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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Albert Camus

in Die schöne Welt der Bücher 27.07.2011 02:14
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hochzeit des Lichts

Himmel über Algerien. Albert Camus schreibt über seine Heimat. Sehnsucht nach Heimat überfällt den Menschen, aber ist das ein Ort „wo das Herz seinen Frieden findet“ oder vielmehr eine Sehnsucht, die Heimat seiner Seele zu finden? Paradox, dass wir „diese Vereinigung, die Plotin ersehnte, hier auf Erden finden..“..wollen. Albert Camus sagt von sich: „Ich lerne, dass es kein übermenschliches Glück gibt und keine Ewigkeit außer dem Hinfließen der Tage....Die anderen „idealen“ Wahrheiten zu begreifen, fehlt es mir an Seele...Ich weiß nur dies: dass der Himmel länger dauern wird als ich.“

In seinen Aufsätzen über Algier und Oran wird der Kontrast zum Leben in Europa deutlich. Man heiratet sehr jung, beginnt in jungen Jahren bis zur Erschöpfung hin zu arbeiten und ist mit dreißig Jahren schon ausgelaugt, kann sich dann schon auf das Sterben vorbereiten. Das „Glück war kurz und heftig“, verdunstet im Wüstenstaub; an anderer Stelle heißt es, die Welt erneuere sich hier täglich. Oran ist „die staubigste Stadt aller Städte“, eine Stadt aus Staub und toten Gestein, hier offenbar nichts gibt, was den menschlichen Geist bewegen und inspirieren kann. Eine Wüstenstadt am Meer. Gassen verlaufen wie in einem minotaurischem Labyrinth, man wird gefressen von dem Stier, von der leeren Langeweile. Und das am Mittelmeer. Man staunt und liest.

Besonders poetische Kostbarkeiten sind die beiden im Jahre 1936 (oder 1937) entstandenen Aufsätze „Hochzeit in Tipasa“ und „Der Wind in Djemila“, ein Besuch römischer und frühchristlicher Ruinen. Frühling in Tipasa, Camus war in seinen jungen Jahren dort oft gewesen, dort findet die Hochzeit statt, die Vereinigung von Mensch und Natur. Verschwenderisch in Farben und Düften, Blumen und Sträucher, umgarnt vom Duft der Wermutbüsche.. Hier flammt die Liebe zum Leben auf, das intensive Glück des Daseins, die Verschmelzung mit der Natur. „Glücklich der Sterbliche auf Erden, der diese Dinge sah“ heißt es in einem alten Spruch der Demeter.“ Ging es bei den Mysterien von Eleusis um eine Innenschau, so will der Adept hier so nahe wie nur irgendmöglich „an die Dinge der Welt herankommen“, sich der Natur völlig hingeben. Ruinenlandschaften, die Seelenzustände widerspiegeln. In Tipasa das glückliche Dasein, in Djemila der Tod. Albert Camus schrieb diese beiden Texte im Alter von etwa 23 Jahren Sie bezeugen eine außerordentliche geistige Reife und großes erzählerisches Talent. Ja, man staune und lese.

Die 14 Texte des Bandes können einführend zu Camus' Werk gelesen werden.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 27.07.2011 04:22 | nach oben springen

#2

RE: Albert Camus

in Die schöne Welt der Bücher 29.07.2011 12:11
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Vielen Dank für den Einblick in seine frühen Erzählungen, wo er in den Ruinen das erste Mal die Freiheit verspürt hat ... zu leben.

Ich komme also zu seinem Werk
"Die Pest"

Es hat auf der Erde ebenso viele Pestseuchen gegeben wie Kriege. Und doch finden Pest und Krieg den Menschen immer gleich wehrlos.


Der Roman „Die Pest“ wurde 1947 vollendet. Camus begann ihn, als er selbst in Oran lebte. Er mochte diese Stadt nicht, zog das weiße Algier dem schwarzen Oran vor. Oran sei eine große Rundmauer, von einem harten Himmel überdacht und wende dem Meer den Rücken zu. Inspiriert wurde er durch eine Typhusepidemie in der Nähe.
Camus, der von einer dem Wahnsinn verfallenen Epoche sprach, in der der Mensch hilflos den krampfartigen Erschütterungen der Zeit preisgegeben ist, hat hier sicherlich im Hinterkopf, zu zeigen, wie schnell der Mensch machtlos den Ereignissen gegenüber steht, ihnen unterliegt und lediglich als Opfer oder Genesener daraus hervorgehen kann.
Was auch geschieht, wie schwer die Menschheit auch getroffen ist, es bleibt ihr nur, immer wieder aufzustehen und von vorne zu beginnen. Es hat keinen Sinn zu hinterfragen, warum Ereignisse geschehen. „Das Absurde entsteht aus dieser Gegenüberstehung des Menschen, der fragt, und der Welt, die vernunftwidrig schweigt.“


Die Entwicklung des Romans oder, wie Camus es formulierte, der „Chronik“ ist relativ simpel und folgt dem Muster von Ignoranz, Trennung, Schuldfrage, Fluchtgedanke, Schuldzuweisung (z. B. der Wind), Hochmut, Verzweiflung, Panik, Völlerei, Gleichgültigkeit, Trägheit und Erschöpfung, Wucherei, Hoffnung und Rettung.
Die Pest aber, daran erinnert Camus ganz explizit, schlummert weiter in Menschennähe, bleibt als Schatten haften, selbst wenn der Mensch sich von neuem erlöst glaubt und seine Rettung feiert.

Sie glaubten sich frei, und keiner wird je frei sein, solange es Geißeln der Menschheit gibt.


1.
Oran ist ein eher langweiliges und ruhiges Städtchen mit eher oberflächlichen Menschen, die nach materieller Zufriedenheit und nach Geld streben. „Diese reiz-, pflanzen- und seelenlose Stadt wirkt mit der Zeit ausruhend, und zuletzt schläft man ein.“ Oran ist „eine Stadt ohne Ahnungen, das heißt eine ganz moderne Stadt.“ Das heißt auch, das, was den Menschen in Oran zustößt, kann überall geschehen.

Zunächst sterben die Ratten, die noch nicht Warnzeichen genug sind. Stattdessen sind besonders Hauswarte und Hotelbesitzer verzweifelt, da es bei ihnen diese Art Unsauberkeit nicht gibt. Es wird geleugnet. Als aber immer mehr tote Ratten zutage kommen und noch so mancher behauptet: „Bei mir passiert das nicht, ich passe auf.“, ist für das beste Hotel kein Trost zu sagen, es würde schließlich allen so gehen. „Eben (…) jetzt sind wir wie die anderen.“
Kein besserer Status, die gleiche Gewöhnlichkeit, die Menschen rücken auf eine Ebene, was einigen überhaupt nicht passt.

Schließlich gibt es die ersten menschlichen Todesfälle, noch als ein Fieber definiert, wobei aber der Protagonist Dr. Rieux bereits seine Zweifel äußert. Ein alter Arzt sagt ihm, keiner wage es auszusprechen, weil die Krankheit eigentlich aus den gemäßigten Zonen verschwunden sei, aber es sei eindeutig die Pest und Maßnahmen müssen ergriffen werden. Trotzdem berichten die Zeitungen immer noch ausschließlich von den toten Raten.
Die Ratten sterben eben auf der Straße und die Menschen im Zimmer.

Die Behörden weigern sich zunächst, ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen. In Hinterstraßen wird darauf verwiesen, dass es eventuell Todesfälle eines noch nicht definierten Fiebers gibt, man könne aber noch nichts Genaues sagen. Die Menschen sterben weiter, und wie die Behörden aufgrund des zu großen Aufwands die Maßnahmen hinausgeschoben haben, genauso plötzlich handeln sie auf einmal sehr radikal, sperren die Stadt und lassen niemanden mehr hinein noch hinaus.

Die plötzliche Ausgrenzung aus der Welt, vorerst nur daran zu erkennen, dass sich die Straßen leeren, der Verkehr und die Schiffseinfahrt im Hafen verboten wird, wird den Menschen nicht richtig bewusst. Sie bemerken nur die Veränderung im persönlichen Umfeld, nicht die Gefahr, sterben zu müssen. Beharrlich und selbstsüchtig werden die gesellschaftlichen Formen aufrechterhalten und die Veränderungen verdrängt.
Die Oraner sitzen aufeinander und sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Die Trennung von den Angehörigen, die Unmöglichkeit, der Stadt zu entkommen, das Zurückgeworfensein auf die immer gleichen Situationen sind die eigentlichen Auseinandersetzungen. Sie leugnen, dass ernsthaft Gefahr besteht, trotz der offensichtlichen Umstände.
(Camus lässt hier übrigens eigene Erlebnisse einfließen, war er selbst auf Erholungskur und bei der Besetzung der Nazis dann zwei Jahre von seiner Frau getrennt. Dr. Rieux und seine Frau sind wohl ein Spiegel von Camus und Francine, während Camus hier einfach die Rollen vertauscht, die Frau zur Kranken wird.)

Zitat von Camus "Die Pest" S. 31
Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute: „Er kann nicht lange dauern, es ist zu unsinnig.“ Und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber as hindert ihn nicht daran, lange zu dauern.

Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen, und die Menschenfreunde zuerst, weil sie sich nicht vorgesehen haben.



Dieser Zustand der Ignoranz hält lange an. Es passiert den anderen, die Pest ist nur ein unangenehmer Besucher, der wieder gehen wird. In der christlichen Überzeugung (dargestellt durch den Geistlichen Panceloux) ist sie für die Bestrafung, die sich etwas zuschulden haben kommen lassen und Trost für die, die damit ihre Sünden reinwaschen, wenn die Krankheit ihnen den Tod bringt.

Zitat von Camus "Die Pest" S. 79
Zuerst hatten die Leute ihre Abschließung von der Außenwelt hingenommen, wie sie jede andere vorübergehende Belästigung hingenommen hätten, die sie nur in einigen ihrer Gewohnheiten störte. Aber plötzlich wurde n sie sich einer Art Einsperrung bewusst, und unter der Glocke des Himmels, in dem der Sommer zu knistern anfing, spürten sie verworren, dass diese Abgeschnittenheit ihr ganzes Leben bedrohte.



Die Menschen der Stadt verändern sich, während die vielen Toten sie noch nicht berühren. Aber die Pest macht keine Unterschiede, schaltet diese ganz und gar aus. Die Menschen werden gleichgesetzt, ohne es zu bemerken. Schließlich führt die Quarantäne dazu, dass einige von ihnen Fluchtgedanken hegen. Der Hafen spiegelt die Leere, es gibt mehr Fußgänger als sonst und es wird tagtäglich, aufgrund großer Vorräte, gesoffen, was das Zeug hält. Die Preise steigen, und die, die es sich leisten können, ergeben sich der Völlerei. Doch die Beklemmung wächst. Mit der Pest ist kein Geld zu verdienen, weil der Nutznießer Gefahr läuft, trotz seines gewonnenen Reichtums am Ende selbst der Krankheit zu erliegen. Das hält die Menschen allerdings nicht davon ab, sich trotzdem zu bereichern.

Wie der Pest kann man auch der Stadt nicht mehr entkommen. Keine Beziehungen, kein Zuständigkeitsbereich, keine Diplome helfen. Das muss auch der Journalist Rambert einsehen, der von seiner erst kürzlich Angetrauten getrennt ist und fürchtet, die zarte Liebe könnte dadurch wieder verkümmern. Sein absurdes Argument ist, er sei fremd in dieser Stadt und hätte so ein Recht, aus ihr ausreisen zu dürfen, als wäre er nicht, wie alle, gleich in Gefahr, infiziert zu sein.

Je mehr Menschen sterben, desto mehr verhärten sich die Herzen… „und alle schritten oder lebten an den Klagen vorbei, als wären sie die natürliche Sprache der Menschen“.

Doch die Pest vergibt nicht, und bald kann sie nicht mehr geleugnet werden. Gerade in Gruppen bricht die Krankheit besonders schlimm aus, bei Soldaten, Mönchen und Sträflingen. Letztere bilden eine Gemeinschaft im Gefängnis, die Wärter sind mit ihnen verurteilt, auf gleicher Stufe: zum ersten Mal herrscht im Gefängnis bedingungslose Gerechtigkeit.

Damit aber das „Alle sind gleich“ nicht zu sehr in den Vordergrund rückt, wissen sich die Behörden zu helfen:

Zitat von Camus "Die Pest" S. 132
Vergeblich versuchten die Behörden, in diese Gleichschaltung eine Rangordnung einzuführen, indem sie auf den Gedanken kamen, die in der Ausübung ihrer Pflicht gestorbenen Gefängniswärter mit einem Orden auszuzeichnen.



Das übliche Muster, um die einen zu gerecht Verurteilten abzustempeln, die anderen aber zu Helden zu erheben, während alle der gleichen Krankheit erliegen, wie es auch im Krieg der Fall ist. Der Feind stirbt gerecht, der gemachte Held stirbt aus Ruhm und Ehre. Nur interessiert die Verleihung des Ordens den Toten nicht mehr.

In Zeiten der Pest kann so eine Auszeichnung auch kaum trösten, da es kein Verdienst ist, zu verrecken, wie es all die anderen auch tun, darum herrscht allgemeine Unzufriedenheit, und viele Skeptiker glauben an Ausschreitungen und Aufstände.

Doch das Gegenteil geschieht. Da sie alle gleich betroffen sind, raffen sich die Menschen zusammen und versuchen, einander zu helfen oder zumindest die Stellen zu besetzen, die mit der Versorgung der Kranken und Bestattung der Toten notwendig geworden sind. Der Erzähler (der sich später als der Arzt Rieux herausstellt) spricht davon, dass es hierbei kein Verdienst der Menschen war, die sich zur Mithilfe entschlossen, sondern das einfache Einsehen, nicht anders handeln zu können. Es musste auch zur eigenen trügerischen Sicherheit alles unternommen werden, die Auswirkung der Krankheit einzudämmen.

Auch wird das Elend schließlich stärker als die Angst, da die Zahl der Toten mit der Hitze des Sommers ansteigt. Der kleine Friedhof reicht schon lange nicht mehr aus. Hastig wurden die Leichen in die Gruben geworfen. Sie hatten noch nicht ausgeschlenkert, wenn der Kalk ihnen schon ins Gesicht geschaufelt wurde und die Erde sie namenlos bedeckte, in Löchern, die man immer tiefer grub.

Bald darauf verzehren die Flammen der Pest ihren Tribut. Die Verbrennungsöfen werden angeschmissen und beunruhigen die Eingesperrten, bis man sich dazu entschließt, den Rauch unterirdisch abzuleiten. Nur ein schwacher Geruch erinnert an das, was in der Nähe all der Überlebenden geschieht. Der eigentliche Hintergrund, den der Leser hier sofort wahrnimmt, muss wohl kaum erwähnt werden. All das ist immer noch nicht das Endstadion und Schlimmeres kann drohen. In Erinnerung an andere Zeiten und Pestzustände, ahnt man, … „dass die Menschen dann trotz der Präfektur auf Haufen zusammen sterben und auf der Straße verwesen würden und dass die Stadt es erleben würde, wie auf den öffentlichen Plätzen die Sterbenden sich an die Lebenden klammerten, in einem Gemisch aus berechtigtem Hass und sinnloser Hoffnung.“

So kann man sagen, dass die Pest nichts Heroisches hat, „die großen Schicksalsschläge sind schon ihrer Dauer wegen eintönig“. Die Menschen vergessen bald, wer alles gestorben war, können keine Gesichter mehr ausmachen. Die Toten sind für sie körperlos geworden. „Bei uns hatte kein Mensch mehr große Gefühle.(…) Die Pest hatte uns alle der Fähigkeit zur Liebe und sogar zur Freundschaft beraubt. Denn die Liebe verlangt ein wenig Zukunft und für uns gab es nichts mehr als Augenblicke.“

2.
Camus vertritt die Auffassung, dass niemand Schuld daran hat zu leiden, wie es die Religion verkündet, man sich dem aber auch nicht entziehen kann. Für ihn ist die natürliche Neigung des Menschen, sich und alle Welt mit sich zu ruinieren. Die Pest ist nicht verdient, jedoch ist sie ein unausweichliches Übel, das die Menschen immer wieder überfällt, während er nicht damit rechnet und auch kaum daraus lernt.
Durch den Arzt Rieux sagt er, er hätte zu viel Elend gesehen, um an eine Allgemeinschuld zu glauben oder an die Erlösung durch Gott. Es reiche nicht, auf die Knie zu fallen, sondern man müsse kämpfen. Man müsse sich also auf das Menschsein, auf diese Welt einlassen, statt die Verantwortung aus den Händen zu geben und sich machtlos dem Schicksal zu ergeben.
Beim Tod eines Kindes, der kleine Junge eines Richters (dessen Augen sich später verändern), an dem sie erfolglos ein erstes Serum testen, das gegen die Mikroben wirken soll, sagt der Arzt zum Geistlichen: „Ah, der wenigstens war unschuldig, das wissen Sie wohl!“

Als Pater Panceloux ihm sagt, dass immer das den Menschen empört, was sein Maß übersteigt und er darum lieber lieben, statt begreifen sollte, erwidert der Arzt, er würde sich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.
(Solche Worte von Camus sind nicht verwunderlich, hat er neben seiner eigenen Kindheit in Armut u. a. erlebt, wie sich im Aurès-Gebirge hungernde Kinder in Lumpen mit den Hunden um Essensreste balgten, und als Journalist gefordert, man müsse solche Zustände tagtäglich in den Zeitungen herausschreien. In „Fragen der Zeit“ wirft er dem Papst und der katholischen Kirche vor: „Wir können vielleicht nicht verhindern, dass diese Schöpfung eine Welt ist, in der Kinder gemartert werden. Aber wir können die Zahl der gemarterten Kinder verringern. Und wenn Sie uns dabei nicht helfen, wer soll uns dann helfen?“)

Der Geistliche in der „Pest“ vertritt die Auffassung, dass as Leiden der Kinder ein bitteres Brot sei, aber ohne dieses Brot die Seele an geistigem Hunger zugrunde ginge. Man müsse daher beginnen, tastend in der Finsternis vorwärts zu gehen und sein Leben in Gottes Hände zu legen.
Beide Parteien können hier nicht zusammenfinden. Während der Geistliche von Gnade spricht, bleibt der Arzt erschüttert. Das Einzige, was ihnen möglich ist, ist die gemeinsame Arbeit gegen das Übel, das sie „jenseits von Gebet und Lästerung“ wieder miteinander vereint.

Den Pater aber gemahnen der Tod des Kindes und das Gespräch mit Rieux daran, seine religiöse Strenge der Nächstenliebe anzupassen, seine Meinung nicht zu ändern, sie jedoch anders zu vermitteln. Man solle daher nicht, verkündet er in seiner zweiten Predigt, wie die Perser denen die Pest an den Hals wünschen wollen, die sie bekämpfen, man solle aber, bekleidete man eine Stelle der Hoffnung und der Religion, seine eigene Angst gleichfalls nicht allzu offen zeigen, da dadurch der Trost ganz und gar verloren ginge. Er wünsche seiner Gemeinde, sie möge Trost darin finden, dass die Pest keinen verschont, dass dahinter vielleicht eine höhere Gewalt entscheidet, wer stirbt und wer überlebt.
Er steigert sich so sehr in seine Überzeugung hinein, die Pest müsse hingenommen werden, dass er zu dem Schluss kommt, ein Geistlicher könne keinen Arzt rufen, ohne sich selbst zu widersprechen. Daher stirbt er auch, ohne auf Hilfe zu hoffen, das heißt: sich dabei ganz und gar Gottes Gnade überlassend.

(Camus ergreift in dieser Auseinandersetzung keine Partei, sondern lässt beide Richtungen zu Wort kommen. Der Arzt und der Geistliche treten als gleichberechtigte Kräfte auf. Camus hat von sich behauptet, er glaube weder an Gott noch sei er Atheist. Er suchte, zeit seines Lebens, nach einem Mittelweg.)

Was aber ist die Pest, die eine „glückliche“ Stadt überfällt? Da Camus das Werk so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, könnte man die Pest auch als das nicht personifizierte Böse ansehen (Symbol für die Deutschen, wie Sartre erklärte, die das unmenschliche Geschick verkörpern und das Unrecht gewählt haben), das in aller Macht über den Menschen kommt und ihn zu vernichten trachtet, während dieser im schlimmsten Fall tot, ansonsten verstört oder doch wenigstens verändert daraus hervorgeht.

Und schlummert die Pest nicht tatsächlich in uns allen, ist also der Mensch nicht grundsätzlich ein bisschen verpestet, wie Tarrou es formuliert, mit dem Hang zu töten oder doch zumindest dabei zuzusehen, wie getötet wird? Verdienen die Opfer, wie der alte Asthmatiker ankreidet, ein Denkmal und Gedenktage, bei denen dann von „unseren Toten“ gesprochen wird? Dürfen Pestopfer einen Orden erwarten, dafür, dass sie (auf so ungerechte Art und Weise) einer höheren Macht unterlagen, während gerade die Pest nicht einzigartig ist, sondern schon häufig in der Geschichte ihr hässliches Gesicht zeigte? Oder ist nicht gerade das, was auch der Arzt Rieux durch den von ihm verfassten Bericht erhofft, ein Zeichen, dass die Menschen einander nicht vergessen? Ein Erinnern an jene Gemeinschaft, die sich mit der allgemeinen Genesung und dem Verschwinden der Pest wieder zerstreut?

Camus’ Philosophie schimmert häufig durch die Zeilen, wie er ihr auch bis zu seinem Tod treu geblieben ist. Wo es in der „Pest“ aus dem Mund Tarrous heißt:

Zitat von Camus "Die Pest" S. 195
Mit der Zeit habe ich einfach erkannt, dass selbst diejenigen, die besser sind als andere, es heute nicht mehr vermeiden können, zu töten oder töten zu lassen, weil das in der Logik liegt, in der sie leben, und dass wir in dieser Welt keine Bewegung machen können, ohne dabei Gefahr zu laufen, den Tod zu bringen. Ja, ich habe mich weiter geschämt, ich habe gelernt, dass wir alle in der Pest sind, und ich habe den Frieden verloren. Ich suche ihn noch heute, indem ich probiere, alle zu verstehen und keines Menschen Todfeind zu sein. Ich weiß nur, dass man alles Nötige machen muss, um nicht mehr an der Pest zu kranken, und dass nur darin eine Hoffnung auf Frieden liegt oder doch wenigstens auf einen guten Tod.



… sagt auch Camus:
Die größte Ökonomie, die man auf dem Gebiet des Denkens zu erreichen vermag, besteht darin, die Nicht-Verständlichkeit der Welt zu akzeptieren – und sich mit dem Menschen zu beschäftigen.

In Camus’ Augen leidet der Mensch an der Welt, die sich nicht meistern lässt. Er tritt als Fremder einer fremden Welt gegenüber, und das menschliche Dasein wird absurd. Für Camus hat aber das Feststellen der Absurdität nichts Endgültiges, er betrachtet diese Erkenntnis als Neubeginn. Der Mensch macht sich erst durch Handlung frei, wie es der Arzt Rieux tut, der den Kampf gegen die Pest führt und diesen als persönliche Niederlage so häufig verliert, wie es Tarrou tut, der sich als Helfender anbietet, wie es selbst der Journalist Rambert tut, der statt zu flüchten, bleibt und sagt, man könne zwar das Glück vorziehen, aber man müsse sich schämen, alleine glücklich zu sein. Camus’ Helden sind daher mit sich allein und halten weiterhin beständig den Willen zum Leben aufrecht.

Camus wirft in der „Pest“ etliche Fragen auf. Die Stadt in ihrer satten Gleichgültigkeit ist ein Grund dafür, dass das Fieber der Pest durch die Menschenmenge wütet und etliche Opfer fordert, ein anderer bleibt, an solchen Unglücken zu reifen, daraus zu lernen, selbst ein Stück weit besser zu werden. Die Menschen mögen dieselben bleiben, einige wachsen, andere bleiben schuldig, jedoch sitzt die Veränderung tiefer, vielleicht sogar im Herzen.

Camus war sehr von Dostojewski beeinflusst, dessen Werke in ihm, wie er sagte, zwanzig Jahre nachwirkten und von denen er "Die Brüder Karamasow" aufführte und sich an den "Dämonen" erprobte. Tarrou und Rieux sprechen darüber, ob es möglich ist, ein Heiliger zu werden, ohne an Gott zu glauben. Rieux sagt: „Ich glaube, dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“
Camus dachte hier an eine Art "schweren Marsch zu einer Heiligkeit der Negation“, an ein „Heldentum ohne Gott“, an den reinen Menschen, der ohne Belohnung auskommt und auch auskommen muss, um immer weitermachen zu können. Dabei dürfe er sich niemals selbst verlieren oder aufgeben:

Zitat von Camus "Die Pest" S. 198
Natürlich muss ein Mann sich für die Opfer schlagen. Aber was nützt sein Kämpfen, wenn er dabei aufhört, irgendetwas anderes zu lieben?



Auch Camus’ Heiliger ist wie Dostojewskis Menschengott eine Erscheinung, die am Menschen gemessen wird, und die Pest zeigt, dass das Absurde nichts lehrt, der Mensch aber auch nicht im Absurden versinken muss. Dies ist, nach Camus, das Eigentliche, was es zu erkennen gibt. Camus bekennt gleichfalls, dass das Gefühl, mit der Welt und mit dem Menschen in Beziehung zu stehen, Hoffnung ermöglicht und so eine Zukunft.



Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.08.2011 19:33 | nach oben springen

#3

RE: Albert Camus

in Die schöne Welt der Bücher 29.07.2011 12:35
von Martinus • 3.195 Beiträge

Zitat von Taxine
Was aber ist die Pest, die eine „glückliche“ Stadt überfällt? Da Camus das Werk so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, könnte man die Pest auch als das nicht personifizierte Böse ansehen



Ich denke auch an einen Zeitbezug. Die Pest sind die lebenszerstörerischen Nazis, und dass man Toten noch Orden verleiht, zeigt die Absurdität eines Krieges auf. Übrigens, Jean Anouilh's Antigone dürfen wir auch diesen Zeitbezug unterstellen: Aufstand gegen eine Diktatur ("Weiße Rose").
Schöne Buchvorstellung, Taxine. Danke. Das ist auch so ein Roman, den ich noch gerne inhalieren möchte.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 29.07.2011 12:41 | nach oben springen

#4

RE: Albert Camus

in Die schöne Welt der Bücher 29.07.2011 16:16
von LX.C • 2.727 Beiträge

Zitat von Taxine
Camus vertritt die Auffassung, dass niemand Schuld daran hat zu leiden, wie es die Religion verkündet, man sich dem aber auch nicht entziehen kann. Für ihn ist die natürliche Neigung des Menschen, sich und alle Welt mit sich zu ruinieren.



Da bin ich anderer Meinung. Das Gegenteil ist der Fall, er zeichnet trotz aller Geißeln, die die Menschheit über sich ergehen lassen muss (verschuldet oder unverschuldet), ein optimistisches, positives Menschenbild: "er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich, daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt." (Camus: Die Pest, Rohwohlt 1963, S. 182.)
Und das ist doch schon beachtlich und sagt vielleicht viel über die Haltung Camus aus, wenn man bedenkt, in welcher Epoche das Werk verfasst wurde.

Welche Position Camus ansonsten als die seine vertritt, ist meiner Meinung nach nicht wirklich ersichtlich. - Auch wenn er den Prediger einen Wandel in seinen Ansichten vollziehen lässt, seine Religion ablegen tut er nicht. - Camus zeigt verschiedene Positionen und Motive mit seinen Hauptprotagonisten auf, zu denen die Erzählinstanz Dr. Rieux zählt, die man mit dem Autor nicht gleichsetzen sollte und die gegenüber anderen keine abschließend wertende Stellung bezieht. Der Erzähler berichtet zunächst neutral und tut was er als Arzt meint, seiner Ethik nach tun zu müssen und reagiert aus dieser Position heraus auch in Diskussionen, ohne diese für sich entscheiden zu müssen. (Sie ist der Religion natürlich konträr, es wird aber auch deutlich, dass er selbst sich einer Überreaktion bewusst wurde.) Letztlich ist sein Zugeständnis an alle anderen, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, mit der Situation umzugehen.
Wertungen werden also überwiegend dem Leser überlassen. Der Autor Camus bietet allemal Identifikationsangebote und Handlungsorientierungen, ohne selbst eine davon als die Richtige hervorzuheben. Jede der Figuren handelt aus anderen Auffassungen und Motiven heraus, in den meisten Fällen tun sie am Ende aber doch das Gleiche: helfen.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 29.07.2011 17:03 | nach oben springen

#5

RE: Albert Camus

in Die schöne Welt der Bücher 22.05.2017 20:28
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Gedanken zu Camus' "Der glückliche Tod":

„Zum Leben braucht man Zeit. Wie jedes Kunstwerk fordert es von einem, das man darüber nachdenkt.“

In seinen Tagebüchern hielt Camus häufiger fest, wie lange und intensiv er über das Leben, den Sinn, die Armut, den Reichtum und das Glück in seiner Jugend nachgedacht hat. Er, der aus armen Verhältnissen stammte, kam zu der Erkenntnis, dass nur durch den Besitz von Geld auch Freiheit möglich ist. Diese Auffassung vertrat er zumindest in jungen Jahren, als er noch weit davon entfernt war, durch Schreiben gut zu verdienen. Diese Auffassung vertritt auch sein Protagonist Mersault in "Der glückliche Tod", eine Art Skizze für den späteren Meursault aus "Der Fremde".

Die Meinung mögen manche teilen, an sich ist sie absurd (und natürlich muss dieses letzte Wort in Verbindung mit Camus doch mindestens einmal in einer solchen Rezension auftauchen). Glück und Freiheit hängen nicht von äußerlichen Bedingungen ab, sondern sind eine innere Einstellung zum Leben und natürlich auch an eine Definition gebunden. So sehr im Roman auch betont wird, dass nur durch Reichtum Zeit genug bleibt, das Glück und Leben richtig zu erfassen, so sehr wird auch vermittelt, dass es tatsächlich nur wenig zufriedene reiche Menschen gibt. Armut und Reichtum sind beide gleich fordernd mit unterschiedlichen Lebensbedingungen. Freiheit aber ist dann doch etwas ganz anderes.

Der Stil in diesem Frühwerk ist noch etwas blumiger als der, den man von den späteren Werken Camus‘ gewöhnt ist, wo er gelernt hat, die Sätze zu verkürzen und das Wesentliche zu zeigen, sei es z. B. in Meisterwerken wie „Der Fall“ oder „Die Pest“. Angekreidet wurde ihm auch häufig der unorganisierte Aufbau und viele unzusammenhängende Szenen, die mich allerdings weniger gestört haben.
In „Der glückliche Tod“ zelebriert Camus die Landschaft, die Wärme, das Licht. Er schafft durch Bilder die heimatliche Atmosphäre, die auch den Leser erreicht, selbst wenn die Sätze noch nicht ausgefeilt sind. So erahnt man das funkelnde Meer, die Gerüche, den Staub, das Salz auf der Haut und den Geschmack der Früchte. Man erahnt die durch alles durchschimmernden Möglichkeiten des Lebens.

Der Roman beginnt mit einem Schuss in den Kopf eines Krüppels, der einen Abschiedsbrief hinterlässt, den er vorsorglich schon viel früher geschrieben hat. Geschossen hat aber nicht er selbst, sondern Patrice Mersault. Der Leser muss für sich klären, inwieweit dieser Tod erwünscht war oder ob Mersault aus Habgier die Entscheidung vorschnell für beide getroffen hat, um an das Kapital des Krüppels zu gelangen. Gelernt hat er von diesem, dass der Mensch ein Recht auf Glück hat und dass er verstehen muss, dass das Streben nach Glück den einzigen wirklichen Wert ausmacht, wofür aber auch ein gesunder Körper notwendig ist.
Gerade der vom Leben geprüfte Krüppel Zagreus erkennt zu spät, dass es mehr im Leben gibt als Erfolg und Geld. Er sieht darum umso deutlicher, dass der gesunde und junge Mensch die Einfachheit des Lebens nicht anerkennen will, so auch Mersault mit seinen ewigen Selbstzweifeln und Maskeraden, von denen jede Maske für ihn die echtere und bessere ist, sobald sie seiner Stimmung entspricht. Dennoch sind sie Masken, die fallen müssen.

Weit entfernt davon, einen Menschen zu lieben, macht sich Mersault nach dem Schuss auf die Suche nach dem Glück, da er nun über genügend Geld verfügt. Er durchquert große Städte wie Prag und Wien, um sich selbst zu erkennen, verfolgt von seinem Schuldgefühl und einem Fieber, das ihn häufiger überfällt, bis er schließlich in Algier landet und zu neuen Erkenntnissen gelangt.

Der Roman enthält viele autobiografische Züge und wurde von Camus zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Stattdessen hat er dann den "Fremden" geschrieben, der die Idee vertieft. Dennoch lohnt auch dieses Frühwerk, da Camus grundsätzlich zum Nachdenken anregt und durch sein Schreiben auch häufig erreicht, das Leben positiver zu betrachten.

Zitat von Camus
„Wir haben keine Zeit, wir selber zu sein. Wir haben einzig Zeit, glücklich zu sein.“




(Alle Zitate aus Albert Camus "Der glückliche Tod", Rowohlt Verlag)

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(Für diejenigen, die das Werk nicht lesen wollen, hier die lange Zusammenfassung und meine Reflexion über das Buch: Camus und die Freiheit)




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