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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 15.05.2014 18:34
von Taxine • Admin | 5.944 Beiträge

Darius Amberger
Nachtigall aus halben Tönen


„Hier und Jetzt sind Pfosten derselben Tür und doch liegen Welten dazwischen.“


Ich mag Romane, die sich an das Wesentliche halten, die Türen öffnen, die ins Nichts oder eben wieder hinaus führen, sich nicht mit unnötigen Längen schmücken, damit die einzelnen Sätze dann umso schöner funkeln. Von mir aus darf ein Roman ruhig einen schönen Satz an den nächsten reihen, ein Spiel das nächste öffnen, voller Lücken sein, eine Deutung die nächste nach sich ziehen, „nach dem Punkt sich ein neues Fragezeichen öffnen“.
Tatsächlich gibt es, abgesehen von Lyrikbänden, die das Wesentliche konzentrieren müssen, um alles zu sagen, wenige Romane, die diese Leistung fertigbringen, zumal zwischen dem Eigentlichen ja auch noch eine Geschichte erzählt werden muss. Da können sich Worte in Wörter und Löcher verwandeln oder aber mit jedem Satz die Zwischenräume sichtbar werden, das Ungesagte aus einem hundertseitigen Werk ein Sandbuch kreieren.

Was mir an Romanen gefällt, die mich beeindrucken, sind neben dem Verdichteten natürlich auch Sprachspiele oder Verweise auf tiefere Hinter- oder Abgründe. Je mehr man liest, desto mehr kennt man, und doch bleibt man, Leser durch und durch, dem Buch treu, schlägt es auf, will sich aufs Neue hineinstürzen, überraschen, hoffentlich verwirren lassen. So vieles wurde gesagt und gerade darum bin ich dann erstaunt, wenn es ein Roman schafft, mir doch, in ganz simpler Art und Weise, Neues zu offenbaren, nicht einfach nur anders gesagt, sondern im Sinn/Sinnlosen verschoben und Tiefen bergend, dass mir die Freude am Lesen dann mit jeder weitergeblätterten Seite auch noch bewusst vor Augen steht, insbesondere dann, wenn sich das, was man liest, nur in einfachen Gesprächen, Symbolen, Figuren oder eben in einem Turmbau zeigt, der sich als Brunnen herausstellt, wie in Darius Ambergers Buch „Nachtigall aus halben Tönen“.

Die Ideen sind letztendlich die, die funkeln und mich faszinieren. Und an Ideen mangelt es in diesem kleinen Werk nicht, das sich als Miniaturroman verstanden wissen will.
Schon der Titel deutet auf das Bild, das seine Oberfläche überreicht, aber sich nicht anmaßt zu zeigen, was darunter brodelt. Bilder, die mit „Nadel und Faden signiert“ sind, verweisen auf das Andere, das sich im Leben gerne verbirgt, dennoch stets vorhanden bleibt, nicht einmal darauf wartend, entdeckt zu werden, dass aber im Bild der Mensch neu entsteht, wie er nie wäre, wenn er sich nicht ständig neu kreieren würde, um dann in den altbekannten Gesichtszügen ganz langsam zu versauern.
Die Eigenschaft vieler Menschen, sich hinter dem Bestehenden zu verschanzen, um mit der Gleichechomaske dann auch noch genau das zu betonen, weil man ja reden muss, zeigen muss, wer man ist, sich offenbaren, anvertrauen, im anderen Menschen zu spiegeln, um ja nicht aus der Form zu kippen, ist die altbekannte. Anders gesagt:

Zitat von Amberger
„Wenn du besoffen in der Hundehütte einnickst und tags darauf mit Schnauze und vier Beinen erwachst, brauchst du dich nicht wundern.“


Jene Fragen aber befinden sich hinter der Wirklichkeit, kein Ding an sich, sondern nur wie in einem Bergwerk gelagerte Gesteinsschichten der Deutung. Die, „Flicken, die maßgeschneidert sind“, vermengen sich mit dem Lächeln zahlreicher Situationen und Gespräche, die unter „rückwärts, damit relativ genau gehender Uhren“ stattfinden, die drohend über den Köpfen der Figuren dieses Buches zu ticken beginnen.

Wenn ein Turm als Brunnen dem Erbauer dazu dient, den Glauben an seine Lebensroutine zu erhalten, indem er gegen das Vorhandene anbaut, den Gegensatz wie ein Trompetenstoß in die Welt donnert, auf dass sich in der „Lüge“ die „Wahrheit“ abzeichnet, damit die Tür eine Art Mittelweg versinnbildlicht (der ja als Ausweg letztendlich immer bleibt und so Ausrede wird), wenn der Mensch sich in seiner auf Sprichwort und Zitat verkleinerten Weltsicht offenbart (als kritischer Wink auf das vielfach Banale, außerhalb und innerhalb der Literatur), bis das Sinnlose seinen Zweck erfüllt und damit Sinn wird, bleibt dem Neuankömmling und Protagonisten André Königfischer bei der Ankunft in der Stadt Katharinenthal nur die Verwunderung über sich selbst, gezogen aus der Vielfalt an Gestalt, Figur und Verknüpfung in einer neuen und doch alten Welt (die nicht umsonst an der Grenze seiner alten Heimat liegt), hinter Stacheldraht verborgen, das im Grunde nicht existiert und darum umso mehr, alleine als Wunsch, immer dort sein zu wollen, wo man gerade nicht ist.

Wie aber nun erscheint man dann in der Deutung/Selbstdeutung der anderen, wenn man doch eigentlich froh ist, nirgendwo Platz zu finden?

Zitat von Amberger
„Des einen Finger sind des anderen Tasten. Vielleicht daher unsere lange Geschichte. Aber müssen wir zu Fuß gehen?“



Jawohl. Da muss er dann auch lernen, dass „bereits Sisyphos den Stein der Weisen (wälzte), bis er selbst es war, der immer wieder den Berg hinaufgerollt wurde“, derweil „die Augen die Sicht verdecken“, und wenn der Protagonist nicht nur das Land, sondern auch die Identität wechselt (wobei er dabei durchaus nicht der Einzige ist, denn jeder ist irgendwo auch ein Anderer), wenn er sucht, in Schaufenstern allein findet, was nicht verkäuflich ist, „die Hände voller Fragen“, dann ist er unbewusst schon einen Schritt weiter, zumal der Leser sich währenddessen ins Fäustchen lacht und an so mancher Stelle einfach nur staunt, wie feinsinnig sich Sätze entfalten können, die man glaubt, zu kennen, während ihr Weg in eine wunderbar andere Richtung führt, hinweg von Klischee und Meinung, nicht ohne eine Prise Gesellschaftskritik, hin zu jener feinen Grenze, an der Geschichte, literarischer Verweis und Sinn sich die Hand reichen, um gleichsam mit einem Zwinkern zu verkünden:

„Wenn ich weiß, dass das Eis heute hält, warum sollte ich dann darauf tanzen?“



(Alle Zitate sind dem Werk - Darius Amberger „Nachtigall aus halben Tönen“, Miniaturroman, Engelsdorfer Verlag – entnommen.)



Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.05.2014 18:39 | nach oben springen

#2

RE: Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 16.05.2014 11:31
von LX.C • 2.720 Beiträge

Liest sich wie eine Liebeserklärung an das Buch, mit sehr persönlichen Einsichten am Anfang der Rezension. Du solltest fürs Feuilleton arbeiten!


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#3

RE: Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 16.05.2014 12:31
von Taxine • Admin | 5.944 Beiträge

Ja. Diese Art der Literatur ist so selten und spricht mich einfach völlig an.
Erstaunlich für mich auch, wie viel Inhalt sich auf so wenig Papier anordnen lässt.




Surreale Vorstellungen
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#4

RE: Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 17.05.2014 00:10
von LX.C • 2.720 Beiträge

Herrlicher Roman! So viel Wortwitz (der mich irgendwie manchmal an Volker Braun erinnert), eine wahre Freude zu lesen. An der Doppelbödigkeit werden sich Literaturwissenschaftler noch die Zähne ausbeißen. Ich sehs schon kommen

Eigenartig ist, dass das ebook angeblich Zeichnungen von Elke Gütersloh beinhalten soll, bei mir ist aber keine einzige zu sehen. Schade, die hätten mich dazu sehr interessiert. Ist deine Ausgabe illustriert?


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#5

RE: Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 17.05.2014 00:13
von LX.C • 2.720 Beiträge

Und wer ist eigentlich dieser Darius Amberger?


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#6

RE: Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 17.05.2014 10:23
von LX.C • 2.720 Beiträge

Heute Nacht ist mir eingefallen, woher mir der Verlag so bekannt vorkam

Ich nehme also an, es handelt sich um einen jüngeren oder älteren "Debütanten"? Im Grunde leistet der Roman in der Kürze alles, was Literatur zu leisten im Stande sein sollte und daher wünsche ich ihm ganz viele Leser. Inhaltlich weiß ich ihn auch noch nicht so recht zu deuten, genieße einfach Sprache und Handlung und was sie in mir auslösen. Ich bin oftmals hin und hergerissen, manchmal entdecke ich die Gegenwart in ihm, manchmal die Vergangenheit, oftmals eine Parallelwelt, welche verschiedenste Schlüssel bereithält. Am schönsten aber ist der erfrischend kritische Duktus.

In dem Zusammenhang ist mir auch ein Radiobeitrag von letzter Woche eingefallen, in dem über eine Autoren-Diskussionsrunde in Berlin berichtet wurde, in der sich junge deutsche Gegenwartsautoren unbewusst aber dafür ganz selbstbewusst gleich selbst ihr Armutszeugnis ausgestellt haben. Sollte man sich anhören, ab 47. Minute "Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren", Radio 1, Das Büchermagazin vom 11.05.2014 - Erschütternt und irgendwie auch peinlich, solche Leute möchte man gar nicht lesen!


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#7

RE: Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 18.05.2014 10:07
von LX.C • 2.720 Beiträge

Eine nahe liegende Lesart ist dann doch, den Roman als Parodie auf die DDR-Gesellschaft zu verstehen. Die Hinweise hierfür verdichten sich mit zunehmender Lektüre. - Welch tiefgehende und sich vom Gegenstand lösende Interpretation das Werk dabei zulässt, zeigt schon Taxines Rezension. - Dabei stellt sich mir wieder die Frage, handelt es sich wirklich um ein neues Werk oder um ein Liegengebliebenes? Handelt es sich bei dem Autor vielleicht um einen Könner, der nicht erkannt werden will, oder um einen Kenner, der früher nicht veröffentlichen konnte? Für einen jungen Debütanten erscheint mir dieser Geniestreich doch zu ausgereift. Aber ich lass mich gerne eines Besseren belehren. Ein tolles Phänomen dieses Werk


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 18.05.2014 11:03 | nach oben springen

#8

RE: Darius Amberger

in Die schöne Welt der Bücher 19.05.2014 11:03
von LX.C • 2.720 Beiträge

OK, und am Ende sind meine Spekulationen über den Autor auch wieder hinfällig, da das Werk in der Wendesituation im Jahre 1989, 1990 endet. Bleibt eins: Große Freude, die mir der Roman bereitet hat. Danke für den Tipp!


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