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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Der Fischer

in Poesie 17.08.2007 22:34
von Taxine • Admin | 6.470 Beiträge

Der Fischer

Am Fluss, wo sich die Baumkronen über die Sandwege legen, wo Schilf sich erhebt und das Dahinter verbirgt, sitzt in Gräsern geborgen ein alter Mann. Die Landschaft ist karg, sein Sitzplatz ebenso, besteht er aus einem dreibeinigen Holzhocker. Nicht weit von ihm erhebt sich ein trockengelegter Brunnen aus abgerundeten Steinen.
Neben dem Mann steht ein Korb, der wild hin und her geschüttelt wird und ein bisschen über den Boden kriecht. Nicht in ständiger Bewegung, eher wie ein Zucken, ein plötzliches Aufbäumen, um danach schnell wieder zur Ruhe zu kommen und sein Spiel von vorne zu beginnen.
„Hinaus will er, ich muss ihn füttern. So groß ist seine Gier. Weiß alles doch, gar mehr als ich“, erklingt die Stimme des Fischers. „Ich weiß mein Herz, du fristest mühsam, doch bist du nicht allein. Sei nicht betrübt, na komm, Puter.“
Lächelnd sieht er auf den Korb hinunter, aus dem aus winziger Öffnung ein paar bunte Federn herausragen. Am Boden liegen einige Äpfel zerstreut und Moos bedeckt den Rand des Ufers. Liebevoll gleitet sein Blick über die Landschaft, verharrt dann eine Weile auf dem Brunnen.
Der Alte räuspert sich, streckt den Rücken durch, hebt den Kopf und blickt wieder starr vor sich. Die Hände hält er angewinkelt. Er erinnert an alte Statuen, die nebeneinander sitzen, in sich ruhend, die Hände auf dem Schoß, von denen es heißt, sie wären einst große Denker gewesen. Der Fischer aber hält die Arme ein Stück weit höher, so dass sie in der Luft stillstehen. Die Augen immer geradeaus, lässt er die Finger spielen, ein Nacheinander von Höhen und Tiefen, während sich in seinen Pupillen die Welt spiegelt.
„Was tust du nur?“, hallen auf einmal Stimmen durch die Luft.
Der alte Mann ist nicht verwundert.
“Ich arbeite“, spricht er laut und lächelt.
„Solltest du nicht die Angel auswerfen?“, fragen die Stimmen, und für einen kurzen Moment irisiert das Umfeld.
Der alte Mann hält inne und blickt auf.
„Angel? Ich gehöre nicht zu den Kleinen. Ich schöpfe mit Netz! Wir sind mittlerweile viele. Ihr könnt uns nicht bremsen.“
Dann richtet er seine Aufmerksamkeit wieder vor sich, die Finger in rhythmischer Bewegung.
Die Stimmen ertönen im Gesang:
"Solltest du nicht bei Frau und Kind sein, ihnen zur Seite stehen? Schau dich an, du bist schon betagt. Viel Zeit bleibt dir nicht!"
„Nun“, ergeht sich der Alte, „man muss leben. Wir müssen den Lauf der Zeit hinnehmen und unsere Welt alleine erbauen. Meine Frau ist gut zum Kinde und bald kehre ich zu ihnen zurück.“

Wenig Zeit ist vergangen, seit sich die Barrieren in die Weite öffnen, dass alles aus dem Netz zu ziehen ist.
„Wwwir“, stottert der Fischer, „nutzen diese Öffnung zum Übertragen der Ideen.“
Die Stimmen schweigen. Kurz zerfließt er zu Strömen, die Wirklichkeit mit Baum und Meer ist nur noch Raum.
„In Ruinen kann man nicht existieren“, murmelt er vor sich hin. „Der Magen muss genährt, der Körper gestillt, der Geist gestärkt sein.“
Nun dreht sich die Welt leicht um ihn herum, pendelt sich hinter seinem Rücken ein. Aus dieser Perspektive öffnet sich vor dem alten Mann eine Reflektion, ein flackerndes Bild, in dem sich nach und nach eine Struktur formt. Mit dem Wirbel der Finger wächst ein Baum, legen sich Steine über den Boden, sprießen Gräser. Zwischen all dem erstrecken sich Raster, leere Formationen, die sich zähflüssig füllen.
Tagtäglich sitzt er hier, richtet sein Wissen und Denken auf das Netz, fischt nach Zahlen. So zerrinnen die Stunden, die Sonne nimmt eine andere Farbe an. Schließlich lässt er für heute die Arme sinken und lächelt dabei in Gedanken.
„Wie könnten wir all das nicht retten wollen“, flüstert er und wischt sich über die Stirn.
„Und all das Neue?", schallen die Stimmen um ihn herum. "Warum lebt ihr nicht nach den neuen Bedingungen? Wir gaben euch Raum, ganz neue Möglichkeiten!“
Der alte Mann seufzt und massiert sich den Nacken.
„Der Mensch, bald ein Tier, bald ein Heiliger, bald ein Idiot…“, zischelt er durch die Zähne hindurch. „Kennt ihr Tolstoi?“
Die Stimmen antworten nicht.
Dann packt er seine Sachen, streichelt den Korb, hebt ihn auf und legt ihn sich mit einem Ächzen über den Arm. Alles in ihm spannt sich, er wirkt, als würde er neu erwachen.
„Morgen vielleicht ein paar Berge“, überlegt der Fischer und tritt den Weg nach Hause an. Über seinem Haupt liegt der Himmel in schwerem Blau, sieht aus, als wäre er in sich selbst erstarrt.
Mit müden Schritten erreicht er die ersten Häuserreihen, die sich vor seinen Augen auseinander schieben. Bald öffnet sich die Stadt auf einen großen Markt. Menschen sitzen auf Bänken und Hausvorsprüngen, in Cafés und wie bunte Punkte verteilt in der Umgebung. Alle wirken sie ernst und zeigen erhobene und in der Luft angewinkelte Arme.
Irgendwo zwischen ihnen verschwindet schließlich mit gebeugtem Rücken der Fischer und um all das herum wachsen riesige Bauten in die Höhe.





Liebe Grüße
Taxine




Art & Vibration
zuletzt bearbeitet 18.08.2007 02:48 | nach oben springen

#2

RE: Der Fischer

in Poesie 18.08.2007 16:26
von Ferro • 154 Beiträge
Liebet Taxinchen,

Gefällt mir, dein Text.

Die Welt ist nicht mehr das, was sie war. Es spielt wohl trotz bekannter Gegenwartsmerkmale in einer Zukunft. Der Fischer fischt nicht wirklich, er arbeitet virtuell.
Merkmale: www ... komm Puter - Computer ... die Haltung, die er einnimmt.

Die Stimmen wollen dem Fischer die Augen öffnen, dass sein Tun unnötig ist (so habe ich das verstanden), doch der Fischer hält an alten Gewohnheiten fest.

Was ich toll finde ist, dass du keine Stellung beziehst.

Ich würde aber noch einmal drübergehen, die Wiederholungen überarbeiten.

Mit lieben Grüßen
Ferro
zuletzt bearbeitet 23.05.2009 19:02 | nach oben springen

#3

RE: Der Fischer

in Poesie 18.08.2007 16:40
von Jo • 65 Beiträge

Hallo.

In meinen Augen stehen die Stimmen für die kalte Wirklichkeit, die Moderne, und der Fischer für das Menschliche.

Schönes Poesiestück, Taxine.

Es grüßt
Jo

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#4

RE: Der Fischer

in Poesie 18.08.2007 17:27
von Taxine • Admin | 6.470 Beiträge
Vielen Dank euch Beiden. Die Interpretationen freuen mich sehr.

Ferro: Ich werde auf jeden Fall noch einmal überarbeiten.

Liebe Grüße
Taxine



Art & Vibration
zuletzt bearbeitet 18.08.2007 17:34 | nach oben springen

#5

RE: Der Fischer

in Poesie 18.08.2007 17:37
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo,

Der Fischer ist in sich zurückgezogen, er kann aber seinen Geist nicht zur Ruhe kommen lassen ("Gier"). Der Fischer ist in ähnlicher Haltung wie die Statuen, wie eine Buddhastatue ("in sich ruhend, die Hände auf dem Schoß").

"Ich schöpfe mit einem Netz" : Was denn? Nein keine Fische mit einer unbedeutenden kleinen Angel. Es geht um das Innere, sein Selbst. Aus seinem unermesslichen inneren Reichtum schöpft er mit einem riesigen Netz.

"man muss leben. Wir müssen den Lauf der Zeit hinnehmen und unsere Welt alleine bauen."
:

Die Welt liegt in dem Fischer. Er braucht nichts äußeres, um sie zu erbauen. Er schenkt aber von sich etwas andie Welt: "Mit dem Wirbel der Finger wächst ein Baum..."

"Alle mit erhobenen und in der Luft erstarrten Armen, dabei im eifrigen Fingerspiel."


Das erinnert an die Körperhaltung des Fischers zu Beginn der Geschichte. Er hat von seiner Weisheit etwas nach außen getragen.

Es kann sein, dass ich mit meinen Erläuterungen völlig daneben liege. Der Text ist nicht einfach.

Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
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#6

RE: Der Fischer

in Poesie 18.08.2007 17:41
von Taxine • Admin | 6.470 Beiträge
Oh... lieber Martinus, dankeschön!

Meine Intuition war ja einen "offenen" Text zu verfassen, aus dem der Leser sein Eigenes herauszieht.
Ich selbst habe natürlich aus einem Hintergedanken heraus geschrieben, aber, dass ist in dem Sinne unwichtig.

Vielen Dank! Deine Interpretation ist großartig!

Liebe Grüße
Taxine



Art & Vibration
zuletzt bearbeitet 18.08.2007 17:41 | nach oben springen

#7

RE: Der Fischer

in Poesie 13.12.2007 20:38
von Salin • 460 Beiträge

Zunächst ein altvertrautes Stück Landschaft. Die Pflanzen leicht anthropomorphisiert. Dazu passt auch der Puter im Korb – wenn er nur nicht allwissend wäre. Endgültig verfremdet (und somit vielschichtig) wird die Szene durch die Arme des Fischers "in der Luft", durch den ersten "zuckenden Fingerwurf".

Der Text kommt ohne viel Bewegung aus. Die körperlosen Stimmen, der Zweck des Federviehs im Korb und der in die Weite geöffneten Barrieren sorgen bis zur "richtigen" Deutung für eine gewisse Spannung.

Wer mit homophonen Wortaufspaltungen nicht vertraut ist, dürfte "komm, Puter!“ kaum als Wink verstehen. Doch ein solcher käme an dieser Stelle ohnehin zu früh. Aufdringlich und wie in die Geschichte hineingezwungen wirkt dagegen das vom Fischer gestotterte "Www esen". Warum nicht drauf verzichten? Stattdessen vielleicht ein wenig Aufklärung am Ende. Beiläufig, versteht sich.

Abgesehen von "Puter" und "Fingerwurf" werden Worte verwendet, die in der Alltagssprache relativ häufig vorkommen. Vokabeln mit geringer Eigenkraft. Was hier zählt, ist nicht der einzelne Ausdruck, sondern das jeweils größere Bild.

Die Wortwiederholungen ("bisschen", "legen / liegt" etc.) sind vermutlich noch dieselben wie im August. Mitunter wird auch überartikuliert: "Pfützen im Boden verdecken das Löchrige der Strasse" (Straße), "wild hin und her geschüttelt". Überhaupt sollten Worte nie überflüssig sein, insbesondere Adjektive, selbst wenn sie "klein" sind.
Anderes ist zwar originell, aber eher unglücklich formuliert: "'Weiß alles doch, gar mehr als ich!'" "Dann richtet er seine Aufmerksamkeit wieder vor sich". Diese Reihe ließe sich fortsetzen. Ähnliches gilt für die Unterbrechung direkter Rede: "'Was', hallen auf einmal Stimmen durch die Luft, 'tust du nur?'" "'Nun'…plaudert der Alte 'man muss leben.'"

Der TeXXT ist es wert, vollendet zu werden.

Gruß
Salin

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#8

RE: Der Fischer

in Poesie 13.12.2007 20:49
von Taxine • Admin | 6.470 Beiträge
Der TeXXT wird durchdacht und überarbeitet. Vielen Dank für das intensive Durchleuchten.
Das "Www esen" war hinterher hinzugefügt, weil das Verständnis für diese Form des Textes nicht immer gegeben war. Eine Schwäche der Autorin, ein kleines Entgegenkommen.
Es muss hier aber auch erwähnt werden, dass damit der Kritiker in jeglicher Form durchschaut ist!

Sehr erfreut
Taxine



Art & Vibration
zuletzt bearbeitet 13.12.2007 20:51 | nach oben springen


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