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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Michel Tournier

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 15:48
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ein Lesetipp, der hier unbedingt erwähnt werden muss: "Der Erlkönig" von Michel Tournier.
Ein großartiges Buch, das nicht umsonst den Prix Goncourt 1970 erhalten hat, in poetischer Sprache verfasst und mit absurden und makabren Situationen gespickt. Eine phantastisch-realistische Groteske, die versucht, die deutsche "Unheimlichkeit" begreifbar zu machen.

Inhalt: (Einband)

In Antwort auf:
Wohl nur ein Nicht-Deutscher konnte sich so (un-)befangen an die Nazi-Jahre machen und einen Titelhelden mit dem beziehungsreichen Namen Tiffauges von Elsaß aus in deutsche Kriegsgefangenschaft schicken, von dort nach Ostpreußen, wo er in der Rominter Heide Tierpfleger von Gnaden des Reichsjägermeisters Göring und schließlich Faktotum in der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt „Kaltenborn“ wird.


Zunächst erhalten wir über 140 Seiten lang einen Einblick in den Kopf der Romanfigur Tiffauges, in seine sinistren Aufzeichnungen. Ein poetisches Gewirr aus Eindrücken und Vorlieben, Betrachtungen des Alltags, Erinnerungen an die Schulzeit und unterschiedliche Begierden. Dabei stellt der Schreiberling fest, dass seine linke Hand völlig von ihm losgelöst ein Eigenleben entwickelt, niederschreibt und festhält, was unabhängig von seinem eigenen Denken geschieht, und wir erfahren auch, dass zu seiner Schulzeit ein Junge, unter dessen Macht und Einfluß er stand, diese Reaktion lenken muss.

Hier ein paar Ausschnitte:
In Antwort auf:
Schon immer war mir die Leichtfertigkeit der Menschen ein Ärgernis, die sich leidenschaftlich darum sorgen, was nach ihrem Tod auf sie wartet, und sich keinen Deut darum scheren, was vor ihrer Geburt mit ihnen war. Dabei ist das Vorher gewiß nicht leichter zu nehmen als das Nachher, zumal da es wahrscheinlich dessen Schlüssel birgt.


In Antwort auf:
Die Erde war noch nichts als ein wirbelnder Feuerball in einem Himmel von Helium, und doch war es meine Seele, die sie in Brand setzte und kreisen ließ. Meine Herkunft aus schwindelnden Urzeiten erklärt übrigens zur Genüge meine übernatürliche Macht über den Gang der Welt: das Sein und ich, wir beide wandern schon so lange Seite an Seite, wir sind so alte Weggenossen, dass wir – nicht aus besonderer Zuneigung, aber kraft einer Gewöhnung, so alt wie die Welt selber – einander verstehen und einander nichts abschlagen können.
Und was meine Monstrosität anlangt…;



In Antwort auf:
Alles ist Zeichen. Doch bedarf es eines hervorbrechenden Lichts oder Schreis, um unser trübes Auge, unsere Taubheit zu durchstoßen.


Und auch mit Humor:
In Antwort auf:
( … ) Er hatte ihr versprochen, er werde sie sich vom Sonnenuntergang an vornehmen und vor Tagesanbruch nicht von ihr lassen. Und er hatte Wort gehalten und sie bis zum ersten Schimmer des Morgens bearbeitet. „Allerdings“, so fügte sie fairerweise hinzu, „waren wir spät zu Bett gegangen, und die Nächte waren zu dieser Jahreszeit kurz.“
Diese Geschichte erinnerte mich an die von der kleinen Ziege des Monsieur Séguin, die, um dem Beispiel der alten Renaude zu folgen, ihre Ehre darein setzte, die ganze Nacht mit dem Wolf zu kämpfen und sich nicht eher als beim ersten Sonnenstrahl fressen zu lassen.



In Antwort auf:
Man entrinnt nicht der mehr oder weniger bewussten Faszination, wie sie von dem alten Adam ausgeht, der , mit seinem ganzen Fortpflanzungsrüstzeug behangen, im Liegen lebt, vielleicht unfähig zu gehen, jedenfalls unfähig zu arbeiten, stets im Bann eines unerhörten vollkommenen Leibesrausches, in ein und demselben Taumel besitzend und besessen, es sei denn – aber wer weiß selbst das! – während solcher Zeiträume, in denen er von sich selbst schwanger ist. In welchem Aufzug mag damals unser sagenhafter Stammvater dahergekommen sein: ein Mann, der das Weib trägt und überdies noch Träger eines Kindes geworden ist, beladen und überladen, wie diese Matrjoschka-Puppen, die immerfort ineinandergeschachtelt sind.
… mich rührt dieses Bild; es weckt in mir ich weiß nicht welches atavistische Heimweh nach einem übermenschlichen, schon durch seine Fülle über den Wechselfällen der Zeit und des Alterns stehenden Lebens. Denn wenn es in der Genesis einen Sündenfall des Menschen gibt, dann nicht in der Episode um den Apfel – die im Gegenteil einen Fortschritt kennzeichnet -, sondern wohl in dieser Aufspaltung, die den ursprünglichen Adam in drei Teile zerschlug und zuerst das Weib, dann das Kind aus dem Manne herausfallen ließ und so mit einem Schlag drei Unglückliche schuf: das stets verwaiste Kind; das vereinsamte, verängstigte Weib, das stets auf der Suche nach einem Beschützer ist; den Mann, leicht und alert – aber wie ein König, den man all seiner Attribute beraubt hat, um ihn sklavischen Arbeiten zu unterwerfen.



... und ein bisschen blasphemisch:
In Antwort auf:
( … ) diese Mitren in Form von Eselsmützen, diese Krummstäbe, die als Fragezeichen, als Symbole des Skeptizismus und der Ignoranz dastehen, diese Kardinäle, die in ihrem Purpur ausstaffiert sind wie die scharlachrote Hure der Apokalypse, dieser ganze römische Plunder – vom Fliegenwedel bis zu Sedia gestatoria, und im Petersdom als Gipfel das monströse Bronzetabernakel der Cavaliere Bernini, das mit seinen vier Mammutbeinen und seinem Mammutwanst über dem Hochaltar steht, als wollte es draufscheißen.


... sowie im tödlichen Ernst:

In Antwort auf:
Der Krieg, das absolute Böse, ist unseligerweise Gegenstand eines satanischen Kults. Er ist die schwarze Messe, die von Mammon am helllichten Tag gefeiert wird; und die blutbesudelten Götzenbilder, vor denen man die verdummten Massen auf die Knie fallen lehrt, heißen Vaterland, Opfer, Heldentum, Ehre.


Und so weiter und so weiter...
Nach den ersten Aufzeichnungen wechselt die Perspektive. Der Erzähler berichtet nicht mehr, sondern wird nun beschrieben. Der Krieg ist ausgebrochen, die Deutschen rücken in Frankreich vor, er wird eingezogen, da er aber ein schlechter Funker ist, sich die Symbole nicht merken kann, wird er Taubenzüchter, besser gesagt, sammelt Flugtauben für das Militär ein, um auch auf diese Weise Nachrichten zu senden. Hierbei überwiegt allerdings seine Liebe zu den Tieren, als zu den Menschen.
So gerät er in Kriegsgefangenschaft.
Was mich fasziniert ist dieser Charakter Triffauges. Ein Mensch, der wie auch schon Oskar Matzerath bei Grass "Blechtrommel" absolut "Jenseits von Gut und Böse" steht.






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