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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 03.09.2009 18:41
von Martinus • 3.194 Beiträge

Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten

Erstmals lese ich die Autobiographie eines Historikers und bin natürlich gespannt, weil, wie der Untertitel „ Ein Leben im 20. Jahrhundert“ verrät, hier ein Blick auf dieses Jahrhundert geworfen wird. „Ich habe den größten Teil des außergewöhlichsten und furchtbarsten Jahrhunderts in der menschlichen Geschichte miterlebt“, schreibt Hobsbawn im Vorwort. In seinem Werk „Das Zeitalter der Extreme“ hat er schon einmal über das 20. Jahrhundert geschrieben und prägte den Begriff das „kurze 20. Jahrhundert“, welches den ersten Weltkrieg bis hin zum Ende der Sowjetunion umschloss (1914-1989). In seinem Hauptwerk, einer Trilogie, behandelt er das „lange 19. Jahrhundert“ (1789-1914). Hobsbawm bemängelt die geschichtliche Einteilung durch Jahrhunderte. Eine Epoche ist nicht unbedingt dann zu Ende, wenn ein Jahrhundert vergangen ist.

Den Titel „Gefährliche Zeiten“ entlehnt er einem Zitat Lichtenbergs:

In Antwort auf:
Es sind immer gefährliche Zeiten, wo der Mensch sehr lebhaft erkennt, wie wichtig er ist und was er vermag.



Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, der erste Weltkrieg greift schon seine Fühler aus, als der Engländer Leopold Percy Hobsbaum die Österreicherin Nelly Grün heiraten wollte. Das ging nur mit diplomatischen Segen in der britischen Botschaft von Zürich. Was für ein Aufwand. Der britische Außenminister erlaubte mit einer amtlichen Verfügung, dass der Engländer die Österreicherin zur Frau nehmen konnte. England war mit Österreich verfeindet. Um vom ersten Weltkrieg Abstand zu gewahren, ging das Paar zurück nach Alexandria und gebahren dort 1917 Eric Hobsbawn, den Autor unseres Buches.

Nach dem ersten Weltkrieg ging es über Triest nach Wien. Auch hier befand sich die Familie im Rad der Zeit. Man lebt von der Hand in den Mund. Der Vater findet nur kleine Gelegenheitsjobs. Hoffnung, sich in Wien mehr oder weniger gut durchzuschlagen, versiegen. Der kleine Eric wusste gar nicht, womit sein Vater das wenige Geld verdiente. Diese Kapitel über die Zeit in Wien lesen sich wie Schicksale in den Zeiten der aufbrechenden Weltwirtschaftskrise. Wir lesen von der alltäglichen Sorge in der Armut, vom Straßenantisemitismus in Wien, von der Mutter Nelly, die Kurzgeschichten schreibt und sogar einen Roman im Rikola-Verlag veröffentlicht. Der frühe Tod von Erics Eltern verschlägt ihn nach Berlin, dann nach London. Hobsbawn, der jüdischer Abstammung war, kam noch rechtzeitig aus dem Netz der Nazis.

Doch noch einmal zurück nach Wien: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts flammte im Deutschen Reich und in Wien der Antisemitismus auf. „Alle Wiener Juden wußten, spätestens seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts, daß sie in einer Welt von Antisemiten, ja eines potentiell gefährlichen Straßenantisemitismus lebten“, schreibt Hobsbawn, der selber im Wien und später in Berlin keinen Pöbeleien ausgesetzt gewesen war, hielt man ihn doch für einen Engländer, der übrigens blond war, und nicht für einen Juden. Natürlich erschrak man, als Hitlers NSDAP 1930 zweitstärkste Partei wurde. Es glaubte trotzdem noch niemand an „die Idee einer totalen Vernichtung“ der Juden.

Schwerpunktmäßig habe wir es mit einer politischen Autobiographie zu tun. Da der Autor ein Historiker ist, mag das nicht wundern. Die Privatsphäre öffnet sich dem Leser kaum. Natürlich hat dem Leser hier hauptsächlich das 20. Jahrhundert zu interessieren, darum erlesen wir hier vieles aus der Sicht eines alten Historikers. In Berlin, so sagt Hobsbawn, verbrachte er die entscheidensten Jahre seines Lebens, ich vermute deswegen, weil er zu dieser Zeit einer Unterorganisation der KPD beitrat. Sie träumten in ihrer Jugend von der Weltrevolution, obwohl sich die kommunistische Partei im Niedergang befand. Nicht sie ergriffen die Macht. Die letzte legale Demonstration der KPD fand am 25. Januar 1933 statt. Un d doch gibt es eine sypathische Textstelle, in dem der jugendliche Hobsbawm durchschimmert:

Zitat von Eric Hobsbawm
Wir gingen in die Mietshäuser und warfen, im obersten Stock beginnend, die Flugblätter in die Briefschlitze der einzelnen Wohnungstüren, bis wir vor Anstrengung keuchend aus der Haustür traten und uns umsahen, ob Gefahr drohte. Darin lag ein Element des Wildwestspielens – wir waren die Indianer und nicht die US- Kavallerie.



Den Roten zugehörig zu sein, darin sahen die Jungen wohl den einzigen Weg, sich den Nazis entgegenzustellen. In England trat Hobsbawn der Kommunistischen Partei bei. Ich bin gespannt warum, und was hat Hobsbawm über den Weltrieg zu sagen und über Stalin?

„Generationen wie meine wird es im 21. Jahrhundert höchstwarscheinlich nicht mehr geben“, sagt der Autor im Vorwort der deutschen Ausgabe. Auch das macht neugierig darauf, was noch kommen mag.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 03.09.2009 18:42 | nach oben springen

#2

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 04.09.2009 10:55
von LX.C • 2.691 Beiträge

Wie bist du auf Eric Hobsbawm gekommen?

In Antwort auf:
Hobsbawm bemängelt die geschichtliche Einteilung durch Jahrhunderte. Eine Epoche ist nicht unbedingt dann zu Ende, wenn ein Jahrhundert vergangen ist.

Vermittelt denn Hobsbawm den Endruck, dass es nur diese Einteilung gibt oder dass diese bevorzugt wird?
Die Bewertung von Epochen findet auf unterschiedliche Weise statt. Die annalistische, möglichst neutrale nummerisch-kalendarische Epocheneinteilung ist nur eine von vielen. Das dreigliedrige tradistische Verlaufsmodell der Ereignisgeschichte ist gängiger, würde ich sagen. Epochengrenzen können ebenso fließend verlaufen. Aber eine Epocheneinteilung nach Jahrhunderten erscheint mir eher unpopulär. In welchem Zusammenhang kommt Hobsbawm darauf? Und wann wurde das Buch geschrieben?


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#3

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 04.09.2009 11:28
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

wie ich auf ihn gekommen bin ist ein Zufall, denn zufällig laß ich im Jahre 2003, damals als das Buch in Deutschland erschienen ist (auf Englisch 2002 erschienen)in irgendeiner Zeitung (warscheinlich in "Die Welt" oder "Die Zeit") eine Rezension, die mich irgendwie fasziniert haben muss. Warscheinlich hat mich einfach fasziniert, dass ein Historiker über sein Jahrhundert schreibt. Ein Vergleich zwischen Hobsbawms Autobiografie und der Autobiografie von Fritz Stern (Fünf Deutschland und ein Leben) wäre interessant. Vielleicht komme ich mal dazu.

Was Hobsbawms Theorie mit dem langen 19. Jahrhundertund dem kurzen 20. Jahrhundertbetrifft, muss ich mich erstmal auf die betreffenden wikipedia-Artikel verlassen. Ich habe ja vor, auch Hobsbawms Buch "Das Zeitalter der Extreme" zu lesen (erschienen engl. 1994, dtsch. 1995), darin er die Theorie des kurzen 20. Jahrhunderts erläutert. In seiner Autobiografie "Gefährliche Zeiten" werden diese Geschichtstheorien nicht behandelt. Ich wollte nur als Einleitung zur Autobiografie diese Theorien streifen, weil sie von Hobsbawm stammen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 04.09.2009 12:34 | nach oben springen

#4

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 04.09.2009 12:46
von LX.C • 2.691 Beiträge

Ja, gut das sind seine Theorien, das ist ja legitim. Aber warum bemägelt er gerade die epochale Einteilung in Jahrhunderte. Sieht er eine solche als gängig an? Das finde ich etwas merkwürdig.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 04.09.2009 12:48 | nach oben springen

#5

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 04.09.2009 13:35
von ascolto • 1.289 Beiträge

Werter Martinus,

liegt es nicht an uns eine Zeiteinteilung in einer Begrifflichkeit rückblickend zu betrachten, wir sind da doch ev. unabhängig? Es ist in anderen Wissensschaften "gang und gäbe", eine Epoche nach einer Form- bzw. Stilart zu beurteilen und nicht nach Jahreseinheiten, die dank dem Päpstel Gregor mir nicht mal linear logisch.(Streiten Religions- und Historiker nicht noch um das Geburtsjahr Christi? Wie lang bzw. wann beginnt denn der chin. Kalender und wie ist er entstanden:0! Willkür im Jahr der Ratten?) Es stellt sich mir daheraus dadd Fragmentchen: Ist die Historie denn eine mathematische Korrekturanalyse oder uns Betrachtung unserer Zivillisationsprozesse? Beides? Oder muss,braucht unser Geist nur das (zu)ordnen bis er den Horizont erreicht? Ich wees dadd nücht.....
Mir erscheint es sehr klug auch historisch nicht nach nummerische Einteilungen im Zeitbegriff zu verharren sondern die Dynamik eines Prozesses zu begutachten, ihn zu zesieren?
Den Anfang, die Entstehung, Ursache bis zum vermutlichen Ende, Vergehen wenn überhaubt, zu lokalisieren und dabei ein grobes Muster unserer Jahresbegrifflichkeit hinterig zu lassen. Dies könnte ev. dazu beitragen das der Rezipient diesem Denkmuster sich stellt, ev. dies erkennt und sich von übergeordneten Bestimmungen löst. Denn zu häufig werden so Widerholungen der Dynamik einer Bewegung die vielleicht noch in uns, abqualifiziert,in Zeit...Grenzen?
Will sagen, die dynamischen uns verändernden Prozesse sind Energieentwicklungen die sich nicht nach unserem westlichen Shemata Zeit messen laßen müssen, das hilft zum zuordnen, katalogisieren.
Will endgültig damidd in Frage stellen, ob eine Begrifflichkeit die uns linear in die Betrachtung urteilt, nicht auch ein schweres Erbe und kein leichtes Erheben manifestiert? Besonders ins Lächeln gleite ich bei dem heisischen math. Denkmodell: Wie spät ist es in einem Paralelluniversum?Montach, allet Chaos oder wadd ?
Meinereygen kennt die Lektüre nicht und kann kein Urteil wagen, dennoch bin ich für die Betrachtung der Kreisläufe und nicht in eine von uns einfach konzeptionierten Einteilung die uns häufig darin zementiert, unseren Geist an die Schwere der Endlichkeit zu binden, ergo: Es gibt kein Anfang und kein Ende, nur ein Werden und Vergehen.

Aach, allet so romantüsch


Hoffe du hast viel Freude beim inhalieren und "halte uns auf den Laufenden"...deine, mir wichtigen Erkenntnisse!

Herzgruß,
dadd olle A im O....m


zuletzt bearbeitet 04.09.2009 17:08 | nach oben springen

#6

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 20.09.2009 06:49
von Martinus • 3.194 Beiträge

werter ascolto,

sui schreiben

Zitat von ascolto
Meinereygen kennt die Lektüre nicht und kann kein Urteil wagen, dennoch bin ich für die Betrachtung der Kreisläufe und nicht in eine von uns einfach konzeptionierten Einteilung die uns häufig darin zementiert, unseren Geist an die Schwere der Endlichkeit zu binden, ergo: Es gibt kein Anfang und kein Ende, nur ein Werden und Vergehen.



Es handelt sich wirklich nur um ein politisch autobiograhisches Werk. Vielleicht schreibt Hobsbawm auch in diesem Buch noch über seine historischen Theorien, mal sehen. Ich habe eine hübsche Buchempfehlung für dich (aber warscheinlich kennst du das schon): Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte, Der Mythos der ewigen Wiederkehr

Weiter im Buch:

In dem Kapitel „Kommunist sein“ können wir nachlesen, es gehöre zwar in einer Autobiografie hinein, wie lange er in der Kommunistischen Partei war, nämlich fast 50 Jahre, aber das sei nicht allgemein von historischem Interesse. Historisch interessant ist nur, „warum der Kommunismus so viele der Besten meiner Generation angezogen und was es für uns bedeutet hat, Kommunisten zu sein, als ein zentrales Thema zur Geschichte des 20. Jahrhunderts.“

Und weil der Kommunismus, die Sowjetunion, zusammengebrochen sind, muss man sich fragen, warum sind manche Leute so lange Kommunist geblieben. Eine Ideologie ohne Zukunft. In China und Nordkorea ist nur die Zeit stehen geblieben. Der Kommunismus im Sinne von Karl Marx, so lesen wir, war nicht als Massenbewegung gedacht. Ja, Hobsbawm, sieht rückblickend und äußert sich gottlob kritisch. Er sagt nämlich, für ihn selbst, der als Kommunist nur in einer Opposition war, war es anders ein Kommunist zu sein, als in Ländern, wo die Kommunisten ander Regierung saßen.

Und jetzt, der Unterschied der kommunistischen Zugehörigkeit zur faschistischen. Dort, nämlich auf Seite 162 ein Wortgemansche und (vergeblicher?) Versuch, in dieser Sache eine Unterscheidung zu entdecken (zu rechtfertigen?).

1)Der Faschismus fordert eine „automatische Selbstverleugnung und Unterwerfung unter den Willen des Führers“.
2)Im Sozialismus, selbst unter Stalin basiert die Autorität der Kommunistischen Partei „zumindest der Theorie nach auf Überzeugungskraft der Vernunft und des >>wissenschaftlichen Sozialismus<<"

Zu2) Was soll das heißen? Das ist doch nur Wortakrobatik. Unfrei ist der Sozialismus ebenso.

Man muss sich aber in diesem Falle ins Jahr 1936 zurückversetzen, als Hobsbawm in die Partei eintrat. Sie hatte in England so gut wie nichts zu sagen und ihre Parteiarbeit lief „nach dem üblichen Ritual der britischen Arbeiterbewegung“ ab, dh. Protokollieren von Sitzungen, Verleilen von Broschüren etc. Hobsbawm gesteht, sie hatten damals keine Ahnungen von den Auswirkungen der Stalinherrschaft auf die Sowjetbevölkerung, noch keine Ahnung, was der zweite Weltkrieg für Leid bringen werde. So konnten die jungen Kommunisten noch blauäugig an eine Weltrevolution glauben. Also ist es doch besser, nur ein Kommunist in der Opposition zu sein, als in der Regierung, denn in der Opposition können sie keinen schaden anrichten.

Im Gegensatz zu Hobsbawm habe ich einen ziemlich unpolitischen Kopf, und verstehe nicht, warum er noch Kommunist geblieben ist, nachdem bekannt geworden war, wie brutal die Stalinherrschaft gewesen ist. Das hat doch mit echtem Marxismus nichts mehr zu tun, sondern nur mit Gewalt, Macht und Unterdrückung. Hobsbawm erzählt von einigen kommunistischen Lebensläufen, Vorbildern, die ihn dazu motiviert haben, auch nach 1956 noch ein Kommunist zu sein. Da war z.B. Georgi Dimitroff, der 1933 beim Reichstagsbrand Hermann Göring die Stirn bot, den Komunismus und sein Heimatland Bulgarien verteidigte.

Im zweiten Teil des Kapitels, erzählt Hobbsbawm von Kommunisten, die an der Macht waren,, die sich, was im Namen des Kommunismus geschah, auch dem Unrecht daraus, dann nichtaus der Verantwortung entziehen konnten. Es wird ein tschechischer exilierter Reformkommunist zitiert:

„Wenn zur Begründung von Gewalttaten nicht mehr die >historische Gesetzmäßigkeit< herangezogen werde, sondern Stalin persönlich die Schuld trug, wie sah es dann mit unserer eigenen Verantwortung aus.“


Eine Gesetzmäßigkeit, die Gewalttaten legalisiert? Was für einen Unsinn denken sich Menschen nur aus, um so etwas zu legalisieren? Eine Gewaltherrschaft geht vom Gewaltherrscher aus. Das war auch bei Hitler so. Am Ende des Kapitels beruhigend zu lesen, das Markus Wolf, der Chef des DDR-Geheimdienstes Hobsbawm zugab, er sei schon Ende der siebziger Jahre der Überzeugung gewesen, dass das DDR-System nicht funktioniere. Der Zusammenbruch sozialistischer Staatssysteme bahnte sich also schon früh an und der Ungar Janos Kornai legte in seinem Buch „Wassermangel als ein fundamentales Problem der sozialistischen Planwirtschaften und die ungarische Reform“(1983) „die klassische Analyse der widersprüchlichen Wirkungsmechanismen der am sowjetischen Modell orientierten Wirtschaften“ dar. Also, eine Ideologie auf Sand gebaut?

Hobsbawm schneidet solche Themen nur an. Ich gehe davon aus, dass er in seinem Buch „Das Zeitalter der Extreme“ noch viel eingehender über die politischen Systeme des 20. Jahrhundert berichtet, betrachtet er doch seine Autobiografie nur als „B-Seite“ seines Werkes über das extreme Jahrhundert. Darum soll man nicht entäuscht sein, es ist eine Autobiografie, und zwar eine politische (typisch Historiker). Hobsbawm erzählt von seinen Begegnungen, einem Meisterspion, einem ungarischen Historiker, der nach Stalins Tod aus der Sowjetunion wieder nach Ungarn ging, dann als Antikommunist weiterarbeitete, usw.. Auf diese Weise spiegelt sich das Jahrhundert in so manchen Lebensläufen und Begegnungen wieder.

Ich habe bis jetzt nicht verstanden, warum viele Rezensionen zu diesem Buch so unkritisch sind. Ich vergrabe mich immer noch in solchen Überlegungen, warum so ein intelligenter Mensch wie Hobsbawm, der in seiner Zunft als Historiker kein Unbekannter ist, sich dem Kommunismus verschrieben hatte. Warscheinlich hat das nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit der Generation, in der er aufgewachsen ist. Heute sind wir für politische Ideologien nicht mehr so anfällig. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Hobsbawm dann auch kein Kommunist mehr. Darüber wird er sicher noch erzählen.

Liebe Grüße
mArtinus




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zuletzt bearbeitet 20.09.2009 12:21 | nach oben springen

#7

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 20.09.2009 12:13
von LX.C • 2.691 Beiträge

Zitat von Martinus
Im Gegensatz zu Hobsbawm habe ich einen ziemlich unpolitischen Kopf, und verstehe nicht, warum er noch Kommunist geblieben ist, nachdem bekannt geworden war, wie brutal die Stalinherrschaft gewesen ist. Das hat doch mit echten Marxismus nichts mehr zu tun



Vielleicht liegt ja in deinem Gedankengang schon die Antwort.



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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 20.09.2009 15:22 | nach oben springen

#8

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 20.09.2009 14:38
von ascolto • 1.289 Beiträge

Werter Martinus,

Zitat von Martinus
[quote="Martinus"]Im Gegensatz zu Hobsbawm habe ich einen ziemlich unpolitischen Kopf, und verstehe nicht, warum er noch Kommunist geblieben ist, nachdem bekannt geworden war, wie brutal die Stalinherrschaft gewesen ist. Das hat doch mit echten Marxismus nichts mehr zu tun




Meynereygen: jedes Wirken, insbesondere die eines polit. Ideal dass in ein System in Abwehr und Ritualen sich kreist, hatt auf Grund seiner Historie Abgrenzungen, insbesondere Feindbilder gesammelt! Berechtigt oder unberechtigt werden in diesem System Rituale und häufig auch Klischee angehäuft und steifnackig in einem Meinungsbild manifestiert. D.H. die Ursache auch einer gewaltlosen Methodik wie zum Beispiel der christlichen Lehre verkommt so in Hyrachien, Machtmanipulationen sowie meist eine Hysterie bis Paranoidität um die vermeintlichen Systemfeinde abzuwehren oder Feindbilder zu verfolgen. Das liegt an der Struktur des empierischen Denkens und der Unflexibilität sich in den allumsorgenden Kreislauf zu öffnen. Will sagen, die Fokussierung auf einen Teilkreislauf kann nur in einer Implosion, also Zerstörrung enden. Egal welches System sich auswirkt und zu welchen Mitteln der Abwehr oder Zerstörrung es sich bemächtigt. So verkommt die christliche oder auch marxistische Weltanschauung zu einem korrupten und aus Willkühr sich in Hybris manifestieren Systematik des Denkens und daheraus dem zerstörrerischen Handeln. Kapitalismus hat genau die gleiche Dynamik und wenn du beobachtest wie hier selbst im Forum aus Unwissenheit über eine systematische Dynamik diskutiert, zB. über den vermeintlichen Existenzialismus contra der christlichen Methodik, bemerkst du das sich in den Steifbildern der Klischees sich immer die Abwehr und Machtstruktur debattiert, nie aber über die wirkliche geistige Methodik? Christliche Lehre hat nichts mit einer feudalen Machtstruktur alla Machiavelli zutun, und nichts mit dem Verhalten eines Gregor oder eines römischen Reichskaisers.
Ergosumm. Eine Verblendung aus einem System heraus rechtfertigt nur im Interresse des Betrachter das System in dem sich die Masse Mensch bewegt?
Somit ist die Ignoranz eines Kommunisten zu verstehen der den Stalinismus als marxistisches Handeln rechtfertigt, sowie der sogenannte Demokrat unseres heutigen Kapitalismus die Ausmaße dieser Zerstörrungsenergie ignoriert?
Es ist immer fein lächerlich rückblickend auf eine Ignoranz der Blendung hinzuweisen, ich konstatiere Dir: Die meisten Menschen sind nicht mal in der Lage nur ansatzweise ihren Zeitspiegel zu kontemplieren!
Sie sind zu dumm und zynisch zwischen Wissen und Glauben zu unterscheiden, sie sind zu verblendet um über ihre Hybris hinaus zu denken?
Sie öffnen sich nicht in ein allumfassendes Denken, sondern fokusieren Details, greifen nach einer Abwehrstruktur ohne sich in die Weite des achtsamen Betrachten zu öffnen?
Das heißt für mich, ein Teilkreislauf erkennt nur aus sich heraus bis an seine von ihm erschaffene Grenzen (Abgrenzungen) nur wer darüber hinaus sich geistig flutet kann auch den Teilkreislauf analysieren?

Also Zoom aus und den allumfassenden Weitwinkel an?

Eine Meinung unter vielen.....

Herzgruß, dadd olle A


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#9

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 20.09.2009 20:12
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von ascolto
Berechtigt oder unberechtigt werden in diesem System Rituale und häufig auch Klischee angehäuft und steifnackig in einem Meinungsbild manifestiert. D.H. die Ursache auch einer gewaltlosen Methodik wie zum Beispiel der christlichen Lehre verkommt so in Hyrachien, Machtmanipulationen sowie meist eine Hysterie bis Paranoidität um die vermeintlichen Systemfeinde abzuwehren oder Feindbilder zu verfolgen.



Ich habe diese Zeilen zitiert, weil sie mir in deinem Beitrag ins Zentrum rückten, ich dies auch unterschreiben kann. Der Mißbrauch von politischen und religiösen Ideologien in der Welt ist gewaltig. Im 20. Jahrhundert haben der Faschismus und der Leninismus/Stalinismus Länder verseucht und viel Leid gebracht. Der Marxismus ist durch Macht korrumpiert worden, und ob es von Menschenliebe zeugt oder von Menschenhaß, wenn der Papst in Afrika Verhütungsmittel verbietet ist eine berechtigte Überlegung, die sich die kath. Kirche gefallen lassen muss. So habe ich mich im Laufe der Zeit von der Glaubeninstitution Kirche, auch wenn als Lutheraner, abgewandt, und strebe unbedingte Toleranz an und mag nicht selbst an Dogmen festkleben.

Die folgenden Kapitel beinhalten die Zeit des zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges und Stalin. Nun, ein wenig Zeit wird es dauern, bis ich hier weiterkomme. Aber die Sache wird verfolgt.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#10

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 30.09.2009 11:46
von Martinus • 3.194 Beiträge

also weiter

Hobsbawms Leben im zweiten Weltkrieg verläuft recht unspektakulär, eher recht langweilig. An sich kann er recht froh sein, nicht direkt ins Kriegsgeschehen eingezogen worden zu sein. Er kam zwar zum Militär, galt dort allerdings als eher untauglich, bzw.war zu nichts zu gebrauchen. Diese Zeit galt für Hobsbawm als vertane Zeit, praktisch wurde er um secheinhalb Jahre zurückgeworfen, solange blieb er nämlich beim Militär. Er wollte zum Geheimdienst, aber wenige Wochen vor seiner Abstellung zu einem Chiffrierkurs wurde die Einberufung zurückgenommen mit der Begründung, seine Mutter sei ja keine Engländerin gewesen. Das kratzte wohl den britischen Behörden, wollte man doch einen echten britischen „James Bond“. Außerdem, und das schreibt Hobsbawm mit Selbstironie, konnte er nur schlecht Schachspielen, und das Lösen von Kreuzworträtseln lag ihm auch nicht, sollten das doch gewisse Voraussetzungen für die Tätigkeit im Geheimdienst gewesen sein. Bei den Königlichen Pionieren brachte man den Soldaten Dinge bei, die sie als Soldaten nicht wissen musten, ihre Waffen waren so bedeutungslos, dass Hobsbawm bei seiner Entlassung aus dem Militär nicht wusste, wo er seine Waffe abgeben musste. Das hört sich an wie eine Schwejkiade. Soldaten in einer unbestimmten Grauzone. Kein Wunder, dass er diese Zeit als sinnlos und vertan erachtete, seine Karriere als Historiker auf sich warten ließ. Auch der antikommunistische Geist nach dem Krieg war für einen Kommunisten, der eine akademische Laufbahn anstrebte, nicht förderlich.

Zitat von Hobsbawm
Selbst Personen, die nur über wenige Monate hinweg mit der KP in Verbindung standen wie der Wirtschaftshistoriker Sidney Pollard, wurden an ihrem akademischen Fortkommen gehindert.



Hobsbawm konnte sein erstes Buch nicht veröffentlichen („Der Aufstieg des Lohnarbeiters“), es sei zu einseitig, hieß es. Der Verlag Hutchinsons wollte Hobsbawm wegen seiner Mühen mit einem Ausfallhonorar von 25 Guineen abbspeisen, was selbst in den fünfziger Jahren sehr wenig war und einem Honorar für zwei oder drei Buchrezensionen entsprach. Das war natürlich bitter und Hobsbawm verwendete Teile seines Buches für spätere Publikationen.

Zitat von Hobsbawm
Was die Rhetorik der liberalen Kalten Krieger so unerträglich machte, war ihre Überzeugung, daß alle Kommunisten nichts anderes seien als Agenten des sowjetischen Feindes, weshalb kein Kommunist ein angesehenes Mitglied der intellektuellen Gemeinde sein könne.



Wahr ist, dass die Kommunisten um Hobsbawm die Schrecken der Stalinzeit unterschätzten „bis sie 1956 von Chruschtschow angeprangert wurden.“ Etliche traten dann aus der Partei aus. Hobsbawm blieb drin. Am Ende des Kapitels „Stalin und danach“ stellt Hobsbawm dar warum:

Er gehörte zu der ersten Generation von Kommunisten, die in den letzen Zügen der Weimarer Rebublik Kontakte zur Partei knüpften, nicht nur wegen dem Kampf gegen die Faschisten, sondern vor allem wegen der Weltrevolution. Hobsbawm sagt, er „gehöre noch zu den Schlußlichtern der ersten Generation von Kommunisten, zu denen, für die Oktoberrevolution der zentrale Bezugspunkt im politischen Universum lag." Es ist also wirklich so, dass ihn die Jahre in Berlin für die nächsten über fünfzig Jahrer politisch geprägt haben. Also wirklich ein Kind seiner Generation, wie oben schon einmal gesagt.

Liebe Grüße
mArtinus




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#11

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.10.2009 17:40
von Martinus • 3.194 Beiträge

Bevor ich mit einigen Inhalten des Buches fortfahre, einige Zwischenüberlegungen. Mir ist aufgefallen, am meisten interessiert habe ich über Hobsbawms Jugendjahre in Wien und Berlin gelesen. Das liegt wohl daran, da ich einen leichteren Zugang zu Wien und zur Weimarer Republik schließen kann, weil ich in diesem Themenumfeld schon etwas gelesen habe, aber nichts über den Kommunismus in England, der eher bedeutungslos war. Warum sollte mich das also interessieren? Diese kleinen bedeutungslosen Politereien und Hobsbawms kommunistische Freunde, was hat mich das zu interessieren? Hier ist zu wenig Stoff, der mich wirklich interessiert, beziehungsweise, es wird einiges gesagt, aber nicht vertieft, sodass das Interesse verfliegt. Und, naja, ich bin eben nicht in England aufgewachsen.

Daraus ergibt sich für für mich eine Überlegung, der Gedanke an den omphalos tes ges, dem Nabel der Welt. In Ägypten hatten Ortschaften je einen Schöpfungsmythos, man fühlte sich als "Nabel der Welt". Ist es nicht so, dass wir in Deutschland, unser Land, wie einen Nabel der Welt sehen, d.h. wir sehen alles aus der Perspektive unseres Landes. Wie schwer fällt es, mal eine ganz andere Perpektive einzunehem.

Inzwischen finde ich es befremdend, das Hobsbawm von sich kaum etwas preisgibt. Ist es überhaupt eine Autobiographie, wenn er nur in einem Satz irgendwo schreibt, er habe geheiratet, dann, er habe sich scheiden lassen usw. Seine Erlebnisse vom Weltkrieg, wenn man hier überhaupt von Erlebnissen sprechen darf, sind rar, was er über Stalin schreibt, nichts Neues - und ach, man habe ja nichts gewusst. Es ist doch enttäuschend, wie wenig von dem, was Hobsbawm erzählt, mir im Gedächtnis bleibt. Irgendwie fehlt hier die Leidenschaft des Schreibers, seinen Leser Verführen zu wollen. Wie sehne ich mich jetzt nach Canettis – Nabokovs- oder Tibor Dérys Autobiografie. Tibor Déry war wie Hobsbawm auch Kommunist, aber Schriftsteller. Seine und Nabokovs- und Canettis Autobiografie sind gleichzeitig literarische Kunstwerke, die mein Leseherz warmgehalten haben. Mir kommt es so vor, Hobsbawm sei ein kühler Intellekt, zu kühl, um mich als Leser zu fesseln. Natürlich muss nochmal gesagt werden, seine Autobiografie ist nur die B-Seite seines Werkes. In historischen Fachbüchern, in denen er viel spezieller über historische Themen schreiben kann, mag er vielleicht viel interessanrter schreiben, sicher hat er dort viel mehr zu sagen. Warum er aber seine Autobiografie schreiben musste, ist mir nicht klar. Auf jedenfall werde ich Hobsbawms Werk "Das Zeitalter der Extreme" im nächsten Jahr lesen.

Natürlich gibt es einige Stellen die mich interessiert haben; bes. Hobsbawms Darstellung des Kommunistenkolleges und Historikers E. P. Thompson,

Zitat von Hobsbawm
der im Arts and Humanities Citations Index (1976-1983) als einer der 100 meistzitierten Autoren des 20. Jahrhunderts auf allen vom Index erfaßten Gebieten geführt wurde.



Seine ursprungliche Leidenschaft galt der Literatur, er interpretierte William Blake. Internationales Aufsehen unter Fachhistorikern erreichte er mit seinem Buch „The Making of the English Working Class" (1963, dtsch. Übersetzung, Frankfurt 1987). Thompson fesselte ander durch seine Ausstrahlung, er hatte mehr als „Talent, Brillianz, Gelehrsamkeit“ usw. Hobsbawm meint, er habe was von „Genie im trafitionellen Sinne des Wortes." Nach wenigen Jahren brach er sein Schreiben ab, richtete am Ende der siebziger Jahre seine Aufmerksamkeit auf die Antiatombewegung und

Zitat von Hobsbawm
stürtzte sich in einem jahrelangen theoretischen Kampf gegen den Einfluß eines französischen Marxisten, des verstorbenen Louis Althusser, der einige der gescheitesten Köpfe der damaligen jungen Linken anregte.



Tragisch, das Thompson sich in seinen späten Jahren von historischen Arbeiten fernhielt, Hobsbawm empfand das als Verbrechen. Eine Geschichte mal, die berührt. Genievergeudung.

Liebe Grüße
mArtinus




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zuletzt bearbeitet 31.10.2009 18:08 | nach oben springen

#12

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 31.10.2009 18:07
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Martinus
Hier ist zu wenig Stoff, der mich wirklich interessiert, beziehungsweise, es wird einiges gesagt, aber nicht vertieft, sodass das Interesse verfliegt.


Ja, und so geht es weiter, angetippt und weggekippt.

Im Mai 1968 war Hobsbawm auf einer Konferenz zum Thema "Marx und das gegenwärtige wissenschaftliche Denken". Zeitgleich, und hier kann Hobsbawm an historische Ereignisse anknüpfen, gab es den "großen Pariser Studentenaufstand", der sich zu einem landesweiten Arbeiterstreik und eine Krise des Regimes von General de Gaulle heraufbeschwor (und der Historikerkongress mittendrin). Aber eben auch hier wird nur angenippt, mir istes nichtz ersichtlich geworden, warum gerade jetzt Studenten auf die Straße gingen. Gegner dieses Aufstandes wie Raymond Aton (wer mag das wohl sein, wird nicht gesagt), war der Meinung, es sei "ein kollektives Straßentheater, >Psychodrama< oder >Verbaldelirium<..". Ich meine, ich habe zu dieser Zeit noch im Sandkasten gespielt, mir müsste man die tieferen Ursachen dieser Unruhen erläutern. Ich war auch nicht im flower power LSD-Rausch oder in Woodstock.

Doch man kann noch was entdecken. Hobsbawm schreibt, das das Buch „Promise of a dream“ von Sheila Rowbotham das in England beste Buch über die sechziger Jahre ist. Die Autorin ist nach Wikipedia eine britische Soziologin und sozialistische Feministin. Sie kritisiert u.a. den Sexismus in der männerdominierten Arbeiterbewegung. Das erwähnte Buch scheint es in deutscher Sprache leider nicht zu geben, aber das: „Nach dem Scherbengericht - Über das Verhältnis von Feminismus und Sozialismus“, Rotbuch Verlag, Berlin, 1981; „Im Dunkel der Geschichte. Frauenbewegung in England vom 17. bis 20. Jahrhundert“, Campus Verlag, Frankfurt/M., 1980.

Da der Hobsbawm mich langweilt und über den Charakter des Buches genug gesagt worden ist, werde ich die letzten 170 Seiten querlesen, und wenn es noch was außerordentlich interessantes gibt, mitteilen, sonst aber bleiben lassen, da mein Geist wieder in die Belletristik schweift. Von Hobsbawms Werk „Das Zeitalter der Extreme“ verspreche ich mir wesentlich mehr. Dieses Werk wird im nächsten Jahr gelesen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 31.10.2009 18:08 | nach oben springen

#13

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 31.10.2009 18:33
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Werter Martinus...

Zitat von Martinus
Im Mai 1968 war Hobsbawm auf einer Konferenz zum Thema "Marx und das gegenwärtige wissenschaftliche Denken". Zeitgleich, und hier kann Hobsbawm an historische Ereignisse anknüpfen, gab es den "großen Pariser Studentenaufstand", der sich zu einem landesweiten Arbeiterstreik und eine Krise des Regimes von General de Gaulle heraufbeschwor (und der Historikerkongress mittendrin). Aber eben auch hier wird nur angenippt, mir istes nichtz ersichtlich geworden, warum gerade jetzt Studenten auf die Straße gingen. Gegner dieses Aufstandes wie Raymond Aton (wer mag das wohl sein, wird nicht gesagt), war der Meinung, es sei "ein kollektives Straßentheater, >Psychodrama< oder >Verbaldelirium<..". Ich meine, ich habe zu dieser Zeit noch im Sandkasten gespielt, mir müsste man die tieferen Ursachen dieser Unruhen erläutern. Ich war auch nicht im flower power LSD-Rausch oder in Woodstock.


Mit dem LSD und Woodstock hat der Pariser Studentenaufstand ja eher weniger zu tun. Wenn nun der Hobsbawm das nicht gut ins Wort gefasst hat (denn es ist doch spannend, wenn der Arbeiter dem Studenten und umgekehrt gegenübertritt), so empfehle ich zu diesem Thema unbedingt:
Robert Merle "Hinter Glas" und Nooteboom "Paris, Mai 1968" - Es lebe Heraklit, nieder mit Parmenides! (Mauerspruch in der Sorbonne)

Aron (der war ein Klassenkamerad von Sartre an der Ecole Normale Supérieure und - wie dieser - Philosoph (während Sartre die Studentenbewegung aber als ein epochales Ereignis bezeichnete - Die Phantasie war an die Macht gekommen...)) hat dabei nicht weniger recht. Es war sozusagen "ein Moment"!!!

Zitat von Nooteboom
Was war das Besondere in jenen Tagen im Pariser Mai 1968? Es war wohl dieses seltsame, unerklärliche Prickeln in der Luft, die fast greifbare Erwartung, die totale, rührende Offenheit aller gegen alle, die Mischung aus Hoffnung, Naivität, Taktik und Ehrlichkeit, all das, was jetzt, da die Welt wieder aussieht wie die Welt, unsichtbar geworden ist.


(Aus "Paris, Mai 1968")




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 31.10.2009 19:25 | nach oben springen

#14

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 31.10.2009 19:26
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine

Mit dem LSD und Woodstock hat der Pariser Studentenaufstand ja eher weniger zu tun. Wenn nun der Hobsbawm das nicht gut ins Wort gefasst hat (denn es ist doch spannend, wenn der Arbeiter dem Studenten und umgekehrt gegenübertritt), so empfehle ich zu diesem Thema unbedingt:
Robert Merle "Hinter Glas" und Nooteboom "Paris, Mai 1968" - Es lebe Heraklit, nieder mit Parmenides! (Mauerspruch in der Sorbonne)



oh, herzlichen Dank für die klärenden Worte. Und das Merle und Nooteboom darüber geschrieben haben überrascht mich positiv. Das wird gelesen.

Liebe Grüße
mArtinus




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#15

RE: Eric Hobsbawm (Historiker)

in Sachen gibt's - Sachbuch 31.10.2009 21:47
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Obwohl Merles Vision ein Roman, Nootebooms ein Augenzeugenbericht ist, so ist der Roman doch ausführlicher, aufklärender. Darum vielleicht auch in dieser Reihenfolge lesen.
Nooteboom rundet dann schön ab:

Zitat von Nooteboom
Eines ist sicher: Wenn nicht mehr passiert als ein paar Universitätsreformen und ein paar materielle Verbesserungen für die Arbeiter, wenn die Strukturen dieser in ihrem eigenen schmutzigen Badewasser dümpelnden Gesellschaft sich nicht wirklich verändern, bleibt eine ganze Generation mit dem größten moralischen Kater sitzen, den es in unserem Jahrhundert für eine überlebende Generation gegeben hat. Aber was heißt Kater, es wird ein Monster aus gebrochenem Elan sein, aus gebrochenem Idealismus. Ein Monster, das eines Tages in ganz anderer Form eine furchtbare Rechnung zerstörter Hoffnungen präsentieren wird.


(Aus: "Paris, Mai 1968")

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 31.10.2009 21:55 | nach oben springen


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