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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Foucault - Wahnsinn und Gesellschaft

in Sachen gibt's - Sachbuch 18.09.2007 14:20
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Foucault beschreibt hier ganz wunderbar die Entstehung des Wahnsinns. Was mir besonders gefällt, ist die Verbindung zur Kunst. Zum Beispiel "Das Narrenschiff" von Bosch, wo der Wahnsinn sich langsam etablierte, und der Narr als einzig "Vernünftiger" zwischen der lüsternden, sündigen Meute sitzt.
Wir sind feige, schwach, alt, weich,
Lüstern und Verleumder zugleich.
Überall seh’ ich nur Narren,
Das Ende lässt nicht auf sich harren.
Es sieht übel aus.

(Eustache Deschamps)
Oder Eulenspiegel, der erste Individualist, der zwar aus der Reihe tanzt, aber dabei wesentlich "vernünftiger" und klüger erscheint.

Wo zunächst der Wahnsinn als Abweichung von der Norm besteht, wächst er ganz langsam zu einer Art Trend heran. Das Streben nach Exzentrik.
Die Menschen sind so notwendig verrückt, dass nicht verrückt sein nur hieße, verrückt sein nach einer anderen Art von Verrücktheit.
(Pascal)
Zuvor war die Lepra die gefürchteste Krankheit.
Dem Leprakranken wurde vermittelt, dass Gottes Gnade ihn durch diese Krankheit für seine Sünden bestraft, dass er dafür dankbar sein soll. Und dem gesunden Menschen wurde eingeredet:
In Antwort auf:
Der Sünder, der den Leprakranken an seiner Tür sich selbst überlässt, öffnet ihm den Weg zum Himmel.

Hier sieht man die Kirche, die nicht Hilfe bietet, sondern den Menschen noch dazu ermutigt, gnadenlos zu sein, die den Sünder also insoweit nur sündigen lässt, dass er es dabei schafft, sich selbst gut zu fühlen und sich einzureden, richtig zu handeln. Überhaupt ist der Mensch mit der Krankheit konfrontiert, und soll sie als Abweichung begreifen. Unzählige Krankenhäuser werden eröffnet, wo die Kranken zusammengefercht werden, und nachdem die Lepra wieder verschwunden ist, werden die "Aussätzigen" durch andere "Aussätzige" ersetzt.

In Antwort auf:
Die Lepra verschwindet, die Leprakranken sind fast vergessen, aber die Strukturen bleiben. Oft kann man an denselben Orten zwei oder drei Jahrhunderte später die gleichen Formeln des Ausschlusses in verblüffender Ähnlichkeit wiederfinden. Arme, Landstreicher, Sträflinge, und „verwirrte Köpfe“ spielen die Rolle, die einst der Leprakranke innehatte …


Nach der Lepra treten in Überzahl die Geschlechtskrankheiten zutage.
Danach dann der Wahnsinn.

Die Narrenschiffe aber existierten wirklich. Die einzelnen Städte behielten nur ihre eigenen Irren und schifften alle fremden Irren ganz einfach per Schiff aus der Stadt. Der Irre zog damals von Stadt zu Stadt, war also ein Weltenbummler, ein Herumtreiber.
Dann aber wird die ganze Welt als verrückt erklärt.

Er zeigt sich allerorten in so vielerley Gestalten der Narrheit, täglich sinnt er diesorts so viele neue Moden aus, dass tausend Demokritusse nicht zureichend wären, sie gebührend zu belachen.
(Erasmus)

Oder eben dieser in folgender Betrachtung:
Wenn Sie, meine Herren, (gleich dem Menippus beym Lucian) das unzählbare Gewirre der Sterblichen vom Monde herab sehen könnten, so würd es Sie dünken, Sie sehen Heere von Mücken oder Schnaken, die sich unter einander erzanken, bekriegen, belauern, berauben, spielen, Muthwillen treiben, gebohren werden, fallen, sterben. Es ist nicht zu ersagen, wie viel verwirrtes Gezeug und Unheil ein so kleines und hinfälliges Tierchen stifte.

Dazu bald mehr.
Zuvor wirft Foucault auch die Schwierigkeiten der Psychiatrie auf, den Wahnsinnigen überhaupt zu begreifen.
In Antwort auf:
Mitten in der heiteren Welt der Geisteskrankheit kommuniziert der moderne Mensch nicht mehr mit dem Irren. Auf der einen Seite gibt es den Vernunftmenschen, der den Arzt zum Wahnsinn deligiert und dadurch nur eine Beziehung vermittels der abstrakten Universalität der Krankheit zulässt. Auf der anderen Seite gibt es den wahnsinnigen Menschen, der mit dem anderen nur durch die Vermittlung einer ebenso abstrakten Vernunft kommuniziert, die Ordnung, physischer und moralischer Zwang, anonymer Druck der Gruppe, Konformitätsforderung ist. Es gibt keine gemeinsame Sprache, vielmehr es gibt sie nicht mehr.

Daraus folgt:
In Antwort auf:
Die Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn ist, hat sich nur auf einem solchen Schweigen errichten können.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.09.2007 14:49 | nach oben springen

#2

RE: Foucault - Wahnsinn und Gesellschaft

in Sachen gibt's - Sachbuch 26.02.2008 23:09
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Von Artaud zurück zu Foucault :

Wahnsinn entsteht erst im Vergleich zur Vernunft, und mit der Vernunft wird erst die Abkunft aus dieser sichtbar.
In Antwort auf:
Der Wahnsinn wird eine Bezugsform der Vernunft, oder vielmehr, Wahnsinn und Vernunft treten in eine ständig umkehrbare Beziehung, die bewirkt, dass jede Wahnsinnsform ihre sie beurteilende und meisternde Vernunft findet, jede Vernunft ihren Wahnsinn hat, in dem sie ihre lächerliche Wahrheit findet. Wahnsinn und Vernunft werden aneinander gemessen, und in dieser Bewegung reziproker Beziehungen weisen beide einander ab, stützen sich aber gegenseitig.


Wenn Artaud sagt:

Mit einer Wirklichkeit, die ihre vielleicht übermenschlichen, aber natürlichen Gesetze hatte, hat die Renaissance des sechzehnten Jahrhunderts gebrochen; und der Humanismus der Renaissance war keine Vergrößerung des Menschen, sondern bedeutete seine Herabsetzung.

...dann zeigt sich damit die Tragik des auf einmal Sichtbaren (oder durch die Vernunft sichtbar Gemachten) in der Enthüllung einer neuen Erscheinungsform, nämlich der Selbsterkenntnis, die, im Vergleich mit der Welt und Gott, ihren eigenen Abgrund der Unvernunft erkennt. Hier verdeutlichen sich die zwei Seiten, zeigen, dass „alle menschlichen Dinge von innen ein anderes Gesicht haben, als von außen“.
In Antwort auf:
Man sieht den Tod, und findet das Leben; man sieht das Leben, und findet den Tod, das Schöne ist hässlich, das Reiche arm, das Schändliche herrlich, das Gelehrte ungelehrt…
(Erasmus)

Und in dieser Erkenntnis liegt ebenso die Bedingung, dass jeder, der Vernunft in sich trägt, auch den Schein des Wahnsinns in sich entdecken muss, durch den er, wenn entdeckt, wieder in die Vernunft zurückfindet. Und darüber hinaus sieht der Mensch im Vergleich seiner selbst mit dem Höheren, mit seinem Glauben an Gott und dessen Vollkommenheit sich selbst ins Chaos und sein Wesen in den Wahnsinn gestürzt.
In Antwort auf:
Alles ist in den sofortigen Widerspruch getaucht, alles veranlasst den Menschen, von sich aus seinem eigenen Wahnsinn zuzustreben. An der Wahrheit des Wesens der Dinge und an der Wahrheit Gottes gemessen ist die ganze menschliche Ordnung nur Wahnsinn.


Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis:
Wenn der Mensch das Erkennbare aufgibt, wird seine Seele wie geisteskrank.

Wenn der Mensch sich mit Gott beschäftigt und diesen Weg zu Gott anstrebt, dann ist er überall mit dem Wahnsinn konfrontiert, dem Zuwiderhandeln und auch der eigenen „Nichtfassbarkeit“.
„Herr, dein Rat ist ein zu tiefer Abgrund!“ sagte Erasmus.

Zusammengefasst heißt das, dass im Verhältnis zur Weisheit die Vernunft des Menschen reiner Wahnsinn ist, und dass im Verhältnis zur geringen Weisheit des Menschen „die Vernunft Gottes in die essentielle Bewegung des Wahnsinns miteingeschlossen ist“.
Oder anders:
In Antwort auf:
Im großen Maßstab gemessen, ist alles Wahnsinn, im kleinen Maße gemessen, ist das Alles selbst Wahnsinn.



Wahnsinn und Literatur

Im achtzehnten Jahrhundert, insbesondere nach Rousseau herrscht der Aberglaube vor, dass Literatur und Theatervorstellungen wahnsinnig machen würden.
In Antwort auf:
Die Schimären übertragen sich vom Autor auf den Leser, aber was auf der einen Seite Phantasie ist, wird auf der anderen Phantasma, die List des Schriftstellers wird in voller Naivität als Gestalt der Wirklichkeit aufgefasst.

Darum ist es nicht verwunderlich, dass der Künstler aus dem Handwerker zum schillernden Geschöpf geriet.
Der Künstler zeigt die aus der Ordnung geratene und individuelle Phantasie, von der behauptet wird:
In Antwort auf:
die Eigenart der Maler, Dichter und Musiker sind nur ein höflich gemäßigter Ausdruck, um ihren Wahnsinn zu bezeichnen.

In dieser Annahme wächst der Wahnsinn dann auch zum Größenwahnsinn heran. (Ein erneuter Trend?)
Darin findet sich auch der „Wahn der gerechten Strafe“, dass ein Mensch, in der Selbstbestrafung schon vorwegnimmt, wo er landen könnte, wenn er alleine nur etwas Schlechtes denkt. Das schlechte Gewissen als Wahn. Der Mensch leidet hier unter sich selbst und der Vorwegnahme seines Schmerzes, den er verspüren könnte und würde, falls er so und so handelt. Damit dreht er sich dann um sich selbst.

Bei Cervantes und Shakespeare z. B. nimmt der Wahnsinn noch eine Stellung ein, dass jede Art von Wahnsinn unweigerlich in den Tod führt. Zuerst landet die Figur in ihrer Zerrissenheit und endet grundsätzlich in der Ausweglosigkeit. Danach wandelt sich die Literatur, der Wahnsinn wird Tarnung oder ersetzt einen Verlust oder wird zur „liebenswerten Eigenart“. Er gerät zum Spiel und verliert seinen Ernst.

Interessant auch, wie Foucault hier wieder zurückspringt und diese ganze „Gefangenschaft“ aufzeigt, die nach dem Austausch von Aussätzigen durch neue Aussätzige (s.o.) überall erfolgt ist. Aus geistlicher Sicht wurde das ganze Elend, das sich am Ende des sechzehnten und am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts überall ausbreitete, als Bedrohung aufgefasst, als Vorwarnung auf eine mögliche Apokalypse. Die Internierungsanstalten wurden hauptsächlich zur Beseitigung von Bettlerei und Müßiggang erschaffen, dass der Mensch nicht mehr verbannt oder vertrieben, sondern ihm Anspruch auf Verpflegung ermöglicht wurde, unter der Bedingung, dass er damit den Zwang der Internierung auf sich nahm und seine Freiheit aufgab. Damit wurde dann eine Art „Hartz IV“ ins Leben gerufen, da die Menschen nicht einfach nur eingefercht bleiben konnten, um sich hier weiterhin ihrem Müßiggang zu ergeben, sondern sie wurden zur Arbeit gezwungen, von der sie lediglich ein Viertel Lohn erhielten, während die Anstaltsführenden daran verdienten. So ließ sich dann leicht an billige Arbeitskräfte kommen und mit dieser „neuen Nützlichkeit“ sollte auch ein neuer Schutz der Gesellschaft vor Agitation und Aufständen gewährleistet sein. Gerechtfertigt wurden diese Einrichtungen ganz simpel mit der Moral.

Gleichzeitig wird mit diesen staatlich und kirchlich festgelegten Maßnahmen gegen die Bettlerei und den Müßiggang deutlich, dass die Arbeit nicht Teil der Natur selbst ist, sondern dass die Wirksamkeit der Arbeit dadurch anerkannt wird, weil man sie auf „ethische Transzendenz gründet“.
In Antwort auf:
Seit dem Sündenfall ist die Strafe der Arbeit zum Mittel der Buße und zur Möglichkeit der Erlösung geworden. Nicht ein Naturgesetz, sondern die Folge einer Verdammung zwingt den Menschen zur Arbeit.


Müßiggang galt seit dem Mittelalter als Hauptsünde, er war der Hochmut, der höchste Stolz „des einmal gefallenen Menschen, der lächerliche Stolz des Elends“.
Die Krankenhäuser, die eher einem Gefängnis gleichen, sollten darum auch die „Bettelei und (den) Müßiggang als Ursprung aller Unordnungen“ verhindern. Die Faulheit war damit eine „zweite Revolte der Kreatur gegen Gott“, und die Internierungshäuser erhielten ihre ethische Bedeutung und ihre Rechtfertigung für die „Unterdrückung“, obwohl sie den Müßiggänger aus der „unbegrenzten Muße in eine nutz- und fruchtlose Mühsal der Arbeit“ drängten. Und in diese aus dem Nichtstun in die Arbeit gedrängten Räume hielt dann irgendwann der Wahnsinn seinen Einzug, in ein Haus, dass sich eine moralische Verantwortung anmaßte, um sich selbst zu rechtfertigen.
In Antwort auf:
Die Erfindung eines Ortes des Zwanges, an dem die Moral auf dem Wege administrativer Erlasse wütet, ist ein wichtiges Phänomen.

Mit diesen Maßnahmen findet sich der Wahnsinn aus der einstigen Freiheit des Wahnsinns eines Don Quichotte nun eingeschlossen und in der „Festung der Internierung mit der Vernunft, den Regeln der Moral und ihren monotonen Nächten verbunden“ wieder.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.02.2008 23:30 | nach oben springen

#3

RE: Foucault - Wahnsinn und Gesellschaft

in Sachen gibt's - Sachbuch 27.02.2008 19:22
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Im Grunde will Foucault hier aufzeigen, dass diejenigen, die auf ein weit zurückreichendes Vorhandensein an Geisteskrankheiten insistieren, nicht mit einbeziehen, welchen Stellenwert der Wahnsinn im Laufe der Zeit hatte, dass die Geisteskrankheit tatsächlich nicht als Krankheit gesehen wurde, sondern als Unvernunft . Die Weiterentwicklung von Gefängnissen und Anstalten war nämlich in etwa die gleiche, weil hier ab einem bestimmten Zeitpunkt grundsätzlich darauf geachtet wurde, dass den Gefangenen eine gute Behandlung zuzukommen sei, zumindest ein täglicher Blick auf ihr Befinden. Manche Geisteskranken wurden tatsächlich gesondert untergebracht, wodurch sie aber nicht das Privileg einer Krankheit erhielten. Vielmehr waren diese Anordnungen getroffen, weil das Zusammenleben so vieler Menschen und den darunter aufkommenden Verwirrungen und oftmals Schreien und Gewaltausbrüchen der Geisteskranken nicht funktionierte. Es gab sogar Räume mit „Ketten für die Irren“. Die meisten Menschen wurden einfach unter dem Begriff „Tollheit“ eingeordnet, was nicht unterschied, ob hier jemand krank oder ein Verbrecher war. Die „wirklich“ Wahnsinnigen galten sogar als unheilbar und erhielten keinerlei Behandlung. Man überließ sie in ihrer „Gefangenschaft“ einfach sich selbst.
Wenn man einen Arzt an solchen Orten antraf, dann hieß das nicht, dass man bewusst Kranke einsperrte, sondern dass man unter den Eingesperrten das so genannte „Gefängnisfieber“, das Ausbrechen der Krankheit unter den Internierten befürchtete. Man war sogar der Meinung, dass Gefangene ihren erworbenen „Wahnsinn“ dann auch weitergaben, z. B. an den Richter, vor den sie geführt wurden.
Grundsätzlich galt der Irre also nicht als Kranker, sondern wurde in seiner Individualität, … „in einer Art persönlicher Kompaktheit“ wahrgenommen. Das begann im Orient, wo Einrichtungen entstanden, die eine Art Seelenkur praktizierten. Der Irre wurde also durchaus wahrgenommen, jedoch nicht medizinisch eingeordnet.

Foucault beweist mit dem weiten Rückblick auf die Jahrhunderte, dass der Wahnsinn nicht Krankheit war, sondern Wahrnehmung einer tierischen Abart oder zumindest als niedrigste Form des Menschsein galt, und von der Entwicklung der juristischen Entscheidungen über die Maßnahmen der Internierung bis in die heutige Zeit immernoch den gleichen Kern in sich trägt.
Schon mit der juristischen Entscheidung über das Ja oder Nein einer Einweisung hat sich der Wahnsinn zu einer „Ausrede“ gestaltet, er wurde also bewusst eingesetzt, bei Leuten, die sich nicht gut in die Gesellschaft integrieren ließen, die sexuell abartig wirkten (Foucault nennt das Beispiel einer Frau, die ihre Ehe nicht anerkennt und darauf beharrt, dass man Liebe nicht erzwingen kann) oder Gott anzweifelten. Hier wurde die Ausrede des Wahnsinns benutzt, um sich dieser Menschen zu entledigen. Es wurde also bewusst nicht unterschieden, ob jemand den Wahnsinn spielte oder wirklich wahnsinnig war. Es war lediglich ein Aufräumen. Andererseits wurden Gewalttaten auch mit dem Wahnsinn erklärt, die Strafe gemindert, der Mensch für unberechenbar in seinen Handlungen erklärt, wobei dann durch das sichtbar Tierische wieder das Menschliche in der Reaktion hervortrat.

Zum anderen wurde der Wahnsinn in seinem Tiersein oder in der Niedrigkeit seines Wesens daran gemessen, dass Irre unter erstaunlich schlimmen Bedingungen (über)leben konnten. Da wird von Ratten geredet, die die Irren annagten, oder nackte Menschen, die bei eisiger Kälte oder in Ketten auf Stroh ausharrten. Die Vorstellung an einen Stall, der nicht oft gereinigt wird, liegt nahe. Es heißt, manchmal wurde mit einer Eisenstange um die Irren herum das dreckige Stroh entfernt. Auch war es ein Trend, die Irren vorzuführen, weil man in ihnen nichts Menschliches erblicken wollte. Daneben wurde mit Zucht und Strafe gearbeitet, um zu demonstrieren, dass der Irre mit genügend Schlägen in eine Art Normalität gezähmt werden konnte.

Der Wahnsinn selbst ist im Laufe der Zeit immer schwieriger zu erkennen, weil er sich zwischen der Vernunft und dem "Wahnsinn" der Welt verwischt und gleichzeitig lernt, die "Maske der Vernunft" anzunehmen.

Das Erkennen ist in der Art der Betrachtung und auch durch den Betrachtenden selbst schwierig. Nähert man sich mit dem Wissen der Geschichte und der Gelehrtheit, dem rein analytischen Blick, dem praktischen Bewusstsein oder dem kritischen, bleibt es trotzdem ein Vergleich mit der Norm, ein Vergleich mit dem Standard in einem Stystem und seinen Bedingungen.
Hinzu kommt:
In Antwort auf:
Das Bewusstsein vom Wahnsinn besteht nur auf dem Hintergrund des Bewussteins, nicht wahnsinnig zu sein.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 27.02.2008 19:49 | nach oben springen

#4

RE: Foucault - Wahnsinn und Gesellschaft

in Sachen gibt's - Sachbuch 01.03.2008 21:45
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Was interessant ist: Der Wahnsinn wurde durchaus schon in seinen verschiedenen Erscheinungsformen erkannt.

Der Wahnsinnige war überall sichtbar, der Wahnsinn aber wurde als gesonderte Form gesehen, zum Besonderen gemacht. Damit entstanden zwei gleichzeitig nebeneinander verlaufende Erkennungsrichtungen, die aber nicht ineinander griffen und nicht miteinander verbunden wurden. Sie wurden als zwei voneinander unabhängige Gebiete betrachtet. Einmal waren da die Internierungen, die immer wieder mit der Moral durchtränkt wurden, was das medizinische Eingreifen unmöglich machte, weil man damit zugeben musste, dass der Wahnsinn in seiner Erscheinungsform ein Teil der Vernunft und des Seins wäre, nämlich das Nicht-Sein, und zum anderen war da eben die medizinischen Auflistung der verschiedenen Krankheitsbilder, von Demenz, Manie, Melancholie, usw., die aber all ihre Erscheinungsformen nicht mit der Wirklichkeit vereinbaren konnte.
Da wurde u. a. das Gehirn zerlegt und verschiedene Strukturen, Aufschwemmungen, schwarzes Blut, Blutleere, usw. und ein unterschiedliches Gewicht festgestellt. Dann wurde über die äußeren Leiden (schlechte Ernährung, Klima, etc.) wie auch die inneren Leiden (Traurigkeit, Angst, etc.) spekuliert. Hier wurde ordentlich durcheinander gewürfelt.
Im Leben angewendet aber stieß man immer wieder auf das gleiche Dilemma.

In Antwort auf:
Man suchte die krankhaften Formen des Wahnsinns und fand fast nichts anderes als die Deformation des moralischen Lebens.


Darum waren der Irre und der Wahnsinn einander fremd. Der Blick von außen auf den Wahnsinnigen und der Versuch eine von innen herausdrängende Erscheinungsform zu verifizieren, trennte das „Leid“ (als abstrakte Besonderheit) vom „Leidenden“ (der ja kein richtiger Mensch war und damit auch ein abgesonderter Teil vom Rest der Menschheit) und den man nur in seiner allgemeingültigen Tollheit/Unvernunft erkannte.
Zum anderen scheiterte das Einordnen des Wahnsinns auch an der altbekannten Frage: Was ist die Seele? Bevor Voltaire sich an die Seele machte, galt, dass die Seele des Irren rein wäre, damit durch seine Krankheit im Körper verrückt stände, dadurch selbst nicht wahnsinnig. Es war nur der Mensch selbst, also der Körper, der befallen war. Und weil der Mensch das so erklären wollte, musste somit der Wahnsinn ein körperlicher Defekt sein, weil die Seele immer auch Geist war. Die Seele wäre also blockiert, in sich aber rein. Aber, der Wahnsinnige hatte auch seine guten Momente, die ihn dann nicht vom gesunden Menschen unterschieden, und er war„in seinem Wahnsinn die Wahrheit selbst“. Und, wer die gleichen Dinge sah wie der gesunde Mensch, musste somit auch ebenso verbunden mit seiner Seele sein, wie der normale Mensch, was Voltaire bewies:
Zitat von Voltaire
Folglich muss meine Seele notwendig einen falschen Gebrauch der Sinne machen und selbst ein verderbter Sinn, eine depravierte Eigenschaft sein. In einem Wort: entweder ist meine Seele in sich selbst wahnsinnig, oder ich habe keine Seele.

Die Seele des Wahnsinnigen ist also ebenso „infiziert“, was heißt, dass der Wahnsinn nicht nur eine körperliche Eigenschaft sein kann. Er kann damit nicht Trennung von der Welt und dem eigentlichen Sein sein, sondern ein Teil des Seins, ein Nicht-Sein. Damit wurde die "Krankheit" schon sichtbarer.
Dazwischen wurde von der Seele auch der Lebensgeist miteinbezogen und die Leidenschaft betrachtet, die verantwortlich für Wahnsinn sein konnte. Wahnsinn wäre, so hieß es, die Strafe für die Leidenschaft.

Es ist aufschlussreich, wie die Menschen sich ihre Welt mit den Dingen darin erklärt haben. Der Versuch, verstehen zu wollen, was da so widersprüchlich vor Augen stand, führt in unterschiedliche Richtungen. Schon eindeutiger erschien, dass dort, wo der Mensch zu verstehen aufhörte, der Wahnsinn begann. Hier war die Grenze das, was nicht mehr erklärbar war, musste damit Wahnsinn sein. Er ist damit Zerstörung, dann Irrtum (weil der Irre wie alle Menschen in die Welt blickt, sich aber in seiner Sicht in sie irrt, während der normale Mensch sie normal und verständlich auffasst, wodurch der gleiche Blick dann zu verschiedenen Auffassungen gerät und z. B. die Halluzination entsteht oder, dass sich ein Mensch einbildet, er wäre aus Glas und könnte zerbrechen, usw.) Das, was den Menschen hier noch vom Wahnsinnigen unterscheidet, ist: dass er denken kann, er wäre aus Glas, aber sich dann nicht so benimmt, als könne er auch zerbrechen. Erst, wenn er denkt, er würde zerbrechen, ist er wahnsinnig, da der Irrtum zur Wahrheit geworden ist.

Und dann ist Wahnsinn auch Unordnung.
In Antwort auf:
Der Wahnsinn hat bis ins Unendliche variierte Symptome. Er bezieht in seine Zusammensetzung alles ein, was man gesehen und gehört, alles, was man gedacht und überlegt hat. (...) Die Ideen ähneln in ihrer Konfusion den Typen einer Druckerei, die man ohne Plan und ohne Intelligenz zusammenstellte. Nichts würde sich daraus ergeben, das eine Sinnfolge darstellte.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.03.2008 22:16 | nach oben springen

#5

RE: Foucault - Wahnsinn und Gesellschaft

in Sachen gibt's - Sachbuch 14.03.2008 22:59
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Während also die medizinische Betrachtung und der Wahnsinn in der gesellschaftlichen Bedingung getrennt waren, forschte man nach den Unterschieden von Irren und normalen Menschen. Da wurden Gehirne gewogen, zerschnitten, zwischen Manie und Melancholie eine Verbindung gezogen, jeweiliges in feucht und trocken, schwarz oder schwefeldünstig eingeordnet und in dicken Erkenntnismappen verschlossen, um dann in Experimentierfreude so manchen Versuch zu starten.
Die Behandlungsmethoden sind nicht ohne. So wurde künstlich die Krätze ausgelöst, mit stinkenden Tinkturen gearbeitet, es wurde zum Schlucken von Eisenspänen geraten und dem Verzerren von Seife, Kaminruß und Weinstein.

All das waren Methoden der Reinigung, die bis in die Wiedergeburtsriten führten, wobei der Kranke unter Wasser getaucht wurde, bis er „seine Kraft verloren hatte und sein Toben vergessen war“. In der transparenten Frische und Reinheit des Wassers geriet der Irre scheinbar wieder in das eigene Gleichgewicht, in seine Unschuld. (Viel später waren diese Riten nur noch als Bestrafung gedacht, wenn ein Kranker sich absolut nicht in die Ordnung der Anstalt fügen wollte...)

Schön zeigt Foucault hier auf, dass die Humanität, derer sich das 19. Jahrhundert rühmt, wo auf einmal die Fürsorge für die Irren erwacht sein soll, weil der Vorwurf gegen die Internierungsmaßnahmen laut wurde, bereits im 18. Jahrhundert vorhanden war. Doch in beiden Fällen ist die Philanthropie nicht für den Kranken gedacht, sondern für die armen Gefangenen, die mit ihnen dort eingesperrt waren, was die Abgrenzung von Wahnsinnigen und normalen Verbrechern notwendig machte. Aus diesem Aspekt heraus und mit Einwirken der äußeren Umstände (Revolution) wurde der Wahnsinn dann von seiner niederen Art zur Gesellschaftsanklage, in ihm spiegelte sich das Grauen der Welt.
Man teilte "im Außen" die Armut in zwei Kategorien, denn immerhin machte sie den Reichtum überhaupt möglich:
In Antwort auf:
Die Klasse der Bedürftigen gestattet, weil sie arbeitet und wenig konsumiert, einer Nation, sich zu bereichern, ihre Felder, Kolonien, Minen zur Geltung zu bringen, Produkte herzustellen, die in der ganzen Welt verkauft werden. Daraus folgt, dass ein Volk ohne Armenschicht arm wäre. (...) Die Armen bilden das Fundament und den Ruhm einer Nation, und ihr Elend, das nicht beseitigt werden kann, muss verherrlicht und ihm sollte gehuldigt werden...

...wobei aus den "Kräftigen" Arbeit und Nützlichkeit gezogen wurde (weil sie dadurch zu einem vernünftigen Leben zurückgeführt wurden), wogegen die "Schwachen" nur vor sich hinvegetierten. Über all das erhob sich mit großem Getöse die "christliche und fleischgewordene Präsenz der Barmherzigkeit",
In Antwort auf:
symbolisches Vorübergehen des Mensch gewordenen Gottes.


Man erarbeitete Traumgebilde und "ideale Gefängnisse", in denen jedes Raumfragment "symbolische Werte" annahm, sich in oben und unten teilte, in Himmel und Hölle, wo oberhalb die "schwächere Form des Bösen" einquartiert wurde, während man unten für den Irren gefährliche Arbeiten vorschlug, die ein anständiger Mensch nicht verrichten sollte. Für alles sollte eine Lösung gefunden werden, trotzdem waren die Kosten noch zu hoch, worauf man auf die Idee kam, die Irren in die Obhut der Familien zu geben, um Kosten zu sparen, und falls keine Familie vorhanden war, dann musste man den Menschen darauf trimmen, Mitgefühl zu haben, fürsorglich zu sein, denn es war schließlich nicht die Verantwortung der Gesellschaft, sondern des Menschen in der Gesellschaft hier Fürsorge für den Kranken zu tragen. Dass sich das nicht einfach so regeln ließ, ist absehbar, denn wie schon sollte man hier richtig vermitteln, wenn doch über die Familie hinaus der Irre nur Angst und Schrecken auslöste? Wer wollte sich da schon freiwillig mit einem fremden Pflegefall abmühen? So musste dann notgedrungen die absolute Trennung stattfinden und den Irren ein eigener Ort für ihr Dahinvegetieren gesichert werden.
So wandelte sich die bestrafende Einrichtung in eine humane, abgeschottete Einrichtung für die Irren, worin durch die halbe Freiheit, die durch humane Maßnahmen getroffen wurden, das Gesetz des Wahnsinns zur Wahrheit wurde.
Endlich wurde dann auch der Mediziner hinzugerufen, noch in einer Art äußerer Betrachtung, um als Experte den Kranken zu prüfen und zu entscheiden, ob eine Internierung notwendig war. Doch der Schritt war gemacht, und die Zwangsjacke – ein weiterer Aufstieg der scheinbar gewonnenen Freiheit – ersetzte schließlich die Ketten.
In der Geschichte gab es zwei sogenannte philanthropische Befreier. Foucault nennt Tuke und Pinel, die jeweilig in England und Frankreich den Irren von seinen Ketten nahmen.
In Antwort auf:
Es gibt keinen so verkommenen Menschen, dass man ihn für unverbesserlich halten könnte. Man muss ihm nur seine wirklichen Interessen klarmachen und ihn nie durch unerträgliche Strafen, die stets über die menschliche Schwäche hinausgehen, verrohen lassen.

Aber, es wurde noch kein Dialog gestartet oder die Psychoanalyse in ihrer Reinform entwickelt, sondern lediglich ein Blick auf den Kranken geworfen, der in seinen Handlungen nun beurteilt, auseinandergenommen und wieder fast richtig zusammengefügt wurde.
Damit wurde der Arzt zum Weisen, zum Alles-Entscheidenden, zum Heiler mit uneingeschränkter Macht. Dadurch, dass dem Irren die Ketten abgenommen wurden, war er nun in seiner eigenen Welt gefangen, dabei kontrolliert vom strengen Blick des Außen. Er wurde nicht befragt, aus welcher Intuition er handelte, sondern ihm wurde erklärt, was als „normal“ galt, vorgeführt, was „normal“ war, und er wurde mit Lob und Bestrafung zum Kind gemacht. Das Tier war gezähmt; oder besser gesagt: der Arzt kannte den Irren nicht, er hatte ihn lediglich durch seine Autorität (als Befreier, Drohender, Lobender, auf die Dinge-Deutender) bezähmt.
Langam bildete sich eine gefestigte Struktur, die in ihren Werten dargestellt wurde, durch:
In Antwort auf:
… die Beziehungen zwischen Familie und Kindern, rund um das Thema der väterlichen Autorität; die Beziehungen zwischen Verfehlungen und Bestrafung, rund um das Thema der unmittelbaren Justiz; die Beziehungen zwischen Wahnsinn und Unordnung, rund um das Thema der gesellschaftlichen und moralischen Ordnung. Von daher erhält der Arzt seine Kraft zu heilen. Und in dem Maße, in dem durch so viele alte Neigungen der Kranke sich bereits in dem Arzt verändert findet, innerhalb des Paares Arzt und Kranker, hat der Arzt die fast wundersame Kraft, ihn zu heilen.


Letzten Endes, um es mit den Worten von Babinski zu sagen, ist der Wahnsinn nur Wahnsinn. Er wird dabei immer Mythos sein, und der Irre wurde nicht befreit, sondern der Begriff der Freiheit wurde einfach gedehnt und neu objektiviert.
In Antwort auf:
Diese Freiheit haben die Ärzte selbst kennengelernt, als sie zum ersten Mal mit dem Wahnsinn in der gemischten Welt der körperlichen Bilder und organischen Mythen in Berührung kamen und entdeckten, dass, eingegliedert in vielerlei Mechanismen, die Verfehlung stumm präsent war: in Leidenschaft, Zügellosigkeit, Müßiggang, angenehmem Leben der Städte, gieriger Lektüre, Komplizität der Vorstellungskraft, gleichzeitig zu erregbarer und zu unruhiger Sensibilität, all den vielen gefährlichen Spielen der Freiheit, in denen die Vernunft wie von selbst in den Wahnsinn zu stürzen droht.
Es handelt sich um eine hartnäckige und sehr gefährdete Freiheit. Sie bleibt stets am Horizont des Wahnsinns, aber sobald man sie einkreisen will, verschwindet sie. Sie ist nur in der Form einer drohenden Beseitigung präsent und möglich. Halb erkannt in den extrem Regionen, in denen der Wahnsinn von sich selbst reden könnte, erstickt die Freiheit dann, wenn der Blick sich auf sie heftet, nur noch eingegliedert, gezwungen und reduziert. Die Freiheit des Irren liegt nur in diesem Augenblick und in dieser unwahrnehmbaren Distanz, die ihm die Freiheit geben, seine Freiheit aufzugeben und sich an seinen Wahnsinn zu ketten.

Damit bleibt der Arzt er selbst, der Kranke ein Gefangener seiner selbst und nur durch seinen Wahnsinn erkennbar, und in ihm verborgen schlummert das Geheimnis seiner Zerrüttung.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.03.2008 23:47 | nach oben springen


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