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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Reiseschriftsteller/innen

in Sachen gibt's - Sachbuch 19.06.2018 19:27
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Ich reise gerne in Büchern, besonders wenn Schriftsteller es schaffen, ihre Eindrücke sehr lebendig zu gestalten und mich in eine Welt zu führen, die gleichzeitig real ist und poetisch beschrieben, die mir ermöglicht, andere Welten zu erblicken, ohne diese betreten zu müssen. Ich bin ein großer Fan von Nootebooms Reisetagebüchern, mag Bruce Chatwin, Terzani, Bouvier, Annemarie Schwarzenbach, die Briefe von Hermann von Pückler-Muskau, die Eindrücke von Octavio Paz oder Werner Herzog, Romane von Ransmayr und andere. Vielleicht lässt sich in diesem Ordner das eine oder andere in kurzer Fassung zusammentragen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.06.2018 19:38 | nach oben springen

#2

RE: Reiseschriftsteller/innen

in Sachen gibt's - Sachbuch 19.06.2018 19:31
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Nicolas Bouvier
"Die Erfahrung der Welt"


"Einem Spiegel gleich ist ein intelligentes Gesicht so alt wie das, was es reflektiert.“

An einen Spiegel fühlt man sich auch beim Lesen dieses Buches erinnert, das in Form einer Reflexion erlaubt, eigene Gedanken und Erinnerungen heraufzubeschwören.
Bouvier hat etwas sehr Gemächliches, wenn er von seinen Reisen erzählt. Es geht ihm nicht um Spannung und Action, vielmehr wirkt sein Erzählen fast schon meditativ, was sicherlich auch mit der ihn umgebenden Landschaft in Zusammenhang steht.
„Die Erfahrung der Welt“ ist sein erstes Werk und machte ihn bei der Erscheinung prompt zum Kultautor einer ganzen Generation. Die Reise führte von Genf über Jugoslawien bis nach Persien, Pakistan und Afghanistan. Viele Teile des Manuskripts gingen während dieser Zeit auch verloren.
Viel passiert im Grunde nicht, dennoch schafft Bouvier es, die Welt, die ihn umgibt, lebendig zu gestalten und dem Leser in einer poetischen Sprache zu präsentieren. Gemeinsam mit dem Maler Thierry Vernet reist er in einem klapprigen und ständig kaputten Fiat Topolino in den Jahren 1953/54 durch Wüste, Dörfer und Städte. Dabei beschreibt er anschaulich sowohl die schwierigen Phasen voller Sand, Mühsal, Wüste, Opiumrauch, Autopannen, Fieber, Schlaflosigkeit und Wintereinbruch als auch die schönen Momente, in denen eine Stadt, ein Bauwerk, ein Himmel, ein Mensch, ein Garten, eine Moschee, eine Oase, ein Tempel oder eine Farbe intensiv auf ihn einwirken und in ihrer Pracht leuchten. Die Reise dringt so auch bis in die Seele des Lesers und gestattet ihm ein Teilnehmen ganz ohne die erschöpfenden Momente der Wirklichkeit. Ein bisschen ähnelt der Bericht einem surrealen Traum.

"Einem Wasserlauf gleich strömt die Welt einen Augenblick durch einen durch und leiht einem die Farben. Dann zieht sie sich zurück, und man steht wieder vor der Leere, die jeder in sich trägt, vor diesem grundsätzlichen Ungenügen der Seele, mit dem man leben lernen muss, das man bekämpfen muss und das paradoxerweise vielleicht noch unser sicherster Antrieb ist."

(Alle Zitate aus Nicolas Bouvier "Die Erfahrung der Welt", Lenos Verlag)




Surreale Vorstellungen
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#3

RE: Reiseschriftsteller/innen

in Sachen gibt's - Sachbuch 19.06.2018 19:34
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Cees Nooteboom
"Schiffstagebuch"


Wer bei dem „Schiffstagebuch“ Reisebeschreibungen erwartet, die über die Schifffahrt handeln, wird hier zwar nicht gerade enttäuscht, aber auch nicht völlig befriedigt. Das tut dem Buch selbst allerdings kaum einen Abbruch, denn Nooteboom ist eben Nooteboom, der auf seine ganz eigene Art und Weise zu berichten weiß, häufig zum Nachdenken anregt und dazu auch noch viele Literaturempfehlungen und Kunsteindrücke vermittelt.

Seine Reisebücher stehen gleichbedeutend neben seinen Erzählungen und Romanen. Während letztere poetisch, kompakt und verspielt sind, zelebriert Nooteboom in den autobiografischen Berichten die Reise als Erlebnis, die ihn gleichzeitig an die unbekannten und weit abliegenden Orte katapultiert, manchmal nur angeregt durch den Klang eines Ortsnamens oder durch die Unnahbarkeit eines Gebiets.
So landet er z. B. in Matjiesfontein in einem sehr eigenartigen Hotel mitten im Nirgendwo, das nicht nur Leere und fehlende Besucher offenbart, sondern auch wie ein Sprung in die Vergangenheit wirkt. Trotzdem spielt für ihn am Abend ein schwarzer und beleibter Musiker auf dem Piano. Oder er bereist eben einmal die offenen und menschenleeren Flächen Norwegens, die von Russen erobert scheinen und doch längst nicht mehr besiedelt sind, lediglich die Ahnung des einstigen kommunistischen Traums einer „lichten Zukunft“ verkörpern, mit dem traurigen Ergebnis des Scheiterns und zwei oder drei zurückgelassenen Lenin- und Marx-Bildern. Die Fotos sind bezeichnend und seine Gedanken dazu wertvoll und tief.

Die Reise bleibt für Nooteboom immer auch Herausforderung, Selbstbefragung und ist gleichzeitig mit einigen Ängsten verbunden, zumal er auch häufig ganz alleine reist und höchstens einigen eigenartigen Tieren in der Wüste begegnet. Bei einer Mitfahrtgelegenheit per Anhalter erklärt ihm der Fahrer dazu, dass Reisen bedeutet, er würde immer auf dem Stuhl eines anderen sitzen. Das gibt zu denken, dennoch kann Nooteboom es nicht lassen und fühlt sich zu fremden, neuen oder schon einmal besuchten Gegenden hingezogen.
„Zu Hause lernst du die Welt kennen, auf Reisen dich selbst …“, zitiert er den Ungar Bela Hamvas, der auch so herrlich über den Wein meditierte und dessen Gigantenwerk „Karneval“ noch auf die deutsche Übersetzung wartet.

Das „Schiffstagebuch“ erzählt von Reisen rund um die Welt, wobei viele Berichte zum Teil aus Nootebooms anderen Kontinente-Reisebüchern stammen, darunter „Reisen in Europa“, „Reisen in Afrika“, „Reisen in Australien, Asien und Amerika“. Das „Schiffstagbuch“ bietet einen Ausschnitt der besten Szenen, die aber zusätzlich mit schönen Fotografien von Simone Sassen untermalt sind. Das Buch gehört damit in die Sammlung aller Nooteboom-Fans und wird auch den neuen Leser begeistern.




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