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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 26.05.2010 22:00
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Manchmal durchirren mich eigenartige Eindrücke. Überall ein Erblicken an Deformation gesellschaftlicher Werte. Zerstören, schreien sie. Zerstören mit bunten Bildern. Verfall des moralischen Romans, Kontrolle der Medien, Kontrolle der Musikindustrie. Macht, was ihr wollt. Rebelliert! – verführen sie mit kaltem Lächeln die Jugend, die unförmig und blind in ihr Verderben rennt. Satanische Bands brüllen ihren blutigen Schweiß ins Publikum: Geht über alle Grenzen! und regen sich gleich danach auf, wenn ihre Musik illegal aus dem Netz gezogen wird. Gangsterrapper fordern zum Waffengebrauch auf.
Dann denke ich immer: Wie tief Musik auf mich einwirkt, wie sehr sie fähig ist, Stimmung zu ändern oder zu erzeugen.
Und wie beeinflussbar man selbst, gerade als junger Mensch, ist, wo einem doch irgendwo noch alles um die Ohren tobt.

Das alles erscheint wie ein Ersetzen alter durch neue Götter. Sie nennen sich Popstars, Politiker, Künstler, Promis.

Ein Einpflanzen an Unruhe, Unzufriedenheit, Subversivitäτ. Finanzkrisen, Kriege, der Mensch gegen den Menschen. Mann gegen Frau, Frau gegen Frau, Mann gegen Mann, Erwachsene gegen Kinder, Kinder gegen Kinder, Kinder gegen Erwachsene. Generationen gegen Generationen. Doch unter Aggression lässt sich nur in eine Richtung denken.

Die Freiheit konsumieren… Ein grell beleuchtetes Produkt. Wird nicht mehr verkauft, sondern an den nächst besten verscherbelt. Als neu geprägtes Ding, fernab der Urbestimmung.
Man kommt sich verdünnt vor.

Musik als eine mächtige Droge. "Sie kann dich vergiften, deinen Geist erheben oder dich krank machen, ohne dass du den Grund dafür kennst." warnt die Vernunft. Eine Droge, die keiner ernst nimmt.
Befragt man die Jugend unter verschiedenster Musikeinwirkung, so sagen sie einheitlich: "Sie beeinflusst uns nicht, es ist doch nur Musik, wir hören sie gern." Und gleichzeitig drückt alles an ihnen (Einstellung, Kleidung, Verhalten) ihren jeweiligen Musikgeschmack aus.

Hendrix erklärte, Musik sei wie das spirituelle Eindringen in die menschliche Seele. Er hoffte durch seine Musik eine neue Art der Bibel zu finden, die Seelen zu durchdringen, bloßzulegen und in ihnen etwas zu wecken, denn es gäbe, so seine Worte, zu viele Menschen, die schlafen.
(Du bringst mit der Musik die Menschen zu ihrer Natur zurück, und wenn du sie dort hast, kannst du ihnen alles vermitteln, übertragen, was auch immer du zu sagen hast.)

Im gleichen Moment, in dem mir diese diversen Degenerationen von Kultur und Gleichgültigkeit zu Bewusstsein kommen, frage ich mich, ob doch nicht ich es bin, die rückschrittig und festgefahren geworden ist. Das sind die zwei immer vorhandenen dualen Augenblicke jeder Überlegung.

So wie der Mensch mit immer neuen, radikaleren Musikrichtungen erzogen wird, wenn ein Tabu um das nächste fällt, immer mehr Grenzen überschritten werden, so ist auch die Vermittlung von Wert und Schönheit (die, die vielschichtig ist, jedoch zur Betrachtung verleitet und Bewunderung hervorruft, wie es z. B. alte Meisterwerke tun) nicht mehr erwünscht. Nur das, was radikal und umstürzend, sinnentleert oder sinnüberdreht ist, was statt Bewunderung Erstaunen und Nicht-Begreifen auslöst, kann sich durchsetzen. Sinn finden in dem, was keinen Sinn hat. Ein berauschender Akt, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Offene Werke ohne Bedeutung und damit in jeglicher Bedeutung.
Kunst ist tot? Nein, Kunst ist nicht tot. War nie tot. War immer die Unzufriedenheit der Zeit.
Besonders nicht tot für den Künstler, sondern höchstens noch für diejenigen, die nicht mehr wissen, was es heißt: zu betrachten *.
Ihnen reicht die grelle Blendung, der Augenblicksorgasmus, das Schnelllebige kurzer Faszination, der Effekt von Affekten. Eine Bestätigung von krankhaften (vielleicht sogar ihren eigenen) Zügen.

Ist der Künstler irre, wird seine Kunst schon etwas taugen, und über die Nicht-Aussage der eigenen Bilder macht sich dieser wiederum keinerlei Gedanken mehr, sondern redet es sich durch Zeit und Unreife des Publikums zurecht, wie er es benötigt.
Dabei ist ein Bild, das nichts bewirkt, trotzdem nur Oberfläche und taugt damit zu nichts mehr, als an einer Wand zu hängen und seine krankhaften Züge in den Raum zu vervielfältigen.

Und genau das IST die Verantwortung des Künstlers, so sehr er sich auch daraus hervorzuwinden versucht. Am Ende steht er doch nur sich selbst gegenüber, und kein Publikum wird ihm helfen. Erbarmungslos gleitet sein Blick über die eigenen Nichtigkeiten in Farbe und Form oder Musik, in denen er sich langsam und unbemerkt auflöst.

---------------------------------
* Solche, die sich beständig und willenlos von anderen Meinungen oder Moderichtungen lenken lassen, ohne sich tiefer auf das Kunstwerk einzulassen. Hier geht es nicht um das Urteil: Gut oder Schlecht. Es geht um Sehen und Gefallen. Und die Frage: Was löst das Bild in mir aus?
Dafür bedarf es keinerlei Kenntnisse und Hintergrundwissen. Es ist das einfache Erkennen von Wirkung und Stimmung.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.05.2010 22:17 | nach oben springen

#2

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 26.05.2010 23:24
von LX.C • 2.672 Beiträge

Zitat von Taxine
Im gleichen Moment, in dem mir diese diversen Degenerationen von Kultur und Gleichgültigkeit zu Bewusstsein kommen, frage ich mich, ob doch nicht ich es bin, die rückschrittig und festgefahren geworden ist. Das sind die zwei immer vorhandenen dualen Augenblicke jeder Überlegung.



Ich habe gerade Die Zauberflöte, Die Hochzeit des Figaro (Mozart), Dornröschen, Romeo und Julia (Tschaikowsky) gehört und Heinrich Stillings Jugend gelesen, ein wirklich ganz bezauberndes Büchlein von 1777. Das Wahrhafte wird sich immer durchsetzen und nie verschwinden. Jeder muss zu sich selbst und zu den Dingen finden. Oder es eben lassen. Das tat die Masse seit jeher ohnehin, für sie wurde die Popkultur schließlich erfunden.

Übrigens ist ein Beispiel, dass die Jugend schon immer euphorisch solch "rebellischen" Strömungen aufgesessen ist, die von anderen wiederum als degenerativ betrachtet wurden, Goethes Werther. Wer weiß schon, was sich aus der heutigen Jugend-Kultur langfristig durchsetzen wird.


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zuletzt bearbeitet 26.05.2010 23:37 | nach oben springen

#3

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 27.05.2010 10:05
von Lennie • 829 Beiträge

Kunst ist zu jeder Zeit auch Ausdruck ihrer Epoche und drückt eine Art "allgemeines Lebensgefühl" aus. So empfinde ich es jedenfalls, jetzt mal ganz unabhängig von der Qualität und Begabung der diversen "Kunstenden".
Wahre Künstler gab und gibt es immer, zu jeder Epoche - sie haben es nur, je nach herrschendem "mainstream" mehr oder weniger schwer, gehört und gesehen zu werden.
Mit der momentanen Epoche ist das so eine Sache. Künstlerisch und allgemein und überhaupt so. Wir fallen noch. Wir sind noch nicht unten. Aber die Geschwindigkeit nimmt zu. (Auf den Aufprall bin ich gespannt. Obwohl vielleicht auch lieber nicht, aber das ist eine andere Geschichte...)
Oft fehlt da für Kunst schon die Luft zum Atmen - es reicht nur noch zum Dokumentieren.
Und das sieht man dann. Und hört es.
Oft: leider.

Es gibt aber zum Glück auch noch anderes. In der Gegenrichtigung. Nur das schafft es nicht, so allein. Man muss es suchen. Und wenn man es ab und zu findet, hüten und schätzen.

Und mit dem Betrachten (und dem Zuhören) ist das auch so eine Sache. Das kann man nämlich auch lernen. Um zu unterscheiden und zu verstehen und ..... Bis zu einem gewissen Grad. Was dann jeder draus macht, ist seine Sache. Wir lernten sowas früher noch. In so seltsamen Institutionen, die sich Schule nannten. Da gab es Musikunterricht, Werkunterricht, Kunstunterricht.
Hier und heute wird keines dieser "Fächer" in der Schule angeboten. Schon seit Jahren nicht. Und wenn man's nie gelernt hat....!

Sie planen grade, an den Nachmittagen für alle täglich Sportunterricht einzuführen... das muss reichen. Denn das Dumme an kulturell aufgeschlossenen und interessierten Menschen ist, dass sie in sich hineinhören, dass sie nachdenken, dass sie beginnen, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Welcher Staat will das schon! Fit sollen sie sein, damit sie von 30 bis 50 so profitabel wie möglich in den Arbeitsprozess passen und danach sollen sie sich ebenfalls möglichst bequem entsorgen lassen und gefälligst nicht mehr stören.

Zackellose Zackelschafe, die werden grade gezüchtet. Und die sollen sich gefälligst nur selbst in den Schwanz beißen und sonst gar nichts.

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#4

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 27.05.2010 11:15
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Lennie
Da gab es Musikunterricht, Werkunterricht, Kunstunterricht.
Hier und heute wird keines dieser "Fächer" in der Schule angeboten. Schon seit Jahren nicht. Und wenn man's nie gelernt hat....!



Daran kann ich mich noch erinnern, es gab auch Kunnstunterricht (gibt es den heute noch? - vielleicht nicht). Aber schon dazumal, in meiner Schulzeit, galt ich in meiner Klasse als der Einzige, der sich für Klassische Musik interessiert.

Solch eine Dekadenz, kein Geist für Schönheit, da ist es doch kein Wunder, dass viele Menschen seelenlos dahinleben, sich an Ratgeberliteratur klammern oder schlimmsten Falls in esoterische Abgründe fallen, denn, so habe ich selbst mal vernommen von jemanden, wenn man schon nicht mehr an Gott glauben kann, so muss es doch etwas anderes geben, was einem einen Sinn gibt. Für mich kein Argument, deswegen der Astrologie zu verfallen, was m.M.n. auch nur ein sinnloses klammern ist, weil es eben an inneren Werten fehlt. Schönheit kommt von innen, also Geist, wenn wir das vergessen, haben wir Probleme, denn unserer Geist, wiel schoönes sehen (Kunst), schönes hören (Musik), schönes Lesen( Belebung von Phantasie, schönes Schweifen des Geistes). Wenn das alles fehlt, dann lebt man doch seelenlos dahin. Ein schönes Leben ist aber auch, wenn ein Mensch dazu fähig ist, bewusst in der Natur zu schlendern, Düfte warzunehmen, den Vogelgesang, die visuelle Schönheit der Natur. das wäre für mich noch die einzige alternative zur Kunst. Wenn aber alle Schönheit des Lebens aus dem Leben verbannt ist, dann ist der Mensch arm dran.

Ein Beispiel für Musik als Degeneration und Massenkonsum:

Wenn im Klassik Radio der Bolero von Ravel gespielt wird, hört man nie das ganze Stück, denn es fängst ja leise an, dahört sowieso niemand hin, nicht wahr?. Genauso verrückt wäre es, ich gehe ins Konzert, Beethovens Violinkonzert, und man lässt die vier Paukenschläge im pp oder ppp weg, hört sowieso keiner, oder man lässt die leisen Klänge der Kontrabässe in der Einleitung von Strawinskys "Feuervogel" weg, die man im Radio nur hören kann, wenn man lauscht. Musik ist laut, darum, ab in die Disco und volldröhnen lassen. Das ist Degeneration.

Degeneration ist auch, wenn in manchen Klassikerausgaben Romane gekürzt werden. So hat sich neulich mein Bruder beschwert, der eine gekürzte Ausgabe von Dickens' "David Copperfield" erwischt hat (Ich denke aber doch, nana..dass die Übersetzung von Meyrink vollständig ist).

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 27.05.2010 11:19 | nach oben springen

#5

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 27.05.2010 13:06
von LX.C • 2.672 Beiträge

Zitat von Martinus
Aber schon dazumal, in meiner Schulzeit, galt ich in meiner Klasse als der Einzige, der sich für Klassische Musik interessiert.


In der Schulzeit interessierte mich das auch nicht. Auch das intensive Lesen nicht. Vieles entscheidet sich erst in bestimmten Lebenssituationen, wenn man nicht von Kindheit an, mit dem Habitus des Elternhauses an die Hochkultur herangeführt wird.
Man sollte also auch die Jugend nicht voreilig verurteilen; auch wenn ich Taxines Kritik durchaus verstehe und sie meinen Gedanken nicht fremd ist. Aber wo kommen solch kulturkritische Gedanken her? Sie sind auch nur das Produkt einer (wie man vielleicht nun meint privilegierten) Perspektive, die mit den Jahren gewachsen ist. Vieles findet sich, oftmals ist das ein Prozess, die Jugend eine rasante Orientierungsphase. Vieles bleibt - so liebe ich salopp gesagt bis heute Techno und Tatort -, vieles entwickelt sich erst, die Sinne verfeinern sich. Nicht in jedem Fall, aber sicher auch nicht so selten wie hier der Anschein erweckt wird.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 27.05.2010 13:21 | nach oben springen

#6

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 27.05.2010 22:25
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Mir erscheint es manchmal wie ein langsam dahinrieselndes Verflachen an Gefühl, Betrachtung, Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, Lebensinhalt, das aber eher von "außen" geprägt wird. (Also gar nicht mal so in Bezug auf die Reife oder als ein Verurteilen der Jugend (sie wissen es ja nicht besser). ) Wenn immer mehr auf schnellen Konsum und abstrakt verformte Ausdrucksformen ohne tieferen Inhalt Wert gelegt wird (wer kennt z. B. einen zeitgenössischen Roman mit Tiefe, die einen völlig überwältigt aus den Zeilen tauchen lässt?), wieviel bleibt dann noch übrig oder kann sich dann überhaupt noch durchsetzen, das in "Kunst" nachwirkt, verändert, Werte vermittelt? *

Und dann sage ich mir natürlich auch, dass es immer die zwei Seiten gab, die Masse und die wenigen Macher (und Genies), dass zwischen allem Verfall und der allgemeinen Gleichgültigkeit jene Suche stattfand.

Mir kommt die Ignoranz dem Leben, der Kunst, der Welt allgemein gegenüber immer extremer vor, wie ein rasender Strom an Nichtigkeiten, auf die die Menschen getrimmt werden, sie als notwendig oder wertvoll hinzunehmen, während das nichts als leere Luftblasen sind. Was sich z. B. Mode nennt. (Mode ist für Schafe.) Ich habe ja nichts gegen einen gleichen Kleidungsstil, der sich für eine Woche durchsetzt und von allen getragen wird, nur weil mal eben ein Prominenter versifft aus dem Haus getorkelt ist und nicht wusste, was er anziehen sollte...
Oder das In-Ohnmacht-Fallen für Tokio Hotel oder einer Lady Gaga.
Aber da hört es ja nicht auf.
Oder es nennt sich eben anders.
Klar, auch das gab es schon immer. Nur nicht so schnell, nicht so wandelbar, nicht so zerstörerisch ohne Sinn. (Selbst die gewaltvollen Revolten der Sechziger hatten Hintergrund und Inhalt, kurz: eine Überzeugung.)

Das Durchbrechen von Tabus hat sich sehr langsam durchgesetzt und nimmt mittlerweile ziemlich verzerrte Züge an.
Auch ein Verfall (Auseinanderreißen) der Familie (von der Rousseau ja so schön behauptet hat, dass es die älteste und einzig natürliche Form aller Gesellschaften ist) wird immer sichtbarer. Und wohin führt es? In die Arme von Vater Staat, auf den man sich immer getrost verlassen kann, damit er sich seinerseits auf seine Schäfchen verlassen kann. Auch gefördert durch solch mediales Berieseln ständiger Partnersuch-, Fremdgeh-, Einsamkeitsagenturen, Sexvideos zum Herunterladen auf Handys,... und wird im Extrem dann zu Jugendlichen, nicht älter als dreizehn Jahre, die sich gegenseitig beim Sex aufnehmen oder sich vor der Kamera zusammenprügeln, weil es gerade In ist...
So etwas war doch vor zehn Jahre nicht denkbar, geschweige ist es eine Verbesserung der Lebensqualität. Darunter leuchtet für mich eine ziemlich erschreckende Einsamkeit und Depression hervor, die Ausdruck von "Normalität" annimmt.

Irgendwie wie: Schalt den Geist aus, lass einfach deinen Körper machen...

Casanova hat damals erklärt, dass der Mensch von drei Trieben geleitet wird. Vom Hunger, von der Sexualität und vom Hass. Nur seine Fähigkeit zur Lust unterscheidet ihn vom Tier.

Wenn man heute so auf alles blickt, dann sehe ich ganz andere Unterschiede... oder die Schaffung einer neuen Art "Tier". Ein technologisiertes Tier, das nur noch auf Signale reagiert.

------------------------
* Dafür werden neue und andere Mittel herangezogen, und die wirken eben dann auch in anderer Form.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.05.2010 00:14 | nach oben springen

#7

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 27.05.2010 23:04
von Lennie • 829 Beiträge

Keine neue Art Tier. Die letzten Schnörkel der unglückseligen Quintessenz des Menschen werden gerade kunstvoll geschnitzt.Und er lässt es zu. Das ist ja das Schlimme.
Das mit Casanova wage ich vom Inhalt her zu bezweifeln, ich denk, da hat er sich geirrt (pardon, monsieur). Ich bin der Ansicht, es ist umgekehrt: Tiere empfinden meiner unmaßgeblichen Meinung nach durchaus Lust. Ebenso Hunger und den Trieb nach Sex. Aber keinen Hass. Der einzige, der Hass empfindet, ist der Mensch. Und das unterscheidet ihn vom Tier. Leider. Und dumm für ihn.

Was da im Kommen ist, ist kein Mensch mehr und schon lange kein Tier. Ein funktioneller Roboter. Nicht mehr und nicht weniger.
Eine Ansicht von vielen. Die nur die Autorin verpflichtet. Und die ist ja sowieso schon lange jenseits von allem möglichen.... Aber lassen wir das.
Wie mein Schwager zu sagen pflegt: C'est dur la vie. Sans confiture.

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#8

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 27.05.2010 23:08
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ja, mit dem "Tier" tue ich mich auch immer schwer. Roboter passt aber auch nicht so ganz. Ein Zwischending aus Mensch und Roboter. Eine fleischliche Batterie. Ein mutiertes I-Phone mit Augen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 27.05.2010 23:13 | nach oben springen

#9

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 29.05.2010 17:18
von LX.C • 2.672 Beiträge

Zitat von Taxine
Mir erscheint es manchmal wie ein langsam dahinrieselndes Verflachen an Gefühl, Betrachtung, Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, Lebensinhalt, das aber eher von "außen" geprägt wird. (Also gar nicht mal so in Bezug auf die Reife oder als ein Verurteilen der Jugend (sie wissen es ja nicht besser). ) Wenn immer mehr auf schnellen Konsum und abstrakt verformte Ausdrucksformen ohne tieferen Inhalt Wert gelegt wird (wer kennt z. B. einen zeitgenössischen Roman mit Tiefe, die einen völlig überwältigt aus den Zeilen tauchen lässt?), wieviel bleibt dann noch übrig oder kann sich dann überhaupt noch durchsetzen, das in "Kunst" nachwirkt, verändert, Werte vermittelt? *

Und dann sage ich mir natürlich auch, dass es immer die zwei Seiten gab, die Masse und die wenigen Macher (und Genies), dass zwischen allem Verfall und der allgemeinen Gleichgültigkeit jene Suche stattfand.

...



Ich finde, du siehst aber auch immer sehr modisch aus, auf Fotos Oder was ist z.B. mit Krausser? Den du erst kürzlich gelobt hast. Kann man das wirklich so verallgemeinern? Oder geht das wirklich Wertvolle gefühlt vielleicht einfach nur unter in der Masse der oberflächlichen Surrogate? Eine Masse an Möglichkeiten, die es so früher nicht gegeben hat, was nicht heißt, dass wir heute oberflächlicher sind als früher, dies nur anders zum Ausdruck kommt. (Aber so ähnlich sagtest du das ja auch schon.) Es ist ja auch keine Entschuldigung, sich darauf zu berufen, jeder Einzelne sollte nach dem Höchsten streben (nicht materiell gemeint, versteht sich). Aber man fühlt tatsächlich mit jedem Arbeitstag, wie gerädert und blockiert man aus diesem wieder entlassen wird.

So aufs Ganze stimme ich deinem Beitrag in seiner Gesellschafts- und Kulturkritik durchaus zu.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 29.05.2010 17:20 | nach oben springen

#10

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 29.05.2010 18:04
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Wie gesagt, gegen Mode selbst ist nichts einzuwenden, wenn ich persönlich aber dann doch wahrhaftig keinen Wert drauf lege.
Und der Krauser ist schon großartig, da hast du recht, trifft meinen Zahn, aber dann auch nur wieder im Vergleich zum anderen zeitgenössischen oder besser gesagt... gegenwärtigen Mist. (Kannst aber gerne bescheid sagen, wenn dir ein gutes Buch in die Hände fällt.) Pynchon ist ja auch noch da... und wahrscheinlich etliche andere.

Ich verstehe aber auch dich sehr gut, ich sehe es im Augenblick leicht pessimistisch, gerade wenn ich aus der Literatur in die Welt blicke. Das sind ja, wie so häufig, immer nur einseitige Perspektiven und Eck-Blicke, nichts, was sich über eine weite Fläche verteilt und für alles zutrifft. Das beruhigt mich dann auch immer wieder, bis zum nächsten Staun-Moment.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 29.05.2010 18:05 | nach oben springen

#11

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 29.05.2010 20:10
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Trügt uns nicht unser historisch eingefärbter Blick, wenn wir kulturbeflissen in die Vergangenheit blicken und sagen: "Oh, früher Bach, Beethoven, Brahms, und heute nüscht wie Lena Mayer-Landrut und Florian Silbereisen ...."?

Zumindest meine Vorfahren haben zu Zeiten von Beethoven und Brahms in der Kneipe gehockt, Skat gedroschen und musikalisch nie etwas anderes auf die Ohren bekommen als die Polkaklänge, wenn sie mal auf dem Dorffest das Tanzbein schwangen. Von den sonntäglichen Hosiannagesängen im Kirchgestühl mal abgesehen.

Damit verglichen wirkt der "Niedergang" in der heutigen Zeit dann nicht mehr ganz so gravierend.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#12

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 12.08.2011 11:01
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Lennie
Kunst ist zu jeder Zeit auch Ausdruck ihrer Epoche und drückt eine Art "allgemeines Lebensgefühl" aus.



Mein Lebensgefühl ist das:



Und wenn diese Musik nicht dem heutigen Lebensgefühl nicht entspricht, dann lebe ich eben in einer falschen Epoche. So einfach ist das. Chopin ist auch so einer. Ich lebe mit Chopin. Ich bin Leuten begegnet, denen noch niemals der Name Rachmaninov über die Lippen gekrochen ist.
Ist halt so. Ich mag diese Musik. Sie dürchspült meine Emotionen.

Zitat von Taxine
Ein Einpflanzen an Unruhe, Unzufriedenheit, Subversivitäτ. Finanzkrisen, Kriege, der Mensch gegen den Menschen.



Das ist unsere Welt, ja. Früher gab es natürlich auch Kriege, und die Menschen waren sich nicht immer lieb, aber trotzdem, bei Rachmaninov und Chopin z.B. kann ich für mich sein und den wunderbaren Klängen lauschen, all den Mist auf der Welt mal vergessen. Bin aber nicht weltflüchtig. Mag das eben nur.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 12.08.2011 11:05 | nach oben springen

#13

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 12.08.2011 12:31
von LX.C • 2.672 Beiträge

Rachmaninov ist wunderbar, großartig, ja. Ich habe auch die Klavierkonzerte Nr. 1 bis 3 auf LP. Grandios ist das.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 12.08.2011 12:31 | nach oben springen

#14

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 12.08.2011 12:37
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ja, da wundert man sich, wie unglaublich schön da jemand komponiert hat, wie unglaublich schön die Finger auf den Tasten tanzen.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#15

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 12.08.2011 12:38
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ich liebe seine Musik auch.




Surreale Vorstellungen
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