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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Maria della Salute

in Prosa 17.08.2007 09:51
von Martinus • 3.194 Beiträge
Wir kannten uns schon ein Jahr, als wir in Padua aus dem Zug stiegen und uns mit Koffer und Taschen abschleppten. In der Nähe des Heiligen Antonius in einer Seitenstraße fanden wir Unterkunft. Moni hatte Angst vor Taschendieben, unser Auto ließen wir lieber zu Hause. Am nächsten Morgen, Moni nahm doch ihre Handtasche mit, marschierten wir zum Bahnhof zurück. Ohne Gepäck, das blieb im Hotel. Wir sehnten uns nach Venedig. Der Zug fuhr bis zum Canal Grande. „Schau her, wir sind schon da!“

Vormittags, ein überstrapaziertes Besichtigungsprogramm, dann genossen wir erschöpft mit leerem Magen die kühle Luft in einer Basilika. Moni lehnte an einer Säule. Ich zog ihr den Sonnenhut vom Kopf. „Sei nicht so blöd“, fuhr sie mich an und griff nach ihrer Kopfbedeckung. Als ich ihr müdes kaputtes Gesicht sah, hatte ich Gewissensbisse. Wir müssten unbedingt was essen. „Hast du deine Tabletten schon genommen, Schatzi?“. Sie hörte mich gar nicht, pötzlich strahlte ihr Gesicht beglückt an mir vorbei und schon huschte sie durchs Kirchenschiff und ließ mich zum ersten Mal links liegen, denn ich musste mich linkswärts drehen, um ihren erstaunlich beflügelten Gang über die veronesischen Mamorfliesen mit meinen Blicken zu verfolgen. Ich war verblüfft über ihre Energiereserven. Die überfüllten Cafés hatten sie genervt. Sie mochte sich nirgendwo hineinsetzten, hielt mir aber im Dogenpalast einen ewig langen Vortrag über Tintoretto, und jetzt schien sie ihre Müdigkeit überwunden zu haben. Ich folgte ihr: „Maria sitzt nicht im Zentrum des Bildes“, sagte Moni und ihre Augen hingen wie ein Magnet am Ölgemälde. Sie verstand viel von Kunstgeschichte. Mir war nicht wichtig, wo Maria saß, und wir vertieften uns in das Gemälde. Da entdeckte ich den Schlüssel auf der Stufe und verkündete stolz: „Da sitzt Petrus“. „Er hält die Heilige Schrift in den Händen“, verkündete Monikas Engelstimme. "Aber damals gab es die Heilige Schrift noch nicht“, rutschte es aus meinem Mund. Sie durchbohrte mich mit verständnislosem Blick. Verunsichert wandte ich mich zwei gewaltige Säulen zu, die in den Himmel ragten und ein dunkles Gewölk durchbrachen. Wenn man an Petrus vorbeigehen könnte, würde man zwischen die Säulen hindurch in den blauen Himmel gelangen. Moni streckte ihre Finger in die Höhe. Zwei Engel auf der schwebenden Düsternis richteten das Kreuz auf. Der Nacken tat weh, so schlaffte ich die rechte Säule herunter ruhte auf Maria mit dem Jesuskind. „Das Jesuskind schaut Franziskus in die Augen!“ posaunte Monika begeistert. „Nicht so laut!“ Erschreckt sah ich mich um, dann legte ich den Arm um ihre Schulter und versank in ihrem Hals. „Gehen wir Schatz?“, hörte ihr süßes Ohr und wir betraten wieder den Campo. Die Sonne glitzerte herab.

Vergnüglich streiften wir durch Bilderbuchgassen und ein schöner Blick vom Campanile. Schließlich wurde es Abend. Hinter dem Schattenriss von Santa Maria della Salute strahlte leuchtendes Orange. Später raste unser Zug zurück nach Padua. Dort hielt Monika vor einer Pizzeria inne: „ Wann haben wir denn das letzte Mal etwas gegessen?“. „Ich weiß nicht mehr...“ und Monika träumte vor sich hin: „Morgen gehen wir zur Hochzeit zu Kana“. Dann bummelten wir zum Hotel.

Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 17.08.2007 10:25 | nach oben springen

#2

RE: Maria della Salute

in Prosa 17.08.2007 12:45
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Ja, werter Martinus, da hast du die Dame deutlich gezeichnet, die so sehr nach Kunst giert, dass sie sich nicht hineinreden lässt, selbst, wenn sie im Unrecht ist.
Alles ist ein Rausch, nichts hat daneben Bedeutung. Nicht einmal der Hunger.
Während der Ich-Erzähler die Kunst in ihrem Anblick genießt, wird die Kunstexpertin nur von ihrem Wissen geplagt und will zeigen, was sie weiß. Der Gier nach Kunst und "Alles-Sehen-Wollen" fehlt der Genuss der Betrachtung.

Faszinierend, wie du dieses Wesen ins Wort gefasst hast.

Eine Kleinigkeit:
In Antwort auf:
Ich folgte ihr: „Maria sitzt nicht im Zentrum des Bildes“, sagte Moni und ihre Augen hingen wie ein Magnet am Ölgemälde. Sie verstand viel von Kunstgeschichte.

Den letzten Satz würde ich weglassen. Dass sie viel von Kunstgeschichte versteht, erschließt sich aus dem Text.


Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 17.08.2007 13:29 | nach oben springen

#3

RE: Maria della Salute

in Prosa 17.08.2007 13:41
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,


Der Text ist 1993 entstanden. Heute früh habe ich noch einige Korrekturen gemacht. Da bastelt man immer herum. Ja, der monierte Satz muss weggestrichen werden.
Der Text ist für mich eine kleine Erinnerung an eine Venedigreise (damals ging es aber anders zu als in der Geschichte).

Liebe Grüße und danke für's kommentieren.
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 17.08.2007 13:53 | nach oben springen

#4

RE: Maria della Salute

in Prosa 17.08.2007 21:45
von Ferro • 154 Beiträge
Gefällt mir gut, dein Text, Martinus.

Was man finden darf, ich hoffe, du bist mir nicht böse:
In Antwort auf:
Der Nacken tat weh, so schlaffte ich die rechte Säule herunter ruhte auf Maria mit dem Jesuskind.



Die hübsche Kirche in Venedig ist bekannt für ihre Marmorfliesen und ihre Tintoretto und Tizians. Ich kann mir richtig vorstellen, wie ihr beide dort mit offenen Augen lauft.

Grüße
vom Ferro
zuletzt bearbeitet 17.08.2007 21:51 | nach oben springen

#5

RE: Maria della Salute

in Prosa 17.08.2007 23:18
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Ferro,

Ich meinte damit meinen Kopf, der schlaff nach vorne fiel, auf diese Weise, mein Blick hinuntergleitete. Dass ist ungewöhnlich ausgedrückt, bin mir selber nicht sicher, ob ich es so stehhen lassen soll oder nicht. Vielleicht fällt mir gescheiteres ein..

Kritisiere ruhig bis sich die Balken biegen, ich bin deswegen niemals böse.

Mich freut dein Gefallen.

Nun verrate ich was: Das Gemälde ist von Tizian: "Madonna der Familie Pesaro" in der Basilika dei Frari.

Danke sehr

Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#6

RE: Maria della Salute

in Prosa 18.08.2007 00:29
von Ferro • 154 Beiträge

Hallo Martinus,

"schlaffte" ist ein Wort, das ich beim Lesen nicht erfassen kann. Ich habe jetzt ein paar Mal den Text gelesen und versucht, das Wort zuzuordnen, aber es klingt für mich wie ein Schreibfehler, als wolltest du sagen:
„so schaffte ich die rechte Säule hinunter“ oder „schlurfte“... Ich würde es durch ein anderes Wort ersetzen.

Aha... dieses Bild also:




Grüße
Ferro

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