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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Sanchez-Pinol "Pandora im Kongo"

in Literatur im Verriß 30.05.2009 23:32
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge
Albert Sanchez-Pinol
Pandora im Kongo



Nie. Und nie ist ein sehr langes Wort. Ich wiederhole es: nie.


Ich weiß nicht, ob es wirklich allzu gerecht ist, das Buch in diese Rubrik zu verfrachten, aber im Vergleich zu dem, was in der Literatur glänzt, so zeigt sich dieser Roman doch sehr kläglich, aus einem sehr fahlen Licht seiner selbst. Hingegen darf man das Buch "Im Rausch der Stille" gütigst in die andere Rubrik verfrachten, denn dieses lohnt sich unbedingt zu lesen, weil darin eine außergewöhnliche Geschichte, eine außergewöhnliche Begegnung, sogar Spannung und etwas Hinterfragung enthalten ist.

Hier nun, im Kongo, findet man nur das schnell gewischte Zweitwerk eines Autors wieder, der begeistern konnte und vielleicht ein Stück weit zu viel gelobt wurde. Alles Mutmaßung, keine Frage.

Kennt man „Im Rausch der Stille“, erwartet man etwas Außergewöhnliches, etwas Spielerisches, ein schönes Erzählwerk, wo es weniger um Tiefe, als um die Geschichte selbst geht. Man ist verwöhnt, das gebe ich zu. Aber, was einem da in Buchformat entgegenschlägt, wird mit dem Umblättern der Seiten immer mehr zu einer Enttäuschung.
Der Anfang lässt noch hoffen:
Da ist der Schriftsteller Thomas Thomson, der einst ein Halb-Schriftsteller war, genauer ein Neger – so werden Leute im Literaturbetrieb genannt, die für andere schreiben (man kennt ja Woody Allens Version davon). Er nun wird von einem Familienvater gebeten, der seinerseits ein Neger für einen großen und bekannten Schriftsteller namens Doktor Luther Flag ist, ihm zu helfen, weil er völlig überbelastet ist und nicht weiß, wie er seine drei Kinder ernähren soll. So schreibt Thomson den Roman „Pandora im Kongo“, ein fürchterlich banales, nicht den Tatsachen entsprechendes Schundstück, das sich nur durch seinen flüssigen Stil auszeichnet.
Soweit, so gut. Nun aber geschieht es, dass der Familienvater auf einmal stirbt, und Thomson herausfindet, dass er nicht nur Junggeselle war, sondern auch selbst durch einen weiteren „Neger“ angeleitet wurde, für den großen Schriftsteller zu schreiben. So hat also ein Neger an den anderen das Manuskript weitergereicht, wobei Thomson der letzte in der Reihe ist, und damit der am schlechtesten bezahlte Sklave, immerhin für ein Werk aus seinen Händen, für das ein anderer, nämlich der große Schriftsteller Flag, die Lorbeeren kassiert.
Hinzu kommt, dass alle drei Neger , die also über ihm gearbeitet und einander abgezockt haben, am gleichen Tag den Tod finden.
Das alles sind die ersten wenigen Seiten in eine andere Geschichte hinein, denn auf der Beerdigung wird der Rechtsanwalt Edward Norton auf Thomson aufmerksam, während dieser sich Flag als unterster Sklave dieser Maschinerie zu erkennen gibt, und diesen, als er arrogant und wütend auf ihn reagiert, lautstark zurechtweist. Er bittet Thomson für ihn einen Roman zu schreiben, die Lebensgeschichte eines Verurteilten, der angeblich zwei Männer (aus gutem Hause) im Kongo ermordet haben soll.
Hier nun beginnt der Rückfall in das Milieu des Autors, denn die Geschichte des Verurteilten, mag sie echt oder unecht sein, lässt erneut eigenartige Wesen entstehen, die unter der Erde leben und die Welt vernichten wollen; eine Bedrohung, die natürlich ein Nebeneffekt ist, eine Vorstellung, was sein könnte.

Nun beginnt Thomson also zu schreiben, führt Gespräche mit dem Angeklagten, und beginnt sich von der Flag’schen Schreibweise zu emanzipieren, indem er Adjektive streicht. Doch darüber hinaus fragt er sich:
Zitat von Pinol

Was versprach sich Norton von einer so abgeschmackten, sentimentalen Geschichte, die kaum als schwacher Abklatsch eines Dickensromans durchgehen würde? Wollte er zu Tränen rühren? Oder Mitleid erwecken? Wenn Richter mitleidige Leute wären, wären die Gefängnisse leer, aber sie sind randvoll. Es heißt, die Gerechtigkeit steht über der Zivilisation wie eine strahlende Sonne. Ja. Aber bekanntlich kann man von der Sonne keine Tränen erwarten.


Einige Formulierungen funkeln zwischen dem trägen Hergang der Geschichte:
Zitat von Pinol
Die Menschen verwahren ihren Schmerz in Schachteln. Es ist erstaunlich, wie ein einziges Wort diese Schachteln zu öffnen und den Inhalt auf unserem Gesicht auszubreiten vermag.


... auch beschreibt Sanchez-Pinol den Eindruck Afrika sehr anschaulich:

Zitat von Pinol
In Afrika entdeckt man, dass in England alles verschwommener und schwereloser ist, so als lebten die nordischen Menschen wie Gespenster, gefühllos und betäubt, fast unter Verschluss. Der Kongo dagegen entfaltete die Möglichkeit der Welt. Das Licht fiel nicht vom Himmel, sondern entströmte allen Dingen. Die Gerüche waren entweder übel oder wunderbar, es gab nichts dazwischen. Und wenn die Leute sprachen, kam es ihm so vor, als würden Luftblasen blubbernd an die Wasseroberfläche steigen.


... , grundsätzlich spürt man aber eine schreckliche Ernüchterung der anfänglichen Begeisterung. Es bleibt nicht viel Unterschied zu dem vorangegangenen Roman, außer der Ort des Geschehens (und das Gelungene... ).
Vielleicht versucht Pinol durch seine phantastischen Wesen die Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß zu überbrücken, indem er ihnen etwas noch Fremdartigeres gegenüberstellt. Wie im Rausch der Stille die Fremden blau waren und hier weiß, so sind sie trotzdem eigenartig und von einem seltsamen Zauber.

Die Figur Marcus – der angebliche Mörder – ist völlig missraten und unglaubwürdig. Hier sieht man einerseits den zurückgebliebenen, naiven Menschen, der andererseits sehr kluge Überlegungen anstellt, woraus sich schließlich die Geschichte wiederum erklärt, aber nicht gerade überraschend. Einerseits ist er hartherzig und gleichgültig, andererseits hin und wieder gutmütig. Er widerspricht sich in seinem Sein irgendwie selbst.

Sanchez-Pinol packt zwischen dem Abenteuer im Kongo, von dem der Verurteilte Marcus berichtet, der mit den beiden Brüdern (Söhne des Herzogs) aufbricht, um auf eine Goldmine zu stoßen, um unterwegs dann etliche Schwarze zu unterdrücken und mit Gewalt zur Sklavenarbeit zu nötigen, auch die Außengeschichte von dem Schreibenden Thomson hinein.
In einer Szene verbrennt der Protagonist schließlich bereits die zweite Version seines Buches (die erste wurde bei einem Bombenanschlag zerstört), weil diese erneut missraten ist. In manchen Leseaugenblicken wünscht man, Pinol hätte das auch mit seinem zweiten Buch getan oder sich wenigstens mehr Zeit dafür genommen, obwohl das natürlich hart gesagt ist. Nicht nur, dass viele Szenen sehr langweilig geraten sind, weil er einfach kurz, bevor etwas passiert, immer schon ankündigt, was passieren wird (sieht man im Gegenzug seine Spannung beim „Rausch der Stille“, die Belagerung, die Verteidigung, diese ganze angespannte Situation, kurz: das Ungewisse, dann ist „Pandora im Kongo“ ein schlechter Abklatsch davon, ein zu schnell geschriebenes Werk mit gleicher Thematik, einer Prise Mittelpunkt der Erde, die Bedrohung durch fremde Wesen und ein kritischer Blick auf den Schwarz-Weiß-Rassenkonflikt.) Man hofft die ganze Zeit inständig, dass es eine Art Einbildung oder Täuschung des angeblichen Mörders ist.
Vielleicht fällt das nicht so sehr auf, wenn man das erste Buch von ihm nicht gelesen hat, obwohl ich bezweifle, dass ein unvoreingenommener Leser das Buch unbedingt spannend findet, wenn er z. B. jedesmal, bevor jemand stirbt, darauf vorbereitet wird, dass gleich jemand stirbt oder ständig moralisch darauf hingewiesen wird, was welche Szene gerade ausgesagt hat. Grundsätzlich ist mir der Autor aus seinem anderen Roman so sympathisch, dass es mir leid tut, sein Buch hier so zu zerreißen. Dennoch... Tiefgang ist gar nicht vorhanden, ab und an ein gelungener Gedankengang, zu knapp, um etwas zu retten.
Was man ihn dann doch irgendwie zu Gute halten muss, ist der Gang aus dem Kongo hinaus in das Londoner Leben von Thomson selbst zurück. Die Erzählerperspektive zeigt sich einfallsreich.
Zitat von Pinol
Ich zählte bis zu achtzehn verschiedene Grautöne

Dann wiederum erinnert man sich an die Anfangssituation, wo alle „Neger-Schreiber“ sterben und kein Grund, geschweige denn eine Annäherung geboten wird. Sie sterben, alle drei gleichzeitig, und niemand wird je erfahren, warum das nun so ist.
Das Ende ist zwar vorhersehbar, aber dann doch ganz gut gelöst; trotzdem bleibt das Buch ein Buch, das ich nicht wieder lesen würde.

Zur Versöhnung eine Stelle, die ich sehr gut fand:
Zitat von Pinol
Früher, als ich von den schlecht bezahlten, eiligen Aufträgen Doktor Flags abhing, musste ich jedes Buch in die Hand nehmen und mich fragen: Ist es wirklich das Geld wert? Gibt es mir genug zurück, um die ungeheure Summe der Ausgabe wettzumachen? Und hier muss ich sagen, ist die Armut der hellsichtigste Kritiker.


Man sieht, ganz abgeneigt bin ich nicht, diesen Autor in neuem Roman erneut zu lesen.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 31.05.2009 13:41 | nach oben springen


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