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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 17:59
von Jatman1 • 1.100 Beiträge

Die Befindlichkeiten aus Deinem ersten Posting, gibt es seitdem es die Menschheit gibt. Jede Generation meint einen Verfall feststellen zu können. Ich glaube jedoch, dass es den nicht gibt. Veränderung - ja ständig.

Wenn man jeder Generation z.B. nur o,5 Prozent moralischen oder eben künstlerischen Verfall zuschreiben wollte, wäre bei solcher Potenzierung die Menschheit heute nicht mehr existent. Es kann demnach nicht anders sein, als dass der Eindruck täuscht. The same procedere every year. Etwas lakonischer:


www.dostojewski.eu
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#17

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 22:44
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Klar, muckt eine Generation immer über die nächste auf, empfindet die neue Entwicklung als Bedrohung und Zeichen des Alterns, reagiert mit Unverständnis, trotzdem steuert alles auf Verflachung, Vereinfachung, Oberflächlichkeit hin. (Ein normaler Prozess im Gesellschaftsablauf.)
Ich denke, eine Gesellschaft (oder weiten wir es aus: eine Zivilisation) von mehreren Generationsabfolgen wird immer irgendwann in Dekadenz, Ignoranz und Übersättigung enden, dann folgt eine Katastrophe, ein Krieg oder die einfache Selbstzerstörung, und dann wird wieder ganz von vorne angefangen. Stück für Stück.
Mag sein, dass dazwischen auch Jahrtausende liegen. Ist, so gesehen, ein schleichender Prozess. Und das Verständnis und die Selbsthinterfragung ist immer eine Bedingung, warum all das nicht so ernst genommen wird oder zu ernst. Es ist ein natürlicher Ablauf der Entwicklung "Leben" unter den vorherrschenden Bedingungen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 08.10.2011 22:47 | nach oben springen

#18

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 22:54
von Jatman1 • 1.100 Beiträge

Sehe ich absolut nicht so.
Aber Du bist mit Deiner Ansicht ganz in der Nähe von Dostojewski:
„Ohne Krieg erstarrt der Mensch vollständig in Reichtum und Komfort und verliert die Fähigkeit, edel zu denken und zu fühlen; er verroht und verfällt in Barbarei.“


www.dostojewski.eu
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#19

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 22:59
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Ich teile hier Dostojewskis Ansicht keinesfalls. Ich sage nicht, dass der Mensch ohne Krieg erstarrt oder durch ihn erst moralisch wird, sondern dass er so lange weitermacht, bis eine Katastrophe eintritt. Dort dreht sich der Zeiger wieder auf Null. Das ist ein winziger, aber nicht gerade geringfügiger Unterschied.
Ich meine, wir leben doch inmitten von Kriegen, Gewalt und Ausartung, sind zumindest damit konfrontiert. Somit müssten wir uns (nach Dostojewski) ja jederzeit umbesinnen. Tun wir das?




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 08.10.2011 23:29 | nach oben springen

#20

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 23:16
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Ich denke, eine Gesellschaft (oder weiten wir es aus: eine Zivilisation) von mehreren Generationsabfolgen wird immer irgendwann in Dekadenz, Ignoranz und Übersättigung enden, dann folgt eine Katastrophe, ein Krieg oder die einfache Selbstzerstörung, und dann wird wieder ganz von vorne angefangen. Stück für Stück.



Diese Dekadenz sehe ich heute sehr deutlich, in der Politik (krisenhaftes Chaos) und in der Bildung (Schüler in Brandenburg meinte 2007, Willy Brandt wäre ein Politiker der DDR gewesen). Es wird noch vieles vergessen werden, was zu unserer Kultur gehört. Ich finde das maßlos schlimm.

Was Musik betrifft, also Rap z.B., diese einfache, melodiös absolut flachgeatmete Musik hat m.M.n. auch was dekadentes.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#21

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 23:30
von Jatman1 • 1.100 Beiträge

Taxine
Der zeiger wird eigentlich nie auf Null gedreht. Der Mensch entwickelt sich konsequent positiv. Von Generation zu Generation von Jahrhundert zu Jahrhundert verbessern sich seine lebensverhältnisse, lebt selbstbestimmter und unabhängiger, der moralische Kontext wird zunehmend humaner, die wirtschaftlichen Umstände entwickeln sich nur zu seinem Vorteil und und . . .

Vielleicht hast Du mal ein Beispiel für einen Moment/Phase die man dem Bild "Zeiger auf Null drehen" zuordnen sollte / kann.

Martinus
Oh Oh - Was hättest Du wohl damals zum Dadaismus oder zum Aufkommen des Blues für eine Stellung bezogen Man kann es sich leider ausrechnen. . .


www.dostojewski.eu
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#22

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 23:49
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Zitat von Jatman
Der zeiger wird eigentlich nie auf Null gedreht.


Nur nicht, wenn man in bestimmten Begrenzungen blickt und denkt, also in z. B. Jahrhunderten.
Auch ist ein "Auf Null Drehen" nicht immer sichtbar. Es geht ja weiter.
Und überhaupt kann eine Entwicklung positiv erscheinen, hinter dem Schein allerdings eine gefrässige negative Tendenz verbergen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.10.2011 00:28 | nach oben springen

#23

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 08.10.2011 23:53
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Jatman1

Oh Oh - Was hättest Du wohl damals zum Dadaismus oder zum Aufkommen des Blues für eine Stellung bezogen Man kann es sich leider ausrechnen. . .



Der Blues steht mir sehr nah. Das ist Musik.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#24

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 09.10.2011 06:10
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Martinus


Was Musik betrifft, also Rap z.B., diese einfache, melodiös absolut flachgeatmete Musik hat m.M.n. auch was dekadentes.



Zitat von Jatman1
Martinus
Oh Oh - Was hättest Du wohl damals zum Dadaismus oder zum Aufkommen des Blues für eine Stellung bezogen Man kann es sich leider ausrechnen. . .



Es ist theoretisch denkbar, dass es ein Generatonsproblem ist, dass ich Rap für dekadent halte, nichts damit anfangen kann (es geht nur um die Musik, nicht um die Texte). Ähnlich wie damals, als die Beatles aufkamen, ältere Menschen damit auch nichts anfangen konnten.

Aber schauen wir uns die musikalische Struktur von RAP an (Kenner dieser Musik mögen mich korrigieren, wenn ich daneben liege), dann sehen wir, die Musik ist stark rhythmisch orientiert, der Gesang ziemlich eintönig, wie ein rezitativ, aber ohne Harmonien, ohne Melodie. Von einem Song/Lied, wie bei den Beatles oder wie bei Franz Schubert, können wir doch wirklich nicht reden.

Zur heutigen Musik ist ja schon seit langem zu beobachten, dass das Hauptaugenmerk auf Rock/Pop gerichtet ist, die orchestrale zeitgenössische Musik, die zeitgenössische Chormusik und Oper, im Bewustsein der Bevölkerung aber nicht präsent ist. Mir geht es ja auch ähnlich. Von zeitgenössischer Musik kenne ich nur das "Credo" von Penderecki, dann hört es bei mir auch schon fast auf (nur vom Namen her, kenne ich schon noch einige). Ich finde schon, dass das dürtig ist. Die zeitgenössische ernste Muse, oder sagen wir ruhig auch Schostakowitsch, ist von der musikalischen Struktur wesentlich komplizierter als Musik von den Beatles, Rap oder Lady Gaga. Ich möchte aber nicht verallgemeinern, es gibt gute Rockmusik, die für mich was hergibt, bei vielen anderen, aber ich auch das Youtube-Video ausblende, auch so manche, die hier im Forum präsentiert wurden. Elton John z.B ist für mich ein excellenter Songwriter, und dann gibt es noch andere hervorragende Musiker.....Bei Rap gibt es für mich nichts musikalisches, was mich in irgendeiner Weise aufhorchen ließe.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 09.10.2011 06:15 | nach oben springen

#25

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 09.10.2011 14:41
von Jatman1 • 1.100 Beiträge

Ich bin wahrlich auch kein großer Anhänger des Rap. Wie die Form einer emotionalen Artikulationsform auch immer heißen sollte oder wie sie sich darstellt, sie ist immer Ausdruck der Zeit. Musik halte ich für in die musische Form gebrachte von Emotion. Sie bedeutet Lebensgefühl! So wie du es ja am Beispiel von den Beatles anführst. Die gewählte Form ist grundsätzlich anzuerkennen und zu achten, nicht nur zu tolerieren. Entscheidend ist für ein solches Emotionskonstrukt, was jede Art von Musik darstellt, keinesfalls ein intellektueller Anspruch. Was sollte man sonst mit Kraftwerk oder Death-Metal anfangen. Oder eben Blues - ein schlichtes Grundkonstrukt; vergleichbar vielleicht mit dem Punk.
Bei unseren Sichten, kommt bei dir ja auch eine ausgesprochen außergewöhnliche Sozialisation in Sachen Musik zum tragen. Du hast die populäre Phase scheinbar ausgelassen oder nur am Rande gestriffen. So mein Eindruck:

Ich biete Dir mal einen Rap an. Vielleicht kannst Du dem etwas abgewinnen:


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#26

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 09.10.2011 15:27
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Jatman1,

das ist zwar Rap im klassischen outfit (Musikintrumente), aber befreunden kann ich mich damit nicht.

Zitat von Jatman1
Bei unseren Sichten, kommt bei dir ja auch eine ausgesprochen außergewöhnliche Sozialisation in Sachen Musik zum tragen.



Zu meiner Musiksozialisation (schönes Wort):

Am Anfang waren Mozarts Hornkonzerte und Prokofieffs „Peter und der Wolf.“ Ein mal im Jahr, am Karfreitag, weil mein Vater dazu sang, BACH Matthäuspassion. Zwischendurch im Jahr Händels Concerti Grossi und so ziemlich alle Solokonzerte von BACH. Mit neun Jahren wollte ich Pianist werden. Ich wollte immer Rachmaninow spielen. In der Frühpubertät hatten wir Schallplatten von Beethoven: Violinkonzert mit Yehudi Menuhin und das fünfte Klavierkonzert mit Emil Gilels und Furtwängler. Auch Mozartkonzerte mit Andor Foldes etc. Mit dreizehn/vierzehn irgendwann hörte ich andauernd Gershwin. Große bewegende Musikentdeckungen machte ich in dieser Zeit unter meiner Bettdecke. Ich hatte ein kleines Transistorradio und hörte einmal die Woche das Schagerderby auf Deutschlandfunk (20.05Uhr) und im NDR New Look for Klassiker. Hier wurde gründlich klassische Musik verjazzt. Das war die Geburtsstunde des Jazz in meinem Leben. Die alten Rocker damals, Emerson Lake & Palmer, The doors, usw., das bekam ich naturlich auch mit. Strawinsky entdeckte ich auch unter der Bettdecke: „Concerto in D“, „Dumbarton Oaks“ und „Jeu de Cartes“ waren so die ersten Strawinskys. Ravel kam dann auch noch. In meinen zwanzigern hörte ich erstmals Schostakowitsch Symphonien. Die Musik des 19. Jahrhunderts war mir damals auch geläufig, was Symphonien, Klaviermusik angeht. Brahms vierte fand ich unheimlich stark. Ich musste erstmal heiraten, um Elton John, Joe Cocker und Phil Collins zu hören. Gerade fällt mir noch ein: Bartoks „Konzert für Orchester“ und seine „Musik für Schlagzeug, Saiteninstriumente und Celesta“ gehörten auch damals wie heute zu meiner Lebensmusik. Warscheinlich wäre ich in meiner Jugendzeit in eine Disco gegangen, wenn die Ravel gespielt hätten. Inzwischen kenne ich natürlich verschiedene Größen des Rockgenres bzw. Pop, die ich auch sehr schätze. Michael Jackson hatte einige großartige Sachen auf Lager. Aber ich habe schon mal im Forum gebeichtet, dass ist eine grobe Schätzung von mir, 0,8 Prozent der Rock/Pop-Musik kenne. Den Jazz halte ich, neben der Quantenphysik und Mikrochipstechnologie, für die größte Errungenschaft des Menschen im 20. Jahrhundert. Gustav Mahler kam bei mir sehr spät an, dann aber auch etwas Arnold Schönberg.

Liebe Grüße aus der Dodekaphonie
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 09.10.2011 22:05 | nach oben springen

#27

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 09.10.2011 15:56
von Jatman1 • 1.100 Beiträge

Aber holla Martinus!

Vielen Dank! für die nahezu, für mich, unvorstellbare Entwicklungsdarstellung. Hätte ich nie gedacht, dass es soetwas gibt. Da hast Du natürlich auch kaum eine Chance, dich dem populären Sektor zu nähern. Musik ist in Form gegossene Emotion. Und im emotionsreichen Jugendalter, war die Popkultur bei dir nicht mit im Rennen. Ich bin wahrlich baff

Dem Jazz bin ich schon eher etwas zugewandt. Meine Jugenderfahrung von Jazz-Konzerten: Lauter distunguierte Laffen, die schwer intellektuell daherkamen. Ein Graus. Lediglich eine Person lernte ich kennen, die liebte und lebts Jazz. Der war immer vollster Begeisterung, ohne die snobistische Noblesse. Gehörte auch nicht zu dem Tross der blasierten Verstehenden. Mich hat also eher das Umfeld abgeschreckt. Die Musik weniger. Natürlich muss "mein" Jazz mit Pop oder Rockelemeten versetzt sein.


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#28

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 09.10.2011 16:36
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Jatman1
Aber holla Martinus!

Vielen Dank! für die nahezu, für mich, unvorstellbare Entwicklungsdarstellung. Hätte ich nie gedacht, dass es soetwas gibt. Da hast Du natürlich auch kaum eine Chance, dich dem populären Sektor zu nähern. Musik ist in Form gegossene Emotion. Und im emotionsreichen Jugendalter, war die Popkultur bei dir nicht mit im Rennen. Ich bin wahrlich baff



Warscheinlich war ich in unserer Schule der einzigste, der so eine Musikentwicklung durchgelebt hat. Scheint mir so. Diese Musik, und Musik überhaupt, ist voll von Emotion, aber sicher. Im "emotionsreichen Jugendalter" waren meine Emotionen insbesondere bei Gershwin, Beethoven & Co. Die anderen sind natürlich in die Disco gegangen. Meine Schwester auch. Wie gesagt, ich war ein Sonderfall.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#29

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 09.10.2011 23:33
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Martinus

. Im "emotionsreichen Jugendalter" waren meine Emotionen insbesondere bei Gershwin, Beethoven & Co. Die anderen sind natürlich in die Disco gegangen.
mArtinus



War bei mir ziemlich ähnlich. Dieses Forum ist voller verschrobener Gestalten ...




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#30

RE: Musik und Kunst als Degeneration?

in An der Kunst orientierte Gedanken 10.10.2011 00:58
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Zitat von Roquairol
Dieses Forum ist voller verschrobener Gestalten ...


... Yupp, normale Menschen müssen sich hier doppelt behaupten.
Die meisten scheitern.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.10.2011 00:59 | nach oben springen


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