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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Juli Zeh

in Die schöne Welt der Bücher 24.02.2018 20:31
von Taxine • Admin | 5.958 Beiträge

Schreiben gegen die Eventgesellschaft. Kurzer Blick auf "Treideln":

„Nicht umsonst sind wir sprachlos, ohne Worte, mit zugeschnürter Kehle und trockenem Mund, wenn uns etwas besonders heftig bewegt. Und ausgerechnet dort will Literatur stattfinden …“

Über ein gutes Buch lässt sich meistens gar nicht so viel sagen. Man könnte alles analysieren oder nichts und das Buch noch einmal lesen. Zurück bleibt der Gedanke, dass die Lektüre lohnenswert war, und das ist bei „Treideln“ klar der Fall.
Das, was Juli Zeh mit diesen Email-Literaturbriefen zeigt, ist die tägliche Zerreißprobe, der ein kreativer Mensch im Kampf mit sich selbst unterworfen ist, während er gleichzeitig versucht, seine schöpferischen Höhen mit der banalen und alltäglichen Wirklichkeit zu vereinen, Bereiche, die schwebend gleich wichtig sind. Das Selbstgespräch findet innerlich statt und bricht wie ein Strom an Gedanken, Eindrücken und Ideen hervor. Das Herausgefilterte ist dabei nie das, was dem hohen Anspruch genügen soll. (Oder wie Zeh es formuliert: „Anscheinend besteht die Definition von Kunst darin, die eigenen Ansprüche über die eigenen Fähigkeiten zu stellen.“)

Darüber hinaus muss der schöpferische Mensch sich nach all dem auch noch der Welt stellen, wo er schon genug daran zu tragen hat, sich selbst auszuhalten, ständig analysieren und lektorieren zu müssen. Es ist und bleibt ein schizophrener Akt, der fordert und verlockt, ängstigt und verändert, der dazu zwingt, die eigene Peinlichkeit zu überwinden, wobei jene Peinlichkeit trotzdem auch für den zaghaften Versuch steht, einander von Mensch zu Mensch zu begegnen.
Das Ganze wird mit Humor, Bissigkeit und Geist vorgeführt, ein mehr als wohltuender Akt im literarischen Geplänkel. Wie könnte man der Autorin nicht zuzwinkern, die bereit war, etwas von diesem Chaos sichtbar zu machen und mit den Lesern zu teilen.

„Das fiktive „Ich“ oder „Er“ oder „Wir“ ist ein Aussichtsposten, von dem aus man auf sich selbst schaut. Vielleicht auch ein Hochsitz, von dem aus man auf sich selbst anlegt. (…)
Wer nie die Geduld aufbrachte, sich selbst in einer einsamen Nacht nach monatelangem Warten vor die Flinte zu bekommen, der kann nicht nicht abdrücken. Der verschont sich nur, weil er sich nie begegnet ist.“


(Alle Zitate aus Juli Zeh "Treideln" btb Verlag)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.02.2018 20:36 | nach oben springen


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