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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

William Gaddis

in Die schöne Welt der Bücher 12.11.2019 16:22
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Mit Gaddis hat man als Leser ja so seine Schwierigkeiten, nicht, weil der Mann nicht schreiben konnte (er ist vor einigen Jahren mit 75 gestorben), sondern weil er die Eigenart hat, Romane zu hinterlassen, die selten unter tausend Seiten lang sind. Das an sich wäre ja nun auch nicht das Problem, wenn nicht seitenlange Dialoge den Stil ausmachen würden.
Dabei muss ich allerdings sagen, dass diese Art zu schreiben, wirklich fesselnd ist und im experimentellen Bereich fast zukunftsweisend bleibt (Pfeifen wie Foster-Wallace haben das Ganze dann in ihrer Art erweitert (meine Sache ist es nicht, diese riesigen Simpsons-Literaturcomics ohne tieferen Sinn. Verspielt ist es trotzdem.)).

Was einem z. B. in Gaddis Hauptwerk "JR" begegnet, ist auf den ersten Blick ein Chaos an Stimmen und Lärm, das sich dann nach und nach (fast zum Erstaunen des Lesers) ordnet und ihn so am Ball hält. Ich denke, das Werk muss am Stück durchgelesen werden, um überhaupt als Pensum geschafft zu werden, gleiches gilt für "Die Erschaffung der Welt".
Das aber nur nebenbei, denn beide Romane werde ich ein anderes Mal vorstellen. Mir geht es momentan vielmehr um ein Werk, das Gaddis letzte Hinterlassenschaft ist, ein wunderbar komprimiertes, nur 100 Seiten leichtes Buch, das eine herrliche Abrechnung mit dem Werteverfall der Kunst ist. Es hat mich umgehauen und begeistert, gehört nun zu den Büchern, die ich wieder und wieder lesen werde, auch um zu lachen, denn Gaddis hat einen großartigen Humor.
Liest man das Buch als erstes, wird nicht nur das Interesse für den Schriftsteller geweckt, der neben Pynchon und anderen als einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren gilt, sondern es ermöglicht auch, bestimmte tiefere Gedanken, die Gaddis wichtig waren und die in anderen seiner Gigantenwerke anklingen, überhaupt zu erkennen. Sein Tiefsinn und die Medien- und Gesellschaftskritik verbergen sich nämlich oftmals unter viel Geschwätz (was durchaus so gewollt ist).

Sein letztes Werk heißt "Das mechanische Klavier", im Original "Agape Agape". Schon der erste Eindruck, etwa nach drei bis vier Seiten, war schlicht ausgedrückt: STARK!!! Der Leser trifft auf einen Lästerfluss, der sich zu lesen lohnt und der im Grunde auf etwas ganz anderes hinaus will, nämlich auf den Kampf mit der Perfektion, jenes andere Selbst, das der wahre Künstler fürchtet und mit dem er sich ständig vergleicht oder sich ihm unterlegen fühlt, was vielen auch den Verzicht aufs Schreiben oder gar den Tod brachte, während die Welt eine Anpassung, sogar ein Verschwinden fordert und damit „Künstler“ hervorbringt, die keinen Wert mehr auf Tiefe, sondern nur auf Verdienst legen, sei es nun Geld, Ruhm oder Anerkennung (wovor ja schon Epikur warnte).

Das Talent kann kein künstliches Ideal sein oder nachgeahmt werden. Der Versuch wird dennoch unternommen und gelingt teilweise in wahrer Perfektion. Das aber ist für die wahre Kunst gar nicht von Bedeutung. Kunst ist keine Aufgabe, kein Zweck, wie es Platon forderte und den Künstler aus seinem Staat verbannte. Kunst ist ein innerer Ausdruck, der nicht vielen gegeben ist und der dennoch marktschreiend weitergegeben wird.

Wovon handelt also dieses Buch? Ein Schriftsteller, an Krebs leidend und seines bevorstehenden Todes gewiss, beginnt, sich über die Mechanisierung und Imitation der Kunst und das Computerzeitalter auszulassen. Den Bau heutiger Computer, wo jeder Vierjährige das Lernen verlernt, ebnete das mechanische Klavier, das nicht Musik oder Kunst erzeugte, sondern Töne, die eine Kunst imitierten, ähnlich wie der automatische Webstuhl, der zwar schneller arbeiten konnte, dem Weber jedoch schmerzhaft in den Bauch schlug (so Flaubert in seinen Briefen).
Erfindungen dieser Art leiteten die Phase der Kunstentwertung ein, behauptet der Erzähler, der zusätzlich mit seinen Schmerzen kämpft. Von da an ging es bergab, und die „verblödete, hirnlose Masse, die sogenannte Öffentlichkeit, sie will es so. Sie will unterhalten werden und macht deshalb aus dem Künstler einen Entertainer oder einen Berufsprominenten…“ . Schriftsteller müssen vertraglich gezwungen vor Publikum lesen, Künstler präsent sein und die Hintern der Galeristen küssen, Musiker eine Show auf der Bühne bieten, usw.

Was die Menschen verlangen, ist nicht mehr bereichernde Kunst, sondern die Kunst ohne Künstler, auch wenn dieser sichtbar bleibt; ein Prinzip, das verkäuflich und vereinfacht ist. Und mit dem Mechanisieren und schließlich Automatisieren, mit dem Erheben der Kunst auf technische und für alle möglich seiende Ebenen wurde auch der Kunstgenießer und Kunstliebhaber umfunktioniert, ebenso die Masse als Konsument, die nur verschlingt und nicht verköstigt. Daher fragt sich der Schriftsteller auch:
„Wenn man davon ausgeht, dass uns nur aktive Teilnahme „den Hochgenuss der musikalischen Gefühlswelten“ verschafft, wie die Werbung ganz richtig sagt, wie kann es dann sein, dass wir am Ende der Entwicklung zum passiven Konsumenten wurden?“

Gaddis bzw. sein Erzähler hüpfen von technologischen Neuerungen über Platon, Dostojewskis Doppelgänger bis zu Thomas Bernhard, Glenn Gould, Wagner, Melville, Nietzsche (hier so schön der Schimpf auf dessen Schwester und das ihr nützlich zusammengestückelte Werk, das den Ruf des Philosophen fast ruiniert und ihn auf den reinen „Übermenschen“ degradiert hat), über Tolstoi, Flaubert und andere, während auch der Erzähleralltag immer wieder durchschimmert, das Krankenzimmer, die Stapel der Bücher und Notizen, die er heranholen möchte und die ihm doch irgendwie ständig entgleiten, da er ein Schriftsteller ist, der sich in vielen großen Gedanken wiederfindet und dem fast zwanghaft zuvorkommen möchte, im Wissen, dass er nicht mehr viel Zeit hat und dass alles plagiiert wird.

Dieser Redefluss, als Monolog gestaltet, ist unglaublich fesselnd und bereichernd, erfasst auch herrlich die allgemeine Tendenz, wie die „Masse, die Herde, die Meute“ (jene verblödete) denkt und sich lenken lässt und wie wenig wirklich gute Schriftsteller, die etwas zu sagen haben, darin anerkannt oder gegen den Strom an Mittelmäßigkeit ankämpfen können.
„Und, worin geht es in Ihrem Buch, Mr. Joyce? Es geht um nichts, es ist, Madame“.

Das jedoch, was heute „ist“, bedient den passiven Konsumenten, der mit allem zufrieden ist, was ihm vermarktet wird. Und das ist das Tragische daran, denn der Niedergang der Kunst ist so alt wie die Kunst (Welt) selbst, hat heute nur erweiterte Möglichkeiten erreicht. Was Platon in seinem Staat ablehnte - die Muse, den Dichter und die unterhaltende Kunst -, ist zu einer Farce an Ersatzgöttern und Unterhaltungsmechanismen geworden, die nicht einmal mehr bewusst wahrgenommen wird. Kunst als Quelle der Inspiration hat darin nichts zu suchen. Sie stört den Betrieb des Geldmachens.


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(Alle Zitate stammen aus der Ausgabe: William Gaddis "Das mechanische Klavier", Goldmann Taschenbuch Verlag)




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