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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Boyd - Vladimir Nabokov

in Blicke auf Menschen 11.10.2013 15:07
von Jatman1 • 1.147 Beiträge

BAND I

Biographie

Die Biographie glänzt mit recht eloquenten Formulierungen. Wie soll es auch anders sein, bei jemandem der Nabokovs gedrechselten Stil mag.
„Von der Neigung her hätte Russland am liebsten weitergeschlafen, sein Verstand und seine Muskeln dagegen strebten immer wieder zum Sprung nach vorn.“ (S. 72)
Eines von vielen schönen Bildern, die Boyd gebraucht. Ebenso bringt Boyd immer wieder anregende Wortkreationen in seinem Text unter, wie zum Beispiel „Verkleidungen machten die Winterzeit buntscheckiger.“

Trotz allem findet man in der Regel einen stringenten Text, der dicht am Thema ist und zugleich aber Kontexte ausführlich zur Geltung bringt. Er verliert sich nicht in mutmaßende und allzu vordergründige Bewunderung. Sie spricht emotional an und weiß zugleich immer nüchtern daherzukommen. Sie weist kontinuierlich Spannungsbögen auf, die aber nicht zu weit gespannt werden. Das Ziel zudem ein spannendes Buch zu schreiben ist augenscheinlich. Zum Glück wird jedoch auf eine überzeichnete Dramatisierung verzichtet. Recht ausgewogen.

Nach den besagten 400 Seiten trat dann jedoch zunehmend das ein, was ich am Anfang vermutete: ein sich verstärkender Fokus auf sein Werk.
Die Biographie trat nicht unerheblich in den Hintergrund und es entwickelte sich eine Art umfangreich kommentierte Bibliographie, bis dahin, dass sich ganze Kapitel ausschließlich den einzelnen Werken widmeten. Das kann oder muss nicht schlecht sein. Für jemanden, der von Nabokovs Werk jedoch noch nichts gelesen hat, wirkt es leicht irritierend, überladen. In der ersten Hälfte fanden sich ebenfalls Bezüge zum Schaffen (muss ja auch sein), jedoch in einem Maß, dass mir sehr zusagte. Sicherlich kann man diese zunehmende Fokusverschiebung als Anregungen zum Lesen von Nabokovs Werken begreifen. Schlicht formuliert: mir passten sie in ihrer Umfänglichkeit jedenfalls nicht in den Kram. Nachdem ich anfangs noch ganz diszipliniert alles gelesen habe, zeigte ich mich zunehmend ignorant und habe die Ausführungen zum Werk lediglich überflogen. Sie haben mich in keiner Weise für sein Werk eingenommen bzw. Neugier geweckt.

Weiterhin sind die Zwanziger Jahre Nabokovs in Deutschland recht unterbelichtet, insbesondere auch der Kontext, von der Emigrations-Enklave abgesehen, der zuvor immer ausführlich und plastisch geschildert wurde.

Überhaupt scheint sich Nabokov nach seiner Zeit in Russland zunehmend im „luftleeren Raum“ zu bewegen.

Im 13. Kapitel gibt der erste Satz eine recht genaue Beschreibung für das weitere Hauptaugenmerk der Biographie, auch über dieses Kapitel hinaus:
„Die wahre Geschichte von Nabokovs Kunst handelt davon, wie er seine formale und fiktionale Erfindungsgabe weiterentwickelte, um die von seiner Philosophie aufgeworfenen Probleme adäquat auszudrücken.“


Nabokov

Nabokovs Leben scheint sich mehrheitlich wie bei seinen Schmetterlingsraupen vollzogen zu haben. Abgeschirmt in einer Art Kokon. Teil der Welt, aber immer auf gewisse Weise, gleich in welchem Land, losgelöst. Emigrant halt – aber irgendwie noch etwas mehr.

Die Stufen seines Lebens werden akribisch chronologisch aufgefädelt – begleitet von seinem Werk. Was mir kaum begegnet oder ich vielleicht nicht recht erkennen konnte, ist die Entwicklung des Menschen Nabokov. Das Buch hat es nahezu überhaupt nicht vermocht, mir den Menschen Nabokov näherzubringen, gleich dem ob nun negativ oder positiv. Bis zum letzten Satz des ersten Bandes bleibt er für mich ein Neutrum. Als Mensch bleibt er mir fremd. Gerade weil Boyd meint, dass Nabokov nicht der aalglatte Schnösel ist, für den ihn wohl nicht Wenige gehalten haben, wäre es doch naheliegend gewesen, diesbezüglich einen Schwerpunkt in der Biographie zu setzen. Den kann ich leider nicht erkennen. Ich empfinde für Nabokov absolut nichts. Ich erfahre um die Umstände seines Lebens und seine Entwicklung als Künstler.
Unbesehen davon ist seine Odyssee schon eine außergewöhnliche und eben auch wieder nicht, wie die Situation der Emigranten-Zentren in Europa erkennen lassen.
Beziehungen zu seiner Frau oder seiner Mutter, werden bestenfalls angerissen. Thematisiert wohl kaum. Sehr schade. Für mich klafft dort eine erhebliche Lücke. Weiße Flecken treffen es wohl besser.

Und irgendwie wirkt Nabokovs unglaubliche Intelligenz auf mich etwas beängstigend bis hin zu verstörend.

Dass er für Musik wenig über hatte, kann ich mir nun gut vorstellen. Der umfänglichen Gefühlswelt die einem Musik bereiten kann, stand möglicherweise sein ausgeprägter Intellekt im Wege. Keine Ahnung, ob solch eine Konstellation realistisch ist. Für mich vorstellbar.

Nabokov ist mir nach dem ersten Band schlichtweg ein Rätsel. Nicht mehr und nicht weniger. Meine Sympathien hat er nicht – aber auch nicht meinen Widerwillen.


Nabokovs Werk

Derzeit sieht es nicht so aus, als ob ich Lust bekommen würde ein Buch von ihm zu lesen.
Einen Eindruck, den Boyd auf etwas leicht überhebliche Weise gleich zu Beginn des Buches als falsch meuchelt, machte mich von Beginn an für einen Vorwurf gegensein Werk sensibel, das ich so vielleicht erst hätte noch selbst entwickeln müssen.
„was viele Leser zu der Annahme verleitete, er bestehe nur aus Stil und nicht aus Inhalt.“ (S. 16)
„Manchem wird dieser Satz so gut gefallen, dass sie seinem Verfasser schon deswegen glauben. Andere wiederum halten den Satz womöglich für eine allzu vollendete tour de force, die nur Bescheiden auf Beifall zielt. Der Unbefangene dürfte mir darin beipflichten, dass die erste Reaktion die richtige ist.“
S. 20
Ist sicherlich sehr kleinkariert. Mir aber stieß es auf: Boyd usurpiert den Unbefangenen. Ist fragwürdig, denn wenn jemand befangen ist, ist es doch Boyd; was an sich ja vollkommen in Ordnung ist. Der Unbefangene, z. B. ich, fühle mich hier entgegen seinem Text-Erleben unzutreffend vor`s Loch geschoben.

Das Buch hat noch nicht angefangen und schon bin ich am Rumkritteln. Diese Wahrnehmung hätte ja nach dem weiteren Lesen verschwinden können. Tat es jedoch nicht. Das „Daraufbestehen“ Boyds, dass Navokov nicht so sehr in seinen Stil verliebt war, wie es durchaus anmuten kann, zieht sich subtil durch den gesamten ersten Band.

Hier behält er eine ähnliche Richtung bei.
„Weil sich seine stilistische Originalität so machtvoll offenbart, kommen manche zu dem Schluss, dass Nabokov lediglich Stil zu bieten habe.“
S. 21

Nach den reichlichen Zitaten des Bandes aus Nabokovs Werk, will ich nicht ausschließen, dass Boyd „richtig“ liegt. Mit seiner kontinuierlich zu findenden subtilen Feststellung, dass man nicht so sehr auf Nabokovs Stilfülle abstellen solle, drängt mich leicht dazu, Nabokov immer wieder mal gegen den Strich Boyds zu lesen.

Die zu lesenden Textstellen sind offensichtlich Belege für sein ausgeprägtes Sprachvermögen und die so oft angeführte dezidierte Beobachtungsgabe.
Mir sind die Textausschnitte zu verspielt. Man möchte fast meinen, dass er vom Lyrischen nur schlecht loskommt. Die Form kann man sicherlich bewundern. Sie ist dabei für nicht wenige ein formelles Hindernis. Ich erlebe seine Texte als zu gekünstelt. Und wenn er in seinen Novellen und Erzählungen dann eben tatsächlich Großes von sich gibt, werde ich wohl nicht in den Genuss kommen. Ist ja nicht verkehrt – eine schlichte Geschmacksfrage.

Etwas neugierig gemacht hat mich Die Gabe. Konkret das Entfalten eines Blumenstraußes von Geschichten, denen die Blüten fehlen und die erst im Schlusskonzert auf wundersame Weise erscheinen. Ein solcher Aufbau hat mich bereits einmal bei Tante Julia und der Kunstschreiber von Mario Vargas Llosa begeistert.

„Nabokovs Prosa war von Natur aus geschmeidig und elegant. (…) Aber eine hochentwickelte Empfindlichkeit passt nicht auf die Bühne.“
Hierin besteht für mich ein Kern, der mir den Weg zum Werk vermutlich versperren wird: „hochentwickelte Empfindlichkeit“ die durch Nabokov nicht wieder ins weltliches Bild gesetzt wird / werden kann. . . . oder eben auf die Bühne.


Stückwerk

„Nabokov macht die Probleme der Metaphysik wieder dringlich.“
S. 518
Effizienter ist ein Sachverhalt wohl kaum auf einen Punkt zu bringen.

„Für Nabokov irrte sich der gesunde Menschenverstand am meisten darin, dass er das Leben als einen Kampf um den Vorteil auffasste, als ein globales Monopolybrett.“
S. 476
Schön formuliert, aber nahezu eine Floskel, die man wohl fast jeden, wenn nicht Intellektuellem, so doch jedem Künstler anheften darf.


Der Titel eines Vortrages von Nabokov: „Dostojewski ohne Dostojewski-itis“
S. 587
Eventuell ein Hinweis darauf, dass Nobokov auch zu Zeiten, da die Notwendigkeit der Profilierung für ihn nicht so vordergründig bestand, bereits etwas angenervt war von dem Zirkus der in den zwanziger Jahren ja besonders intensiv um Dostojewski gemacht wurde, aber auch von Dostojewskis überzogene Theatralik. Den Vortragstitel (vermutlich auch dessen Inhalt) sehe ich mit den Texten Nobokovs Vorlesungen über Dostojewski auf einer Stufe stehen.

Fand ich hochinformativ:
„ . . . das russische Historische Archiv – jenen erstklassigen Hort an Emigrationsmaterial, den die sowjetischen Truppen später konfiszierten . . .„


Nabokovs Auffassung von poschlost - sehr angenehm. Kann ich gut mitgehen.
Seite leider verschludert

Die Schönheit des oft angeführten Titels von Nabokovs Erinnerungen „Erinnerung, sprich“ wurde mir erst nach ca. 200 Seiten richtig bewusst. Inzwischen steht für mich fest, dass es keine Biographie mit einem schöneren und zugleich prägnanteren Titel wird geben können. Die Inkarnation eines lyrischen Imperativs ;-)
Aber alles was sich unter diesem Titel verbirgt, wird sich mir wohl nicht offenbaren können. Ich werde es nicht lesen.


„Er wollte nicht seinen Reichtum zur Schau stellen, sondern weigerte sich nur, die Unterschiede zu vertuschen.“
S. 148
Ein in meinen Augen ein extrem angenehmer Wesenszug. Bis zum heutigen Tage findet solche Nüchternheit (mehr ist es ja nicht) gesellschaftlich keinen Anklang, geschweige denn Akzeptanz. Mit Armen muss man gemeinsam traurig sein und sie bedauern. Mit Reichen hingegen darf man sich nicht zusammen freuen und sie beneiden. Bigotterie vom Feinsten.


„Als Sergey dann im deutschen Konzentrationslager einen tapferen Tod gestorben war, quält sich Vladimir rückwirkend mit dem Gedanken an mangelnde Brüderliebe, . . .“
S. 118
Völlig zusammenhangslos und zudem überhaupt nicht bedeutungsschwanger. Aber die Zeilen hielten mich kurz auf, weil ich Parallelen zu Dostojewskis Verhältnis in seinem Bruder Michail sehe – unbesehen der reichlich angebrachten Bedenken. Aber der Kern . . .
http://www.dostojewski.eu/04_FAMILIE_obe...er_Michail.html


„Als Autor oder Übersetzer allerdings widmete er sich der russischen Literatur, wie er sie nicht einmal für seine geliebten Shakespeare oder Flaubert aufgebracht hätte.“
S. 53
Nimmt man Boyd beim Wort, könnte man für die Annahme einen Anhaltspunkt haben, dass Nabokovs Dostojewski-Verriss nicht nur die Projektionsfläche zur eigenen Profilierung gewesen ist. Er hätte es doch nie auf sich genommen, vermeintlich stillos und zudem Substanz vermissend, Dinge von sich zu geben. So jedenfalls derzeit ein Gedanke von mir – aber Band II und damit der entsprechende Kontext steht ja noch aus.

“Proletarier aller Länder, tretet auseinander. Die alten Bücher sind im Irrtum. An einem Sonntag wurde die Welt geschaffen.“
S. 145
Solche Knaller erwärmen mein Herz - nein - Geist. Sie sind soooo schöööööööön! (Erinnert mich leicht an einen weiteren „Helden“ von mir. Kurt Vonnegut)
Wüsst` ich nicht inzwischen schon einiges, wollte ich Nabokov in jedem Fall lesen. Das in jedem Fall steht derzeit jedoch noch nicht. Ich bin gespannt ob und wenn ja, an welcher Stelle der Biographie ich das in jedem Fall als verbindlich ausgeben kann.


Fazit


Was mich für das Buch einnimmt, ist das Buch; nicht jedoch Nabokovs Vita, sein Werk oder seine Entwicklung als Schriftsteller.

Ähnlich intensive und dezidierte Biographien, die aus meiner Sicht mithalten könnten, wären:
Janis Joplin – Piece of my Heart; Alice Echols
Kippenberger – Der Künstler und seine Familien; Susanne Kippenberger


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 19.10.2013 21:47 | nach oben springen

#2

RE: Boyd - Vladimir Nabokov

in Blicke auf Menschen 19.10.2013 21:49
von Jatman1 • 1.147 Beiträge


BAND II


Nabokov und seine Biographie

Boyds Biographie hätte der Titel von Fields erster Biographie recht gut angestanden: Nabokov. His
Life in Art. Das wäre von Beginn an ein Hinweis auf den maßgeblichen Schwerpunkt der Biographie
gewesen.
Auf Seite 912 kann man den Schlüssel für Boyds Schwerpunktsetzung in der Biographie finden.
Nabokov schreibt im August 1972 in einem Brief an seinen ersten Biographen, mit dem er im Hader
lag: „Die einzig vernünftige und künstlerische Art, die Geschichte eines Individuum von so trüber Art,
wie ich es bin, zu schreiben, wäre es, seiner Entwicklung als Schriftsteller zu folgen, und zwar von
seinem ersten undurchsichtigen Gedichten bis hin zu Durchsichtige Dinge.“

„Immer wieder erklärte Nabokov, er sei nicht darauf aus, Autoren zu attackieren, sondern die
literarische Kunst zu verteidigen und zu erweitern.“ S. 50
Er verteidigte literarische Kunst nur wenn ER sie zu selbiger erhoben hatte. Anderenfalls ist er schlau
genug um abzuschwächen, und legt dabei so nebenher fest, dass er nicht meint, sondern meint zu
wissen: „Ich empfinde für Literatur eine so tiefe Liebe und für schlechtere Literatur einen so bitteren
Hass, dass meine Ausdrucksweise vielleicht etwas schroffer ist, als sie sein sollte.“ S.50
Der Mann der Interwies nicht „in echt“ geben will oder kann, weiß was er sagt und hier benutzt er
das vielleicht, um die Konventionen nicht zu sprengen. ER bräuchte das vielleicht bestimmt nicht.

Mit N.s Zeit in Montreux beginnt Boyds Biographie zu ruckeln. Es wurden nur noch gelegentlich
biographische Fragmente in den Text eingeworfen. Die fragliche Faktenschwemme seiner
Ortsveränderungen, hätte auch in Form eines Kursbuches niedergeschrieben werden können. Beide
Varianten sind vermutlich gleich ermüdend.
In Ergänzung hätte man eventuell noch N.s Terminplaner veröffentlichen können. Anders mutete der
Text nicht selten an. Diejenigen, die für die Auseinandersetzung mit seinem Werk Interesse zeigen,
besteht immerhin noch ein Angebot, das kompensierend wirken kann. Die Spannungsbögen, die
Boyd im ersten Band noch entwickelte, vernachlässigt er im zweiten Band zusehends. Sicherlich, N.s
Leben wies immer zunehmender weniger Spannendes auf. Da ist dann der Autor gefragt und der
sollte sich eben nicht angehalten fühlen, in den Modus Masse statt Klasse umzuschalten.

Nabokov soll seine Frau Vera abgöttisch geliebt haben. Sie hat ihn zudem ein halbes Leben lang
begleitet. In seiner Biographie findet sie sich lediglich als Nabokovs Schatten wieder. Und dass sie ein
selten schöner und ausgesprochen kluger Schatten gewesen sein soll, ist in einer Biographie, wie ich
finde, zweifelsfrei zu wenig.
N.s Sohn, in immerhin einigen Sachverhalten nicht auf Papas Linie, erscheint auch nur gelegentlich
als ein Fixpunkt, wie irgendeine Ferienhütte der Nabokovs. Alles ein bisschen dünn. Hier muss es
doch Reibung gegeben haben, die N. als Mensch geprägt oder zumindest beeinflusst haben sollte.

N.s “Prüfungen“ und „Tests“ anderer Personen, haben für mich einen leicht bitteren Beigeschmack.
Geschehen sie doch nicht selten, aus einer Position des sich für den überlegenen Haltenden.


Nabokov und sein Werk

Wunderbar: Boyds Zitat in Bezug auf N.s Buch über Gogol: „Seine Verbundenheit hat nicht so sehr
mit dem vielschichtigen Konglomerat des wirklichen Gogols zu tun, sondern mit dem Proto-Nabokov,
den er aus diesem Material herausmeißeln kann.“ S.82
Mir scheint es fast DEN Grundsatz für Nabokovs Schaffen auf den Punkt zu bringen. (Ach ich möchte
immer alles auf den Punkt gebracht wissen ;-) Für so jemanden ist Nabokov dann wahrlich mit
seinem Werk nicht die beste Adresse.)
N.s Anmerkung zu seinem ersten und wohl zugleich letzten Interview, bei dem er frei gesprochen
hatte: „… aber ich bin mir sicher, dass Sie verstehen, dass ich ja fast ausschließlich ein Schriftsteller
bin und mein Stil alles ist, was ich habe.“ S. 757 Ich sehe darin übrigens keinerlei Koketterie, denn
überspitzt formuliert: Kunst = Stil.

Ich erwähnte zum ersten Band, dass ich Boyds Exkurse zu Nabokovs Werk zunehmend überflogen
habe. Nun in dem neuen Band habe ich es mal wieder versucht und den Text zum Roman Das
Bastardzeichen interessiert aufgegriffen. Auf Seite 164 erwischt mich Boyd dann wieder: „Das
Bastardzeichen ist ein ambitioniertes Werk“ … „empfänglich für die Forderungen des Tages“ …
„weniger gelungen als viele andere“ … „zu mager“
Da war ich nun neugierig geworden . . . Bestellt habe ich es dann trotzdem. Ein erstes Reinlesen war
zugleich auch mein letztes. Die ersten Seiten waren nur für sich selbst geschrieben. Würden sie
fehlen; der Erstleser würde es kaum bemerken. Durch seine Liebe zum Detail, verlangsamt N. den
Fluss der Idee und Handlung. Für mich jedenfalls wird sie zu zähflüssig. All meine Mutmaßungen zu
seinem Stil bekomme ich dort bestätigt. Ein Versuch war es wert. Ich kann mich des Eindruckes nicht
erwehren, dass N. sein stilistisches Gezirkel etwas überstrapaziert hat. Sicherlich hohe Kunst, nur in
Verbindung mit einer Thematik wie im Bastardzeichen; für meinen Geschmack eine gewagte
Kombination. Rokoko lässt grüßen ;-)
Sollte ich also etwas „Gelungeneres“ testen?! Nein. Wie hätte gegebenenfalls Nabokov gesagt, it`s
not my cup of tea.

Diese Sichtweisen (Boyd würde es gleich wieder pikiert Angriff nennen) waren wohl auch anderen
vertraut.
Nabokovs Stil mit einem wahrscheinlich zu ausgeprägtem Schwerpunkt auf Struktur und die zu starke
Zurücksetzung des Inhalts, ist zudem auch nicht nur die Sicht von Rezensenten. Bereits in der
Fakultät Cornell war diese Ansicht unter seinen „Kollegen“ weit verbreitet.

Überdies eine anschauliche Stelle auf Seite 730. Dort findet man eine kleine Gegenüberstellung aus
seinem russischen Werk „Der Späher“ und wie sie nach Nabokovs Übersetzung ins Englische aussah.
Das sind zwei Welten! Die russische Variante sagt mir weitaus mehr zu. Man könnte fast meinen,
dass er im Englischen etwas „aufgedreht“ hat, um sicher darzustellen, dass er auch seine „Nicht-
Muttersprache“ ausgezeichnet beherrscht. Eine Art Kompensation für eine eigene innere
Unsicherheit? Wer weiß.

Eventuell mit einem Verweis auf sein Gedicht „The Softest of Tongues“ S. 64 vorstellbar. Ich
empfand es nahezu ergreifend. Die lyrische Essenz einer Problematik, die ich mir in ihrer
umfänglichen Brutalität kaum vorzustellen vermag.
Nabokov: „Meine private Tragödie, die niemanden etwas angehen kann, ja niemanden etwas
angehen sollte, besteht darin, dass ich mein natürliches Idiom aufgeben musste . . .“ S. 68
Bewegend.


Boyd und sein Nabokov

Boyd scheint den Eindruck vermitteln zu wollen oder tatsächlich der Meinung zu sein, N. sei ein
unpolitischer Mensch gewesen.
N. agitierte nicht, wie man es womöglich von jemandem mit solch einer Vita annehmen könnte.
Dabei besaß er durchaus ein politisches Bewusstsein. Nur setzte er es eben nicht so vordergründig
agitativ ein. Bastardzeichen zum Beispiel als unpolitisch bezeichnen zu wollen, wäre etwas gewagt.
Der augenscheinlichste Hinweis, nein eigentlich Beleg, darauf ist möglicher Weise sein Telegramm an
Präsidenten Johnson, in dem er u.a. dessen Flächenbombardierung Vietnams als „bewundernswerte
Arbeit“ lobt. S. 758 An dieser Stelle hoffte ich, dass das Wesen N.s etwas Farbe annehmen würde. Leider nein. Diese
zehn lapidar hingeworfenen Zeilen Boyds bleiben völlig losgelöst vom Text davor und danach im Buch
hängen. Lost in space. Das war beim Lesen der Biographie ein sehr enttäuschender Moment für mich.
Nicht vorrangig N.s Ansichten, sondern wegen der Unvermitteltheit dieser Zeilen.

Boyds Universalschlüssel zur Erklärung Nabokovs elitärem Gehabe:
„Aber in den sechziger und siebziger Jahren, als er für die literarische Welt einfach nur VN war,
entschied er sich, der Persona Nabokov das Image eines Menschen zuzulegen, der unendlich von sich
eingenommen war und häufig unendliche Verachtung für andere empfand.“ S. 694
Jaja, vor Nabokovs „Entscheidung“ war er ja ganz anders unterwegs.
Nabokov wäre von Boyd hier enttäuscht gewesen, denn dies ist indes nicht mehr als ein
Allgemeinplatz in Form einer Floskel. Wenn ich es recht verstehe, dann hasste N. genau solches
Zeugs.
Für mich widerspricht eine solche „Erklärung“ zudem auch N.s Grundzügen. So wie sich Nabokov
noch zu Zaren`s Zeiten mit dem Auto in der Schule hat vorfahren lassen, weil er meinte so sei es
recht, so hat er es sein ganzes Leben eigentlich gehandhabt.
Da wird dem Boyd die Rigorosität Nabokovs etwas zu haarsträubend und er schiebt dann solch ein
Geschreibsel vor.

Boyd fühlt sich ebenfalls angehalten, N.s wahres, eigentlich immer dem Menschen zugewandtes
Gesicht zu beschwören, wie mit Zitaten N.s ala Er konnte „die aufmerksamen und intelligenten
Leute“ schätzen, „die mir Obst und Wein bringen oder meine Heizung und mein Radio reparieren.“
Ob Boyd weiß was ein Snob ist?
Das N. ein guter Gesprächspartner / Unterhalter gewesen ist und sich zu benehmen wusste, wird
ebenso gern betont wiederholt, was mit Sicherheit auch an dem war.
Die Kunst ist es doch nicht, Menschen, die in meinem Interesse agieren oder begreifen, unbefangen
entgegenzukommen, sondern jedem einen gewissen Grundsatz an Respekt entgegenzubringen.
Solche Beispiele hätte Boyd auf den Tisch legen sollen und nicht seine Interpretationen, wenn
jemand N. sich gegenüber vorteilhaft benahm, den sich N. zuvor „auserkoren“ hatte, seiner
Gegenwart würdig zu sein.

Boyd klettet sich öfters distanzlos und undifferenziert an N.s Meinungen und Einschätzungen. Mutet
teilweise wie das Echo von N. an. Als Nabokov mit einer Puschkin-Übersetzung von Arndt
unzufrieden war, kommt auch Boyd persönlich zu der Einschätzung, dass „ein weiterer
Reimeschmied Puschkin verstümmelt hatte.“ S. 721

Gern nimmt sich Boyd auch Nabokovs despektierlicher Formulierungen an, wie man oben sehen
kann oder zum Beispiel, als Boyd Rezensenten, die Nabokov nicht feierten, als „Schreiberlinge“
verunglimpft.
Gegenteilige Meinungen zu N.s Ansichten, Arbeiten, Wahrnehmungen etc. klassifiziert Boyd in
schöner Regelmäßigkeit als Attacke (wenn auch nur einmal mit genau diesem Wort.)

N.s außerordentliche Fähigkeit zur genauen Beobachtung und dessen präzises Gedächtnis setzt Boyd
immer in das Licht einer Leistung, die zu bewundern und eben auch als Leistung anzuerkennen wäre.
Da will er für seinen N. wohl zu viel des Guten. Der hätte es sicherlich nicht gemocht, dass eine
Fähigkeit bereits als Leistung zu Markte getragen wird. Dass er diese Fähigkeiten zu nutzen wusste,
um seine Kunst zu vollbringen, stellt einen anderen Sachverhalt dar.
Es hat eine geraume Weile gebraucht, auf Seite 777 war es dann soweit, dass es mich leicht angeödet
hat. Und nicht nur das, auch Boyds lobpreisende Tendenzen erregten zunehmend meinen
Widerwillen.

Nabokov und sein Dostojewski

Ein Wort, das ich mag: ambivalent.
Vielleicht ist es daneben die treffendste Entsprechung für N.s Verhältnis zu Dostojewski. In Folge sind
einige gesammelte und von mir kommentierte Fragmente aufgeführt, die einen solchen Schluss
nahelegen könnten.
Das Interessanteste erscheint mir jedoch, in was diese Ambivalenz begründet ist.

 „Nabokov hielt (…) wenig von Dostojewskij, und er bestand darauf, dass er zu wenig
Akademiker sei, um Bücher zu behandeln, die er nicht mochte.“ S. 486
Er tat es indessen dennoch. Weshalb?

 „Wenn ein Autor seine belanglose und willkürliche philosophische Phantasie einer wehrlosen
Person aufbürdet, die er eigens zu diesem Zweck erschaffen hat, bedürfte es einer Menge
Talent, damit das Kunststück gelingt.“ S. 214
So hat Dostojewski natürlich schlechte Karten, da all seine Personen personifizierte Ideen
gewesen sind. Damit übertrifft er in gewisser Weiser sogar Belinskis Auffassung von der
Aufgabe der Literatur.

 Will man manchen Einschätzungen folgen, die D.s Aufzeichnungen aus dem Untergrund als
Replik auf Tschernyschewskis Was tun zu begreifen, kommt natürlich einiges von Nabokovs
Vorwürfen zum Tragen. In N.s Ausschließlichkeit sollte man jedoch über solch ein Stück
Literatur nicht den künstlerischen Bann aussprechen!
In Anmerkungen zu einem Lenskij-Gedicht spricht N. von „Journalisten des Belinski-
Dostojewski-Sidorow-Typs“.

 Dostojewski nimmt sich sowieso jeder als das was er mag.
N. nahm ihn sich als Künstler vor. Und von dem was Kunst ist, hatte N. bekanntermaßen
seine eigenen engen Maßstäbe, die er eben „Ordnung der Dinge“ betitelte:
Dostojewski ist für N. bestenfalls “schlechte Kunst“ und die hat bei N. „keinen Platz in der
Ordnung der Dinge.“ S. 172 Konkreter formuliert in Nabokovs Ordnung.

 N. spricht bereits von zweitklassigen Schriftstellern. Als Steigerung formuliert er in einer
Vorlesung „und im Hintergrund schimmert auch noch der ärgste Dostojewski hindurch.“ S.
214
Er nutzt Dostojewski als Pseudonym, für alles, was keinesfalls Kunst sein kann.
Vielleicht liegt in Nabokovs egozentrischem Kunstbegriff die Ursache für meine unterstellte
Ambivalenz: Als Künstler ist Dostojewski nicht von Belang. Als schriftstellerischen
Handwerker achtet er ihn und erkennt Dostojewskis kompositorische Fähigkeiten hoch an.
Den Missbrauch von Kunst / Literatur verabscheut N. geradezu. Moralische Wirkung von
Kunst wolle Nabokov keinesfalls bestreiten. Bis zum „letzten Tintentropfen“ wolle er
hingegen das „absichtsvolle Moralisieren“ bekämpfen, da es „jede Spur von Kunst abtötet“.
S.90 „Die Kunst wurde zu oft in ein Werkzeug zur Verbreitung von Theorien – politischen wie
moralischen – verkehrt, …“ S. 172
Moralisch könnte N. jedoch vom Grundsatz her das ein oder andere von Dostojewskis
Intentionen unterschreiben.
Wenn es sich derart verhalten sollte, bliebe immerhin festzuhalten, dass Dostojewski N.
durchaus erreicht hat, denn N. hat es nicht vermocht, Dostojewski mit Ignoranz zu strafen.
Und dass er so etwas konnte, ist wohl unbestritten.

Neid als Triebfeder für die auszumachende Ambivalenz halte ich für ausgeschlossen.

 In seinen Vorlesungen zum Überblick über russische Literatur, wurde Dostojewski von
Nabokov überhaupt nicht erwähnt. (Vgl. S. 469)

 Ein Mit-Professor der Slawischen Abteilung an Harvard nannte N.s Ansichten über D.
schrullig. S. 461 Dostojewski war demnach öfters Gegenstand N.s, als man aufgrund seiner
Vorlesung meinen sollte.

 „Da er noch sechsundfünfzig Aufsätze über Dostojewski zu zensieren hatte…“ S. 181
N. wollte von seinem Studenten auf keinen Fall Informationen nach dem Motto Was will uns
der Dichter damit sagen. Alles, nur das nicht. So stellt sich die Frage, weshalb lässt er dann
die Studenten einen Aufsatz über Dostojewski schreiben? Die Aufgabenstellung(en) würden
mich mal interessieren ;-)

 Weshalb ist Dostojewski klar benannter Gegenstand seiner Vorlesung?! Wenn N. was für
Schrott erklärt hatte, dann hatte es auch keinen Platz in seiner Ordnung.
Insofern räumt er Dostojewski, sollten seine Abfälligkeiten ernst gemeint gewesen sein,
eigentlich zu viel Raum ein.

 N. soll Dostojewski, nach Boyd, „völlig abgetan“ haben. S. 720
Das bisweilen allerdings mit einer Menge Arbeit und Interesse und nicht nur in einer Lebens-
bzw. Schaffensphase.
Seiten weiter gibt Boyd dann an, dass N. gleichfalls bezüglich Dostojewskis Werk gegenüber
Freunden die Stärke der Bücher hervorgehoben haben soll.
Diese Diskrepanz sehe ich in der Biographie nicht aufgelöst.

 Es fällt auf, dass sich Dostojewski durch die gesamte Biographie zieht und D. bei N. oft und
bei verschiedensten Gegebenheiten auftaucht. Selbst als Begrüßung von Kollegen bzw.
Bekannten: „Glauben Sie, dass irgendein ernstzunehmender Schriftsteller heute noch immer
meint, dass Dostojewski schreiben konnte?“ S. 443


N. kann / will Dostojewski nicht ausblenden:

1917 schrieb N. auf der Krim sogar ein kleines Poem über Dostojewski
1923 will N. Dostojewski mit Gleb Struve übersetzen
1930 Vortrag N.s „Dostojewski ohne Dostojewski-itis“
1932 im Werk Verzweiflung finden sich mehrere Bezüge zu Dostojewski
Selbst im Titel sollte es einen Bezug geben - wurde dann aber verworfen
1946 N. liest Dostojewski zum wiederholten Mal
1947 Dostojewski lässt seine Studenten Aufsätze über Dostojewski schreiben
1950 Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit ist Dostojewski gleichberechtigter Teil neben Tolstoi, Puschkin,
Turgenjew, Tschechow und Gogol (also Schriftstellern die er hoch schätzte)
1951 will N. Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Kellerloch in den Lehrplan aufnehmen nannte es
dabei für sich despektierlich Aufzeichnungen aus einem Mauseloch
1953 ist Dostojewski wieder Teil des Lehrplans
1964 schreibt er an Wilson: „Letzterer (Dostojewski) ist ein Drittklassiger Schriftsteller, und sein Ruhm ist mir unbegreiflich.“

Fragen

Weshalb steht N. auf den ausgesprochen lehrmeisterhaften Tolstoi?
Er passt in N.s Vorstellung von Kunst. Und seine lehrmeisterhafte Umtriebigkeit durchzieht
vermutlich eher Tolstois Leben als dessen Werk. Das wär ein Unterschied zu Dostojewski.

Die Dostojewski-Vorlesung als Profilierungsmittel?
Hatte er zu diesem Zeitpunkt es noch nötig, zu solchen Mitteln zu greifen. Kann man sich an der Uni
eine solche Vorlesung als aussichtsreiche Methode vorstellen?
War es N. vielleicht sogar ein tieferes inneres Bedürfnis, sich mal richtig über Dostojewski
„auszukotzen“, weil er nicht von ihm loskam?


Stückwerk

N. wies darauf hin, dass ein Leben im Hotel „von der Unannehmlichkeit privaten Besitztums
enthebt“.
Hier spricht er mir aus dem Herzen! Leider kann ich ihm nicht aus Erfahrung zustimmen. Aber könnte
ich, täte ich es.

Amüsante Bemerkung eines „Konkurrenten“ Nabokovs auf die Fürsprache pro Nabokov für einen
Lehrstuhl und dass Nabokov ja ein wichtiger Schriftsteller wäre: „Selbst wenn man berücksichtigt,
dass er ein wichtiger Schriftsteller ist, stellt sich doch die Frage, ob wir als nächstes einen Elefanten
bitten, die Professur für Zoologie zu übernehmen.“ S. 461

Das Polemisieren gegen Dostojewski in seinen Vorlesungen empfand ich recht erfrischend.
N. konnte freilich auch schlichter. Über Catch 22 von Joseph Heller lässt er sich wie folgt aus: „Dieses
Buch überflutet einen mit Kitsch, dialogischer Diarrhö, dem automatischen Ausstoß eines
weitschweifigen Schreibmaschinenschreibers.“
Da war ich kurz angeschlagen, da mich Catch 22 und weitere Bücher von Joseph Heller begeistern.
Es wäre wissenswert, was er den von Kurt Schwitters & Co. gehalten hat. Hat N. in seiner
Herablassung diese Entwicklung etwa gar nicht wahr/ ernstgenommen? War er gleichwohl zu deren
Hochzeit sogar in Europa.

Überdies irgendwie generell vernachlässigt: Entwicklung N.s und seiner Kunst im Kontext
gesellschaftlicher Verhältnisse und künstlerischer Strömungen und Entwicklungen.


Fazit

Im Klappentext des zweiten Bandes wird die Biographie eine „herausragende Biographie“ betitelt.
Trotz meiner sinkenden Begeisterung beim Lesen (ab der zweiten Hälfte des zweiten Bands) und den
obigen Nörgeleien kann ich diese Einschätzung in der Gesamtschau gelten lassen. Das Lesen war
keine vertane Zeit.


www.dostojewski.eu
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#3

RE: Boyd - Vladimir Nabokov

in Blicke auf Menschen 21.10.2013 19:47
von Taxine • Admin | 5.940 Beiträge

Auf die Schnelle: Hier musste ich natürlich grinsen, denn da stimme ich mit dir gänzlich überein.

Zitat von jatman
Er verteidigte literarische Kunst nur wenn ER sie zu selbiger erhoben hatte.



Natürlich würde oder hätte ich Nabokov nur allzu gerne als Professor für Literatur angehört. Er muss herrlich gewesen sein. Den Studenten das Lesen zu vermitteln, das Fühlen während der Lektüre ...
Seine Prüfungsfragen waren allerdings schon der Hammer. Da kann man dann auch ganz schön reinfallen, denn jeder Leser nimmt nun einmal verschieden wahr und auf. Die Wohnungseinrichtung oder was an der Wand bei "Anna Karenina" hing, welche Farbe der Zaun im Vorgarten von Dickens "Bleak House" hatte... usw., das wäre dann tatsächlich eine Herausforderung an Wissen, die nachhaltig den Blick für die Konzentration auf das Lesen öffnet. Seine Studenten haben da wohl nicht umsonst gestöhnt, aber letztendlich eben doch eine neue Sichtweise erhalten.


Zitat von Jatman
Weshalb steht N. auf den ausgesprochen lehrmeisterhaften Tolstoi?
Er passt in N.s Vorstellung von Kunst. Und seine lehrmeisterhafte Umtriebigkeit durchzieht
vermutlich eher Tolstois Leben als dessen Werk. Das wär ein Unterschied zu Dostojewski.

Die Dostojewski-Vorlesung als Profilierungsmittel?
Hatte er zu diesem Zeitpunkt es noch nötig, zu solchen Mitteln zu greifen. Kann man sich an der Uni
eine solche Vorlesung als aussichtsreiche Methode vorstellen?
War es N. vielleicht sogar ein tieferes inneres Bedürfnis, sich mal richtig über Dostojewski
„auszukotzen“, weil er nicht von ihm loskam?



Zur ersten Frage: Tolstoi entsprach ganz einfach Nabokovs stilistischem Anspruch. Er war ein reiner Schreib-Ästhet und Tolstoi, in seiner Art zu erzählen, passte genau in Nabokovs Konzept.

Zur zweiten Frage: Wenn man nun Nabokovs Stil genauer betrachtet, ist auch verständlich, weshalb er Dostojewski nicht mochte. Es ging ihm nicht um die Tiefe einer Lektüre, sondern nur um die Oberfläche, um das Wie des Schreibens. Dostojewski, mit seinen Sprüngen und "schrecklich" pathetischen Figuren musste Nabokov in den Wahnsinn getrieben haben.
Da Nabokov in seinen Vorlesungen immer frei von der Leber weg sprach, musste er natürlich auch seine Antipathie vermitteln. Ein "wahrer" Student, mit der Liebe zur Literatur, konnte sich ja dann jederzeit ein eigenes Urteil bilden. Das hat Nabokov durch seinen Unmut für manche klassischen Werke wahrscheinlich am besten vermittelt: selbst lesen, denken, urteilen ...


Nabokov als Stilist ist mir immer eine große Freude. Nabokov als Mensch wäre mir wahrscheinlich dann doch ziemlich unangenehm.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.10.2013 20:03 | nach oben springen

#4

RE: Boyd - Vladimir Nabokov

in Blicke auf Menschen 22.10.2013 10:24
von Jatman1 • 1.147 Beiträge

Seine Prüfungsfragen waren keine, das waren Insignien seiner Arroganz. Er wollte nichts von den Studenten lernen, er wollte sie nötigen, Kunst als das zu verstehen, was er als Kunst deklamierte.
Einen Studenten, der aus Protest in einer Vorlesung aus Protest aufstand, weil Nabokov sich weigerte Dostojewski auch nur zu erwähnen, den wollte Nabokov mit viel Energie versuchen lassen zu exen.

Nabokovs Asthetik ausgewählt und wohl proportioniert. Durchaus. Aber so ist es nichts als Zucker zu Zukuckerwatte aufgebauscht. Klar muss man können. Muss dann aber nicht zwangsläufig gefallen ;-)


www.dostojewski.eu
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#5

RE: Boyd - Vladimir Nabokov

in Blicke auf Menschen 25.10.2013 21:08
von Jatman1 • 1.147 Beiträge

Taxine - aus Deinem Blog.
„Im Besonderen erzürnte ihn bei diesen mittleren Schriftstellern der Hochmut, ihr Olympiertum, jenes Bewusstsein ihrer Bedeutung, das bei ihnen tatsächlich stärker ausgeprägt ist, als bei solchen, die wirklich herausragend sind.“ Chodassewitsch könnte auch Nabokov zu seiner europäischen Exilzeit gmeint haben ;-) Aber eher nicht - laut Boyd sollen sie sich ja geachtet haben. Kam mir nur so in den Sinn.


www.dostojewski.eu
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