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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Lola Montez

in Blicke auf Menschen 18.04.2014 16:14
von Martinus • 3.195 Beiträge

Marita A. Panzer: Lola Montez - Ein Leben als Bühne

Während der Lektüre des wunderbaren Buches habe ich mich gefragt, worin der Grund besteht, warum Lola Montez bis heute nicht vergessen ist. Verschiedene Ansichten über ihre Tanzkunst und Tätigkeit als Schauspielrin sind überliefert. Als Geliebte des Bayernkönigs Ludwig I. Ist sie wohl den meisten in Erinnerung. Aber all das sind nur einzelne Aspekte ihrer Person. Nach der Lektüre bin ich zu dem Schluss gekommen, und ich denke, das ist auch die Intention des Buches, Lola Montez ist eine starke Persönlichkeit, die sich selbst inszeniert hat, sei es, dass sie womöglich gewollt durch Skandale in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerät oder sich in den letzten Jahren als Autorin und Rednerin einen unvergesslichen Eindruck beim Publikum hinterlässt. Der Untertitel des Buches „Ein Leben als Bühne“ ist treffend, schon ihr spanischer Name ist Programm.

Im neunzehnten Jahrhundert ist es ungewöhnlich, dass eine Frau Karriere macht. Bettina von Arnim veröffentlichte ihre sozialkritsche Schrift „Das Buch gehört dem König“ (1843) und später setzt sie sich für die Abschaffung der Todesstrafe und für die politische Gleichstellung von Juden und Frauen ein. In Frankreich ist George Sand, die ursprünglich Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil heißt, beachtliche literarische Erfolge. Ihr Weg in die Emanzipation führt über einen Männernamen, Männerkleidung und Zigarre. In ihren Romanen und Schriften setzt sie sich für feministische und sozialkritische Themen ein. Wie auch Lola Montez bleibt es in ihrem Leben nicht nur bei einer Liebesbeziehung. Beide sind nicht für die Ehe geschaffen und George Sand kritisiert die eingeschränkten Rechte einer Ehefrau. In ihrem ersten Erfolg „Leila“ lehnt sie sich gegen gesellschaftliche Zwänge und Normen.

An Selbstbewusstsein fehlt es auch Lola Montez nicht. Als die „Frau mit der Peitsche“ macht sie Schlagzeilen. Bei einer Militärparade zu Ehren des Zaren scheut beim Salutschuss „angeblich“ (Panzer; Seite 38) ihr Pferd und galoppiert in den abgesperrten Bereich. Ein Gendarm will das Pferd zum Stehen bringen, aber Lola teilt ihm einen einen Peitschenhieb aus. Mit diesem Peitschenschlag hat sie sich quasi aus der damals üblichen Rolle einer Frau herauskatapultiert, die nach damaligen Normen nur ein unterwürfiges Wesen eines beschützenden Ehemannes sein sollte.

Diese Biografie der Regensburger Historikerin zeigt sehr schön, wie sich diese Frau sich Szene setzt und dadurch nicht in Vergessenheit gerät. Von einem Skandal in den anderen getrieben und vertrieben reist sie um den Erdball. Von ihrem ersten Ehemann ist sie noch nicht geschieden, da muss sie sich in England dem Vorwurf der Bigamie gefallen lassen. Dass sich Lola Montez bewusst in Szene setzt, zeigt ihre letzte Vorstellung im Theater in Warschau. Wie so oft in ihrer Karriere als Tänzerin ist das Publikum über ihre Darbietung gespalten, und in dieser letzten Vorstellung kommt es zum Tumult. Lola nutzt diese Situation, stellt sich an die Bühnenrampe und bezeichnete den Theaterdirektor Abramowicz als „Schuft, der sich an so einer schwachen Frau zu rächen versucht, die seinen infamen Anträge nicht nachgeben wollte!“ (Seymour, Lola Montez, zitiert in Panzer, Seite 41).

Die Biografie zeigt aber auch, dass der Vorwurf der Bigamie heute nicht überbewertet werden muss, und rückt das Bild dieser schillernden Frau ins gerade Licht, denn schon damals kritisiert die Presse in England das geltende Scheidungsverfahren, dass zu „unübersichtlich, langwierig und teuer war, um eine echte Scheidung der Ehepartner zu erwirken.“ (Panzer, Seite 109). Wieder muss sie fliehen. Diesmal aus England mit ihrem Leutnant Heald im Handgepäck. In Kalifornien heiratet sie zum dritten Mal. Offiziell ist sie wieder in Bigamie. Ihr erster Ehemann lebt noch, aber in Kalifornien interessiert das niemanden.

Gilt sie als Tänzerin und Schauspielerin umstritten, die Kritik wohl daher rührt weil sie keine Tänzerin des klassischen Ballets war, sondern eher eine Interpretin des volkstümlichen Ausdruckstanzes, so ist sie als Schriftstellerin und Vortragsreisende überaus erfolgreich, in ihren Vorträgen sie auch Themen zur Emanzipation aufgreift. Ihre anrüchige Vergangenheit hängt ihr aber immer noch nach, doch zeigt sich am Ende des Buches, dass Lola Montez mehr ist als nur eine Pop-Ikone des neunzehnten Jahrhunderts. Sie ist in einer Zeit eine emanzipierte Frau, als Emanzipation noch in der Wiege stand. Nur wenige wie auch George Sand haben das Zeug dafür. Jahre später zerbricht noch die Bildhauerin und Malerin Camille Claudel im Schatten ihres Lehres Auguste Rodin.




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