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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Rudolf Brunngraber

in Die schöne Welt der Bücher 07.11.2018 18:09
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Rudolf Brunngraber
"Karl und das 20. Jahrhundert"

Die literarische Richtung der neuen Sachlichkeit ist nicht unbedingt eine, die mich besonders anspricht, aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme (ähnlich wie bei Fallada und co). Empfohlen hat das Buch u. a. auch Claudio Magris in seinem herrlichen Werk „Donau“, und nach dem Lesen stellt sich die Lektüre dann auch keinesfalls als Zeitverschwendung heraus.

Brunngraber entwirft hier das Leben des Karl Lakners, der nach einer schwierigen Kindheit mit einem alkoholkranken Vater und einer sich müde und alt schuftenden Mutter direkt nach dem Lehramtstudium mitten im Ersten Weltkrieg landet. Dem Autor gelingt es, mit passendem Sprachbild das ganze Elend ins Wort zu fassen, wenn auch nicht so gut, wie es der unerreichbare Remarque geschafft hat, nicht einmal so gut wie Barbusse oder Jünger.

Der Roman ist aber auch ganz anders, wird gerne mit ähnlich aufgebauten Werken wie denen von Dos Passos oder Döblin verglichen. Er wirkt wie eine Zeitungscollage an realen und fiktiven Ereignissen, die einander weniger abwechseln, als ineinander fließen und aufeinander aufbauen, auch wenn Brunngraber hier kaum auf den Sprachfluss achtet und sich daher auch nicht scheut, die erzählte Geschichte zugunsten der realen Bilder oder eingefügten Statistiken zu vernachlässigen. Die emotionalen Phasen sind häufig an autobiografische Erinnerungen geknüpft. Daher kann der Leser den Weg Lakners auch so gut nachvollziehen.

Fortschritt, Rationalisierung, Gewinnerzielung, Massenproduktion und Trust-Bildung, Krieg, Inflation und Reparationszahlungen sind das eigentliche Thema, daneben der Mensch, der mit der Entwicklung der Zeit Schritt halten muss. So formt sich Lakners Charakter ganz klar durch die Erlebnisse, wird jedoch nicht gebildet, sondern vielmehr in den Ereignissen zerrieben. Für das wirkliche Weltgeschehen hat Lakner keinen Nerv. Die Zusammenhänge begreift er nicht. Alles, was ihm bleibt, ist der Kampf um die Existenz.

Brunngraber kombiniert Lakners Leben mit den Weltereignissen und verweist fast parallel auf die historischen Hintergründe samt der am Krieg verdienenden Großkonzerne und der Unkosten, die viel besser für Nahrung, Haus, Kultur und Leben genutzt hätten werden können, stattdessen aber Wirtschaft und Tod finanzierten, während die länderübergreifende Produktion an Waffen und Kriegsmitteln nicht mit dem Patriotismus übereinstimmt, der dem kleinen Mann vermittelt wird, damit er für sein Land kämpft. Als Lakner aus dem Krieg zurückkehrt, sind seine Eltern gestorben, das „kleine Weib“ an der Grippe und am eigenen Verfall, der Vater durch die Kugel von Kindern, die mit den herumliegenden Gewehren auf den Nachkriegsstraßen spielten. Jetzt erst bemerkt Lakner eine erschreckende Einsamkeit und Verlassenheit, die mit dem gewaltigen Echo der Wirklichkeit nicht mehr harmonieren, aus denen er zwar versucht, wieder herauszufinden, dabei jedoch von den Ereignissen der Zeit überrannt wird.

Das betrifft besonders die Arbeitslosigkeit, die Not, das Elend, das Zahlen der Miete und den Hunger nach dem Krieg. Eine Zeitlang hält er sich in Schweden durch schwere Arbeiten über Wasser, kehrt dann jedoch wieder in seine Heimatstadt Wien zurück. Die zahlreichen Verdienstorden, die Karl erworben hat, nützen ihm hier nichts und wirken auf ihn, der sich im Kampf so zu Hause gefühlt hat, nun nur noch wie ein dummes Männerspielzeug.
Wo ihm vor dem Krieg noch eine Stelle als Lehrer sicher war, für die er sich über mehrere Jahre verpflichtet hat, steht er nun vor leeren Schulen und fehlenden Schülern.

Tatsächlich gut wird der Roman dann gegen Ende. Hier kämpft Lakner ums nackte Überleben, verkommt zusehends, lebt auf der Straße und erkennt, dass er sich in der Welt nicht behaupten kann, sondern in ihr zugrunde gerichtet wird. Ideale nützen nichts, sein Dienst im Krieg bringt ihm weder Ehre noch Belohnung, ebenso wenig seine Ansicht zu Mensch und Sein.
Stattdessen bewegt er sich zwischen Arbeitslosenunterstützung und ihrem Entzug durch die Behörden, zwischen moralischen Zweifeln und der Sehnsucht, alles in Alkohol ertränken zu wollen, zwischen Hass und Verzweiflung. Die einzig schönen Momente, so stellt er fest, sind nur noch die, in denen er Almosen erhält. Darüber entlädt sich eine seit langem in ihm gestaute Wut, die er in der Wohnung eines reichen Künstlers in purer Zerstörung herauslässt. Die ständige Versuchung, selbst schlecht zu werden, bedroht ihn so stark, dass er darüber den Verstand verliert und nur noch einen Ausweg sieht.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.11.2018 20:24 | nach oben springen


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