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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Reiseschriftsteller/innen

in Sachen gibt's - Sachbuch 19.06.2018 19:27
von Taxine • Admin | 6.466 Beiträge

Ich reise gerne in Büchern, besonders wenn Schriftsteller es schaffen, ihre Eindrücke sehr lebendig zu gestalten und mich in eine Welt zu führen, die gleichzeitig real ist und poetisch beschrieben, die mir ermöglicht, andere Welten zu erblicken, ohne diese betreten zu müssen. Ich bin ein großer Fan von Nootebooms Reisetagebüchern, mag Bruce Chatwin, Terzani, Bouvier, Annemarie Schwarzenbach, die Briefe von Hermann von Pückler-Muskau, die Eindrücke von Octavio Paz oder Werner Herzog, Romane von Ransmayr und andere. Vielleicht lässt sich in diesem Ordner das eine oder andere in kurzer Fassung zusammentragen.




Art & Vibration
zuletzt bearbeitet 19.06.2018 19:38 | nach oben springen

#2

RE: Reiseschriftsteller/innen

in Sachen gibt's - Sachbuch 19.06.2018 19:31
von Taxine • Admin | 6.466 Beiträge

Nicolas Bouvier
"Die Erfahrung der Welt"


"Einem Spiegel gleich ist ein intelligentes Gesicht so alt wie das, was es reflektiert.“

An einen Spiegel fühlt man sich auch beim Lesen dieses Buches erinnert, das in Form einer Reflexion erlaubt, eigene Gedanken und Erinnerungen heraufzubeschwören.
Bouvier hat etwas sehr Gemächliches, wenn er von seinen Reisen erzählt. Es geht ihm nicht um Spannung und Action, vielmehr wirkt sein Erzählen fast schon meditativ, was sicherlich auch mit der ihn umgebenden Landschaft in Zusammenhang steht.
„Die Erfahrung der Welt“ ist sein erstes Werk und machte ihn bei der Erscheinung prompt zum Kultautor einer ganzen Generation. Die Reise führte von Genf über Jugoslawien bis nach Persien, Pakistan und Afghanistan. Viele Teile des Manuskripts gingen während dieser Zeit auch verloren.
Viel passiert im Grunde nicht, dennoch schafft Bouvier es, die Welt, die ihn umgibt, lebendig zu gestalten und dem Leser in einer poetischen Sprache zu präsentieren. Gemeinsam mit dem Maler Thierry Vernet reist er in einem klapprigen und ständig kaputten Fiat Topolino in den Jahren 1953/54 durch Wüste, Dörfer und Städte. Dabei beschreibt er anschaulich sowohl die schwierigen Phasen voller Sand, Mühsal, Wüste, Opiumrauch, Autopannen, Fieber, Schlaflosigkeit und Wintereinbruch als auch die schönen Momente, in denen eine Stadt, ein Bauwerk, ein Himmel, ein Mensch, ein Garten, eine Moschee, eine Oase, ein Tempel oder eine Farbe intensiv auf ihn einwirken und in ihrer Pracht leuchten. Die Reise dringt so auch bis in die Seele des Lesers und gestattet ihm ein Teilnehmen ganz ohne die erschöpfenden Momente der Wirklichkeit. Ein bisschen ähnelt der Bericht einem surrealen Traum.

"Einem Wasserlauf gleich strömt die Welt einen Augenblick durch einen durch und leiht einem die Farben. Dann zieht sie sich zurück, und man steht wieder vor der Leere, die jeder in sich trägt, vor diesem grundsätzlichen Ungenügen der Seele, mit dem man leben lernen muss, das man bekämpfen muss und das paradoxerweise vielleicht noch unser sicherster Antrieb ist."

(Alle Zitate aus Nicolas Bouvier "Die Erfahrung der Welt", Lenos Verlag)




Art & Vibration
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#3

RE: Reiseschriftsteller/innen

in Sachen gibt's - Sachbuch 19.06.2018 19:34
von Taxine • Admin | 6.466 Beiträge

Cees Nooteboom
"Schiffstagebuch"


Wer bei dem „Schiffstagebuch“ Reisebeschreibungen erwartet, die über die Schifffahrt handeln, wird hier zwar nicht gerade enttäuscht, aber auch nicht völlig befriedigt. Das tut dem Buch selbst allerdings kaum einen Abbruch, denn Nooteboom ist eben Nooteboom, der auf seine ganz eigene Art und Weise zu berichten weiß, häufig zum Nachdenken anregt und dazu auch noch viele Literaturempfehlungen und Kunsteindrücke vermittelt.

Seine Reisebücher stehen gleichbedeutend neben seinen Erzählungen und Romanen. Während letztere poetisch, kompakt und verspielt sind, zelebriert Nooteboom in den autobiografischen Berichten die Reise als Erlebnis, die ihn gleichzeitig an die unbekannten und weit abliegenden Orte katapultiert, manchmal nur angeregt durch den Klang eines Ortsnamens oder durch die Unnahbarkeit eines Gebiets.
So landet er z. B. in Matjiesfontein in einem sehr eigenartigen Hotel mitten im Nirgendwo, das nicht nur Leere und fehlende Besucher offenbart, sondern auch wie ein Sprung in die Vergangenheit wirkt. Trotzdem spielt für ihn am Abend ein schwarzer und beleibter Musiker auf dem Piano. Oder er bereist eben einmal die offenen und menschenleeren Flächen Norwegens, die von Russen erobert scheinen und doch längst nicht mehr besiedelt sind, lediglich die Ahnung des einstigen kommunistischen Traums einer „lichten Zukunft“ verkörpern, mit dem traurigen Ergebnis des Scheiterns und zwei oder drei zurückgelassenen Lenin- und Marx-Bildern. Die Fotos sind bezeichnend und seine Gedanken dazu wertvoll und tief.

Die Reise bleibt für Nooteboom immer auch Herausforderung, Selbstbefragung und ist gleichzeitig mit einigen Ängsten verbunden, zumal er auch häufig ganz alleine reist und höchstens einigen eigenartigen Tieren in der Wüste begegnet. Bei einer Mitfahrtgelegenheit per Anhalter erklärt ihm der Fahrer dazu, dass Reisen bedeutet, er würde immer auf dem Stuhl eines anderen sitzen. Das gibt zu denken, dennoch kann Nooteboom es nicht lassen und fühlt sich zu fremden, neuen oder schon einmal besuchten Gegenden hingezogen.
„Zu Hause lernst du die Welt kennen, auf Reisen dich selbst …“, zitiert er den Ungar Bela Hamvas, der auch so herrlich über den Wein meditierte und dessen Gigantenwerk „Karneval“ noch auf die deutsche Übersetzung wartet.

Das „Schiffstagebuch“ erzählt von Reisen rund um die Welt, wobei viele Berichte zum Teil aus Nootebooms anderen Kontinente-Reisebüchern stammen, darunter „Reisen in Europa“, „Reisen in Afrika“, „Reisen in Australien, Asien und Amerika“. Das „Schiffstagbuch“ bietet einen Ausschnitt der besten Szenen, die aber zusätzlich mit schönen Fotografien von Simone Sassen untermalt sind. Das Buch gehört damit in die Sammlung aller Nooteboom-Fans und wird auch den neuen Leser begeistern.




Art & Vibration
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#4

RE: Reiseschriftsteller/innen

in Sachen gibt's - Sachbuch 24.01.2022 15:33
von Taxine • Admin | 6.466 Beiträge

Ich mag Bücher, die Reise und geistige Sinn-Suche verbinden oder der Illusion der Weltflucht nachspüren. Die innere Klause reizt sicherlich ab und an so manchen, um herauszufinden, wer man wirklich ist und wie es wäre, die lärmende Welt für einige Zeit auszugrenzen. Wenn die inneren Stimmen lauter werden, weil außerhalb keinerlei Geräusche existieren oder nur das gewaltige Echo der Natur. Momentan gibt es einige solcher Bücher, so z. B. "Der Berg" des Kroaten Ivica Prtenjača, dessen Progagonist und Ich-Erzähler sich aus dem modernen Alltag zurückzieht und den Sommer auf einer einsamen Adriainsel verbringt, abseits der Internet-Aktivität und Erreichbarkeit.

Ähnlich schön ist "Der Leuchtturm" von Paolo Rumiz.
"Die Archipele der Seele sind unendlich geheimnisvoller und komplizierter als die realen."

Rumiz ist wahrlich ein geistreicher Reisender, der sich auf einer kleinen Insel in die eigene Klause begibt. Er zieht seine Leser allmählich in den Bann von Stürmen, Sternhimmeln, Einsamkeit und klingenden Nächten. Die Insel, auf der er sich niederlässt, weist nichts außer einem Leuchtturm auf, der von zwei Fischern betrieben wird, die bald zurück aufs Festland fahren.
Rumiz, der aus Triest stammt, verrät nicht, wo genau er sich befindet, nur dass die Insel einen uralten griechischen Namen hat und im Mittelmeer liegt. Sie sieht aus wie ein Wal oder Schiff und besitzt als einzigen größeren Bewohner einen einäugigen Esel, den er, wie den Leuchtturm, Polyphem, tauft, als die harmlosere Variante des Zyklopen. HIer lernt er, wie eine Insel von Möwen regiert wird und was alles nötig ist, um zurechtzukommen. Er reflektiert über sein Dasein, seine Reisen, selbst über die Griechen (womit er natürlich mein Herz schon gewonnen hat). So heißt es z. B. an einer Stelle:

Zitat von Rumiz
"Die Schulden der Griechen: Allein bei der Erwähnung des Wortes muss ich schon lachen. Die Schulden der Griechen! Bei all dem, was Europa und die Welt den Griechen verdankt. Allein die vier Namen des Meeres, die Hellas geprägt hat: „Pelagos“, die unermesslichen Tiefen. „Thalassa“, der plötzliche Anblick des blauen Meeres, nachdem man wie Xenophon in der Anabasis Abertausende Meilen auf dem Landweg zurückgelegt hat. Und dann „Hals“, das Meer als salzige Materie im Gegensatz zu Süßwasser. Und schließlich „Pontos“: das Meer als Route, Überquerung, willkommene Abkürzung, um von einem Ort zum anderen zu gelangen."



Poetisch und gedankentief erzählt Rumiz von all den Inseln und Leuchttürmen, die er in seinem Leben besucht und gefunden hat, auf den Kykladen, halb zerfallen, in Italien, Schottland oder die unsichtbaren Türme im Norden Alaskas. Auch Erinnerungen an andere Reisen wechseln mit dem Jetzt-Geschehen, das trotz des Alleinseins alles andere als langweilig ist, vielmehr die Gedanken erst lauter macht.
Die mediterrane Welt darf dabei auch nicht unterschätzt werden. Schon 100 Meter über dem Meeresspiegel wechselt die Idylle und das Wasser rauscht völlig anders an die zerklüfteten Felsen heran als an einem sonnigen Sandstrand.
Eine Meeresbiologin verriet Rumiz, dass der Fischbestand des Mittelmeeres um 70 Prozent zurückgegangen ist. Ein Jahr würde genügen, damit sich das Meer wieder erholen kann, aber die industrielle Fischerei aller Länder kümmert sich nicht darum. Es gilt, zu erbeuten, zu plündern und lieber zu viel als zu wenig Fisch an Land zu holen. Und diese Gier ist überall zu sehen.

"Das Auge der gefiederten Prophetin brüllt der Welt zu, dass uns das System mit Schmerzmitteln betäubt und uns in einem Zustand geistiger Anspannung hält, nur damit wir nicht zur Kenntnis nehmen müssen, dass eine gierige Geldmafia die Welt verschlingt."

Rumiz lebt seine Reisen und ist auch humorvoll, wenn er nostalgisch aus seiner Einsiedlerei berichtet:

Zitat von Rumiz
"Ich erinnere mich, dass mir ein Koch im Spanischen Viertel in Neapel vor Jahren die Speisekarte aufsagte, er zählte die ortstypischen Namen der Gerichte mit einer derart barocken Theatralik auf, dass ich allein beim Klang der Namen satt wurde."



Ein wunderbares Buch bis zum Schluss, mit vielen schönen Leseempfehlungen, so z. B. "Horocynus Orca" von Stefano D'Arrigo.


(Alle Zitate aus "Der Leuchtturm", Rumiz, Folio Verlag, Wien)




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