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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 01.03.2010 19:53
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo werte Taxine,

auf geht's

„Der Kinderfresser“ Ein bedeutender psychologischer Roman.
Ich lese in folgender Ausgabe: Verlag: Volk und Welt, Berlin, Spektrum 148 (DDR), 1981

Der Wink des Schicksals wollte es vielleicht so, dass ich erstmals von Jacques Chessex gehört habe, nachdem er gerade gestorben war. Chessex starb am 09.10. 2009 während einer Diskussionsveranstaltung, auf der es um eines seiner Bücher ging. Für seinen Roman "Der Kinderfresser" erhielt er 1973 als bisher einzigster Schweizer den Prix Goncourt.

In „Der Kinderfresser“ geht es um den Lateinlehrer Jean Calmer, der von seinem Vater tief gedemütigt und verhöhnt wurde. Auch als sein Vater gestorben war, kommt Calmer nie von ihm los, so sieht er ihn in einer Vision seinen vestorbenen Vater in eine Gastwirtschaft gehen. Das Leid, was der Vater ihm angefügt hat, sitzt dem Lateinlehrer so tief im Nacken, quasi wie ein autoritäres Über-Ich, dass der Vater über seinen Sohn nicht die Macht verliert, obwohl dieser schon im Krematorium liegt.

Wunschdenken:

Zitat von Chessex
Man durfte ihm in der guten Erde nicht die geringste Chance lassen, daß er seine abscheuliche Gewalt bewahren konnte

(Seite 12)

Es geht um großes Leiden, psychisches Trauma, welches nicht verarbeitet worden ist, der Sohn, also Jean Calmer, deswegen immer leiden muss.

Übrigens: Im übertragenem Sinne geht es auch um das Leid auf gesellschaftlicher Ebene:

Zitat von Chessex
Die Asche redet um so lauter, je gräßlicher das Märtyrium ist.

(Seite 44).

(Krematorium Auschwitz, flammende Scheiterhaufen der Inquisiteure ...).

Die Wirkung des Vaters auf Jean ist fatal. Selbst Kontakte zu Frauen lassen sich für Jean nicht herstellen. Da sitzt er in vereinsamt in einer Gastwirtschaft, schaut aus dem Fenster und sieht hübsche junge Mädchen, die eine Brücke überqueren.

Zitat von Chessex
Jean Calmer findet sie wunderbar, fröhlich und stark, und wieder spührt er einen Krampf, mitten ins Herz.

(Seite 34)

Sprachlich vorzüglich. Ich lese gerne weiter

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 01.03.2010 20:58 | nach oben springen

#2

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 02.03.2010 14:41
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Hallo werter Martinus,

nicht wahr? Ein kleines Werk mit mächtigen Tiefen. (Wusste gar nicht, dass Chessex gestorben ist, vielen Dank für den Hinweis. Ich habe das Buch "Der Kinderfresser" vor etlichen Jahren schon einmal gelesen. Bestimmte Dinge waren mir darin noch stark im Bewusstsein (was ich erst beim Wiederlesen bemerkte), nicht so sehr der Inhalt, nur die Bedeutung von Ben Oni (Sohn meiner Schmerzen) und Ben Jamin (Sohn zu meiner Rechten) und die Szene mit dem Vater und der siebzehnjährigen Aushilfskraft (die Jean Calmet liebt), die ich dann auch vorhersehen konnte.)

Für mich stellt sich eine einfache Frage: War der Vater tatsächlich so ein Tyrann? Oder wurde er erst in der Einbildung des jungen Calmets zu dieser überdimensionalen Gefahr? Viele Zeichen sprechen dafür, dass er herrschsüchtig und laut war, die Unterwürfigkeit der Mutter, die ängstlich, zögernd und immerbereit an seiner Tür lauscht, bis er endlich einen Befehl erteilt, das Zusammensacken und die Nichtsnutzigkeit, nachdem der Vater gestorben ist. Ihr Leben war dem seinen durchaus unterworfen, untergeordnet. Sie hat ihr Dasein dem seinen hingegeben, sich gleichsam in seinem aufgelöst.
Was mich stutzig macht, sind die überhöhten Erinnerungen und Beschreibungen Jean Calmets, wenn er an den Vater denkt (diese ganze Perspektive, seine ganz eigene Sicht auf die Dinge, Menschen, sich selbst ist erstaunlich (hat mich schon damals bewegt), auch später, wenn er sich an der Schönheit der Kinder erfreut, als wäre das alles hier ein ganz harmloser Vorgang). Alles wird größer, mächtiger gezeichnet. Zum Beispiel:
Der Vater thronte oben am Tisch, riesengroß.
Er weiß und sieht alles. Das Kind, das glaubt, die Eltern könnten in die tiefsten Gedanken, in das heimlichste Tun sehen, weil das schlechte Gewissen immer die nicht in Frage gestellte Autorität voraussetzt. Die Allmacht der Eltern. Der Vater ist Doktor, rettet Leben. Seine Macht wird dadurch noch verstärkt. Auch durch seinen Beruf darf er befehlen, sich der Familie bedienen, wann immer es ihm passt. Das schüchtert nicht nur die Kinder ein.
Diese Allmacht hat Jean verstärkt in seinen Vater projiziert und konnte sich nie über diese hinwegsetzen. Sie besteht weiter, noch als er erwachsen ist, selbst als der Vater längst tot ist. Das zeigt aber nicht so sehr den Vater, als Jean Calmet selbst. Was für ein Mensch er ist. Der Vater bleibt dieser ewige Schatten. Der Meister (auch hier eine Überhöhung) ist immernoch da. Als fetter Geist, als sich nicht auflösen wollende Asche, Gewissen, Phallus, unter dem sich Calmet ängstlich und ohne Selbstbewusstsein beugt, erzittert.
Der Vater ist nicht ein „Häufchen Asche am Grund der Urne, nicht wie Sand, Staub, namenlos und ohne Stimme. Sand ohne Augen.“ Er ist weiterhin als mächtige Angst präsent, was deutlich zeigt, was er dem Kind Jean Calmet angetan hat, das schüchtern und verängstigt in dieser Welt aufwächst, die den Vater umgibt, und sich nie über diese hinaus erheben konnte. Nur hin und wieder kann Jean Calmet sich einreden, dass niemand mehr „in ihm zu lesen versteht, seit der Doktor tot ist“.

Calmet sagt selbst: Ich bin zum Leiden auserkoren. Er ist derjenige, der diese Angst vor der Allmacht des Vaters nie überwunden hat. Er ist Lehrer geworden, um den Erwachsenen zu entfliehen, um die ihn ständig von überall bedrängende Autorität zu fliehen.
Warum? Er selbst ist ein ängstlicher, verkrüppelter Mensch. Um ihn herum herrscht eine schreckliche Einsamkeit. Er fühlt sich umzingelt von Stiefeln, die wie „perverse und grausame Eroberer“ auf ihn wirken, Stiefel, die seine Schüler tragen.
Da ist etwas zerbrochen, durch die Herrschsucht des Vaters, durch dessen Betrug mit einem Mädchen, das er liebte, das der Alte befummelte und entjungferte, bis er sie (auch noch) dabei erwischte. Da sieht man regelrecht die Scherben seiner Selbst, zerschmettert auf dem Parkett.

Trost findet er im Betrachten der lebensfrohen Kinder, wird geheilt durch ihr Lachen, ihren harmlosen Anblick. Doch wie weit führt dieser?
Der Kinderfresser ist nicht nur der Vater, auch er frisst Kinder. Er labt sich an ihrer Schönheit und trifft auf das Katzenmädchen. Die Bilder, die Chessex hier entwirft, dieses Trinken aus Puppentassen, die Milch am Fenster, der Vergleich mit Rotkäppchen, die Arglosigkeit des Mädchens, ohne zu sagen, wie alt sie tatsächlich ist, lässt verschiedene Schlüsse zu. Diese Perspektive, die Sicht auf das Mädchen durch Jean Calmet, ist beängstigend. Auch hier ersteht der Vater auf, als abnormes Schuldgefühl, als übergroßer Phallus. Er fühlt sich als „der böse Wolf“, der etwas tut, das er nicht darf. In ihrer Wohnung, die gegenüber des Gymnasiums liegt. Nichts Harmloses, kein normales Treffen, auch wenn er kein Tabu bricht. Trotzdem findet hier irgendetwas statt, das dem Leser die Haare aufstellt.

Zitat von Chessex, Seite 86
Die Lichter des Gymnasiums beleuchten die Wand über den beiden, und Jean Calmet war erstaunt über die Distanz, die ihn nun vom Schulzimmer trennte, in dem er morgen unterrichten würde.


Beeindruckend die Beschreibung des Haars des Katzenmädchens, das „reifer, heimlicher, wie ein Geheimnis duftet“. Sie also älter macht, als sie ist. Sein Verständnis für den Lehrer, der die Baader-Freundin Grudrun Ensslin in ihrer Kaltblütigkeit verehrt, überhaupt das Deutsche (und der eigentliche Bezug ist hier nicht schwer zu deuten), der sich mit seinen Schülerinnen einlässt und als Päderast gilt, bezeugt seine eigene Schwäche, der er nur darum zunächst nicht nachkommt, weil der mächtige Geist des Vaters ihn erneut als Schuldgefühl bedrängt. Sie ist zwar kein Kind mehr, aber doch so jung wie seine Schüler/innen.

In ihm schlummert längst das Tote, vielleicht erhebt er sich darum über die Normalität hinaus (oder ist unfähig, ein tatsächlich normales Leben zu führen. Wohl fühlt er sich unter Kindern, weil er selbst noch irgendwo Kind ist. Ein Kind in einem Erwachsenenkörper.), weil er das, was ist, nicht mehr klar erkennen kann. Die Vergleiche sprechen dafür. Die Schülerin, die an Krebs stirbt, die sich auf ein Grab legt und sich kurz vor ihrem Tod vorstellt, wie es sein wird, tot zu sein. Mit ihr vergleicht Calmet sich, selbst auf einem Grab liegend, als das Katzenmädchen ihn umgarnt.
Es ist immer der Tod, der um ihn herum lauert. Der Vater stirbt und stirbt doch nicht, ist längst zu Asche verbrannt, und doch lässt er ihn alleine, obwohl er sich doch durch den Tod befreit hätte fühlen müssen. Er stolpert nun in diesem Verlust der Autorität, sich selbst überlassen, was ahnen lässt, dass er mit dem Leben nun gar nicht mehr zurecht kommt. Ein weiterer Hinweis ist der Rasierer, der Nassrasierer, den er nicht in schlechten Tagen benutzen kann, wobei er sich nach dem Tod des Vaters vornimmt, diesen von nun an immer zu benutzen. All das deutet auf eine in ihm sitzende Sehnsucht hin, eine schreckliche Selbstquälerei, der sich in der Verachtung, vielleicht auch im Hass auf seine Familie zeigt, in seinem Lebensstil, in seinem gesamten Dasein.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 02.03.2010 20:25 | nach oben springen

#3

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 02.03.2010 18:30
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Taxine

Für mich stellt sich eine einfache Frage: War der Vater tatsächlich so ein Tyrann? Oder wurde er erst in der Einbildung des jungen Calmets zu dieser überdimensionalen Gefahr?



Diese Fragen erinnern mich an ein ganz anderes Buch, das ich vor einiger Zeit las: Einen Roman der amerikanischen Schriftstellerin Lionel Shriver mit dem bescheuerten Titel "Wir müssen über Kevin reden".

Es ist die Geschichte eines jugendlichen Amokläufers, der in seiner Schule ein Massaker angerichtet hat, erzählt aus der Perspektive seiner Mutter. Die Mutter schildert sein Leben so, als sei der Junge praktisch von Geburt an ein Monster gewesen. Irgendwann in der Mitte des Buches beschleichen den Leser dann Zweifel, ob das wirklich alles so stimmen kann, oder ob nicht die Mutter als Erzählerin eine höchst einseitige Position innehat. Er fängt dann mit der Lektüre noch einmal von vorne an und versucht nun, die verborgenen Subtexte zwischen den Zeilen zu entziffern ...
Ein gutes Buch.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
zuletzt bearbeitet 02.03.2010 20:24 | nach oben springen

#4

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 02.03.2010 20:05
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Ja, es geht auf jeden Fall um das Übersteuern des Schuldgefühls, das die Perspektiven verrückt und verzerrt. (Danke für den Buchhinweis, Roquairol.)
Der Vater war ein Machtmensch, das steht außer Frage. Doch er hat dem Kind keine ernsthafte Gewalt angetan, ihn nicht grün und blau geschlagen oder missbraucht. Doch die elterliche Autorität bringt immer ihre Strenge mit sich und kann durch eine unüberlegte Wut oder ein genervtes Zurechtweisen schon Wunden im Kind auslösen. Bei Jean Calmet ist das gesamte Selbstgefühl zusammengebrochen.
Jedes Mal, wenn er auf Autorität trifft, sackt in ihm etwas zur kleinen, menschlich wimmernden Lache zusammen, dann wird er wieder das zitternde Kind. Sein Vorgesetzter z. B., Rektor Grapp, wird unter seiner Panik direkt zum Geist seines Vaters. ("Immerhin könnte ich Ihr Vater sein", sagt dieser in ganz anderem Zusammenhang. Und doch steckt darin das ganze Dilemma, eine Machtbezeugung, die ihn autoritär über Calmet stellt. Dieser aber, so scheint es immer mehr, steht vor solchen Szenen völlig gelähmt, was sie bösartiger erscheinen lässt, als sie sind.) Er beobachtet seine Kollegen, die mit dem Rektor ganz anders zurechtkommen. Er fragt sich, ob sie nur Gelassenheit vortäuschen und nicht doch ähnlich, wie er selbst, empfinden. Er zittert. Er fürchtet den Schrei, den Befehl, die Wut.
Erneut die Überhöhung, als er auf Grapp trifft:

Zitat von Chessex, Seite 97
Riesengroß und geisterhaft füllte die hohe Gestalt den Türrahmen wie ein gewaltiges Rechteck aus gelbem Wollstoff.
(…) Der Riese machte den Mund auf, Speichel sammelte sich in den Winkeln, die unregelmäßigen Zähne kamen zum Vorschein wie Grabsteine weit hinten im alten Friedhof eines Kinderfressers.


Das Kind – Jean Calmet – sitzt und wartet auf sein Gefressenwerden. Durch das Gespräch mit dem Rektor wird ein weiterer Wesenszug Calmets sichtbar. Seine Furcht vor der Gründung einer eigenen Familie. Grapp, der den Vergleich und das Lob an den Herrn Vater bestärkt, muss zum Monstrum werden. Er weist Calmet eigentlich nicht boshaft zurecht, doch ist er über Calmet stehend – ein „Meister“. Calmet bändelt lieber mit jungen Mädchen an, statt mit ihm gleichgestellten Frauen, die er aus der Ferne bewundert. Er vertreibt sich seine Zeit mit Prostituierten, besonders jener Fünfundfünfzigjährigen, die Pernette Colomb heißt. Er überlässt sich der älteren, beleibten Frau, wirft sämtliche Eigenmacht von sich, fühlt sich dabei wohl, um danach wieder traurig durch die Welt zu ziehen. Nach dem Erlebnis des Rektors geht er über in das Erlebnis mit der Prostituierten. Eine Form von Masochismus kommt mir dabei in den Sinn.

Als der Streik der linksradikalen Schüler beginnt, der Rektor ganz sein "Gewaltregime" mit der Peitsche ausübt, also zu dem Monster heranwächst, das Calmet in den harmlosesten Situationen wahrgenommen hat, der mit seiner Peitsche nun die Angreifer wieder in ihre Schranken verweist, all die nun, die das Gymnasium, das Regime, die Ordnung in Frage stellen und kritisieren, wird diese berstende Autorität (der Riesen und Meister) noch einmal bewusst ins Bild gesetzt. – Man konnte Kind bleiben, denn der Vater war an der Macht. Vielleicht ist genau das Jean Calmets Innenleben. Die Flucht vor der eigenen Verantwortung.

Das Katzenmädchen – Thérèse – ist, wie man dann später erfährt, neunzehn, in ihr schlummert lediglich das Kindliche. Calmet sagt es selbst, als er herausfindet, dass sie auch mit einem seiner Schüler (achtzehn Jahre) schläft: Fröhliche Kinder. Ein Gymnasiast und eine Kunststudentin.
Vielleicht wirkte die vorherige Szene so stark auf mich, weil Calmet vierzig Jahre alt ist und eigentlich autoritär denken müsste, sich dabei aber selbst so schrecklich in die Ecke drängt (seine Sicht auf die Dinge). Er lässt sich auf ein junges Mädchen ein, die aber durchaus auch willig ist, über den Lolita-Status weit hinaus. Auch der Altersunterschied ist nicht so tragisch, jedoch durch Calmet selbst hochgespielt.

Sein überdimensionales Schuldgefühl findet er in vielen Dingen gespiegelt. Seine Perspektive macht es dem Leser schwierig, das Wirkliche vom seinem Inneren, seinen Ängsten zu unterscheiden. Auch die Bibel schafft Schuldgefühl, das alte, bedrohliche Testament, die Erinnerungen an Besserungsanstalten, mit denen ihm gedroht wurde (gedroht - wohl gemerkt, er hat nie eine von innen gesehen. Seine Angst davor, hat aus diesen Anstalten ein Zuchthaus, einen Folterkeller, ein in ketten gelegtes Martyrium gemacht, dem er nie begegnet ist, das er Jahrzehnte später verwundert in einem ihm gegegenübersitzenden Theologiestudenten wiederfinden will, was ihm nicht so recht gelingt).


(Könnte direkt weitermachen, warte aber jetzt erst einmal geduldig auf den lieben Martinus, der sicherlich schon leicht grummelig gucken muss, so ich mich hier so ausführlich in Worten ergieße und kaum abwarten kann. Ist schwierig, weil das Buch so wenige Seiten hat. )




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 02.03.2010 20:41 | nach oben springen

#5

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 03.03.2010 16:31
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ach, Taxine,

Sui schreiben in so herrlichem Fluss, es sprudeln uihre Gedanken so frei heraus, sodass ich mich ja geradezu entschuldigen muss, dass ich uihren Fluss unterbrochen habe. Ich war langsamer im Getriebe und habe heute das erste Kapitel noch einmal durchgelesen.

Zitat von Taxine
War der Vater tatsächlich so ein Tyrann?



Ja, mit Sicherheit.

Zitat von Taxine
Doch er hat dem Kind keine ernsthafte Gewalt angetan, ihn nicht grün und blau geschlagen oder missbraucht.



Psychische Gewalt ist aber etwas sehr schlimmes, und kann jemanden sonst wohin treiben. Lies mal auf Seite ab Seite 45, ganz unten:

Zitat von Chessex

Du Tölpel, du Schwachkopf,..Wenn ich mir vorstelle, daß ich mich umbringe euerwegen, und ganz besonders deinetwegen...



Der Vater drückt seinem Sohn massives Schuldgefühl auf und steigert dadurch seine Macht, die seinen Sohn in die Abhängigkeit seines Vaters führt. Also, ganz schlimm das, Taxine, ganz schlimm. Über einen warscheinlichen sex. Missbrauch habe ich weiter unten geschrieben.

Zitat von Chessex
Sein Vater kannte die verpuppten Triebe.

(Seite 10)

Diesen Satz mag man weithin deuten. Mir sagt er, der übermächtige Vater kennt seinen Sohn bis in die letzten Winkel und Jean kann sich überhaupt nicht von seinem Vater abgrenzen. Der Vater nutzt ihn schamlos aus und verletzt seine Menschenwürde, da sich Jean vor seinem Vater quasi entblößen muss, bis in den letzten Seelenwinkel hinein. Der Schluss des ersten Kapitels "Das Krematorium" gibt mir einiges zu denken. Jean träumt, ein Stier starrt ihm von einem Hügel herab an und dann liegt die erdrückende Masse auf ihn (Seite 68). Mir kommt die Assoziation, sein Vater, der Stier, habe den Sohn sexuell missbraucht, Jean daher in seinem künftigen Leben Schwierigkeiten mit seiner Sexualität bekommen hat. Dazu kommt noch die Vision auf Seite 66, in der Jean den Phallus seines Vaters sieht. Ihn fröstelt vor Angst und Ekel und "erstarrte wie ein Sünder". Vielleicht gibt sich Jean selbst die Schuld für die Vergewaltigung, obwohl er natürlich keine Schuld an der Perversion des Vaters trägt. Mythologisch gesehen steht der Stier für Zeugungskraft und Fruchtbarkeit. Der Minotaurus auf Kreta fraß auch seine Opfer: Ein Kinderfresser.

Der Vater hat sie Seele seines Sohnes gefressen. Die Liebe des Sohnes zum Vater wird zur Furcht. Jean traut sich nicht, seinen Vater in die Arme zu schließen. Die Mutter, in ihrer Liebe zu dem Grausamen, verehrt ihn nach seinem Tode auch noch als "Heiligen", denn er habe sich für seinen Beruf aufgeopfert. Es gibt ja Frauen, die bei ihrem Mann bleiben, auch wenn er sie schlägt. Die emotionale Bindung wird zur Abhängigkeit, eine Tennung von dem Ehemann ist nicht möglich. So ergeht es auch dem Sohn:

Zitat von Chessex
Jean Calmet senkte den Blick über seinem Teller, doch er konnte dem Inquisator nicht entgehen.

(Seite 10)

Zum Stichwort Inquisator

Ich vermute einen politischen doppelten Boden des Romans. Es gibt Anspielungen auf die Inquisition und den Nationalsozialismus. Nicht zufällig heißt es einmal "Gottes Auschwitz" (Seite 19).

Zitat von Chessex
Seine Gedanken geisterten um den glühenden Rost des heiligen Laurentius, die flammenden Scheiterhaufen der Inquisition, die Verbrennungsöfen von Auschwitz...

(Seite 44)

Zitat von Taxine
Calmet sagt selbst: Ich bin zum Leiden auserkoren.



Ja, sicher, er kommt von dem Leiden nicht weg, weil er emotional an den Tyrannen gebunden ist (s.o.)

Außerdem "auserkoren", das heißt, es ist doch etwas besonderes nur was. Jean sagt das auf Seite 16 im Zusammenhang seiner Gedanken an Märtyrertode wie der von Jeanne d'Arc, und an den todwundenen Roland, der in einer Felsschlucht ins Horn bläst. Meine Frage besteht darin, warum sich Jean Parallelleiden von Märtyrern sucht. Nur um seinem Leiden einen Sinn zu geben?

Wenn wir an den Nationalsozialismus denken wollen, dagegen konnten sich die Menschen auch nicht wehren, die waren einfach übermächtig. Auch aus Furcht (wie bei Jean) unternahmen Menschen nichts gegen die Nazis, denn sonst drohte ihnen der Tod (wie der Vater, der die Seele des Kindes fraß).

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 03.03.2010 17:05 | nach oben springen

#6

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 03.03.2010 21:27
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Sein überdimensionales Schuldgefühl findet er in vielen Dingen gespiegelt.



Schuldgefühle, von seinem Vater aufoktroyiert, sind auch beim Zusammensein mir dem Katzenmädchen gegeben und trüben diese Beziehung. Seine männliche Unreife manifesiert sich in seiner Vorstellung, das Katzenmädchen halte eine Milchflasche zwischen ihren Beinen, sie wird auch als als Hexe und Sukkuba bezeichnet. Während des Geschlechtsverkehrs taucht in einer Vision der Vater auf und erniedrigt ihn auf bitterböse Weise.

Der Rektor Grapp, offenbar in militärischer Stellung, ist er doch ein Milizoberst. Natürlich muss es Jean kränken, wenn Grapp ihm sagt, ihm tue es gut eine Familie zu gründen. Denn genau dieses kann Jean nicht. Das ist sein Manko. Er hat Angst vor reifen Frauen, und vertreibt seine Blicke zu jungen Mädchen und geht zu einer Prostituierten. Sozusagen: Flucht vor dem Leben. Grapp hat alle Machtinsignien des Vaters, und Jean kommt sich klein wie ein Junge vor:

Zitat von Chessex

Was habe ich diesmal wieder getan?



Er erwartet eine Strafe, weil er, so denkt Jean wohl, böse war. Die Gefühle, die er vor seinem Vater hatte, werden auf Grapp übertragen (warscheinlich auf alle Autoritätspersonen, die Jean villeicht noch kennenlernen wird).

mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.03.2010 15:58 | nach oben springen

#7

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 04.03.2010 19:22
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Hallo Martinus,

in meinen Augen ist der Vater kein Tyrann, sondern durch die Ängstlichkeit Jean Calmet erst zu diesem mächtigen Ungeheuer herangewachsen. Er ist streng und agiert in einer überhöhten Position, hat damit also einen sehr starken und unduldsamen Einfluss auf die ganze Familie, aber Calmet hasst seine Geschwister, die mit dem gleichen Vater aufgewachsen sind und trotzdem ihr Leben meistern. Er, als der Jüngste, hat den Spaß, den der Vater zu häufig auf die Spitze treibt, nicht überwunden. Vielleicht hat der Vater in ihm auch einen stärkeren Charakter vorausgesetzt. Vieles, was der Vater ihm als Junge an den Kopf wirft, ist schon harter Tobak, soweit stimmt das schon, alleine dass er junge Mädchen beschläft oder ihm droht, ihn zu fressen, jedoch nichts, was sich nicht verkraften lässt. Überhaupt neigt Calmet zum Masochismus. Er eifert unbewusst demjenigen nach, den er hasst und holt sich für sein Leiden-Wollen ständig die Vorwürfe des Vaters wieder vor Augen. Diese aber waren in bestimmten Situationen durchaus gerechtfertigt.

Der ständig auftauchende Phallus wirkt auf mich eher als Neid, als Hass darauf, dass der Starke, Mächtige, Autoritäre alles bekommt, er dagegen nicht, für ihn alles so schwierig ist, die Liebe, das Leben, die Begegnungen mit Autoritäten. Ein Neid auf die überdimensionale Potenz, wo er immer nur glaubt, zu versagen.
(Der Gedanke an Mißbrauch ist mir nicht gekommen, werde aber noch einmal darüber reflektieren. Sein Versagen im Familienleben könnte auch darauf hindeuten.)

Bezeichnend für die eigene Schuld auch dieser Hinweis, als er auf der Lehrerkonferenz seine Mitkollegen betrachtet: Alle waren verheiratet oder verlobt. Er, Jean Calmet, war bei einer Kunststudentin der Rivale seines Schülers.

Auch etwas später spürt er eine Schuld, die eigentlich keine ist, die wohl tiefer sitzt, versteckter, als auf den ersten Blick zu erkennen. Er denkt bei der Konferenz:

Zitat von Chessex
Man bemerkt meine Angst. Ich muss grün sein, überschmiert von dreckiger Angst und Schuld. Schuld? Schließlich ist Thérèse neunzehn. Dass ich ledig bin? Das Gesetz verbietet es nicht. Dass ich mit den Schülern im Eveché esse? Ich tue ihnen gewiss nichts. Aber warum fühle ich mich dann schuldig? Ich bin ertappt. Durchschaut.



Schon im Rückblick auf die eigenartigen, leicht abartigen Spiele des Vaters, seinen Sohn zu erschrecken, sowohl beim Rasiervorgang als auch mit dem Messer: Ich werde dich fressen! – wird eine Art leidvolles Vergnügen bei Calmet sichtbar, vielleicht ist das ja wirklich ein reiner Angstreflex. Oder eben ein masochistischer Zug, durch den er qualvoll genießt, dass der Vater ihn ängstigt. (Ein Wunsch nach Aufmerksamkeit, Achtung, dem er sich zitternd unterwirft, wobei er einen ähnlichen Zug wie die Mutter in sich trägt. Die freiwillige Unterwerfung, später dann das Ablegen jeglicher Verantwortung.) Ein Genießen des Leidens, sich Ängstigens, sich permanent mit einer Schuld zu konfrontieren, die so schlimm nicht ist.
Er ist ein Mann, der sich nicht zurechtfindet, der keine Familie will, der sich zu jüngeren Menschen hingezogen fühlt. Pervers daran ist höchstens, dass er sie als Kinder sieht, dass er versucht, seinen Vater zu imitieren. Er möchte, dass der Vater in seinen Vorwürfen Recht behält. Er fühlt sich als dieser Versager, als Herumbummler, als Nichtsnutz. Das Gespräch mit dem Vater z. B., als Jean Calmet sich für sein Fehlen und die Unlust am Studieren rechtfertigen soll, war nicht unbedingt unbegründet. Als ob sich Jean Calmet dieser Vorwurf des auf ihn zornigen Vaters tief eingebrannt hat, dass er ihn auf alles ausdehnt, was er ist, was ihm begegnet. – Ich stinke vor Angst. Das ist mein Los… (schon wieder solche Worte.)

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 04.03.2010 19:52 | nach oben springen

#8

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 06.03.2010 08:42
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Taxine,

ich gehe davon aus, Jean Calmet konnte aufgrund seiner psychischen Konstitution diese Demütigungen nicht verkraften. Sie hängen ihm sein ganzes Leben nach und beeinträchtigen ihn. Natürlich reagieren nicht alle Kinder so, es kommt eben darauf an, wer auf welche Art und Weise etwas verkraftet und wer nicht. Jeder Mensch ist anders. Jean gehört da wohl zu denen mit einer geschwächten Psyche. Der Vater mag das gemerkt haben und hat ihn umso mehr gedemütigt. Seine Geschwister haben die Familie verlassen, heißt es einmal, und nur Jean und die Mutter waren der Gewalt des Vaters ausgesetzt. Jean ist auf seine Geschwister neidisch, weil sie ein selbständiges Leben verwirklicht haben und nicht mehr in den Klauen des Vaters befinden. Jean hat sich über seinen zweiten Vornamen Benjamin geärgert, was heißt „Sohn zu meiner Rechten“, also der Sohn, der zur Rechten des Vaters ist.

Zitat von Taxine

Vieles, was der Vater ihm als Junge an den Kopf wirft, ist schon harter Tobak, soweit stimmt das schon, alleine dass er junge Mädchen beschläft oder ihm droht, ihn zu fressen, jedoch nichts, was sich nicht verkraften lässt.



Ich muss gestehen, ich lese den Roman durch meine persönliche Brille, werte Taxine, darum mögen meine Ansichten etwas gefärbt sein. Ich hatte einen strengen autoritären Vater, unter dem ich Demütigungen und Drohungen erleben musste. Das war halt so. Ich kann nichts dafür. Darum weiß ich aber, wie weit solche psychischen Verletzungen in das spätere Leben hineinwirken können. Ansatzweise, aber nur ansatzweise sehe ich in Jean Calmet Anteile meiner selbst. Nur, ich habe irgendwann die Kurve gekratzt so gut es irgendwie ging, Jean Calmet aber in keinster Weise. Jean Calmet ist Zeit seines Lebens nie erwachsen geworden, in der Pubertät festgezurrt, in seiner Unterwürfigkeit vor Autoritäten hängengeblieben, sein Sexualverhalten weltfremdig.

Zum sexuellen Missbrauch

Das ist natürlich nur eine Theorie meinerseits, die sich nicht belegen lässt. Ich kann nur Indizien sammeln. Es ist natürlich schwierig, weil die Folgen eines Missbrauches sehr unterschiedlich sein können und ich mich explizit mit diesem Thema noch nie auseinandergesetzt habe, bin aber auf eine Website gestoßen, auf der einige mögliche Spätfolgen aufgezählt werden. Einiges trifft auf Jean Calmet zu:

"Störungen der Sexualität und Partnerschaftsprobleme;
Selbstmord(versuche),
Störung der Sexualfunktionen....
Angstzustände, Alpträume, Angst machende Tagträume
....soziale Isolation, Misstrauen,"
(Quelle: hier )

Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass jemand, der jemanden sexuell demütigt, jemanden auch missbrauchen könnte.


Masochismus oder Minderwertigkeit?


Zitat von Taxine
Überhaupt neigt Calmet zum Masochismus.



Immerhin ist Jean schon vierzig Jahre und hat sich nicht bemüht, aus seinem Leiden herauszukommen, stattdessen fühle er sich zum Leiden „auserkoren“. Das hat schon etwas masochistisches. Es gibt wirklich Menschen, die Laben sich im Leid und wollen gar nicht herauskommen. Es ist auch kein Hinweis gegeben, dass sich Jean vielleicht irgendwann mal habe helfen lassen (die Freud-Couch o.ä. ).

Wenn wir von nichtsexuellem Masochismus reden, kollidieren wir in unserer Sache leicht mit dem Minderwertigkeitskomplex, denn in einem ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühl, kann sich auch ein Mensch in eine Opferrolle begeben (Kompensationsverhalten). Die Unterscheidung beider Begriffe ist nicht ganz einfach. Die Schuldgefühle, die Jean hat, deuten doch auf ein Gefühl von Minderwertigkeit hin. Dass Jean Lust und Befriedigung aufgrund seines Verhaltens empfindet, was ein Hinweis auf Masochismus wäre, ist mir niemals aufgefallen. Die Demütigungen, die Jean erlitten hat (der Phallus projiziert ihm ein Angstgefühl und Ekel; kann das Neid sein?), deuten doch darauf hin, dass Jean mit einer ungeheuren Last von Schuldgefühlen in eine Minderwertigkeit gedrängt worden ist.

Fazit:
Die Unterscheidung zwischen Masochismus und Minderwertigkeitskomplex problematisch?

Gerne mal im Psycho herumgewühlt

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.03.2010 09:04 | nach oben springen

#9

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 06.03.2010 16:03
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Lieber Martinus,

ich habe doch länger überlegt und finde sowohl meine Ansicht als auch deine bestätigt. Gerade diese verschiedenen Interpretationen weiten das Buch, auch ein Hinweis darauf, wie gut Chessex es geschrieben hat.

Zum Beispiel gab mir das Handeln Jean Calmets in der Aufforderung zu denken, die der Neo-Nazi an ihn macht, er solle ihn doch auf einen Schluck begleiten, damit er dort, in seiner mit Hitlerbildern und Faschismus-Bewunderung ausgestatteten Wohnung seine Propaganda hervorätzen kann. Jean Calmet verachtet den Mann für sein Denken, unterwirft sich aber trotzdem, kann auch in solchen Momenten nicht handeln, lässt sich regelrecht mitschleifen, sitzt dann dort, trinkt sein "schleimiges Bier", lässt das Gesülze über sich ergehen, ergreift schließlich einfach die Flucht. Auch hier eine Schwäche, der er unterliegt, die mir einiges über sein Innerstes sagt. Da sehe ich direkt den schlaffen Händedruck der Mitläufer.
Sein einziger Versuch, eine absonderliche Stärke zu zeigen, ist die Beschimpfung des Juden, dem er als ehemaligen Mitschüler begegnet, für die er sich danach sehr schämt. Doch auch hier belässt er es wieder dabei, schreibt den Entschuldigungsbrief nicht zu Ende. Gerade hier wäre daraus eine wirkliche Stärke geworden.

Sein Ende war vorhersehbar, und die Art, wie Chessex dieses "Ausbluten" beschreibt, war überwältigend und traurig. Ein Könner, gar keine Frage. Ein Schriftsteller, der nicht aufdrängt, sondern den Leser selbst "erfahren" und deuten lässt.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.03.2010 16:12 | nach oben springen

#10

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 10.03.2010 17:45
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Taxine.

der Roman bezieht sich auf den Kindlifresserbrunnen in Bern, der im Roman auch umschrieben wird. In dieser Passage des Romans vergleicht Jean seine Situation mit Beispielen aus der Mythologie (Kronos, Minotauros u.a.) Jean weiß, er steht nicht allein mit dem Wunsch, gegen seinen Erzeuger anzutreten. Es ist ja wie ein Ringkampf. Ähnlich wie in der Pubertät, in der Zeit, wo man sich gegenüber seiner Eltern selbst behaupten möchte, sich auflehnen und sich durchsetzen möchte. Natürlich hat Jean das nie geschafft, darum hat er auch vor anderen Autoritätspersonen Angst und duckt sich lieber.

Wieder ins Politische, denn der Roman hat durchaus verschiedene Deutungsebenen, darum ist er ja so interesssant. Also das Politische: Jeans Bekanntschaft mit dem rechtsradikalen Mollendruz. Jean wäre ein Mitläufertyp gewesen, das glaube ich auch. Besonders wegen dieser Szenerie mit Mollendruz, finde ich es absolut angebracht, Jeans Vater als eine Metapher für eine gefährliche patriarchalisch Diktatur zu sehen. Eine Diktatur ist auch nur schwer zu entmannen, alle Hitlerattentate schlugen fehl. Politische Andeutungen gibt es ja vorher auch schon.

Das Buch soll/muss gelesen werden
, ja, ja. Inzwischen sicher kein Geheimtipp in Deutschland mehr, da der Verlag Nagel & Kimche einige seiner Bücher inzwischen verlegt.

Ich lese dann noch: "Ein Jude als Exempel" und "Der Vampir von Ropraz"
(Mit Buchvorstellungen ist zu rechnen )

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 10.03.2010 18:13 | nach oben springen

#11

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 13.03.2010 16:00
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Der Kindlifresserbrunnen erinnert mich stark an Goyas "Saturn, der eines seiner Kinder verschlingt":


(Quelle: onlinekunst.de)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 13.03.2010 16:03 | nach oben springen

#12

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 13.03.2010 16:33
von Martinus • 3.194 Beiträge

Vielen Dank für den Goya. Ein Superklassemaler, Zeichner, Gesellschaftskritiker

Vaterstaat = Kronos = Nazidiktatur, die ihre Kinder = Bürger verschlingt. Jeans Geschwister, die vor dem Vater geflüchtet sind, sind quasi Exilanten.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 14.03.2010 13:09 | nach oben springen

#13

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 14.03.2010 17:04
von Martinus • 3.194 Beiträge

„Ein Jude als Exempel“

Zitat von Chessex
Der Krieg ist weit weg, denken die meisten in Payene. Der betrifft nur die andere.



Diese Einstellung bildet die Grundlage zur Wegschaumentalität. Im Grunde genommen schreibt Chessex über das Böse im Menschen und das Böse lauert überall. Das Böse braucht eine Gelegenheit und hat in der Nazizeit besonders auf die Juden eingeschlagen. Es ist der Sadismus, die Lust der Quälerei, die sich ja auch bei dem Nazianführer Fritz Ischi zeigt, der seine Freundin sadistisch quält und demütigt (vgl. Calmets Vater im "Kinderfresser").


Zitat von Chessex
In Payerne sind die Reden des hitlertreuen Pastors auf fruchtbaren Boden gefallen.



Der Pastor, der Nazi - Kirche schützt nicht vor Scheinheiligkeit, das sehen wir auch heute.

Es ist teilweise wie eine Gewalttätigkeit an Sprache, die der Autor benutzt. Ich weiß nicht, wie ich es anders erklären soll. Gewalttätig wie das rauhe Böse der Nazis, trotzdem ist es kein billiger Horror; jedes Wort sitzt grausam und fleischt sich in das Leserhirn. Das Buch macht betroffen. Knallhart und größter Abschaum, wie sie den Bloch wie ein Vieh abschlachten und seinen Leichnam zerstückeln. Wir brauchen keine Horrorromane. Horror wütet in der Wirklichkeit. Es ist grausam. Offenbar geriet der Mord in der Schweiz in Vergessenheit, weil sich die Schweiz offiziell für neutral und unschäbig gehalten hat. Chessex hat mit diesem Roman in die rauhe Wirklichkeit der Schweiz herumgewühlt. Es ist auch die Schweiz, die in einer Volksabstimmung verhindert hat, dass in ihrem Lande keine Moscheen mehr gebaut werden. Ergo: Die Schweiz verhält sich nicht neutral. Dieser Mythos ist Vergangenheit.

Am 16. April 1942 wird der Viehhändler Arthur Bloch von Schweizer Nazis abgeschlachtet.

Zitat von Chessex
Die Säge macht ein trockenes Geräusch Geräusch, als sie sich in den Knochen des Juden frisst, Fritz muckt nicht, er versteht sich darauf, er hat als Metzgergeselle an der Schlachtbank gestanden und mehrere Tiere zerlegt.



Diese emotionslose Sachlichkeit spricht Bände. Der Leichnam wird nicht als toter Mensch wahrgenommen, sondern als Stück Abfall, welches entsorgt werden muss. Jacques Chessex vermag es, die abartig perverse Mentalität des Bösen, der Nazis, dem Leser erbarmungslos vor den Kopf zu knallen.

So ziemlich alle jüdischen Klischees, die die Nazis hergenommen haben, um Juden durch den Dreck zu ziehen, kommen auch in diesem Roman vor; aus Geschäftemachern werden „Kraken und Blutsauger“. Alles läuft so ähnlich ab wie in Deutschland.

Zitat von Chessex
Man riskiert nicht viel, wenn man mit dem Finger auf den jüdischen Vampir zeigt.



!932 hatte in Lausanne eine Gruppe von Anwälten „einen Vorstoß unternommen, Juden den Zugang zur Anwaltschaft zu verbieten. Ein Begehren, das auf alle freien Berufe und die höheren Ränge in der Armee ausgeweitet wurde.“

Im Vergleich dazu die Verhältnisse in Deutschland: Am 07. April 1933 wurde das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erlassen, welches nationalistischen Machhabern erlaubte, jüdische Beamte aus dem Dienst zu entfernen (Quelle hier).

Im Zuge von Recherchen im Internet bin ich auf eine interessante Website gestoßen. Hier können wir u.a. lesen, die „jüdische“ Hakennase sei gar nicht typisch jüdisch (siehe Der antisemitische Stereotyp von Julia Schäfer).

Spätestens durch diesen Roman wird der Mythos von der Neutralität der Schweiz unglaubwürdig.

Auch ein Roman den man lesen muss/soll

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 17.03.2010 10:43 | nach oben springen

#14

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 14.03.2010 17:09
von LX.C • 2.673 Beiträge

Zitat von Taxine
Der Kindlifresserbrunnen erinnert mich stark an Goyas "Saturn, der eines seiner Kinder verschlingt":


(Quelle: onlinekunst.de)



Oder an Lillith?


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 14.03.2010 17:11 | nach oben springen

#15

RE: Jacques Chessex

in Die schöne Welt der Bücher 20.03.2010 08:35
von Martinus • 3.194 Beiträge

"Der Vampir von Ropraz"

Wie in dem Roman „Ein Jude als Exempel“ wird auch hier eine historische Greueltat als Romanvorlage gewählt. Im Jahre 1903 wird im Dorf Ropraz im Kanton Waadt die Leiche der zwanzigjährigen Rosa Gilliéron aus der Grabesruhe gerissen, brutal verstümmelt und geschändet. Der Täter hinterläßt auf dem Friedhof ein Bild des Schreckens, ein Monster muss hier in blinder Wut gewütet, sich sexuell entladen haben. Ein Bild des Grauens fährt durch das Dorf, Zeitungsmeldungen gehen um die Welt und schnell ist der Vampir in aller Munde. „Der Vampir von Ropraz“, so wird das Unwesen genannt. Die Dorfbevölkerung setzt die Ermittler unter Druck, dieses Monster dingfest zu machen, denn es gibt im Umkreis weitere Leichenschändungen. Die Polizei findet ein Opfer, dass für die Untaten des Vampirs strafrechtlich belangt werden soll.

Ropraz, ein kleines hinterwäldlerisches Dorf im Sumpf von Aberglauben, Hexerei und Geisterbeschwörung, im Sumpf von Sodomie und Inzest – kein Wunder, dass hier ein Vampir wütet. Dieses Dorf, so wird es vermittelt, weitab von der Zivilisation. Ein Dorf für sich.

Zitat von Chessex
Inzest und dumpfes Brüten, im zölibatären Schatten, des ewig begehrten und verbotenen Fleischlichen.
Der sexuelle Notstand...gesellt sich zur umherstreifenden Angst und der Vorstellung vom Bösen.



Es ist herrlich wie Jacques Chessex in den Roman einsteigt und die schaurig-mystischeAtmosphäre des Ortes einfängt und das vampirische Grauen zeichnet. Das berechtigt durchaus die Genrezuteilung des Schauerromans. Der vermeintliche Täter gefunden wird, der Roman schwächelt leider, je weiter er fortschreitet, denn die schaurigschöne Düsternis – Bram Stoker hätte sich gefreut – geht mehr und mehr flöten. Die Schlusswendung überrascht, aber was nützt das, wenn das Schaurige dieses Schauerromans schon längst abgeklungen ist.

Ropraz heute noch hinterwäldlerisch? Das Motto des Romans weist schreckhaft darauf hin, eine Öffentliche Bekanntmachung der Gemeinde Ropraz am 12. Januar 2006:

Zitat
Nicht wählbar sind:
Bürger, die Wegen Geisteskrankheit oder
Geistesschwäche entmündigt wurden.



Warum muss man so etwas extra erwähnen? Das ist das Seltsame. Jacques Chessex wohnte etwa dreißig Jahre in Ropraz.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 20.03.2010 13:56 | nach oben springen


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