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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Ottessa Moshfegh

in Die schöne Welt der Bücher 19.08.2017 00:14
von Taxine • Admin | 5.944 Beiträge

Ottessa Moshfegh
"McGlue"


Die Sympathie für dieses kleine Werk wächst im Grunde erst mit dem Umblättern der Seiten, da der Ich-Erzähler McGlue nun wirklich alles andere als ein angenehmer Mensch ist. Wie das Schiff schwankt, auf dem er mit schweren Verletzungen wieder zu sich kommt und mit der Tatsache konfrontiert wird, er hätte den Mann umgebracht, der ihm das Leben gerettet hat, so schwankt auch sein Geist und die eigene Verfassung.

Der Erzähler leidet seit Jahren an einem Schädelbruch und kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Hinter ihm liegen eine verschwommene Vergangenheit, diverse Schicksalsschläge und der Verlust des Selbst durch Traurigkeit und Suff. Auch jetzt ist sein Kopf erneut „aufgebrochen“, einerseits wirklich als Loch im Schädel und einer leichteren Amnesie, andererseits als Metapher für den Versuch, in das eigene Gehirn vordringen zu wollen, sich buchstäblich ins „Hirn zu fassen“, was er dann auch in die Tat umsetzt.

McGlue ist kaputt, ein Trinker (wie aus den besten Romanen von Jack London) und sehnt sich in erster Linie nach dem nächsten Tropfen, da das, was geschehen ist, keinen Platz in seiner Erinnerung findet und ihn auch nur am Rande interessiert. Es erscheint ihm undenkbar, dass er Johnson umgebracht hat, während er von der Schiffsmannschaft in Gewahrsam genommen wird, schließlich in Untersuchungshaft landet und durch seinen Anwalt gezwungen wird, sich die Ereignisse erneut vor Augen zu führen.
Nach und nach zeigt sich, was tatsächlich geschehen ist, wobei die Autorin hier eine Sprache und Darstellungsform verwendet, die den Einblick in ein solches verschobenes Innenleben gewährleistet. Rückblicke, Träume, Halluzinationen und Entzug fügen sich zu einem Bild.

Hier geht es weniger um Sucht und Verfall als um das Zusammensetzen einzelner Erinnerungsstücke, die nicht nur Aufschluss über das Geschehen geben sollen, sondern auch über denjenigen, der versucht, sich zu erinnern. Das Buch ist gelungen, ist schnell gelesen und regt zum Nachdenken an. Das schaffen in der Gegenwartsliteratur nicht viele Romane und Erzählungen. Mir jedenfalls hat es gefallen.




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