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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Warhnehmung & Berührung

in An der Philosophie orientierte Gedanken 16.08.2007 15:06
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Danke Moulin für deine Anregungen...

Daraus nun meine Gedanken:

Die Wahrnehmung wird verstärkt durch das Berühren, und trotzdem ist sie nicht NUR Fühlen. In der Musik gibt es eine Anordnung von Tönen, aus der heraus sich die Klänge entfalten, wenn man sie in einer bestimmten Art und Weise ordnet. Dies erscheint sehr strukturell, und doch ergibt das Zusammensetzen von bestimmten Tönen eine Melodie, durch die ein Mensch bewegt wird, und nicht durch Berührung, sondern nur durch die Entfaltung seines Geistes,durch das er dann fühlt. Aus einer bestimmten Anordnung entfaltet sich ein Gefühl, dazwischen Töne, die nicht einmal hörbar sind, die nur in der Verbindung mit anderen Tönen diese wunderbaren Seelen und Herzens-Symphonien zaubern, wo der Mensch lauscht und verharrt, wo der Mensch selbst improvisiert und spielt, völlig in sich versunken, in sich immer wieder neue Welten entdeckend. Und wie unterschiedlich bleiben dabei die Empfindungen. Diese fast absurde Tatsache, dass aus einer Berechnung weiche Klänge entstehen, vergleiche ich mit dem Zauber der Wahrnehmung.
Mit einfachen Strukturen erzielte Klänge dehnen uns die Seele. Wie ist das möglich? Dadurch, dass wir empfinden können, dadurch, dass wir wahrnehmen können.

Und doch ist die Berührung eine ganz besondere Art der Wahrnehmung. Stehe ich vor einer Statue, möchte ich sie berühren, ihren Formen folgen, das Material spüren. Einen Baum umarmen – welch herrlich ins Wort Gefasstes, doch entsteht die Wahrnehmung viel früher, bevor überhaupt eine Berührung stattfindet. Ich glaube, wenn etwas „erwacht“, etwas „wahrgenommen“ wird, bleibt es zunächst ein innerlicher Akt, der sich ganz langsam entfaltet.
Auch glaube ich nicht an die Kindheit, wo man aufmerksamer wahrnimmt. Viel eher nimmt man unbeschwerter seine Umwelt und die Ereignisse auf, wahrnehmen tut man aber erst, wenn man sich in einer gewissen Art und Weise entwickelt hat, wenn man steht und erkennt. Wenn man durch eine Art Nebel läuft und plötzlich ohne Grund stehen bleibt und aufwacht, die Welt auf einmal mit anderen Augen sieht. Aus sich selbst erwacht, ein Schnittpunkt, als hätte man eine Grenze überschritten, die es nun gilt zu erfassen.

Die Wahrnehmung ist ein Ausdehnen seiner Grenzen. Man blickt weiter, sieht nicht nur das, was man erwartet. Man blickt in sich selbst und von dort hinaus in alle Phantasie und Welt, die man sich nur vorstellen kann.

Auch auf den Menschen bezogen, bleibt die Wahrnehmung eine Empfindung.
Man fühlt den Menschen nicht, aber man nimmt Zwischentöne wahr, wenn er spricht, wenn er handelt, entdeckt Weiches und Hartes in seinem Äußeren, die hohen und tiefen Töne in seinem Handeln, setzt zusammen, nimmt auseinander und erschafft sein eigenes Bild dieses Menschen. Man nimmt ihn somit wahr und kann ihn dadurch dann auch fühlen. Ein Kreislauf der Dinge.
So endet Wahrnehmung immer in einer Empfindung, schärft uns den Blick, der sieht und doch nicht in die Welt blickt. Dort sind die Konturen, unsere Wahrnehmung verleiht ihnen Form, Bestimmung, Farbenpracht und Gefühl.




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#2

RE: Warhnehmung & Berührung

in An der Philosophie orientierte Gedanken 22.08.2007 20:08
von Moulin • 395 Beiträge

Ich glaube, unsere eigene Wahrnehmung ist ganz klar durch unsere kulturellen Gegebenheiten geprägt.
Leider flacht sie stetig ab, das kann man zur Zeit besonders in aufstrebenden Nationen in Asien bemerken.
Dort wo man sich noch bis vor einigen Jahrzehnten an den alten Traditionen erfreute, hält auch hier zunehmend der 'Hamburger' einzug, den ich nun hier mal als Synonym für Oberflächlichkeit nutze, (auch, wenn er schmeckt.)
Ich habe mich ein wenig mit den Unterschieden unserer und der asiatischen Kultur, in Bezug auf das Fühlen der Dinge beschäftigt. Sehr hilfreich war ein Buch dabei. Ich habe schon einmal in einem anderen Forum darüber geschrieben und setze darum einfach mal meinen alten Beitrag hier ein:


...Im Laufe der Zeit, in der ich mich kontinuierlich einem Ziel zuwende, das ich
nicht erreichen werde, weil dem Lernen und Erfahren im Leben keine Grenze gesetzt
werden und erst durch den Tod eine Unterbrechung finden, geriet ich an ein Buch,
dass mir sehr zusagte, mich ein wenig prägte, oder besser gesagt, in dem ich
einen Teil von mir selbst wieder finden konnte. Einen Teil, den ich kannte, ohne
zu wissen, um was es sich handelt.
Ich möchte das Buch hier erwähnen: Es ist von Leonard Koren und heißt schlicht:
Wabi-Sabi: Für Künstler, Architekten und Designer. (Originaltitel: Wabi-Sabi:
For Artists, Designers, Poets & Philosophers)
Warum Koren das hier speziell für Menschen der entsprechenden Kunstrichtungen
eingrenzt ist mir nicht klar. Möglicherweise glaubt er, dass gerade bei diesen
Menschen ein gewisser Bezug hergestellt werden kann.



Auf jeden Fall trifft das Buch die Vorstellung von meiner eigenen Kunst, denn
sie ist eng mit den Wurzeln der Gedanken der Japanischen Ästhetik verbunden, die
Wabi Sabi genannt wird, grob definiert als " Schönheit durch Unvollkommenheit".
Das ist ein prägender Teil, den ich in meinem Inneren weiter erreichen möchte,
um es dann durch die Kunst nach außen tragen zu können.

Wabi Sabi zieht sich durch die meisten Japanischen Kunstrichtungen, traditionell,
auch die der Keramik, um nur ein Beispiel zu nennen, ist jedoch in erster Linie,
als ein - für uns Europäer leichter zu begreifen - Lebensgefühl zu sehen, eine
Lebensphilosophie die ihren Ausgangspunkt in der Mitte, in unserem bescheidenen,
wahren Ich zu finden sucht.

Durch die Kunst bin ich in der letzten Zeit immer wieder auf Menschen gestoßen,
deren eigene Lebensphilosophie eine ähnliche Entwicklung verfolgt, es aber unter-
schiedlich definiert. Wie bei bestimmten inneren Regeln, wie der gleich positiven
oder negativen Wahrnehmung von bestimmten Formen und Farben, glaube ich auch hier,
dass diese Form der Ästhetik ein Teil des bei jedem vorhandenen, verdrängten Inneren
ist, ab-erzogen also.


Häufig wird diskutiert, ob wir diese asiatische Philosophie mit unserem westlichen
Empfinden überhaupt verstehen oder nachvollziehen können, ob wir mit unseren Vor -
stellungen von Welt und Gesellschaft ein aus diesen Grundzügen geprägtes Werk er -
schaffen könnten. Ich habe da selbst mal in einem Japanischen Forum die kontroversen
Diskussionen verfolgen können. (Das war in englischer Sprache geschrieben, nicht,
dass Ihr denkt ich könne japanisch. )
Da fand ich einen Beitrag eines Japaners, der dazu meinte: Warum diskutiert Ihr hier
über Europäer und Amerikaner, wenn unsere eigene Jugend das schon nicht mehr versteht.

Koren kommt zu dem Ergebnis: Wir, als nicht Asiaten, sollten es trotzdem umzusetzen
versuchen, ist es doch damit zurechtfertigen, dass wir, wenn wir das unverfälschte
Wesen einer Regel oder eines Gedankens in seiner Gesamtheit verstehen, die Ausübung
an die Grenzen unseres Schaffens anpassen können und das es damit legitim wird.

Auch das ist ja ein Teil dessen, was diese Form der Japanischen Ästhetik definiert
und so können wir zu Unserem machen, was uns „auf dem Weg zum Edelmenschen“ weiter
führt, wie es mal ein berühmter Schriftsteller bei einem Vortrag im Jahr 1912
verdeutlichte.

Es fällt mir immer noch nicht leicht das Alles umzusetzen, denn von Kindheit an in
dieser westlichen Welt darauf getrimmt, alles zu perfektionieren, fällt es mir schwer
loszulassen, mich unverklemmt daran zu machen diese Unvollkommenheit (die eigentlich
keine ist) für mich mehr und mehr zu akzeptieren. Das passiert mir natürlich in allen
Bereichen, die das Leben umspannt.
Aber ich arbeite daran diesen Teil der Freiheit für mich in allen Bereichen zu über-
nehmen, mich darauf weiter zu entwickeln und zu hoffen, dass die Welt um mich herum
sich nicht allzu sehr gegen mich dreht.

Le Moulin

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#3

RE: Warhnehmung & Berührung

in An der Philosophie orientierte Gedanken 22.08.2007 20:24
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Wenn man es so will, entscheidet sich der Mensch an einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens für eine "Weltensicht", eine bestimmte Form der Wahrnehmung, die er für sich annehmen kann.
Durch das von dir erwähnte oberflächliche Aufwachsen, wobei von Generation zu Generation immer mehr wegfällt, wird es schwieriger für den modernen Menschen, hier nach ganz simpler Zufriedenheit zu streben. Alles wird auf Erfolg und Geld und Ansehen getrimmt, somit wird diese verfluchte Sehnsucht nach Anerkennung regelrecht anerzogen, und zwar nicht nur in einfachem Applaus oder im einfachen Lob, nein, hier wird nach einem fast schon unsinnigen Perfektionismus gestrebt.
Perfektionismus aber ist nur das Resultat einer unbändigen Furcht vor der Leere, vor der Nicht-Bedeutung, vor dem sinnlosen Dasein. Warum sich hier Bedeutung erschaffen? Und doch tut man es oder verspürt den Wunsch danach.

Auch fällt mir auf, dass immer mehr Philosophien und religiös gestaltete Weisheiten, vereinfacht werden, also auch an den Markt und die Nachfrage angepasst werden. Das schwere "Weltengesetz" wird zum einfachen, täglichen "Kalender-Ratschlag".
Aus all diesen Dingen verringert sich die Wahrnehmung in ihren Möglichkeiten. Rational muss es zugehen, für vieles muss eine Erklärung her, oder es wird in absurd verspielte Gebiete getrieben, wie das Sprechen mit Engeln und das Erkennen von Auras in verschiedenen Farben.
Die Wahrnehmung aber ist immer nur das, was sich der Mensch aus dem Gesehenen in seinem Kopf selbst zusammensetzt. Und, weil er die Dinge der äußeren Welt nutzt, schränkt er sich dabei unbewusst ein.
Selbst ein Bild in der Betrachtung führt nicht mehr in die Phantasie, ja manchmal wird die Phantasie aus der Kunst verbannt, dass ich mich frage, was diese Realisten denn noch finden wollen, wenn sie das ganze alltägliche Weltdenken ausgeschöpft haben. Ist schon schwierig, sich da eine "eigene Sicht" zu bewahren oder von vorneherein zu ermöglichen.



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zuletzt bearbeitet 22.08.2007 20:28 | nach oben springen

#4

RE: Warhnehmung & Berührung

in An der Philosophie orientierte Gedanken 22.08.2007 20:57
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Mit einfachen Strukturen erzielte Klänge dehnen uns die Seele. Wie ist das möglich? Dadurch, dass wir empfinden können, dadurch, dass wir wahrnehmen können.



Ich kenne bestimmte Musikstücke, bei denen mir ein Gefühlsschauer den Rücken hinunterfleucht. Offenbar ist es so, dass die Reize, die das Nervensystem aufnimmt, sich bei bestimmten Musikstücken wiederholen können.

Warum kann uns fremde Musik zerknirschen, auf die Nerven gehen. Weil wir diese Musik nicht gewohnt sind. Moulin khatte ja die asiatische Kultur angesprochen. Ich habe mal im Fernsehen chinesische Tanzvorführungen gesehen. Schön fand ich es nicht, weil ich mit der Musik nichts anfangen konnte.

Menschen lieben die Gewohnheit. Wenn man sich an fremde Klänge gewöhnt, könnte es sein, dass man diese fremde Musik vielleicht irgendwann auch mag, seien die Strukturen einfach oder nicht einfach.

Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#5

RE: Warhnehmung & Berührung

in An der Philosophie orientierte Gedanken 22.08.2007 20:59
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ja, die chinesische Musik besteht aus vielen Disharmonien, die in unseren Ohren fast schmerzvoll klingen. Wie müssen die dann die westliche Musik empfinden?

Das Gleiche gilt ja für den Jazz, der sich in Cis und Fis-Tönen ergießt, aber durch die richtige Anordnung und geschickte Interpretation wieder in eine neue Form findet, die im Ohr harmoniert. Auch alles Wahrnehmung.

Liebe Grüße
Taxine




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