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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Filipe Alfau

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 17:13
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

"Das Café der Verrückten"

... ein großartiges Buch.
Es ist fast erstaunlich, wie Alfau hier den Roman handhabt. Wir werden im Café de los Locos begrüßt, wo er uns verschiedene Charaktere vorstellt. Diese bestimmen die Erzählungen, spielen Neben- und Hauptrollen, in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart, und wirken tatsächlich so, als würde ein "Onkel" uns aus seiner Erinnerung heraus berichten. Alfau setzt zum Beispiel einen Charakter, gibt ihm Aussehen, Farbe, entschuldigt sich dann bereits im Voraus für dessen ungestümes Wesen, verschwindet und lässt den Leser zurück.
Wenig später vernimmt man eine Stimme, und zwar die Stimme der Romanfigur, die nun gezeichnet, angedeutet steht und von allein das Zepter ergreift, seine eigene Geschichte gestaltet. Hier sind die Figuren so lebendig, wie derjenige, der das Buch schreibt.

In Antwort auf:
Jetzt, da mein Autor mich zu Papier gebracht und mir einen Körper und einen Anfang gegeben hat, werde ich fortfahren und meine Geschichte mit meinen Worten erzählen. Von seiner Aufsicht befreit kann ich tun, was mir gefällt. Er meint, wenn er mich vergisst, höre ich auf zu existieren, doch ich liebe die Realität zu sehr und habe durchaus vor, weiterhin zu handeln und zu denken, auch wenn er seine Aufmerksamkeit von mir abgezogen hat.



Dieses Buch ist wunderbar aufgebaut und voller Überraschungen.
Der Mann, der sein Kleingeld immer im Haus herumwarf, und, wenn er dann abgebrannt war, auf allen vieren kroch, um sich ein ordentliches Taschengeld zusammen zu sammeln.

Dann, die alte Frau, die den Tod liebt, ja verehrt, und für drei Monate (eine Krankheit) wegtritt, tot ist. Man kann ihr ins Bein schneiden, und die Wunde blutet nicht. Dann erweckt sie sich wieder und kann sich an diesen Zustand nicht erinnern, denkt, sie hätte sich gerade erst hingelegt. Sie verehrt den Tod mehr als das Leben, bis sie schließlich den Tod nur mit dem Tod besiegen kann.

Sätze, wie:

In Antwort auf:
Garcia, hast du nie das Bedürfnis gehabt zu arbeiten?
Doch, aber ich tue mein Bestes, es zu unterdrücken.



oder

In Antwort auf:
Unser Gedächtnis scheint manchmal mit masochistischer Genauigkeit die unangenehmen Dinge aus unserer Vergangenheit hervorzuholen

... verführen zu so manchem Gelächter.

Die Geschichten verschlingen sich ineinander.

In Antwort auf:
Fulano wusste, dass er von diesem Mahlstrom der Vergangenheit verschluckt worden, dass er Jahrhunderte zurück in die Geschichte gesunken war und bereits die Identität seiner gegenwärtigen Existenz verloren hatte. Er erstickte an dem überwältigenden Gefühl zusammengedrängter Zeit, er war hoffnungslos verloren in diesem Dunkel von Tausenden übereinandergelagerter vergangener Nächte, in diesem Labyrinth von Straßen, die ihn hin und her stießen und drohten, ihn in ihren verhängnisvollen Strom zu zerren und in den Tajo hinunterzustürzen, in die Vergessenheit.



Der Mann, der seine Identität verliert – nicht mehr existiert. Nur aus dem Grund, weil er vorher immer übersehen wurde, hat man ihm geraten, Selbstmord zu begehen (nur dem Anschein nach), um durch die Schlagzeile zu neuem Leben zu erwachen, um wenigstens die Anerkennung zu finden, die man Toten bezeugt. Nun lässt er also seinen Mantel mit all seinen Papieren liegen, heftet daran einen Zettel mit ein paar Worten des Abschieds und geht, während ein anderer kommt, hämisch lacht, den eigenen Mantel gegen den dort liegenden eintauscht, den Zettel vertauscht, und schließlich weiter zieht. Am nächsten Morgen steht in der Zeitung, dass ein Schwerverbrecher Selbstmord begangen hat, und schließlich eine Schlagzeile später erfährt dieser durch die neuen Papiere, den neuen Namen Anerkennung und Ruhm.
„Du solltest ihn dankbar sein!“ sagt der Erzähler zum Namenlosen, der klagt und jammert, denn du wollest endlich Anerkennung, so erhält dein Name sie.

… ein Unzähliger in dieser Welt.


In Antwort auf:
Es gibt keine freien Identitäten in diese Welt, die Sie ergreifen könnten, um im Leben wieder Fuß zu fassen.




Phantasie und Wirklichkeit fließen ineinander. Versteckte Zusammenhänge, die man als Leser hinterher zusammenbaut, hinterlassen eine tief sitzende Wirkung. Es gibt viele Romane, aus denen ich mir Zitate und Satzformulierungen herausgreife, und sehr wenige, die ich im Stück durchlese und nicht weiß, was ich festhalten soll, weil doch alles irgendwie zusammenpasst und nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden darf. Alfau erzählt in einer einfachen Sprache, doch das, was er erzählt, ist faszinierend, mit dem typischen spanischen Flair, der zu Träumen anregt.
Absolut empfehlenswert!
Hier noch ein Ausschnitt:

In Antwort auf:
Das alles hier ist absurd. Sehen Sie diese hungrigen Menschen? Sie alle sind von dieser Umgebung und dieser phantastischen Frau angesteckt. Es gibt sie gar nicht, sie sind nur Schatten von ihr, sie sind aus der Sicht eines ihrer Mitglieder die perfekte Familie. Nur ein Schatten, etwas, das dem Individuum gesellschaftlich eine Stellung als Verwandter gibt. Sie warten ungeduldig auf ihren Tod, auf den Tag, an dem sie ihre Identität und ihr Erbe unter ihnen austeilt. Dann werden sie leben, oder wenigstens existieren.




Surreale Vorstellungen
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