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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 06.09.2011 19:42
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Fast jede "größere" Musik verkörpert das Geräusch ihrer Zeit, den Klang der damaligen Moden, Auffassungen und des Geschmacks, was sich mit dem Können des Komponisten und der Interpreten vermischt.
Gibt es also Musik, in der die Zeit und ihre Stimmung ganz und gar verkörpert sind, herauszulauschen, wenn wir sie heute auflegen?

Mir fiel das ganz stark bei Schostakowitsch und seiner 5. Sinfonie auf. Schostakowitsch komponierte während der Terrorzeit im Stalinistischen Russland, also auch im Ausdruck der Furcht und Resignation. Als er die 5. Sinfonie schrieb (1937), waren gerade einige seiner Freunde den Säuberungen zum Opfer gefallen, die Verhaftungen nahmen ihren Lauf, die Leute verschwanden. Egal, welchen Beruf man ausübte oder nicht ausübte, die Bedrohung einer Verhaftung war nie ausgeschlossen und konnte jederzeit eintreten. Dazu stand man aufgrund fehlender Nahrungsmittel und hier dann wortwörtlich: Lebensmittel... ewig Schlange (nicht stundenlang, sondern tagelang, manchmal ohne zu bekommen, für was man anstand). Die Menschen waren erschöpft und sahen mit Müdigkeit und Erstaunen zu, wie Stalin sein "Neues Moskau" erbaute. Es gab den Heldenmythos, der zur Massenproduktion geriet, sei es in der Kunst, in der Musik, in der Literatur, im Erreichen des Nordpols oder bei der Flugkunst, es gab endlose mediale Ablenkungen, mächtige Aufmärsche, die das Verschwinden der Menschen überdecken sollten.

Es ist ganz erstaunlich, wie stark diese damaligen Eindrücke auch heute noch durch seine Komposition dringen, so dass man selbst beim Hören hin und hergerissen ist, manchmal fast mit den Tränen kämpft, ohne genau ausmachen zu können, was der Anlass ist. Und dann inmitten des Getöses der vereinzelte Klang einer zarten Violine...
Man sagte über die 5. Sinfonie, Schostakowitsch hätte unterschwellig auf Stalin geantwortet. "Er hat geantwortet, und er hat gut geantwortet."

Er selbst sagt über seine Sinfonie:

Zitat von Schostakowitsch in "Westschernjaja Moskwa" (Zeitung)
"Thema meiner Sinfonie ist das Werden der Persönlichkeit. In diesem durchgehend lyrischen Werk will ich den Menschen mit all seinem Erleben zeigen. Im Finale versuche ich, die tragischen Motive der ersten Sätze in lebensvollem Optimismus aufzulösen. Wenn es mir tatsächlich gelungen ist, all das in meine Musik hineinzulegen, was ich nach den kritischen Artikeln der Prawda durchdacht und empfunden habe, kann ich zufrieden sein. Der kompositorischen Arbeit an dieser Sinfonie ging eine lange innere Vorbereitung voraus..."



(... zitiert aus Karl Schlögel "Terror und Traum", S. 566)

Ich finde, das ist ihm mehr als gelungen. Man sieht diese ganze Gewalt an gespielter Lebensfreude und Erschießung vor Augen, den Roten Platz mit Sport, Politik und Kultur. Ein ins instrumentale Drama übersetzter sozialistischer Realismus.

Bei Youtube gibt es die 5. Sinfonie in einer herrlichen Version aus der Kölner Philharmonie unter der Leitung von Semyon Bychkov. Das Konzert besteht aus insgesamt 7 You-Tube-Videos.
Hier der erste Teil:


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.09.2011 23:55 | nach oben springen

#2

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 06.09.2011 23:13
von LX.C • 2.673 Beiträge

Guck an, von dem guten Mann habe ich noch gar nichts. Habe ihn erst mit Strawinsky verwechselt. Von dem habe ich ein paar Sachen zu sehen, zu denen ich allerdings kaum Zugang finde, denn der ist ja auch sehr eigener Klangkomponist seiner Zeit.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 06.09.2011 23:13 | nach oben springen

#3

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeiten

in An der Kunst orientierte Gedanken 12.09.2011 22:44
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo werte Taxine,

was für eine Freude. Schostakowitsch ist der bisher letzte große Symphoniker der Musikgeschichte. Ich kenne niemanden, es gibt vielleicht niemanden, der nach Schostakowitsch solch herrliche Symphonien hervorgebracht hat.

Für mich ist Schostakowitsch schlechthin der letzte Klassiker, der auf Erden gewandelt ist.


Der große russische Symphoniker vor Schostakowitsch war der geniale Serge Prokofieff. Strawinsky, den ich seit meiner Jugend ergeben bin, hatte sich für Symphonien nicht soviel Zeit genommen, schrieb aber die großartige, vonBigbandjazzklängen beeinflusste "Symphony in three Movements" und das außerordentliche Meisterwerk "Psalmensinfonie" mit einer Doppelfuge im zweiten Satz. Bekannter sind natürlich seine Ballettmusiken.

Schostakowitsch's Symphonien sind oft politisch motiviert. Eine Sinfonie habe ich life gehört. Die 10. Hier rechnet er mit Stalin ab. Meines Wissens hat es Schostakowitsch geheimhalten müssen, dass er gegen das sowjetische System komponierte. Ich werde mich hierzu noch detaillierter informieren. Wegen seiner vierten Sinfonie wäre er sicher als Komponist entarteter Musik gänzlich in Ungnade gefallen, wenn er das Werk nicht selbst zurückgezogen hätte. Was das Verhältnis Zeitgeschichte/Musik betrifft ist gerade Schostakowitsch ein Paradebeispiel, ein tragisches im düsteren Schatten des 20. Jahrhunderts.

Um Geld zu verdienen, spielte Schostakowitsch in seinen jüngeren Jahren life Klavier zu Stummfilmen und komponierte auch Filmmusiken. Zur leichteren Muse gehören auch sein "Tahiti Trott" und die Jazzsuiten.

Der "Tahiti-Trott" hier in einer besonderen arrangierten Fassung, trotzdem hört man an allen Ecken und Enden Schostakowitsch heraus. Eine wunderbare Interpretation:





Biographie über Schostakowitsch: Krzysztof Meyer: Schostakowitsch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 15.09.2011 06:26 | nach oben springen

#4

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 13.09.2011 15:08
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Fast jede "größere" Musik verkörpert das Geräusch ihrer Zeit, den Klang der damaligen Moden, Auffassungen und des Geschmacks, was sich mit dem Können des Komponisten und der Interpreten vermischt.

Mir fiel das ganz stark bei Schostakowitsch und seiner 5. Sinfonie auf. Schostakowitsch komponierte während der Terrorzeit im Stalinistischen Russland, also auch im Ausdruck der Furcht und Resignation....
Es ist ganz erstaunlich, wie stark diese damaligen Eindrücke auch heute noch durch seine Komposition dringen, so dass man selbst beim Hören hin und hergerissen ist, manchmal fast mit den Tränen kämpft, ohne genau ausmachen zu können, was der Anlass ist. Und dann inmitten des Getöses der vereinzelte Klang einer zarten Violine...
Man sagte über die 5. Sinfonie, Schostakowitsch hätte unterschwellig auf Stalin geantwortet. "Er hat geantwortet, und er hat gut geantwortet."

Er selbst sagt über seine Sinfonie:

Zitat von Schostakowitsch in "Westschernjaja Moskwa" (Zeitung)
"Thema meiner Sinfonie ist das Werden der Persönlichkeit. In diesem durchgehend lyrischen Werk will ich den Menschen mit all seinem Erleben zeigen. Im Finale versuche ich, die tragischen Motive der ersten Sätze in lebensvollem Optimismus aufzulösen. Wenn es mir tatsächlich gelungen ist, all das in meine Musik hineinzulegen, was ich nach den kritischen Artikeln der Prawda durchdacht und empfunden habe, kann ich zufrieden sein. Der kompositorischen Arbeit an dieser Sinfonie ging eine lange innere Vorbereitung voraus..."



(... zitiert aus Karl Schlögel "Terror und Traum", S. 566)

Ich finde, das ist ihm mehr als gelungen. Man sieht diese ganze Gewalt an gespielter Lebensfreude und Erschießung vor Augen, den Roten Platz mit Sport, Politik und Kultur. Ein ins instrumentale Drama übersetzter sozialistischer Realismus.




Hallo Taxine,

mich würde interessieren, ob Karl Schlögl noch mehr über die fünfte Sinfonie erzählt, als das Zitat auf Seite 566. Diese Sinfonie ist abgesehen von einigen grotesken Passagen recht brav und für des Musikhörers Ohren wohlwollend komponiert, sodass ich ein Spiegelbild des brutalen Stalinismus nicht, zumindest auf den ersten Blick nicht zu erkennend vermag. Fakt ist, Schostakowitsch wollte sich mit dieser Sinfonie mit dem Regime versöhnen, weil seine Oper "Lady McBeth von Mrensk" u.a. übel beschimpft wurde und Stalin schon anderen Komponisten nahegelegt hat, sie sollen lieber Volkslieder komponieren, anstatt so etwas Entartetes. Um nicht in Ungnade zu fallen, ließ Schostakowitsch seine vierte Symphonie erst gar nicht aufführen, das Manuskript verbrannte sogar bei einem Brand in Leningrad. Später hat Schostakowitsch das Werk rekonstruieren können und ist erst 1961 uraufgeführt worden. Schostakowitsch stand also in dem Dilemma, entweder er komponiert brav und traditionell oder es geschehe ihm sonst etwas. Darum komponierte Schostakowitsch seine fünfte Symphonie wohlklingend und bezieht sich, was die Satzbezeichnung angeht auf Beethoven, in der Musik auf Gustav Mahler (er hat Mahler gründlich studiert).

Natürlich ist hier nicht komplett alles brav und langweilig hinkomponiert worden, Schostakowitsch hätte sich doch nie so weit der Obrigkeit ausgeliefert. So gibt es im ersten Satz groteske Schlenker, Blasmusik mit Millitätgetrommel (erinnert an die Leningrader Symphonie), das so zarte Hauptthema des Kopfsatzes wird anschließend ziemlich gewaltmäßig, bösartig verzerrt. Typisch Schostakowitsch, an diesen Stellen ist durchaus das elendige Sowjetsystem, allerdings gut getarnt, auszumachen. Der zweite Satz im Charakter eines fröhlichen Menuets ist brav neoklassisch komponiert. Schostakowitsch hat gesagt, diese Symphonie sei stark autobiografisch, ich meine, dieses im dritten Satz, dem Largo, zu erspüren. Diese Streicher, diese einsame Oboe, ist wie ein langgezogener Schmerz, der sich ewig dahin zieht, sein Schmerz, dass seine Oper so brutal durchgefallen war, dazu sicher auch der Schmerz über stalinistische Opfer in seiner freundschaftlichen Umgebung, natürlich auch dies. Die letzten Takte der Sinfonie sind dann wie ein großer Aufschrei, deftig mit Blech und ein sich quälend wiederholender Ton der Violinen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 13.09.2011 15:15 | nach oben springen

#5

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 13.09.2011 19:08
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Hallo Martinus.

Schostakowitsch wollte sich nicht mit dem System versöhnen, sondern musste sich notgedrungen diesen neuen Anforderungen an die Musikrichtung anpassen, was er aber nicht vollständig getan hat. Die 5. Sinfonie ist bis heute immer noch umstritten in der Deutung. (Ich persönlich erlausche darin einige Bilder, die sich mir öffnen.)

Angeblich sei das Ende der große Schlusstriumph, der von Stalin gefordert wurde, aber natürlich hört man sehr deutlich heraus, dass hier kein Triumph erfolgt, sondern der Schmerz hervortritt.
Schlögel schreibt in etwa das Gleiche über Schostakowitsch, was du auch zusammengefasst hast. Nach der Kritik an „Lady Macbeth von Mzensk“, in der von einem „disharmonischen Wirrwarr an Tönen“ gesprochen wurde, macht sich Schostakowitsch an die 4.Sinfonie, die er als Aufführung dann absagt, um sich an die Filmmusik für den „Großen Patrioten“ von Friedrich Ermler zu machen. Im Film geht es um die Ermordung von Kirow in Leningrad 1934.
1937 macht er sich an die 5. Sinfonie, die am 21. November gleichen Jahres in der Philharmonie in Leningrad uraufgeführt wird. Zur Moskauer Uraufführung wurde auch Stalin erwartet und die Sinfonie wurde über Radio übertragen. Das zeigt schon, auch im Erfolg, dass Schostakowitsch den Kern der Zeit vermitteln konnte und in seiner Musik auch erreicht hat. Es gefiel sowohl als auch. Zufriedenheit bei Stalin und die Leute, denen es an den Kragen ging, fanden darin auch Trost.

Schostakowitsch sagt bei Schlögel über die Sinfonie weiter:

Zitat von Schlögel
„Die fünfte Sinfonie wurde nach dem Vorbild der klassischen sinfonischen Musik in viersätziger Form geschrieben. Sie ist ein typisches sinfonisches Werk und – wie mir scheint – verglichen mit meinen Arbeiten im orchestralen Sinne ein Schritt weiter… Sehr befriedigt bin ich über den dritten Satz, in dem es mir gelang, eine gewisse durchgehende Stimmung zu wahren. An diesem Satz sind nur Streich- und Holzblasinstrumente beteiligt. Die Blechbläser verschnaufen und sammeln Kraft für den vierten Satz, in dem ihnen viel Arbeit zuteil wird.“


(Karl Schlögel "Terror und Traum", S. 566/567)

Schlögel betont auch, dass die Deutung der 5. Sinfonie bis heute uneinheitlich und umstritten ist. Sie ist formal eine traditionelle, am Sonatensatz orientierte Sinfonie, überschaubar und mit gesanglichen Themen. Die dieser Sinfonie zugrunde liegende Idee (das Werden der Persönlichkeit, wie Schostakowitsch u. a. sagte (siehe oben)) ist offensichtlich stark autobiografisch bestimmt. Angst. Ausweglosigkeit, Klage dominieren, vor allem das Largo.
Das Finale aber ist dann das Ungeheuerliche, weil der Wechsel von Moll in D-Dur erfolgt. Das war das, was Stalin verlangte, was Schostakowitsch ihm also schenkte, allerdings als ein zweischneidiges Schwert.
Z. B. sagt der Schriftsteller Fadejew, dass dieses strahlende Dur etwas Gepresstes, Gewaltig-Gewalttätiges hätte. Das Ende ist also kein Ausweg (Fest, Sieg), sondern eher Verurteilung und Rache, Einsamkeit und Angst. Der Schluss ist kein Jubel, sondern eine „mechanisch aufgebaute Veranstaltung“, wie sie unter Stalin häufig erfolgte, um zu „überdecken“ und abzulenken und der neuen Regierung ihr Sieg- und Heldengesicht zu verleihen. Da wurde Unterhaltungsmusik gefordert, die Volksverbundenheit, Verständlichkeit und Massengeeignetheit ermöglichte. Unter Stalin wurde also kein Moll, sondern Dur "gewünscht".

Vielen Dank für die Verlinkungen auf weitere Sachen dieses Komponisten. Vielleicht fallen dir, als Kenner, auch noch andere ein, die ihre Zeit ganz und gar in Musik fassen konnten.

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 13.09.2011 20:56 | nach oben springen

#6

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 13.09.2011 20:34
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Taxine,

danke für die Ausführlichkeit. Das Buch von Karl Schlögl scheint ganz allgemein sehr interessant zu sein. Natürlich wollte Schostakowitsch nur so tun, als ob er sich Stalin beugt. So meinte ich das auch. Die Sinfonie ist doppelbödig, wie viele andere Werke auch. Ich bin gespannt, was der Biograf Krzysztof Meyer über diese Sinfonie zu sagen weiß. Meyer hat Schostakowitch noch persönlich gekannt. Wenigstens zur Leningrader - und zur Antistalinsinfonie, der 10.,werde ich noch was sagen und anschließend geht es weiter mit Bartók u.a. Vielleicht sollte ich doch einfach die komplette Biografie von Krzysztof Meyer vorstellen, denn im diesem speziellen Falle ist es sehr aufschlussreich, das ganze Leben eines Komponisten zu beleuchten, allein schon wegen der sowjetischen Verhältnisse.

Ich wollte noch was zum Hauptthema des Kopfsatzes sagen. Es ist so wunderschön wohlklingend, leicht getragen in der Schwebe haltend. Dabei fällt es gar nicht so auf, wie unerhört chromatisch diese Melodie ist.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 13.09.2011 21:23 | nach oben springen

#7

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 14.09.2011 14:07
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Ja, der Ordner hat ein Recht darauf, ordentlich ausgedehnt zu werden. Ich würde mich freuen, wenn du die komplette Biographie vorstellst.

(Nun meinerseits eine kleine Abweichung: Schlögel ist Historiker und sehr ausführlich und wunderbar zu lesen. Es gibt viele Bücher von ihm, die Russland näher beleuchten (z. B. seine Bücher über St. Petersburg oder Moskau), auch die Berliner Zeit der Emigranten. Was mir an Schlögel besonders gefällt, ist, dass er nicht nur den Terror einkreist, sondern auf die kulturellen Aspekte eingeht. So erfährt man etwas über die Architektur, die Kunst, die Literatur und überhaupt den kulturellen Geist dieser Zeit. Zum Beispiel wurde unter Stalin die "Christi-Erlöser-Kathedrale" in Moskau gesprengt*, um dann den Palast des Sowjets** zu errichten, ein riesiger, an Wolkenkratzer Amerikas orientierter Turmbau zu Babel, geplant durch das Genie Boris Iofan (ein Architekt, dessen Zeichnungen der Wahnsinn sind), der auf seiner Spitze die Figur von Lenin tragen sollte. Der Plan ging in die Brüche und so wurde die Katehdrale (die heute wieder neu aufgebaut wurde) völlig umsonst gesprengt. Stattdessen gab es dann einfach lange Zeit die Leere der Zerstörung an dieser Stelle, später ein öffentliches Freibad.)

-----------------
* Hier ein Bild von der Sprengung der Kathedrale:

(Quelle: Wikipedea)

... und hier der Neuaufbau:

(Quelle: Wikipedea)


** Hier einige Versionen des geplanten Gebäudes durch den Künstler-Architekten Iofan:

(Quelle: cca.qc.ca)

(Quelle: rebajournal.com)

(Quelle: 30.media.tublr.com)


Dazu nun müsste man sich den Klang denken, diese Kraft von Aufmarsch und Wahnsinn.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.09.2011 14:20 | nach oben springen

#8

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 14.09.2011 14:38
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Taxine,

Wahnsinn, dieser Stalinwahn. Wenn meine Mutter aus Venedig zurück ist, werde ich sie Fragen, ob sie Karl Schlögel kennt, wenn nicht, bekommt sie das. Immerhin war sie in Moskau und Leningrad, Nowgorod usw. Naja, irgendwann haben Sowjets auch mal aus Kirchen Kuhställe gemacht...boah! Auch für mich ist der Historiker vorgemerkt. Die Schostakowitsch-Biografie werde ich bei den Sachbüchern ablegen und hier im Thread noch spezieller über Musik (ich plane schon Themen wie "Die Beeinflussung des Jazz in der Modernen Musik" oder "Neoklassik im zwanzigsten Jahrhundert". Das waren sehr interessante Strömumgen, die wunderbare Musik hervorgebracht haben. Komponisten, die im Banne von Politik, bzw. politischer Unterdrückung standen, gabs vielleicht nur in der Sowjetunion. Spezielle Vorstellungen, wie russische Musik sein sollte, gab es aber auch schon im 19. Jahrhundert. Im Thread wird es also nicht immer politisch zugehen, weil es eben auch andere typische Zeitströmungen gegeben hat. (allerdings hat auch das Privatleben mancher Komponisten spezielle Kompositionen hervorgebracht wie bei Berlioz und Tschaikowski). Kommt also noch was.

Liebe Grüße
martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 14.09.2011 14:53 | nach oben springen

#9

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 17.09.2011 17:07
von Martinus • 3.194 Beiträge

Schostakowitsch: Siebte Sinfonie – Leningrader Sinfonie

Der große Vaterländische Krieg begann, als die deusche Wehrmacht in den Morgenstunden des 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritten. Am 08. August erschienen erstmals feindliche Flugzeuge über Leningrad. 900 Tage und Nächte lang wurde Leningrad vom feindlichen Geschütz bedrängt. Als für die Russen der Krieg begann, war Schostakowitsch Vorsitzender der staatlichen Prüfungskommission in der Klavierklasse am Leningrader Konservatorium. Am 19. Juli begann er mit der Komposition der 7. Sinfonie.

Obwohl es sich um eine reine Instrumentalsymphonie handelt, hat die Musik eine Textgrundlage und bezieht sich nach Detlef Gojowy offenbar auf den 79. Psalm Davids, der Klage wider der Zerstörung Jerusalems (vgl. die Ausführungen von Gojowy, rororo-bildmonografie, Seite 70)

Schostakowitsch sagte über diese Symphonie:

Zitat
Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschheit, an die Schönheit...Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unseren sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.

(Meyer, Seite 259)

Weil dieses das Musikprogramm war, sollten möglichst viele Menschen diese Musik verstehen. So komponierte er im ersten Satz die drei Themen einstimmig. Nach den beiden ersten Themen folgt an Stelle der Durchführung ein drittes Thema, welches 12 Mal immer wieder in anders gearteter Instrumentierung sich wiederholt, sehr eindringlich übrigens, das ganze ein großes crescendo. Ähnlichkeiten mit dem Bolero sind hier nicht wegzudenken. Übrigens nahm Béla Bartók die Abwärtsbewegung dieses Themas im vierten Satz vom „Konzert für Orchester“ wieder auf. Die Einfachheit der Themen vergleicht Gogowy mit der Einfachheit alter liturgischer Melodien. Dieses wuchtige anschwellen des Themas wird mit Trommelwirbel („Trommelfeuer“) untermalt. Dieses unerbittliche starre Wiederholen des Themas im crescendo bis zum Äußersten kann als harter Widerstand gegen feindliche Truppen gedeutet werden, und so es Schostakowitsch auch gemeint, als er sagte, er widme diese Symphonie dem Kampf gegen den Faschismus.

Und nun die Musik (die komplette Symphony besteht aus zwei Videos)



und jetzt hört euch bitte den 4. Satz aus Béla Bartóks "Konzert für Orchester"(1943) an, in dem der große Ungar die Abwärtsbewegung aus dem dritten Thema des Kopfsatzes des großen Russen zitiert. Das Zitat beginnt bei 2,10'' Minuten.

Hier der große Magyar



Hört euch ruhig den kompletten Bartók an (mehrere Videos mit Seiji Ozawa,Boston symphony orchestra). Auch dies ein Herzstück der Musik des 20. Jahrhunderts. Zu Bartók lasse ich mich später noch etwas genauer aus.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 19.09.2011 10:50 | nach oben springen

#10

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 22.09.2011 14:12
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Wer wagt, am Ende von Bartók so unverfroren zu niesen? Raus mit dem...

Manche Musiker sehen aus wie ihre Instrumente. Ich liebe es, ihnen beim Spiel und in ihrer ganzen Könnerschaft zuzusehen.




Surreale Vorstellungen
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#11

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 22.09.2011 14:27
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Wer wagt, am Ende von Bartók so unverfroren zu niesen? Raus mit dem...



Ich habe mir dieses Stück letzte Woche mindestens fünf mal angehört und niemanden niesen gehört. Habe wohl zu sehr auf diese wunderbare Musik gelauscht. Im Buch vom Krzyzstzof Meyer ist das Schostakowitschzitat abgedruckt (eine Partiturseite).




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#12

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 28.09.2011 14:42
von Martinus • 3.194 Beiträge

Das Finale der "Leningrader Musik" kündigt den Sieg an, sagt der Biograf Krzyzstof Meyer. In der Tat, die letzten Takte zeugen von einer Unbeschwertheit, wenn nicht sogar größter Freude. Er ist schon erstaunlich, dass Schostakowitsch in der achten Symphonie dann noch mal das Leid so zentral in den Vordergrund stellt, ohne Hoffnung.

Mit der Siebten, der Leningrader Symphonie komponierte sich Schostakowitsch nach oben. Nun war er der Komponist Nr. 1 in der Sowjetunion. Allerdings sagt Meyer ähnliches schon in dem Kapitel über "Lady Macbeth von Mzensk". Allerdings relativiert Meyer, die Siebte sei zwar sehr populär, was er auf die Umstände der Entstehung zurückführt, andere Symphonien seien aber bedeutender, z. B. auch die Achte.

Die achte Symphonie entstand kurz nach der Schlacht von Stalingrad, nach dem Sieg über die 6. Armee der Wehrmacht. Diese sehr lange Symphonie, der erste Satz ist mit 25 Minuten länger als die komplette neunte Symphonie, zeigt die große Begabung des Komponisten, bestimmte Gefühle in Musik auszudrücken. Das Beste ist, wir vergessen die Zeit, wenn wir den ersten Satz hören und lassen diese Schmerzensmusik in uns hinein. Diese Musik ist so tragisch, dass mir Tränen gekommen sind. Es ist schier unglaublich, was für tiefe Schmerzen und großes Leid Schostakowitsch in dieser Musik ausdrücken konnte. In Anbetracht dessen, muss ich mich doch über folgende Aussage Schostakowitschs wundern:

„Dieses Werk spiegelt meine Gedanken und Gefühle nach den freudigen Meldungen über die ersten Siege der Roten Armee wieder. Ich versuchte darin die Nahe Zukunft der Nachkriegsepoche..."

Krzysztof Meyer sagt auf Seite 281 selbst, „Die Symphonie Nr. 8 erreicht im ersten Statz ein ungeahntes Ausmaß von Tragik.“
Zu anderen Schlüssen kann man kaum kommen, wenn man diese Musik anhört. Ich vermute, Schostakowitsch sprach von „freudigen Meldungen...“ um die Kremlführung ihm gegenüber friedlich zu stimmen. Vielleicht bezog sich Schostakowitschs Äußerung auf den dritten Satz, der Toccata: äußerst schwungvoll und mitreißend. Trotzdem, die Symphonie wurde als ein „Epos der Qual“ bezeichnet. Nach der Toccata, im vierten Satz die Symphonie in eine schmerzzerrende Passacaglia gleitet, Oberstimmen werden von einer sich wiederholenden Bassfigur getragen. Dieser vierte Satz allein schon genial, die fröhliche Toccata bei mir aber auch freudig ankommt, wie die wunderbaren Scherzi in anderen Werken. Der vierte Satz geht ohne Pause in den fünften Satz über.

Sehr interessant ist, was der Dirigent Pierre-Dominique Ponnelle über die achte Symphonie zu sagen hat:

Und nun das komplette Werk mit Concertgebouw Orchestra, Bernard Haitink. Man beachte, der erste Satz besteht schon aus drei Videos. Und dann klicke man sich durch die anderen Sätze (insgesamt fünf Sätze). Um das Hörvergnügen nicht zu trüben, empfehle ich allerdings in diesem Falle, lieber eine CD-Scheibe in den Player zu legen.



Die neunte Symphonie ist überraschend kurz ausgefallen. Es ist die Symphonie über „unseren großen Sieg“, wie man damals sagte. Im Winter 1944/45 wurde bekannt, dass er eine neue Symphonie schreibe. Er unterbrach aber die Arbeit, weil er rasch „ihre Unbrauchbarkeit“ erkannt habe, wie Meyer es ausdrückt. Er hat wohl sein kompositorisches Konzept geändert und begann noch einmal. Innerhalb weniger Tage hat er sie komponiert (Seite 295). Formell greift Schostakowitsch auf die Frühklassik zurück, heitere, fröhliche Musik. Schmunzeln musste ich, als Meyer über den ersten Satz schrieb:

Zitat von Meyer
Die eindeutige Tonart – Es-Dur – tritt in nahezu reiner Form auf, obwohl sie der Komponist auf recht originelle Weise mit fremden Tönen >>beschmutz<<.



Es die Neunte. Orchester weiß ich nicht. Es steht dort nur dies: 2011 교향악축제 목포시립교향악단 쇼스타코비치 교향곡 9번 1 mov 지휘 진윤일 Jin Yun IL (fünf Videos für die kleine Symphony). Aber die Musik ist Zucker.



Bei youtube las ich noch, das Fagottsolo im vierten Satz bedeute "Nie wieder Krieg". "Es könnte - denkt man an die martialische Blechbläsereinleitung - aber auch eine Klage des verbitterten und einsamen Komponisten gegen den Diktator Stalin sein..".

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 28.09.2011 15:10 | nach oben springen

#13

RE: Musik und der Klang der jeweiligen Zeit

in An der Kunst orientierte Gedanken 29.02.2012 19:00
von LX.C • 2.673 Beiträge

Also diese Russen, diese Russen der sowjetischen Schule spielen doch wirklich eine Zauber-Geige. Nun auch noch dieser Oleg Kagan. Muss man sich merken: Wiktor Tretjakow und Oleg Kagan.

Schade nur, dass es so eine Vinyl-Verknappung auf dem Markt gibt, was diese Virtuosen betrifft.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 29.02.2012 19:02 | nach oben springen


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