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Literatur und Tod
in An der Literatur orientierte Gedanken Gestern 15:04von Taxine • Admin | 6.766 Beiträge
Die Totenschau im "Morgue"
In Wilkie Collins großartigem Werk „Die Frau in Weiß“, einer der ersten Kriminalromane der Literaturgeschichte, wird gegen Ende des Buches, bei der Reise Hartrights nach Paris, das berüchtigte Leichenschauhaus „The Morgue“ erwähnt. Hier lagen im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Belle Èpoque, die Toten für die Masse hinter Glas ausgestellt, eine Tradition, die sich bis 1907 aufrechterhielt, als das Haus dann aus hygienischen, vielleicht auch aus moralischen Gründen geschlossen wurde. Collins erwähnte in den Briefen an seine Mutter, dass er das Morgue mehrfach selbst besucht hatte und nutzte dieses im Roman, um das Schicksal eines widerlichen Menschen zu demonstrieren, der das Wohl der Tiere über das der Menschen stellte und am Ende als anonymer Leichnam in der Seine endete. Bekannt ist, dass sich auch andere von diesem schaurigen Etablissement angezogen fühlten, darunter Gottfried Benn, mit seinem sezierenden Scharfblick in Lyrik, und Max Beckmann, in einigen beeindruckenden Skizzen.
Beckmann, Max,1884-1950, Das Leichenhaus.
Graphische Sammlung,
Städel Museum Frankfurt am Main
Die Zurschaustellung der Toten im „Morgue“ diente damals zum einen der Identifikation, mehr aber noch dem reinen Spektakel. In der Regel landeten hier Menschen der Unterklassen, Obdachlose, Gewaltopfer, Prostituierte, Ertrunkene und Selbstmörder, die auf leicht schräg geneigten Marmortischen in ihrer ganzen Nacktheit vorgeführt wurden. Die Bezeichnung leitete sich von dem Verb „morguer“ ab, das für „hochnäsig“ oder „verächtlich anschauend“ steht. Der hochnäsige Adel war hier jedoch nie präsent und schützte sich mit allen Mitteln vor der Begaffung durch das Volk. Anteilnahme, die Achtung der Privatsphäre oder gar Pietät waren im damaligen Paris weniger gefragt. Im Gegenteil wurden die Leichen mit kaltem Wasser gekühlt, um sie länger zu erhalten, und selbst die Kleidung der Toten wurde wie im Schaufenster drapiert. Am Tag drängten sich manchmal bis zu 40.000 Besucher vor der Glasscheibe, während Straßenverkäufer Knabbereien, Obst und Waffeln anboten. Viele Familien kamen mit ihren Kindern, um sich den Tod als Inszenierung anzusehen. Statt kontemplativer Andacht stand die Sensationslust im Vordergrund, und die Verstorbenen wurden zu reinen Objekten degradiert.
Der Tod übte schon immer eine eigenartige Faszination auf Menschen aus. Eine Mischung aus Neugierde, Angst und Verbot, wobei das „Morgue“ den Gaffern dann auch anschaulich demonstrierte, dass sie, gegenüber denen, die dort lagen, umso lebendiger waren. Gerade, weil wir nicht wissen, was danach kommt, weil uns der Zugang zu dieser anderen Welt (wie sie sich Platon wünschte) oder dem Nichts (wie es Epikur voraussagte) verwehrt ist, versuchen wir im Leichnam etwas davon zu entdecken, was auch uns irgendwann blüht. Der Tod als Sensation ist jedoch noch einmal etwas anderes, denn es handelte sich schließlich um echte Leichname, ähnlich wie die Exemplare, die Gunther von Hagen in seinen „Körperwelten“ präparierte, wobei nicht ganz sicher ist, ob das Einverständnis der Toten tatsächlich immer gegeben wurde. Zwar wird der Tod nicht mehr live präsentiert, dennoch sind Sendungen wie True-Crime, Autopsie oder der Dark-Tourismus sehr beliebt. Gerade der moderne Mensch ist einiges gewohnt und empfindet Krieg, Mord und Todschlag nicht mehr als erschreckend. Tagtäglich begegnen uns diese Dinge in Schlagzeilen und Bildern, dass längst ein Übersättigungsgrad erreicht ist. Der Tod bleibt auch im Journalismus weiterhin eine Sensation, der keine Rücksicht auf die Wehrlosigkeit der Verstorbenen nimmt.
So sehr wir technisch fortschreiten, so wenig haben wir uns im moralischen Sinn geändert. Auch wenn wir den Tod vor der Öffentlichkeit verstecken und in seine Schranken weisen, indem er nur in der sterilen Welt der Krankenhäuser und in den Krematorien erlaubt ist, beeinflusst er uns jeden Tag in unserem Denken. Alles, was an ihn erinnert, verdrängen wir, soll uns nur im kontrollierten Maß erreichen, denn wir wollen nicht mit diesem Ende konfrontiert werden, das Trauer und Angst auslöst. Trotzdem lassen sich die zwiespältigen Gefühle nicht so einfach überwinden, auch wenn philosophisch gesehen notwendig ist, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das Morgue, als provokante Schau der Armen und Vergessenen, war pragmatisch und demütigend zugleich. Aber vor allem zeigt es die Menschen vor der Glasscheibe in ihrem Wesen deutlicher, die dort im Grunde nichts zu suchen hatten. Und vielleicht war die Meute im damaligen Paris auch deutlich ehrlicher, als wir es heute sind. Sie nahm einiges an Mühe auf sich, stand in der Kälte und roch den Tod, während wir im Fernsehen und Internet die Bilder durch uns hindurchströmen lassen und bei Bedarf wegschalten oder weiterklicken, als hätten wir dem Geschehen gegenüber keine Verantwortung.

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RE: Literatur und Tod
in An der Literatur orientierte Gedanken Gestern 19:02von Salin • 561 Beiträge
Bei Literatur und Tod denke ich auch an veränderte Rollen, die letzterer in ersterer bekommt. Ein Beispiel:
Bekanntermaßen ließ Graf Franz von Walsegg anonym bei Mozart in dessen Todesjahr mittels eines Boten das Requiem in Auftrag geben, um es dann als eigenes Werk auszugeben. Hundert Jahre später, also Ende des 19. Jahrhunderts, wurde jener Bote zum personifizierten Tod, eine neue Tradition, die sich zumindest bis zu Jelineks Klavierspielerin gehalten hat, worin wir lesen:
"Das Requiem hat ein geheimnisvoller Unbekannter in einem schwarzen Kutschermantel angezahlt. Die Frau Doktor und andere, die diesen Mozartfilm gesehen haben, wissen: es war der Tod selber!"
RE: Literatur und Tod
in An der Literatur orientierte Gedanken Gestern 22:50von Taxine • Admin | 6.766 Beiträge
Ja, auch das Bild "Tod" ändert sich immer wieder mit den literarischen Strömungen. Im Mittelalter trat er eisig und kalt auf, als großer Gleichmacher und Knochenmann mit Sense. Beispiel dafür wäre Gryphius mit seinem "Ackermann aus Böhmen". Hier zeigt sich das Leben ähnlich wie ein Uhrwerk. Es tickt, läuft ab, und am Ende fällt alles still in die Kiste. Mit der Romantik wurde der Tod dann zum feurigen Verführer. Novalis machte ihn in seinen "Hymnen an die Nacht" zur süßen Heimkehr, mit fast schon erotisch aufgeladener Atmosphäre, wo er selbst durch den Verlust seiner jungen Verlobten schmerzhaft mit ihm konfrontiert war. Für ihn war er ein Übergang in ein höheres Dasein, während die Nacht den Raum der Vereinigung mit Gott und der verstorbenen Geliebten bildete.
Mit dem Naturalismus und Realismus gewann der Tod dann an Häuslichkeit, oft verbunden mit einer moralisch philosophischen Lehre, wie bei Tolstois "Der Tod des Iwan Iljitsch" oder den Werken Flauberts, der ja gerne mit seinen Figuren mitstarb, bis der Tod endlich zur nackten Tatsache wurde. Camus verband ihn mit dem Absurden, und in moderner Form tritt der Tod gerne ironisch bis zynisch auf, während zeitgemäße Lektüre ihn gar zum Algorithmus oder zum schwarzen Loch im Zentrum der Existenz erklärt. Die Menschen verbannen ihn aus dem Leben, die Kunst holt ihn zurück auf die Bühne. Rabenschwarz bis morbide ist er tatsächlich bei den Österreichern, hier beispielsweise auch Josef Winkler, der sich im Extrem nur mit diesem Thema beschäftigt, dass es fast schon die Schmerzgrenze des Erträglichen übersteigt. Seine Beschreibungen der Totenverbrennungen am Ganges werde ich nie vergessen und in einem seiner Bücher schreibt er auch genüsslich über die Gräber seiner Familie. Selbst ein einfacher poetischer Gang über den Markt erinnert bei ihm unweigerlich an den Tod. Da wären sicherlich noch so einige zu nennen, die dieses Thema fasziniert umkreisen.

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