«"
Ein gutes Beispiel auch hier:
"... er wolle das Theater als die Totenbeschwörung verstehen, die es immer schon gewesen sei: Gehe man ins Theater, habe er gesagt, trete man ein in ein Gespräch mit den Toten; man müsse sich die Schauspieler und Schauspielerinnen als Medien vorstellen, als Körper, in die die Toten stiegen oder in denen sie sich zeigten; im Theater könne man erfahren, was unerledigt noch im Zwischenraum, im Keller stehe und einem dort die Sicht verstelle. Das Theater sei so gesehen immer ein Zombietheater, das von den Untoten handle, es sei Ritual, Geisteraustreibung; im Theater versuchten wir uns zu befreien von unseren Vorvätern, unseren Müttern, von Hitler, Inzest, falschen Mythen.
Wenn man nachts vor den Badezimmerspiegel trete und im schwachen Licht, das aus dem Flur hereindringe, das eigene Gesicht betrachte, wortlos, und wenn man dann den Mund zum Schrei aufreiße und sich so, vor diesem Badezimmerspiegel stehend, plötzlich vor dem eigenen Gesicht zu fürchten beginne — dann sei das für ihn Theater."
(Elmiger "Die Holländerinnen")
P. S. Die Buchpreisgewinnerin ist überraschend angenehm zu lesen, wenn auch der passive Stil (indirekte Rede) nicht ganz so neu ist und daher nicht nötig. Inhaltlich gelingt die Tiefe. Etwas erinnert sie mich an Rachel Cusk.
Hast Du Nescio gelesen, ich glaub der Tip kam von dir, von daher ist das eine kuriose Frage, das ist
als würde man sagen wir Taylor Swift fragen ob sie Musik mag....Sie mag Songs, sie ist verrückt danach,
so jetzt hab ich Taylor reingetragen, in die geheimen Räume der Literatur..
PS: Das letztere habe ich glaub ich auch schon....Gibts eigentlich einen Roman in dem ein Spazierstock zu seinem alten Herrn spricht, warum lebt Thomas Mann nicht mehr, der könnte so was schreiben? Oder doch eher Herr Beckett...Nun die große Frage, schicke ich diesen Unsinn ab, ja oder nein?
"Gibts eigentlich einen Roman in dem ein Spazierstock zu seinem alten Herrn spricht ...?"
Letztes Jahr war in Yoko Tawadas Eine Affäre ohne Menschen ein Regenschirm einer der Erzähler. Für diese Rolle anthropomorphisierte Gegenstände häufen sich in letzter Zeit. Kam der jüngste Durchbruch mit Saramonowicz' Spiegel oder erst mit Wondratscheks Mara? Im 17. Jahrhundert war dies noch ein Mittel der Satire. In der Lyrik dürfte es derlei schon seit der Antike geben, nonstop vermute ich. Kürzlich las ich was über ein Sonett von Guido Cavalcanti, wo eine Schere erzählte.
Zitat von Sokolow im Beitrag #8
Hast Du Nescio gelesen, ich glaub der Tip kam von dir, von daher ist das eine kuriose Frage, das ist
als würde man sagen wir Taylor Swift fragen ob sie Musik mag....Sie mag Songs, sie ist verrückt danach,
so jetzt hab ich Taylor reingetragen, in die geheimen Räume der Literatur..
Ja, das Gesamtwerk hatte ich irgendwann einmal empfohlen, weil es mich sehr beeindruckt hat. Gleichzeitig kann ich den Stab zurückgeben, denn ein Großteil meiner Lektüre verdanke ich deinen Empfehlungen. Den Stab oder den Spazierstock. Alternativ ginge noch ein Knotenstock, mit dem man auch dem einen oder anderen eins über die Rübe geben könnte, wenn denn Bedarf dafür bestehen sollte.

Zitat von Salin im Beitrag #9
Im 17. Jahrhundert war dies noch ein Mittel der Satire.
Für das 18. Jahrhundert steht z. B. der anonym erschienene Roman „The Adventures of a Black Coat“ für das satirisch geprägte It-Narrativ, der Edward Phillips zugeschrieben wird. Hier berichtet ein Rock von seinen verschiedenen Besitzern. Ein Vorreiter wiederum war Charles Johnstone mit „Chrysal oder Die Abenteuer einer Guinee“, wo eine Goldmünze Korruption, Laster und soziale Missstände in der britischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts aufdeckt.
Bedarf besteht immer, ich lese jetzt Aragon, auf den Beckett mal sauer war, weil B sich für A eingesetzt hat und A aber irgendwie, na ja, wurscht, müssen die beiden untereinander ausmachen.
Ich find beide genial, wo bei B unangefochten meine Nr 1 ist, aber A ist großartig. Er ist der Patenonkel meiner Elke, wenn du weisst was ich meine
#13
Oh je, mir wird ganz schwindelig! Nescio, Yoko Tawada, Saramonowicz, Guido Cavalcanti, „The Adventures of a Black Coat“, Charles Johnstone mit „Chrysal oder Die Abenteuer einer Guinee“ - vonn alldem habe ich noch nie gehört. Und dann ist Aragon auch noch der Patenonkel einer Elke; ich muss mich wohl wieder abmelden, mar kriescht hier ja Komblexe. 
P.S. Ist Taylor Swift mit Jonathan Swift verwandt? Wie viele "Urs" wären das dann?
Zitat von Sokolow im Beitrag #12
Bedarf besteht immer, ich lese jetzt Aragon, auf den Beckett mal sauer war, weil B sich für A eingesetzt hat und A aber irgendwie, na ja, wurscht, müssen die beiden untereinander ausmachen.
Ich find beide genial, wo bei B unangefochten meine Nr 1 ist, aber A ist großartig. Er ist der Patenonkel meiner Elke, wenn du weisst was ich meine
Aragon mag ich auch sehr. Was liest du denn von ihm? Sein Buch "Theater" ist mir in guter Erinnerung.
"Manchmal fallen mir in dem Augenblick, in dem ich auftrete, die ein, die ich einmal war, und ich bleibe stehen, aus Angst, im Plural weinen zu müssen."
Gibt's von "Elke" etwas Neues?
#15
Und bevor ich hier einsteige, vielleicht ein allgemeinerer Text, der das Thema berührt.
Wenn ich mir nach der nun wirklich letzten Umstrukturierung meiner Bibliothek die Regale zur Philosophie, Theologie und Religionswissenschaft anschaue; weiß ich zwar, dass ich wenigstens schon ein halbes Dutzend habe entkernen können, indem ich zentnerweise Bücher ausgesondert und weggeschmissen habe, es bleiben aber immer noch mehrere übrig. All die philosophischen, theologischen, religionswissenschaftlichen Werke, all diese klugen Bücher über Gott und die Welt und den Menschen, über Wissen, Erkenntnis, Logik, Ontologie, Ethik, Ästhetik, Weisheit, Theorie und Praxis, Anthropologie, Psychologie, Kultur und Kunst, Geistesgeschichte und Gesellschaftsstrukturen; all diese Bücher über das Denken und Glauben und Wissen im großen Kontext der Geistes-, Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften, die Millionen Buchseiten mit Sätzen und Wörtern. All dieser Aufwand über die Jahrtausende für im Grunde banale Einsichten und das Aufreiben an nicht lösbaren Problemen und nicht zu beantwortenden Fragen.
Dass der Mensch sterblich ist; also nach dem Erwachen seines Bewusstseins aus dem großen Nichts nach mehr oder weniger Jahren oder Jahrzehnten wieder von und aus dieser Welt gehen muss; das Bewusstsein seiner selbst und der Welt wieder für immer erlischt und alles wieder so ist, als wäre er niemals dagewesen und erwacht, hätte nie gelebt und es gäbe keinerlei Sinn hinter dem allen; hat sowohl die Religion als auch die Philosophie hervorgebracht, die sich beide bis auf den heutigen Tag mit nichts anderem als diesem Sachverhalt und Fakt herumschlagen, weil der Mensch es einfach nicht einsehen kann und will, dass er nicht unsterblich ist wie Gott oder die Welt oder was auch immer hinter dem allen stecken mag. Warum erst in diese Welt hineingeworfen werden, wenn man doch wieder gehen muss? Warum leiden und Schmerz erdulden? Wozu das alles, wenn man doch wieder sterben muss? Warum das alles? Warum? Das Warum ist die große und entscheidende Frage und sie kann niemals beantwortet werden.
All die anderen Aspekte, wie der Mensch leben soll; was er überhaupt erkennen, lernen und wissen kann; wie die Welt zu entschlüsseln ist, wie soziale Gemeinschaften funktionieren oder funktionieren sollten, wie man folgerichtig denkt und spricht und argumentiert, was schön ist und was hässlich, was gut und böse; ob wir in einer Realität leben oder einer Matrix, einer Simulation; was wir Menschen vom Wesen her sind; wie wir in der Welt und mit der Welt umgehen sollen; welche Beziehungen wir zu anderen Lebewesen, zur Pflanzenwelt und zur unbelebten Natur unterhalten; all das, was man des Weiteren noch aufzählen könnte und was sich in den vier berühmten Fragen Immanuel Kants zusammenfassen lässt - „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? – all das rührt nur von unserer Sterblichkeit her, unserem Wissen um unseren Tod, sei er nun nah oder noch ferner. Alle weiterführen Fragen wurzeln in der Tatsache, dass unserer Geburt der Tod folgt; und alle diese Fragen münden wiederum in diese unumstößliche Gewissheit, dass wir wieder eingehen werden in dieses große Nichts, aus dem wir vielleicht auch gekommen sind.
Demnach besteht alle Lebenskunst schlicht im Verhältnis zum eigenen Tode. Sehr viele Menschen haben das große Glück, das Thema bis fast zuletzt verdrängen zu können; und noch auf dem Sterbebett glauben viele von ihnen nicht an den eigenen Tod, nur an den der anderen. Wieder andere beschäftigen sich von frühester Kindheit an mit ihrem Sterben und also ihrem Leben auf den Tod hin; grübeln und denken nach und verzweifeln darüber oder suchen Trost in Religion und Philosophie oder in Kunst und Kultur. Es gibt unendlich viele Wege, mit dem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit umzugehen; aber letztlich läuft es immer nur auf eine Akzeptanz oder Nichtakzeptanz hinaus. Es mag albern klingen, aber die wenigsten Menschen finden sich in ihrem Alltag mit der Tatsache des Todes ab. So wird er zumindest in den westlichen Gesellschaften wie Krankheit und Alter aus der Mitte an die Ränder verbannt; in die Krankenhäuser, Seniorenheime, Hospize und auf die Friedhöfe, und selbst im Bereich der sonst unentwegt schnatternden Massenmedien und Social-Media-Plattformen ist das Gespräch über den Tod so verpönt wie das über Onanie oder Hämorrhoiden. Dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach nur dieses eine Leben haben und der Sinn unseres Daseins einfach darin liegt, es mit uns und den anderen zusammen zu leben; ohne sich in den Extremen dauerhafter Orgien oder Askese zu bewegen, ist eine Erkenntnis, für die man keine Kilometer an klugen Büchern benötigt. Da reichen blauer Himmel oder Regen, der Blick in die Augen eines Hundes oder der Einkauf für die kranke Nachbarin.
Schmeißt also alle Bücher der Weisheit weg, nachdem ihr sie oder wenigstens einen Teil von ihnen gelesen habt; ihr braucht sie nicht; sie brauchen euch. Und wenn euch alles zu viel wird, seid getrost; alles wird ein Ende haben.
P.S. Der große und inzwischen nach langer Krankheit verstorbene Fredl Fesl meinte sehr treffend in der "Vorrede", die er nach Jean Paul zu einer eigenen Gattung erhob, zu seinem "Schwedenlied": "Alle Menschen müssen sterben, vielleicht sogar ich."
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