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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 30.07.2009 19:15
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Nun denn, widmen wir ihm also auch einen Ordner.
Karl Philipp Moritz wurde am 15. September 1756 in Hameln geboren. Er wuchs mit einem älteren Stiefbruder und jüngeren Geschwistern in ärmlichen, religiös vom Pietismus geprägten Verhältnissen auf. Sein hier gleich näher beschriebener, psychologischer Roman - wie er selbst ihn bezeichnet, während er gleichzeitig betont, dass es sich aufgrund der Detailgetreue auch um eine Biografie handelt - spiegelt die Schwierigkeiten der Ehe zwischen seinen Eltern und sein Heranwachsen, sowie seine Sehnsucht nach Kunst und Theater getreulich wider. Er wird tatsächlich zu einem Hutmacher nach Braunschweig in die Lehre gegeben, bricht diese ab, worauf ihm ein Pfarrer ein Stipendium für das Gymnasium in Hannover verschafft. Im Juli 1776 verlässt er die Stadt heimlich, um Schauspieler zu werden, wobei diese Pläne scheitern, ausführlich in "Anton Reiser" dargestellt. Während hier der Roman endet, immatrikuliert Moritz dann als Theologiestudent in Wittenberg 1777. Er beginnt schriftstellerisch tätig zu werden, wird Freimaurer und reist dann nach England, wodurch er mit dem Bericht dieser Reise "Reisen eines Deutschen in England" seinen Ruf als Schriftsteller begründet. Moritz stirbt am 26. Juni 1793 im Alter von 37 Jahren in Berlin an einem Lungenleiden.

Zu seinem Werk: "Anton Reiser"

Die Forschung hat nachgewiesen, dass das Geschilderte auf authentischen Erlebnissen beruht, dass sogar Personen, Örtlichkeiten, Verhältnisse, usw. zutreffen. Moritz beginnt mit seiner Kindheit und schildert dann nach und nach sein Heranwachsen bis in die Entwicklung mit dem innigen Wunsch, Schauspieler zu werden. Gleichzeitig wird anhand der äußerlichen und inneren Bewegungen der Charakter Reisers ins Bild gesetzt und von allen Seiten beleuchtet, insbesondere, trotz der von Moritz gewählten "Er-Form" das innere Empfinden, welches stark durch Zeit und Umstände geprägt wird.

Die Traurigkeit und innere Unsicherheit Anton Reisers entsteht sehr früh, weil er zwischen Eltern aufwächst, die einander nicht verstehen und sich dies über die Köpfe der Kinder hinweg lauthals vorwerfen. Er wird stark vernachlässigt, erfährt weder Liebe noch eine richtige Erziehung. Zusätzlich hat Anton mit neun Jahren einen bösen Unfall, dass ihm eine Weile droht, der Fuß amputiert zu werden, was ihn seelisch stark erschüttert. Letztlich findet sich eine Salbe, die die Schwellung und Entzündung langsam rückgängig macht, was aber nicht verhindert, dass Anton seitdem mit schrecklichen Schmerzen kämpft, die erst nach und nach wieder vergehen. Er findet keinen Zugang zu anderen Menschen und flüchtet sich in die Welt der Bücher, die sich alle mit Glauben, Gott und der Selbstaufgabe befassen, z. B. Zeilen von Madame Guyon, eine große Fürsprecherin des Quietismus, der eine Frömmigkeit prägt und fordert, die sich durch willen- und affektloses Sichergeben in Gottes Wille äußert und eine mystische Vereinigung mit Gott anstrebt. Durch weitere Lektüre über die griechischen Götter wächst in Anton eine Grausamkeit heran... wodurch seine Seele ebenfalls finster und menschenfeindlich gemacht wurde. Das sind die Voraussetzungen für seine tiefe, innere Verzweiflung und die damit einhergehende Prägung seines Charakters.
Vor dem Vater fürchtet er sich, der Mutter bringt er innige Liebe entgegen. Aufschlussreich beschreibt Moritz diesen Typ Mensch, das Verhaltensmuster, das sich durch die Mutter auf Anton überträgt:

Zitat von Moritz
Vielleicht wäre auch alles im Ehestand besser gegangen, wenn Antons Mutter nicht das Unglück gehabt hätte, sich oft für beleidigt, und gern für beleidigt zu halten, auch wo sie es wirklich nicht war, um nur Ursach zu haben, sich zu kränken und zu betrüben, und ein gewisses Mitleid mit sich selber zu empfinden, worin sie eine Art von Vergnügen fand.
Leider scheint sie diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der jetzt noch oft vergeblich damit zu kämpfen hat.


Er sucht das Gefühl des Unrechtleidens, um den Eltern innerlich die dementsprechenden Vorwürfe machen zu können. Eine Art Bockigsein, ausgelöst durch den Mangel an Liebe, ein eingebildetes Unrecht das sich mit dem wirklichen die Waage hält. Um das wirkliche Unrecht spüren zu können, muss er es herausfordern, etwas nachhelfen, um dann daran leiden zu können. Dieser erschreckende Zug an einem Kind treibt den Leser in die Nachdenklichkeit, weil gerade das religiöse Umfeld, in dem Anton heranwächst, der Streit zwischen der Gläubigkeit der Mutter und der Vorliebe des Vaters für Madame Guyon und ihre Anhänger, dazu beitragen, in ihm ein starkes Minderwertigkeitsgefühl und einen ganz eigenartigen Selbsthass und Wunsch nach Bestrafung durch sich selbst zu wecken.
Anton ist durch ein hohes Maß an Phantasie und eine tiefe Ängstlichkeit geprägt, während beide Dinge aufeinander einwirken. Gegen all die Gefahren – Hexen (alte Frauen), Gewitter und Gespenster hilft oftmals nur das Schlagen des Kreuzes, das ihm das Gefühl gibt, geschützt zu sein.
Was Anton tief durchdringt, ist die Empfindung des Unrechts, sei es von ihm in Gedanken verstärkt, sei es ein wirkliches. So hat ihn einst seine Mutter zu Unrecht gezüchtigt, was er sich immer wieder ins Gedächtnis ruft, sobald ihm Unrecht widerfährt. Die ungerechte Bestrafung weckt in ihm eine große Enttäuschung und einen ersten Sinn für den Trug der Unfehlbarkeit der Eltern.

Die erste Furcht vor dem Tod überkommt ihn durch ein einprägsames Ereignis, durch den Sturz eines Mannes, der sich den Schädel zerschmettert und stirbt. Durch die Vorstellung des zerschmetterten Kopfes wird sich Anton bewusst, dass damit auch Denken und Empfinden verloren gehen, was ihm mit Grauen und Entsetzen erfüllt. Durch den zerschmetterten Kopf wird der Tod als Vorstellung und das damit verbundene Verlieren des Seins sichtbarer, als sich den Tod an einem im Bett Sterbenden vorstellen zu können.

Während Anton also heranwächst, mit zwölf Jahren Lateinisch lernt, zeigt sich der Roman weiterhin sehr lehrreich, überhaupt in den Bezügen zur damaligen Literatur, dem Sprachgebrauch (wo noch demohngeachtet mit Feder und Dinte geschrieben wird) und anderen Lebensumständen. Das ist herrlich zu lesen.

Schließlich ist es Anton Reiser jedoch nicht beschieden, weiterhin lernen zu dürfen, sein Vater hält es für richtig, ihn in die Lehre zu einem Hutmacher zu geben, der dem Jungen Arbeit auflastet, die über seine Kräfte hinausgehen. Dazwischen ein Wechsel von Zuneigung und Abneigung zwischen dem Hutmacher und Anton, der diesen für einige Zeit durch geschickte Manipulation, nämlich dem Vortäuschen von Ahnungslosigkeit und Gottesnäheverlust, für sich gewinnt, um dann durch seine Klugheit wieder den Hass des Mannes heraufzubeschwören, gemischt mit dem Neid der anderen Untergebenen, die Anton diffamieren.
Die schwere Arbeit und die vielen Wunden belasten Anton aber vorerst nicht, ganz im Gegenteil blickt er mit Stolz und einer überspannten Freude auf die aufgerissenen Hände.
Die erste Furcht vor dem eigenen Tod und besonders der Hölle überfällt Anton dann während einer Krankheit, wo er Gott um Gnade bittet, ihn überleben zu lassen, damit er die „Frist zur Bekehrung“ noch nutzen kann, um seine Seele zu retten.
Zitat von Moritz
Das tat er dann auch, sosehr er konnte; er betete des Tages unzähligemal in einem Winkel auf seinen Knien, und erträumete sich zuletzt dadurch eine feste Überzeugung von der göttlichen Gnade, und eine solche Heiterkeit der Seele, dass er sich oft schon im Himmel glaubte, und sich nun manchmal den Tod wünschte, ehe er wieder von diesem guten Wege abkommen möchte.


Gleichzeitig empfindet er die „traurigen Folgen des Aberglaubens“ nun doppelt:
Zitat von Moritz
Aber er konnte nicht fehlen, dass bei allen diesen Ausschweifungen seiner Phantasie, die Natur ihren Zeitpunkt wahrnahm, wo sie wieder zurückkehrte – und dann die natürliche Liebe zum Leben, um des Lebens willen, in Antons Seele wieder erwachte. – Dann war ihm freilich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr etwas Trauriges und Unangenehmes, und er betrachtete diese Augenblicke, als solche, wo er wieder aus der göttlichen Gnade gefallen sei, und geriet darüber in neue Angst, weil es ihm nicht möglich war, die Stimme der Natur in sich zu unterdrücken.


„Sein Leiden“, so Moritz, „konnte man, im eigentlichen Verstande, die Leiden der Einbildungskraft nennen – sie waren für ihn allerdings wirklich empfunden und „raubten ihm die Freude seiner Jugend“.

In allen möglichen Zeichen und Vorfällen wittert Anton den bevorstehenden Tod, und überall, wo über den Tod geredet wurde, bezieht er das Gesagte auf sich selbst.

Zitat von Moritz
So war Anton nun in seinem dreizehnten Jahre, durch die besondre Führung, die ihm die göttliche Gnade durch ihre auserwählten Werkzeuge hatte angedeihen lassen, ein völliger Hypochondrist geworden, von dem man im eigentlichen Verstande sagen konnte, dass er in jedem Augenblick lebend starb.


Zurück in Hannover, dort wo seine Eltern leben, besucht er eine Schule, die Lehrer zur Übung nutzen und die damit kostenfrei ist. Er erlebt eine weitere Demütigung, als der Direktor (hier Inspektor genannt) ihn einen dummen Knaben nennt, obwohl er den anderen und überhaupt für sein Alter weit voraus ist. Seine Angewohnheit, sich die Predigen zu merken und danach zu Hause noch einmal festzuhalten, führen zu einem dicken Heft und vielen Möglichkeiten, wo er selbst predigen und vorharanguieren darf.
Besonders angetan ist er von Predigen, die the joy of grief bewirkten:
Zitat von Moritz
Eine solche Erschütterung der Seele durch eine solche Predigt war ihm mehr wert, als aller andre Lebensgenuß, er hätte Schlaf und Nahrung darum gegeben.


Aus heutiger Sicht ist gerade die Detailgetreue sehr interessant, zu sehen, mit welchen Büchern und Lateinübungen Anton sich beschäftigen muss. Da er selbst aus armen Verhältnissen kommt, wird ihm durch Wohltäter Unterkunft und wechselnder Tisch (Freitisch genannt) geboten, was er durch die Wohltat selbst als unangenehm empfindet. Manche der Wohltäter lassen es ihn auch spüren, dass sie eine Wohltat tun, was ihm die Sache noch schwerer macht. Bei seinen Eltern und seinem Arbeitgeber – dem Hutmacher – war das Annehmen von Speise und Trank gerechtfertigt, bei den Wohltätern aber nimmt er aufgrund einer Gefälligkeit, was ihn stark belastet. Darum ist so ein Ausspruch von Moritz sehr bewegend:
Zitat von Moritz
Möchten dies doch alle diejenigen erwägen, welche irgend jemandem Wohltaten erzeigen wollen, und sich vorher recht prüfen, ob sie sich auch so dabei nehmen werden, dass ihre gutgemeinte Entschließung dem Bedürftigen nie zu Qual gereiche.

Moritz zieht natürlich mit allem Sarkasmus gegen die pietistisch-quietistische Welt und ihren Grundkonzeptionen ins Feld. Er zeigt diese "göttliche Führung", die "zuvorkommende Gnade" aus einem anderen Licht, zeigt, dass der Mensch, der ja nach der christlichen Grundposition von Natur aus (durch die Sünde) verdorben ist, durch die Gnade nicht geheilt, sondern durch sie erst in sein eigenes Leid gestoßen wird.

Anton ist gleichzeitig auch stark von seiner Außenwelt abhängig, wie es in diesem Alter völlig normal ist. Er lechzt nach Anerkennung und träumt von einer besonderen Stellung in der Welt, was dann nicht mehr ganz so normal ist, sich aber aufgrund der fehlenden Liebe der Eltern, seiner Minderwertigkeitsgefühle und dem durch seine Mitschüler immer häufiger über ihn verübten Spott erklärt. Moritz nennt es öfter seinen Hang zur Eitelkeit. „Es lag ihm mehr am Schein, als an der Sache, obgleich die Sache ihm auch nicht unwichtig war.“ Sobald er aber Unzufriedenheit in den Gesichtern bemerkt, „da war er sehr geneigt, an der Möglichkeit zu verzweifeln, jemals ein Gegenstand ihrer Liebe oder ihrer Achtung zu werden.“ Der Kopf und der Zweifel überwuchern ständig das Herz, zudem wird er mit der ganzen Gläubigkeit und Religiosität konfrontiert, aus der er weitere Ängste gewinnt, und die Moritz nicht umsonst dermaßen überspitzt und grell darstellt, was Reiser von dem eigenen, hilflosen Glaubensversuchen schließlich über die Philosophie in eine eigene Weltvorstellung bewegt, die ihm sein Leid und sein ihm grausam mitspielendes Schicksal erklären soll, wobei auch das natürlich unsicher bleibt, wo Anton aus "der Wonne des Denkens" in die tiefe Verzweiflung getrieben wird, das Nichts erspürt und fürchtet und sich eines Führers beraubt fühlt.
Moritz schreibt also nicht nur eine Biografie, sondern versucht seine Zeit, sein Umfeld, die Meinungen und Ansichten und die Gläubigkeit der Menschen näher zu betrachten, er hat übrigens mit Iffland studiert, dessen Charakter von ihm eindrucksvoll dargestellt wird. Auch wird die Bestrafung einzelner Lehrer näher beleuchtet, die sowohl Ohrfeigen wie Peitschenschläge beinhalten.
Auch erfährt man z. B. solche Details, dass 1771/72 eine große Teuerung in Niedersachsen herrschte, die viele Menschen Hungers sterben ließ.

Der Hass und Spott seiner Mitschüler, die oftmals ungerechte Einschätzung der Lehrer und sein eigenes, sich der Einsamkeit verschreibendes Wesen machen Anton schließlich zum Menschenverächter, er entdeckt seine Vorliebe für Theaterdialoge, zieht sich in die Welt der Dramen und Romane zurück. Die Welt außen hat nichts mehr mit der inneren Welt zu tun.
Schön, wie Moritz dazwischen ein paar Worte an die Erziehenden und Lehrer richtet, um ihnen klar zu machen, wie verheerend ein von ihnen getroffenes Urteil über einen Schüler sein Leben vernichten und durcheinanderbringen kann, während es leicht gewesen wäre, mit einer Geste der Zuversicht die gesamte Meinung der Mitschüler wie auch die Einstellung des Schülers zu sich selbst wieder herzustellen.
Zitat von Moritz
Möchte dies alle Lehrer und Pädagogen aufmerksamer, und in ihren Urteilen über die Entwicklung der Charaktere junger Leute behutsamer machen, dass sie die Einwirkung unzähliger zufälliger Umstände mit in Anschlag brächten, und von diesen erst die genaueste Erkundigung einzuziehen suchten, ehe sie es wagten, durch ihr Urteil über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden, bei dem es vielleicht nur eines aufmunternden Blickes bedurfte, um ihn plötzlich umzuschaffen, weil nicht die Grundlage seines Charakters, sondern eine sonderbare Verkettung von Umständen an seinem schlecht in die Augen fallenden Betragen schuld war.


Da ihm von Außen so viel Abneigung entgegengebracht wird, empfindet er sie auch für sich selbst, wird dadurch gleichgültig, verlottert im Aussehen und in seiner Kleidung, dass er bald nicht mehr wagt, seine Freitische zu nutzen und dadurch dann auch noch Hunger leidet.
Zitat von Moritz
Mit einer Art von schrecklichem Wohlbehagen, sahe er seinen Körper ebenso gleichgültig wie seine Kleider, von Tage zu Tage abfallen.

Gleichzeitig vergeht mit dem Verfall und Hunger auch die Phantasie und der Wunsch und die Konzentration zu lernen. Alles, was ihm Trost bietet, ist die Welt der Dramen und Literatur, dazu noch eine Theatertruppe, die ihm die trostlosen Stunden seines Lebens etwas erleichtern.
Anton verfällt immer mehr, bezeichnend für ihn ist folgende Beschreibung:
Zitat von Moritz
An guten Vorsätzen war er unerschöpflich. – Dies machte ihn aber auch beständig mit sich selber unzufrieden, weil der guten Vorsätze zu viele waren, als dass er sich selber jemals hätte ein Genüge tun können.

Dieses Verhalten wird ihm als schlechter Charakterzug anerkannt ebenso wie später die nächtlichen Spaziergänge, die nichts mit dem zu tun haben, was in sie hineingedeutet wird.

Antons Reisers Entwicklung mit zu verfolgen, erweckt großes Mitgefühl für diesen Jungen, der aus all der Selbstunsicherheit und den gegen ihn gerichteten Umständen und dem Verhalten anderer, das er als Wahrheit anerkennt, unfähig ist, aus sich selbst zu blicken, der alles, was um ihn herum geschieht, ständig auf sich bezieht, und dadurch in eine alles umfassende Einsamkeit gerät. Weiter verstärkt sich in ihm der Wunsch nach Rückzug, während er seine Aufmerksamkeit umso stärker auf Philosophie und Wissenschaft lenkt, damit nicht mehr bloß phantasiert, sondern meditiert.
Interessant sind seine Erkenntnisse über die Verlassenheit des Einzelmenschen unter der Masse Mensch, das Nichtwissen über jedes Leben von ihnen, die Unbedeutung eines Einzelnen (gerade, wo er doch immer von einer außergewöhnlichen Rolle seiner selbst in der Welt träumt), was ihm besonders stark bei einer Hinrichtung bewusst wird. Auch vergleicht er den Unterschied zwischen Mensch und Tier. In diesem Durchdenken bemerkt er, dass er sich selbst nie entfliehen kann, stets mit der Last seines Daseins konfrontiert sein wird, so dass er für einen Moment den Wunsch verspürt, von einer Brücke zu springen. Da Kälte und Hunger ihn wieder in die Welt zurückführen, besinnt er sich, kehrt als „Tier“ zurück, während er den „Menschen“ in sich über dem Fluss zurücklässt, weil dieser ihm als Dasein unerträglich ist.

Erneuten Trost findet er in den Werken und Dramen von Shakespeare. Dort wird ihm eine Welt der menschlichen Leidenschaften offenbart, die ihm von der Vorstellung des Alleinseins entfernt, seine eigenen Qualen nicht mehr vereinzelt, sondern als allgemeines Los der Menschen betrachten lässt.
Durch Shakespeare kommt er auch einem Menschen näher, seinem Freund Philipp Reiser, den es, wie alle Gestalten im Roman, wirklich gegeben hat und von dem sich Moritz den Namen für sein Alter Ego geliehen hat. Durch ihn kommt er schnell über den Spott seiner Mitschüler hinweg, wie auch dadurch, dass er das ihm Widerfahrene in Worte kleidet und aufschreibt. Natürlich bleiben trotz allem die Narben zurück. Seine Persönlichkeit ist von all diesen Umständen bereits tief gezeichnet.
Als Anton Reiser dann endlich Anerkennung für seine Poesie findet, Erfolg hat, sogar eine Rede an die Königin halten darf, bleibt er trotzdem durch sich selbst verfolgt, genießt für eine Weile die Lust an der Reise, kehrt zurück und sehnt sich fanatisch, bestimmte Rollen in Theaterstücken spielen zu können, wodurch er auf Ruhm und Ewigkeit hofft. Da ihm eine Rolle versagt bleibt, richtet er seinen ganzen Missmut auf diese Absage, bemitleidet sich selbst, spielt mit dem ebenso am Theater interessierten Iffland mit Revolvern und kümmert weiter vor sich hin. Da die wirklichen Demütigungen nicht mehr stattfinden, der Spott sich nicht mehr auf ihn richtet, zerrt er an diesem Unglücklichsein der Vergangenheit, stellt sich immer wieder sein Leid vor, glaubt sich für das Elend geboren, bis er durch seinen Trübsinn wieder auffällt und tatsächlich verspottet wird. Er ist ein Gefangener seiner selbst:
Zitat von Moritz
Es war ihm unmöglich geworden, jemanden außer sich, wie seinesgleichen zu betrachten - jeder schien ihm auf irgendeine Art wichtiger, bedeutender in der Welt, als er, zu sein - daher deuchten ihm Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung - weil er nun glaubte, verachtet werden zu können, so wurde er wirklich verachtet und ihm schien oft das schon Verachtung, was ein anderer, mit mehr Selbstgefühl, nie würde dafür genommen haben.


Zum besseren Verständnis fasst Moritz das, was da im Inneren passiert in der Konfrontation mit dem von Außen heran dringenden Spott ins Wort:
Zitat von Moritz
Das Lächerlichwerden ist eine Art von Vernichtung, und das Lächerlichmachen eine Art Mord des Selbstgefühls, die nicht ihresgleichen hat. – Von allen außer sich gehasst zu werden, ist dagegen wünschens- und begehrenswert. – Dieser allgemeine Hass würde das Selbstgefühl nicht töten, sondern es mit einem Trotz beseelen wovon es auf Jahrtausende leben und gegen diese hassende Welt Wut knirschen könnte. – Aber keinen Freund, und nicht einmal einen Feind zu haben – das ist die wahre Hölle die alle Qualen der fühlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich fasst.


Auch interessant zu erfahren ist die Werbung zum Soldatentum, der Reiser überall auf seiner Reise begegnet. Da man ihn oft für einen Landstreicher hält, versucht man ihn als Soldat zu werben. Die damaligen Gebräuche treten deutlich vor Augen.

Als er endlich Gotha erreicht, sogar einen bekannten Schauspieler aufsucht, der ihm zugeneigt ist, muss er doch erfahren, wie seine Träume einfach zerplatzen. Er macht in einem Gasthof Schulden, weil er jederzeit damit rechnet, eine Rolle am Theater zu erhalten, was ihm dann verwehrt wird, wie auch die Versuche, umsonst zu arbeiten oder einer zweitrangigen Theatertruppe beizutreten. Für Anton bricht hier eine Welt zusammen, dass er weiter wandert und hungert, zurück nach Erfurt kehrt, wo sich ihm überraschenderweise eine neue Möglichkeit eröffnet. Ein Prälat kümmert sich dort um Studenten, die kein Geld besitzen, ermöglicht ihnen Unterkunft und ein kostenloses Studium an der Universität. Anton kann kaum fassen, was mit ihm geschieht, schon fühlt er sich wieder seiner Freiheit beraubt, sitzt zwischen anderen Studenten und leidet. Was ihn scheinbar ständig auf sich selbst zurückwirft, ist gerade der Moment, den man leben muss, den er aber als Bedrohung ansieht und nicht versteht, außer in Träumereien, darüber hinaus zu blicken. Nicht unbedingt in eine Zukunft, sondern den Zustand hinzunehmen, der sich stets im Wandel befindet. Er bittert an diesem kummervollen Augenblick, und der einzige Blick, den er in eine spekulative Zeit wirft, ist der Blick zurück, wenn an ihm Unrecht getan wurde, und das auch noch als eine Art Genugtuung, nicht um zu verdeutlichen, warum er so ist, wie er ist, sondern um befriedigt in den Zustand der Lethargie zu kippen. Sobald er nicht mehr das „Einzelne, Abgerissene und Zerstückte in seinem Dasein“ betrachtet, fühlt er sich besser, weil er den „gewissen Zusammenhange“ entdeckt. Moritz erklärt, dass sein Kummer genau darum entfacht wird, weil er sich nicht über „den gegenwärtigen Moment erheben“ kann.

In einer Zeit, wo Armut als Laster und Hinweis auf den verdorbenen Menschen galt, bleibt die Unsicherheit Reisers durchaus nachvollziehbar. Seine Sorge über sein Aussehen und der mit seinem dann überwiegenden Kummer Verfall dieses Aussehens machen sichtbar, dass der innere Glanz seiner Talente und seiner Klugheit dadurch umso stärker ins Wanken gerät. Gleichzeitig packt ihn dazu immer wieder der Lebensüberdruss.
Umfeld und Innenleben haben eine wechselseitige Wirkung auf den Menschen, insbesondere in dieser Zeit, wo alles darüber gemessen und beurteilt wird, wo selbst die eigenen Möglichkeiten dadurch beschränkt oder eröffnet werden. Die heutige Unabhängigkeit und Gedankenfreiheit war damals undenkbar, und gleichzeitig ist der tiefe Kern davon immernoch vorhanden. Hast du nichts, bist du nichts. Nur muss man heute für diese Entscheidung nicht unbedingt hungern. Zu Moritz Zeiten aber hing davon alles ab. Dort erfährt man zum Beispiel von einem Arzt, der denen hilft, die der Hilfe am nötigsten bedürfen, die also seine Hilfe nicht einmal bezahlen können. Da er aber von ihnen kein Geld nimmt, gerät er bei den angesehenen Bürgern in Verruf und Verdacht, was ihn dann schließlich selbst an den Rand des Elends bringt.
Es reichte nicht aus, die Werte aufrechtzuerhalten oder menschlich zu handeln, sondern bedurfte eines guten Ansehens, das sich zumeist nur aus dem Besitz, Geld und Umgang zusammensetzte. Die stark vorherrschende Gläubigkeit blieb dabei trotzdem nur Trost, nicht die Einschätzung des Menschen, der da gläubig war. Ein Mensch, der ins Unglück oder in Armut geriet, musste in solchen Augen dann auch ein schlechter oder liederlicher Mensch sein. Und da diese Meinung vorherrschte, fragte sich auch der Mensch selbst, ob darin nicht Wahrheit lag.
Hier der Arzt:
Zitat von Moritz
Wie konnte er seinem innern Werte noch trauen, da die ganze Welt ihn verkannte.


Was Reiser letztendlich immer wieder scheitern lässt, ist neben der Selbstquälerei und Selbstunterschätzung tatsächlich seine (dem fast im Gegensatz gegenüberstehende) Eitelkeit. Er will etwas sein, ohne sich selbst wertzuschätzen, er will dichten, stellt sich aber, statt die Arbeit und das Schreiben zu genießen oder sich dieser Kunst zu verschreiben, nur den Effekt vor, den sein Geschriebenes auf die Leute ausüben könnte, hofft auf Ruhm und Ehre, ohne bereits begonnen zu haben.
Seine Art, einfach aufzubrechen, ist einerseits großartig, wäre dieser Aufbruch aus tatsächlich freien Absichten und dem Wunsch nach Freiheit oder dem Entgegengehen eines Ziels erfolgt. Doch Reiser flüchtet immer nur aus den ihn belastenden Umständen, entkommt dabei aber nie sich selbst. Im Grunde weiß er nicht, was er will. Das Theater lockt ihn, aber nicht wegen der Kunst selbst, sondern wegen dem erhabenen Gefühl, von Leuten bewundert zu werden und vor ihnen zu sprechen. Eine Art Zurschaustellung, die wahrscheinlich jeder Schauspieler benötigt. Bei Reiser aber genügt nie das, was er bekommt. Sobald der Augenblick von einem Möglichen in das Hier und Jetzt wechselt, wird der Traum zur Wirklichkeit und ist damit keine Erfüllung mehr. Reiser lebt lieber in seinen Idealvorstellungen, als in der wirklichen Welt, als sein zukünftiges Ich, statt auf das jetzige Ich zu blicken.

Was Moritz mit diesem Roman in vier Teilen neben der ausführlichen Darstellung seines eigenen Lebens und den Ereignissen der damaligen Zeit zeigen möchte, ist der Ursprung der Vernachlässigung durch die Eltern, die fehlende Liebe, schließlich das Fatale der Lästerei, des Spotts, des Unterschätzen und die Wirkung all dessen auf ein Kind, das selbst unsicher ist und aus dieser inneren Unsicherheit jeden Zug tödlich ernst nimmt und ab einem bestimmten Zeitpunkt sich selbst dann nur noch als lästig empfinden kann, all das, was es tut, als unzulänglich betrachtet, sich selbst lieber in Erfolg und Pracht träumt, als in der Wirklichkeit auch nur einen einzigen Lichtblick zur Erfüllung solcher Träume zu erwarten oder zu erhoffen. Selbst, wenn so ein Zustand gerade eintrifft, ist Reiser nicht fähig, ihn zu erfassen, als das, was er ist, sondern sieht sich immer nur seiner eigenen Unzufriedenheit und dem Hass auf sich selbst gegenübergestellt. Das ist tragisch, gerade weil Anton Reiser ein talentierter, junger Mensch ist, und die Freude an diesen Talenten nicht auskosten kann, wie auch das Leben selbst. Sobald sich die Wirklichkeit auch nur ein bisschen an seine Träume anpasst, schreckt er zurück oder sucht sich einen neuen Grund, um weiter zu leiden, während sich inneres Unglück beständig mit dem äußeren abwechselt, wodurch wiederum die Wechselwirkung beider Zustände deutlich hervortritt.

Der Roman endet erneut mit der Tragik äußerer Umstände, wo Anton Reiser sich endlich ganz und gar dazu entschließt, nachdem er zuvor einige Male gescheitert ist, die Universität zu verlassen, um Schauspieler zu werden, bis er auf die Theatertruppe trifft, die sich gerade aufgelöst hat. Ein Bedauern ergreift den Leser, sobald die letzten Zeilen umgeblättert sind, denn in diesen Erinnerungen Moritz’ könnte man wahrscheinlich ewig weiterlesen...




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.07.2009 19:53 | nach oben springen

#2

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 31.07.2009 20:20
von Hyperion (gelöscht)
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ich überleg mir gerade, mich echt mal zu freuen, ohne ironie, einfach so, ob der guten analyse des romans qua solche. den "reiser" hab ich 4 mal gelesen und er macht mir immer wieder angst und fasziniert mich zugleich. das wort "freitische" kenne ich nur dank dieser lektüre. aber auch sonst habe ich diesem roman viel zu verdanken.

LG
er

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#3

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 31.07.2009 20:28
von Zypresserich • 2.872 Beiträge

Hm, muss ich mir wohl auch mal ordern.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#4

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 31.07.2009 20:39
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

"Anton Reiser" ist ein herrliches Stück Literatur. Auch zeigt es deutlich, dass es wichtig ist, die Dinge aus sich selbst zu betrachten, ohne äußerliche Ansichten ernstnehmen zu müssen.
Ja, diese Freitische und überhaupt die Chancen, die sich Anton bieten, sind beeindruckend. So sieht man, dass das Studium auch hin und wieder denen ermöglicht wurde, die kein Geld besaßen.
Dieses ganz spontane Aufbrechen fand ich gut, seinen Träumen folgen, auch wenn Anton leider nur zu oft gescheitert ist. Er hat damit in meinen Augen einen Mut gezeigt, der ja im Roman auch einige andere bewegt, es ihm nach zu tun (z. B. Iffland). Diese Reisen zu Fuß, die Strapazen, die wenigen Pfennige in der Tasche ... und trotz allem der Aufbruch, zeigen, was an innerer Kraft in Anton steckte und vielleicht sein Leid überwog. Vielleicht eine Art Ankämpfen gegen den Lebensüberdruss.
Moritz hat diese Perspektive, das Gefährliche daran, überhaupt wunderbar dargestellt, wo es einerseits so gut nachvollziehbar ist und andererseits auch darauf verweist, wie schnell sich die Dinge um einen herumbauen und ganz verfremdete Bilder und Wirkungen annehmen. Dieses "Man sollte sich selbst nie all zu ernst nehmen" - wird deutlich und gewinnt darum einen umso stärkeren Sinn!

Hier ist ein schöner Link zu Moritz' Werken (auch den "Andreas Hartknopf" findet man dort, im Gegensatz zur Gutenberg-Auswahl!)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 31.07.2009 21:10 | nach oben springen

#5

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 02.05.2010 12:17
von LX.C • 2.673 Beiträge

Hat eigentlich jemand (von euch) "Bekenntnisse" von Rousseau gelesen?


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#6

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 02.05.2010 13:24
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Du hast sein "Leiden" im Hinterkopf, oder?

Ich staunte nicht etwa darüber, mich dauernd sterbend zu fühlen, sondern im Gegenteil darüber, dass ich noch immer lebte...

(Rousseau "Bekenntnisse" - Sechstes Buch)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 02.05.2010 13:25 | nach oben springen

#7

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 03.05.2010 00:34
von LX.C • 2.673 Beiträge

Zitat von Taxine
Du hast sein "Leiden" im Hinterkopf, oder?



Nein, gar nicht. Sondern den unmittelbaren literaturhistorischen Zusammenhang der Werke. Moritz war von Rousseaus "Bekenntnisse" maßgeblich beeinflusst. Rousseau und Moritz Vorreiter, was das psychologische Moment im Roman betrifft.

Die Protagonsiten der beiden Werke haben vieles gemein, was mir aber an "Bekenntnisse" besser gefällt, ist, dass die Charaktere kontrastreicher ist und Rousseau auch die dunkelsten Seiten des Charakters nicht ausspart.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 03.05.2010 00:37 | nach oben springen

#8

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 03.05.2010 14:48
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Wenn ich aus der Erinnerung vergleiche, so wirkt Moritz auf mich trotzdem irgendwie aufrichtiger. Rousseau erscheint mir oft so, als würde er die Dinge dramatisieren (was dann spannender zu lesen ist). Die "Bekenntnisse" sind natürlich überhaupt Grundlage der Ich-Berichte im Ausloten der Psyche.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.05.2010 14:49 | nach oben springen

#9

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 03.05.2010 19:35
von Zypresserich • 2.872 Beiträge

War nicht Rousseau der bekennende Masturbator, weil es in der Fantasie schöner sei als in "echt", weil man in der Fantasie mit dem Objekt der Begierde tun könne, wie man will? Ich meine, mich ziemlich genau erinnern zu können, müsste aber tief tief in der Speicherkisten Eingeweide vordringen, um die irgendwann vor Jahrzehnten gelesene Quelle wiederzufinden.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
zuletzt bearbeitet 03.05.2010 20:10 | nach oben springen

#10

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 04.05.2010 09:34
von LX.C • 2.673 Beiträge

Zitat von Zypresserich
War nicht Rousseau der bekennende Masturbator


Mir ist bisher nur der bekennende Masochist bekannt.

Zitat von Taxine
Wenn ich aus der Erinnerung vergleiche, so wirkt Moritz auf mich trotzdem irgendwie aufrichtiger. Rousseau erscheint mir oft so, als würde er die Dinge dramatisieren (was dann spannender zu lesen ist).



Das ist anerkanntermaßen so. Aber Rousseau ist schonungslos und gnadenlos "ehrlich", wenn auch nicht immer mit einer Einsicht, die vielleicht angemessen erscheinen würde.
Die Rekonstruktion von Erinnerung, das neu Ordnen und Zurechtmachen der Fakten geht bei ihm oftmals mit einer egomanen Übersteigerung einher, was dem Werk romanhafte Züge verleiht. Die Autobiographie nähert sich damit dem Roman an und später, mit Moritz der Roman der Autobiographie.
Moritz war zwanzig Jahre später (die Entstehungsgeschichte der "Bekenntnisse" begann 1764/65) sicherlich weiter in seinen Erkenntnissen über die Selbstbetrachtung. Er reflektierte schon vor Anton Reiser über die Gefahren der Selbstdarstellung.

"Man kann den Gedanken nicht gut vermeiden, daß man seiner eigenen Person eine zu große Wichtigkeit beilegt, indem man gerade selbst der Gegenstand dieser Beobachtungen seyn will." (Moritz, Beiträge zur Philosophie des Lebens, 1780)

Bei Rousseau geschah dies oder zumindest ein Nachdenken über das Erinnern erst während des Schreibprozesses, was dann immer wieder mit einfloss.

Reiser ist also ein gut geplantes, angelegtes und durchdachtes Projekt im Kontext Moritz Erfahrungsseelenkunde. Die Distanz die er suchte und die gewählte Gattungsbeschreibung sind kein Zufall. Moritz hat sich bezüglich einer Fiktionalisierung im dienlichen Maße keinen falschen Illusionen hingegeben. Um den Leser zu leiten und nicht zu irritieren, erkante er die Notwendigkeit, die Masse an Erfahrungen (auch die kleinsten) zu einer stimmigen Geschichte neu ordnen und literarische Sinnzusammenhänge schaffen zu müssen an.
Eine schonungslose Offenheit innerster Angelegenheiten war weder Ziel noch notwendig für sein Projekt und zu jener Zeit auch schon wieder verpönt (Herder, Wieland). In diesem Sinne würde ich Moritz keineswegs als aufrichtiger, sondern als dem Handlungsverlauf und dem Ziel der Veranschaulichung gefälliger bezeichnen, was auf den Leser aufrichtiger wirken soll und mag.

Rousseaus Bekenntnisse dagegen sind eine Art Selbstgeißelung im Alter, die zur Obsession wurde, für die es bei Moritz, der sein Werk in jungen Jahren verfasste, vermutlich auch gar keinen Anlass gegeben hätte. Der direkte Anlass für Rousseau war die öffentliche, scharfe Anprangerung seiner Doppelmoral durch Voltaire. Flucht nach vorn, sozusagen.

"So begann sich in mir jenes stolze und zugleich so zärtliche Herz und jener Charakter zu formen oder zu zeigen, der, weich und dennoch unbeugsam, stets zwischen Schwäche und Mut, zwischen Schlaffheit und Kraft hin und her schwankte, mich bis ans Ende in Widerspruch zu mir selber gesetzt und bewirkt hat, daß sowohl Enthaltsamkeit wie Genuß, sowohl Sinnenlust wie Mäßigung meinem Leben gleicherweise gefehlt haben." (Rousseau: Bekenntnisse, Insel 1985, S. 45-46.)

Diese Essenz eines facettenreichen, ganzheitlichen Charakters stimmt auf alles ein. Dagegen wirkt Reiser auf mich (ohne den literaturhistorischen Wert des Werkes abzuerkennen und die Identifikation des einen oder anderen aufgrund der eigenen Seelenerfahrungen) wie ein seichtes Fahrwässerchen.


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#11

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 05.06.2010 12:32
von LX.C • 2.673 Beiträge

Mindestens zwei Personen hier im Forum haben "Anton Reiser" ja mit Leidenschaft gelesen. Sind euch Stellen im Text aufgefallen und geläufig, in denen Erinnern thematisiert wird?


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zuletzt bearbeitet 25.06.2010 11:02 | nach oben springen

#12

RE: Karl Philipp Moritz

in Die schöne Welt der Bücher 24.06.2010 22:22
von LX.C • 2.673 Beiträge

Zitat von Taxine
Wenn ich aus der Erinnerung vergleiche, so wirkt Moritz auf mich trotzdem irgendwie aufrichtiger. Rousseau erscheint mir oft so, als würde er die Dinge dramatisieren (was dann spannender zu lesen ist). Die "Bekenntnisse" sind natürlich überhaupt Grundlage der Ich-Berichte im Ausloten der Psyche.



Rousseau schiebt zunehmend nur noch Paranoia. Da wird man am Ende selbst ganz wirr im Kopf. Ich bin nun also doch froh, dass es gleich vorbei ist. Moritz war gewiss klarer im Kopf und ist sein Projekt rationaler angegangen. Die Frage nach Aufrichtigkeit ist damit aber nicht aus dem Weg geräumt.


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