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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 10.09.2009 11:34
von LX.C • 2.691 Beiträge

Hinze-Kunze-Roman
Realismusbegriff und Gender Trouble

Das passiert einem auch selten. Man will ein Buch vorstellen und weiß eigentlich gar nicht mehr so richtig, worin die Handlung bestand. Schlechte Voraussetzung, gewiss. Doch schnell stellt man fest, dass es nicht der Plot in Volker Brauns "Hinze-Kunze-Roman" (1981, veröffentlicht 1985) ist, der einen an dieses Buch gefesselt hat, sondern die rhetorischen Überraschungen und Höhepunkte, die der Autor immer wieder zu setzen versteht.
Fangen wir trotzdem mit der Handlung an, so gut es eben geht, so einfach sie eben scheint. Sie kann nur Grundgerüst sein, ein durchlässiges Korsett, das zusammenhält.
Kunze und Hinze, der eine ein hohes Tier des DDR Staatsapparates, der andere dessen Fahrer. Kunze liebt alle Frauen, außer die eigene. Alle, das schließt Hinzes Frau mit ein. Hinze kriegt das spitz, unternimmt aber nichts, denn Kunze ist sein Freund, oder doch zumindest ein Mann, mit dem er sich in einem Boot, pardon, in einem Auto sitzen sieht. So fahren beide disputierend, diskutierend, referierend von einem Termin zum nächsten. Zwischendurch machen sie Hinzes Frau Lisa ein Kind, wer auch immer, bauen sich einen Bunker in Kunzes Garten und werden schwul.
Die selbstbewusste Lisa, die dem sozialistischen Manne ebenbürtig werden soll, die anpackt, sich schult, delegiert, zieht das Kind ohnehin alleine groß. Weil sie eben Männer, oder zumindest einen bestimmten, nicht mehr benötigt, wenn sie diesen ebenbürtig ist.
Das alles hört sich eigenartig an, ist es auch, und kommt dem Buch nicht nahe. Nein, nein. Also lassen wir das. Nähern wir uns lieber über den Erzähler und steigen bei der einstigen Leitfrage eines jeden DDR-Bürgers ein:

"Freiheit, wie schmeckst du? Wie kommt man auf den Geschmack? – Ich habe Pause, lieber Leser." Na das fängt ja gut an. "Dein Pech. – Freiheit, das ist Einsicht in die Notwendigkeit und dementsprechendes Verhalten." (42) Schon befinden wir und in einer längeren philosophische Abhandlung über Freiheit und Notwendigkeit anhand des Kant, nein, nicht Immanuel, anhand des Kantinenessens, das Hinze der Fresssack, wie der Erzähler ihn so schön nennt, zu sich nimmt, während Kunze einer Betriebsversammlung beiwohnt.
Derartige Eingriffe des Erzählers, der ohne Zweifel der chaotischste auktoriale Erzähler ist, den man je erlebt hat, der sich später aus Verzweiflung über seine Figuren gar in Metalepsen mit diesen kurzschließt, sind Programm. Ein weiteres Beispiel.
Den Versuch Kunzes, sich Hinzes Lisa in der Datenzentrale eines Kombinats zu nähern, nimmt der Erzähler zum Anlass, sozialistische Realität und Sozialistischen Realismus gegenüberzustellen.
"Das konnte schon gehen. Er und sie! aber wie kam er dahin? KUNZE (bedächtig:) Wie wär es, wenn du dich entwickelst. LISA (lächelte, streckte die Brüste vor:) Bin ick nich? KUNZE Wenn du dich qualifizierst? LISA (griff sich in den Schoß:) Spielste darauf an. Er schwieg, ihre politische Unreife verwirrte ihn. […] KUNZE Zum Ingenieur. Zum Abteilungsleiter! LISA Det wird hier keene Frau. Da quäl ick mir nich ab. Det sind wieder Männer. Scheißwelt." (74)
So geht’s nicht, stellt der Erzähler unter dem Deckmäntelchen des gesellschaftlichen Interesses fest: "Ich ziehe die Fassung zurück. Die Begebenheit selbst mag stimmen […], aber die Sicht des Erzählers ist nicht gutzuheißen." Es folgt eine Erörterung über literarische Darstellung im Sozialismus, die mit dem Aufruf endet: "Seht euch im Leben um! Lernt von der Wirklichkeit. Macht es euch nicht zu leicht!" Eine Phrase des Sozialistischen Realismus, eine Antithese, wie dem Leser mit der darauf folgenden umgeschriebenen Szene auch gleich demonstriert wird: "Die Kolleginnen im Magnetbandraum gratulierten ihr, übrigens ohne den Datenbetrieb zu unterbrechen. […] Lisa Hinze sagte abschließend: ‚Ich möchte allen Anwesenden in der Republik, besonders aber Herrn Kunze, von Herzen danken. Ich werde mich bemühen, der hohen Auszeichnung durch höchste Leistungen gerecht zu werden. Ich danke dem Staat und dem Volk." (75) Jawohl, ein Schlag in die Fresse ist diese Hyperbel. Welch Kraft, welch Macht der Textualität, angesichts des doktrinären Propagandarealismus, den Braun hier in die Satire rückt.
Zu guter vorletzt muss sich der Erzähler auch noch vor einem Gremium der Diskussion stellen, die aufgrund der Struktur des Romans gar nicht anders hätte verlaufen können, als "dass Frau Prof. Messerle von einem anderen Buch sprach, das ich hätte schreiben sollen: obwohl es kürzlich ein anderer geschrieben hat. Sie konnte nicht genug gleichartige Bücher bekommen, musterhafte, sie stellte sie vermutlich im Wohnzimmer nebeneinander, eine sichere Bastion gegen die unzuverlässige Wirklichkeit. […] 'Der Autor B. hat einfach den roten Faden verfilzt. Man erkennt die Masche nicht mehr!'" (147, 149) Druck abgelehnt. Punkt.

Verlassen wir also die Annäherung über den Erzähler, der mit seinem Mut zur Unkonventionalität sein Glück vorerst verspielt hat, und gehen noch mal auf die bereits thematisierte Stellung der Frau ein, die eine dem Manne gleichberechtigte Rolle in Gesellschaft und Arbeitswelt einnehmen sollte. Eine, die in der Bundesrepublik so gar nicht erwünscht war. Denn als noch die Frauen Hausfrauen waren, da stimmten die Arbeitslosenzahlen.
"Dies war entschieden neu: diese Stellung der Frau, die in keinem westlichen Bildheftchen beschrieben ist. Sie war keine Magd mehr, sie war so gut wie ein Mann wie jeder in der Planung, sie wurde gefördert zu ihrem Glück." (40)
Wie sieht das konkret aus, wenn der Delegierte Kunze die sozialistische Frau fördert? "Die Zweige knacken. 'Hast du Angst? Das musst du nicht. Es geht langsam los. Da nimmt man Rücksicht.' – 'Und warum ich? Sucht Euch eine Dumme.' – 'Dumm wärst du, wenn du dich zierst.' […]‚ Streng dich an. Mach mit. Hab ein Ziel vor den Augen.'" (39,40)
Und wie ihre Stellung nach der Qualifikation? "Das beredete Weib blieb derweil breitbeinig am Feldrain sitzen. Es schien ihr im Kopf zu sausen." (41)
Alles nur Scheinemanzipation? Die Geschlechterrollen sind trotz guter Vorsätze die alten geblieben, will uns der Autor auf satirischem Wege sagen. Wenngleich Frauen im Sozialismus frühzeitig ihre Kinder in Betreuung gaben und arbeiteten, die faktische Gleichberechtigung blieb aus. Frauen gewannen durch ihre Integration in der Produktion ohne Frage an Selbstbewusstsein gegenüber den Männern. Doch Führungspositionen waren jenen vorbehalten, vom Polit- bis ins Betriebsbüro, auch das bessere Gehalt und das Feierabendbier auf der Couch. Haushalt und Kinderbetreuung blieben nach wie vor an ihr hängen, dann eben nach der Arbeit.
Und das ist es wohl allgemein, die ewig gebrochenen Vorsätze. Gebrochen durch scheinbar unüberwindbare menschliche Defizite: Machtbestreben, Raffgier, Eigennutz, Egoismus, die auch der Sozialismus nicht ausrotten konnte. Eine Nachwendebetrachtung Brauns ("Das Nichtgelebte") lässt nur noch den Schluss zu: "Wir haben es nicht gewollt. Es ist uns nicht ernst gewesen. Wir hatten Zeit genug." Aber das wäre wieder eine neue Rezension wert, denn Braun bleibt gesellschaftskritisch, bis heute.

Der "Hinze-Kunze-Roman" jedoch ist kein Relikt eines untergegangenen Systems, er ist ein einzigartiges literarisches Dokument der Auseinandersetzung mit sozialistischer Realität und Sozialistischem Realismus, der in der Literaturgeschichte, möge er noch so polarisieren, seinen Platz festgeschrieben hat. Insbesondere die Beschäftigung mit und gleichzeitig innerhalb jener programmatischen Literaturdiktatur sollte den Roman literaturwissenschaftlich auch vor dem Nirwana retten. Für den Leser selbst sind die oftmals analogischen, allegorischen und ironischen Anspielungen und Verfremdungen ohne Vorwissen nicht immer leicht verstehbar. Ist dies jedoch vorhanden, begibt man sich in ein ausgesprochenes Lesevergnügen. Versprochen.


(Zitate entnommen aus: Braun, Volker: Hinze-Kunze-Roman, Suhrkamp, Frankfurt/M 1988. Und: Braun, Volker: Das Nichtgelebte, in: Trotzdestonichts, Suhrkamp, Frankfurt/M 2000.)



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zuletzt bearbeitet 10.09.2009 11:40 | nach oben springen

#2

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 08.01.2010 13:08
von LX.C • 2.691 Beiträge

Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer

Mit „Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ legt Volker Braun, geboren 1939 in Dresden, 2008 eine Gesellschaftsparodie vor, die man als Anlehnung an „Don Quijote von der Mancha“ betrachten kann. Das beginnt schon beim der Namensgebung unseres einstigen Havarieexperten, den eine neue Gesellschaftsform zu einem Antihelden degradiert hat. Nicht etwa dass er adlig wäre, er ist eben der Flick aus Lauchhammer so wie der Quijana aus der Region Mancha. Sein Knappe nicht etwa Sancho heißt, sondern in Ludwig zu begreifen wäre, der Enkel, der von dem tugendhaften Leben des Arbeiters erst überzeugt werden muss. Da gibt es nur ein Problem: Es gibt keine Arbeit mehr! Schon gar nicht im Osten, schon gar nicht in der Niederlausitz. Die Gruben sind geschlossen, die Industriebetriebe von der Treuhand für eine D-Mark verhökert und dem Erdboden gleichgemacht, die Zeit der Vollbeschäftigung gehört der Vergangenheit an und wird aufgrund von Mechanisierung, Computerisierung und Globalisierung auch nie wiederkehren. Doch Flick will das nicht hinnehmen. Der fleißige Mann, der in einem für den Neoliberalismus ohnehin abgeschriebenen Alter ist, lebt für die Arbeit. Der Müßiggang seines Enkels, der längst begriffen hat, dass die Realisierung von Vollbeschäftigung, mögen die Politiker reden wie sie wollen, einer vergangenen Epoche angehört, ist ihm ein Dorn im Auge. Und so zieht er los wie unserer Don Quijote, nicht das Abenteuer, sondern die Arbeit suchend, für sich und seinen Enkel gleich mit. Er gerät dabei an die absurdesten Tätigkeiten, in die kuriosesten Verstrickungen und auch schon mal in die eine oder andere blutige Rangelei, wenn er mit dem geglaubten Recht, nicht des fahrenden Ritters, sondern des unentbehrlichen Arbeiters in Arbeitsprozesse eingreift, in die er sich als Außenstehender nicht einzumischen hat.

Brauns Machwerk ist ein Sammelsurium von politischen/gesellschaftlichen Begebenheiten der letzten zwei Jahrzehnte. Von der Abwicklung der DDR-Industrie, Massenarbeitslosigkeit, über Themen wie die berühmten „blühenden Landschaften“, Bevölkerungsschwund im Osten, Hartz IV, „Fördern und Fordern“, 1-Euro-Jobs, Schwarzarbeit, Billiglohnkonkurrenz, Globalisierung, bis zum Elterngeld. Sogar Kurt Becks Arbeitslosen-Schelte ist vertreten. Und alles eingebettet in diesen meisterhaft satirischen Roman um den (Anti)helden Flick von Lauchhammer. Mit dem Mythos des Fachkräftemangels, wie er herbeigeredet wurde, muss auch endlich mal aufgeräumt werden. Bestehende Ressourcen, die mit Abwicklung der DDR-Wirtschaft freigesetzt worden waren, wurden aus Bequemlichkeit und Profitsucht nur nie genutzt. Promovierte landeten in Wach- und Schließgesellschaften, Dipl. Ingeneure als Kurierfahrer. Auch das thematisiert Braun und dafür kann man ihm nur dankbar sein, weil hier ein Thema unserer Elterngeneration angesprochen wird, das für viel Verzweiflung sorgte. Man muss jetzt auch nicht glauben, hier geht’s um Gejammere und Ostalgie, auch das wird kritisch aufs Korn genommen, entsprechende Stimmen dürften also gleich wieder verstummen.

Aber zurück zu unserem Quijote-Bezug. Schon im Aufbau des Romans erkennt man Ähnlichkeiten mit der Donquijottiade des Cervantes, wenngleich „Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ natürlich nicht als solche bezeichnet werden kann. Doch die Reminiszenz ist unverkennbar.* Der Roman ist in Bücher eingeteilt, die Bücher in Kapitel, die Kapitel mit Untertiteln, die eine kurze Inhaltsbeschreibung geben. Chronologisch wie ein Schicht- oder auch Geschichtsbuch geht es von Arbeit zu Arbeit(ssuche). Ebenso finden wir wie bei Cervantes eine raffinierte Inszenierung des Erzählers neben der fiktionalen Ebene der Erzählung sowie metaleptische Kurzschlüsse zwischen Figuren, Erzähler oder Autor. Ein köstliches Spiel, das Braun nicht nur in diesem Roman wie kaum ein anderer Gegenwartsautor beherrscht und auf die Spitze treibt. Sein „Hinze-Kunze-Roman“ von 1985 ist als trefflichstes Beispiel zu nennen. Stilistisch bleibt Braun diesem auch treu und damit seiner eigenen Tradition. Er ist und bleibt eben ein Meister der Gesellschaftssatire.


* Heute würde ich noch eine weitere (parodistische) Reminiszenz hineininterpretieren. Die "literarischen" Schichttagebücher von Arbeiterschriftstellern des Bitterfelder Weges. (Nachtrag 20.10.2012)


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#3

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 10.01.2010 14:32
von LX.C • 2.691 Beiträge

Liebe Freunde, auch wenn es scheint, als würde ich mich wiederholen, es war mir wichtig, die Buchvorstellung noch mal um ein paar Gedanken zu erweitern, die ich an anderer Stelle eigentlich schon geäußert hatte.


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#4

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 15.01.2010 21:08
von Zypresserich • 2.877 Beiträge

Das Machwerk liest sich ja runter wie nix. Ja, wie angekündigt, so vorgefunden; bin ganz angetan. Werde mir die anderen Bücher des Autors nach und nach auch besorgen.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
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#5

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 15.01.2010 21:45
von LX.C • 2.691 Beiträge

Das freut mich sehr. Sehr, ja. Auch wenn ich das Buch nicht geschrieben hab :)


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#6

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 16.01.2010 21:56
von Zypresserich • 2.877 Beiträge

Hab's durch und mir gleich mal den Hinze-Kunze-Roman geordert. Hast Du schon Gedichte von Braun gelesen? (Also außer denen im Machwerk, meine ich.)


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
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#7

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 16.01.2010 23:38
von LX.C • 2.691 Beiträge

Nein, habe ich nicht. Nur "Trotzdestonichts" Kurzgeschichten/Erzählungen. Und "Bodenloser Satz". Ebenfalls eine Erzählung; in einem Satz.


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#8

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 16.01.2010 23:48
von Zypresserich • 2.877 Beiträge

Ah, gut. Werde mal nach und nach bestellen und lesen. Neben dem Inhalt das Sprachliche, meine Herrn (aber das sagte ich ja schon). Las heute mal in Wikipedia über ihn nach, da war ein Fehler drin: bei irgendwas 2010igem stand plötzlich "Enzensberger" anstatt Braun. Tja, is vielleicht schon korrigiert, weiß nicht, aber so ist die freie Welt des Internetzes.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
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#9

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 16.01.2010 23:50
von Zypresserich • 2.877 Beiträge
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#10

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 17.01.2010 00:52
von LX.C • 2.691 Beiträge

*lol* ja.


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#11

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 17.01.2010 11:52
von LX.C • 2.691 Beiträge

Hier findet man übrigens die Büchner-Preis-Rede Volker Brauns, aus dem Jahr 2000 (falls sich jemand dafür interessiert):

http://www.deutscheakademie.de/druckvers...chner_2000.html


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#12

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 20.10.2012 11:18
von LX.C • 2.691 Beiträge

Unvollendete Geschichte

„‚Die Harmonie zerbrach, und draußen war die Kälte’“ (72). Mit „Unvollendete Geschichte“ legt Volker Braun 1975 ein systemkritisches Prosawerk vor. Nach Erstdruck in dem Literaturmagazin „Sinn und Form“ wurde die kurze aber voller Sprengkraft behaftete Erzählung anschließend dreizehn Jahre vom Buchdruck in der DDR ausgeschlossen. Im Suhrkamp Verlag erschien der Kurzroman 1977.
Schon damals ging es Braun um eine Erneuerung im Denken und Handeln und nicht um eine generelle Verwerfung des Sozialismus zugunsten des Kapitalismus. Von der Illusion eines besseren Sozialismus in der DDR, der abseits von Staats-Paranoia und Antiindividualismus sein tatsächliches Potential entfalten sollte, hatte sich Braun zu diesem Zeitpunkt noch nicht verabschiedet. Anhand des Einzelschicksals exerziert und seziert der Erzähler die festgefahrenen, paranoiden und ignoranten Denk- und Handlungsmuster realsozialistischer Kader der DDR, wie sie sich in den 70er Jahren darstellten und bis in die 80er Jahre immer mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung drangen.

Karin hat gerade die Schule beendet und freut sich auf ein Volontariat, das sie vor ihrem Studium absolvieren möchte. Eines Tages ruft ihr Vater, Ratsvorsitzender des Kreises sie zu sich in die Stube und eröffnet seiner Tochter, Verwerfliches über ihren Freund erfahren zu haben, was eine Fortdauer der Beziehung zwischen Karin und Frank unmöglich machen würde und verlangt die sofortige Trennung, um das Ansehen der Familie und ihre Zukunft nicht zu gefährden. Karin liebt ihre Eltern und hat immer voller Respekt und Bewunderung auf den Einsatz von Vater und Mutter, die Redakteurin bei einem Staatsorgan ist, für Staat und Sozialismus geschaut. Schweren Herzens und unter Vorwand trennt sie sich von Frank. Frank, der inzwischen einer geregelten Arbeit als Fernmeldetechniker nachgeht, galt Jahre zuvor als ein so genanntes asoziales Element, weil er sich mit seinen Freunden herumtrieb und pubertären Unfug anrichtete und sogar wegen Rowdytums im Gefängnis saß. Doch der sozialistische Staat verzeiht aus dem Gleichschritt herausgetretenen Bürgern nicht so schnell oder auch gar nicht mehr. So lassen die Andeutungen des Vaters schnell darauf schließen, dass Frank von der Stasi bespitzelt wird.
Als Karin ihr Volontariat angetreten hat findet sie wieder mit Frank zusammen. Beide versuchen eine Erklärung für die wagen Vorwürfe des Vaters zu finden. Alles was sie sich denken können, ist die briefliche Empfehlung eines geflüchteten Freundes, es ihm gleichzutun und ein neues Leben in der BRD zu beginnen. Doch Frank beteuert vor Karin fest, dass er niemals mit dem Gedanken gespielt hat und niemals spielen wird, denn was solle er auch dort. Damit geht es ihm wie es vielen Bürgern der DDR ging, politisch desinteressiert, ihr Leben lebend, ohne der Heimat den Rücken kehren zu wollen. Doch einmal in die Welt gesetzt, lässt sich das Hirngespenst der Stasi bei den „Überzeugten“ nicht mehr entkräften. Eltern, Stasi und die Kader der Zeitung üben so viel Druck auf Karin aus, dass sie Schlimmes vermutet und erneut ihrem Freund den Rücken kehrt, ohne nach wie vor konkret erfahren zu haben, was man ihm denn nun vorwirft.
Frank, der trotz seiner Vergangenheit ein sensibler Mensch ist, verkraftet die Trennung von Karin, die inzwischen sogar ein Kind von ihm erwartet, nicht. Er begeht einen Suizidversuch. Karin bekommt diesen mit als sie ihre Sachen abholt, hilft Frank aber nicht. Er schleppt sich träge, wie besoffen und mit Schaum vor dem Mund durch die Wohnung und fleht sie an, zu warten, bis er wieder nüchtern ist. Doch Karin reagiert nicht, selbst als sie die leeren Schachteln Schlaftabletten sieht. Um den eigenen Schmerz nicht zuzulassen, schlimmer noch, um die Erwartungen der Eltern nicht zu enttäuschen und ihre Zukunft in der DDR nicht zu gefährden, versucht sie jegliches Gefühl die Situation mit Frank betreffend auszuschalten, denn „seinen Platz konnte man selbst wählen und behaupten, wenn man überzeugt genug war. Wenn man in seiner Überzeugung schwankte, mußte man an sich arbeiten“ (22). Das Interesse des Staates geht über das private Interesse des Einzelnen, so das ihr eingeimpfte Kredo.
Erst als Frank ohne große Überlebenschance ins Krankenhaus eingeliefert und Karin damit auf menschlich-moralischer Ebene konfrontiert wird, wird ihr die Perversion der Situation bewusst. Der Vater eröffnet ihr endlich den Verdacht gegen Frank: geplante Republikflucht, was Karin noch fassungsloser macht. Man hätte sie doch nur fragen und ein wenig vertrauen müssen! Doch „‚Wem nützt das, was Du sagst!’“ (92), der Staat irrt nie und hat immer Recht. Vertrauen in seine Bürger hatte er seit 1953 nicht mehr. „ZUR BEWÄHRUNG in die Produktion“, heißt es für Katrin. „Aber was für ein Denken, dem das als Strafe gilt?“ (92), wo doch die Arbeiterklasse offiziell als die höchstentwickelte aller Klassen gilt. Aus der Not macht Karin eine Tugend. Sie trennt sich von den Eltern, von jeglichem falschen Ehrgeiz und Idealismus zuungunsten der Menschlichkeit. Alles was sie will, ist irgendeine Arbeit, denn Arbeit braucht der Mensch schon der Selbstachtung wegen. Sie zieht das Leben der Unpolitischen, der ins Privatleben zurückgezogenen vor und zieht erneut zu Franks Eltern. Menschen, die vielleicht viele Verfehlungen haben, wie den Alkohol, die desillusioniert sind, aber sich in der Not mit Wärme umeinander kümmern können und Karin keinerlei Vorwürfe machen. Zu guter letzt beginnt auch der Vater, der Ratsvorsitzende des Kreises zu zweifeln, ob der Weg, den man eingeschlagen hat, noch der richtige sein kann. „Die Wachsamkeit, ja – aber was hatte er bewacht, wenn er ein Kind verlor, und ein anderer wirklich draufging? Er hatte so sehr aufgepaßt, daß er nicht aufpaßte, was wirklich passierte. Seine Mittel vernichteten den Zweck“ (83). Er geht in die Kneipe und beginnt sich wieder mit Menschen zu befassen, mit menschlichen Belangen. Und die Mutter versteht gar nichts mehr. Sie kann so ein Verhalten nach wie vor nicht gutheißen, private Belange und Zweifel am System sind für sie Schwächen, die sich der Aktivist nicht erlauben darf. Da ist es eben, das Paradoxon des realexistierenden Sozialismus. Auf dem Weg in eine bessere Zukunft für die Menschheit, den Mensch verloren.

„Unvollendete Geschichte“ ist in eine Zeit einzuordnen, in der ein dezidierter Blick auf das Individuum im Widerstreit zwischen Gesellschaft und Privatleben ins Zentrum literarischer Darstellung der DDR rückte. Die Beschreibung des Lebens im Sozialismus geschah nicht mehr aus dem historischen Kontext, sondern aus sich selbst heraus. Die Aufbauliteratur der 50er Jahre, ebenso den Bitterfelder Weg hatte man hinter sich gelassen. Man war im Realsozialismus angekommen und schuf nun lebensnahe Identifikationsangebote aus der Mitte der Gesellschaft. Dies geschah auf vielfältige Weise. Dokumentarische Werke wie Maxi Wanders „Guten Morgen Du Schöne“, Romane wie Erich Loests „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“, Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ oder Jugendromane wie Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ bestimmen den Zeitgeist. Ein intertextueller Bezug in Brauns Kurzroman zu Plenzdorfs „Die neuen Leide des jungen W.“ stellt auch direkt und unmissverständlich einen zeitlichen Kontext zur unmittelbaren Gegenwart her und kann als Fürsprache und Ermutigung zur kritischen Auseinandersetzung mittels Literatur verstanden werden, denn Plenzdorfs „Werther“ erschien nur drei Jahre zuvor.
Was von dem frischen Wind des Literaturverständnisses Erich Honeckers zu halten war, der 1971 proklamierte, dass angesichts eines gefestigten Sozialismus auf dem Gebiet von Kunst und Literatur inhaltlich wie stilistisch keine Tabus mehr vorherrschen sollten, wird angesichts des Druckverbotes, bzw. der Druckignoranz, denn offiziell gab es ja keine Zensur, von „Unvollendete Geschichte“ klar. Schließlich blieb die Leitfrage, die zu jener Zeit viele Autoren beschäftigte, unter anderem auch Christa Wolf („Kindheitsmuster“, im Rückgriff auf die NS-Zeit die DDR-Gegenwart ins Visier nehmend), in Volker Brauns Kurzroman auch nach dreizehn Jahren noch aktuell: „Was geschah denn da, in der Gesellschaft, daß es soweit kam?“ (75) Und wie sollte man damit fertig werden!


Quelle der Zitate: Braun, Volker: Unvollendete Geschichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1980.


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zuletzt bearbeitet 21.10.2012 10:55 | nach oben springen

#13

RE: Volker Braun

in Die schöne Welt der Bücher 20.10.2012 18:04
von Jatman1 • 1.119 Beiträge

Zitat von LX.C im Beitrag #11
Hier findet man übrigens die Büchner-Preis-Rede Volker Brauns, aus dem Jahr 2000 (falls sich jemand dafür interessiert):

http://www.deutscheakademie.de/druckvers...chner_2000.html


Gelesen. Ergebnis: Seine Art von Traurigkeit könnte er gut mit Bärbel Bohley teilen.


www.dostojewski.eu
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