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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Gaito Gasdanow

in Die schöne Welt der Bücher 12.04.2022 11:04
von Taxine • Admin | 6.466 Beiträge

Gaito Gasdanow
"Nächtliche Wege"


"Und dann stand mir die tragische Absurdität meiner Existenz so plastisch vor Augen, dass ich, nur in diesen Momenten, klar und deutlich Dinge begriff, über die man nie nachdenken sollte, weil sie Verzweiflung, Irrenhaus oder Tod nach sich ziehen."

Dieses Werk ist sicherlich eines der besten von Gasdanow, von dem ich bereits einige Romane gelesen habe, die weniger Eindruck bei mir hinterlassen haben. Der 1903 in St. Petersburg geborene Schriftsteller wurde in Deutschland spät entdeckt und verarbeitet hier das eigene Exilleben in einem faszinierenden Delirium, das an eine Atmosphäre wie in Jamuschs Film "Night on Earth" erinnert. Ihm gelingt es, die gesamte Stimmung der Emigration und einsam nostalgischen Existenz poetisch einzufangen, von Menschen, die versuchen, in Frankreich ein neues Leben aufzubauen und daran scheitern.

Die Geschichten funkeln in ihrer Einzigartigkeit, wie die des Ehepaars, das einen Mann für eine größere Summe Geld ermordet, um mit diesem ein eigenes Café zu eröffnen, wo sie dann auch verhaftet werden. Oder die der Bettler, von denen einer in Verzweiflung gerät, als er seinen einzigen schäbigen Hut verliert, und der andere Opernarien aus "Faust" singt, damit die Polizei ihn für einen betrunkenen Reichen hält oder zumindest für einen anderen.

Im Roman treten großartige Gestalten und Schatten auf. Sehr schön sind die Unterhaltungen mit einem Trinker namens Platon, dieser "... meinte einmal, die Clochards seien nützlich als »dialektisches Material«, ähnlich wie Bibelzitate, und eine Lehre für die menschliche Eitelkeit: Sie könnten so sein wie wir, wir könnten so werden wie sie, und es wäre dafür nichts weiter nötig als ein winziger Zufall oder ein »Hauch sozialer Pigmentierung«".

Für Gasdanow ist diese Grenze der Verschiebung sehr schmal. Sein Erzähler ist ein in Paris lebender Russe, der tagsüber studiert und nachts als Taxifahrer und Chauffeur arbeitet und so die dunkle Seite der Stadt kennenlernt, jenen Auswurf der Nacht, der sich ihm dauerhaft ins Gedächtnis brennt. Er berichtet von seinen zahlreichen nächtlichen Begegnungen, häufig mit Verlorenen, Zerstörten, Verrückten, Clochards, Zuhältern, verkannten Philosophen, Revolutionären, Lumpensammlern, Vagabunden, Trinkern und Prostituierten. Und immer wieder schimmert die Trostlosigkeit und die Absurdität etlicher vertaner Leben auf:

Zitat von Gasdanow
"(...), ich kannte Millionäre mit schmutzigen Händen, die sechzehn Stunden am Tag arbeiteten, alte Chauffeure, die rentable Häuser und Grundstücke besaßen und trotz Kurzatmigkeit, Sodbrennen, Hämorrhoiden und eines insgesamt katastrophalen Gesundheitszustands für dreißig Franc am Tag weiterarbeiteten; bekämen sie unterm Strich nur noch zwei Franc am Tag heraus, würden sie trotzdem arbeiten, bis sie eines schönen Tages nicht mehr aus dem Bett hochkämen, und das wäre dann ihr kurz bemessener Urlaub vor dem Tod."



Beeindruckend sind Gasdanows Gedanken über die 'geistige Verspätung' eines Menschen. Ein Klassenkamerad des Erzählers erlebt eine emotionale Seinskrise, als er sich auf einmal philosophisch das Leben bewusst macht, während solche Überlegungen in der Regel in jungen Jahren typisch sind, in denen genug jugendliche Kraft besteht, die großen Fragen, auf die es keine alleinstehenden Antworten gibt (z. B. Was ist der Sinn des Lebens? Was geschieht nach dem Tod? Wofür existieren wir? Gibt es Gott? usw.), zu stellen und die gewaltige Stille zu ertragen. Sie sind Anlass dazu, sich mit allem selbstständig auseinanderzusetzen und eine eigene, für sich selbst akzeptable Antwort zu finden, die sich im Laufe der Zeit auch noch verändern kann. Dadurch gewinnt der Mensch eine Art innere Ruhe.
Im Grunde verweist der natürliche Vorgang der geistigen Entwicklung eines Menschen auf die Perfektion der einzelnen Lebensphasen, in denen aus kraftvollem Idealismus und Protest allmählich die gesetzte Müdigkeit des Begreifens wird. Man lernt, oftmals auch schmerzhaft, das Leben zu verstehen.

Absurd dabei bleibt: zuerst ist man stark und enthusiastisch und begreift wenig, dann vergehen die Jahre, man erfasst die Dinge besser, hat jedoch nicht mehr die Kraft, zu kämpfen oder Veränderungen in Kauf zu nehmen. Verkehrt sich diese Entwicklung jedoch von vornherein ins Gegenteil, geht der Mensch daran in kürzester Zeit zugrunde.
Ähnliches geschieht auch bei plötzlichen Erkenntnissen oder Schockerlebnissen. Der Mensch kippt aus der gewohnten Welt und ist auf einmal orientierungslos, weil sein Weltbild zusammenbricht. Nur, wenn er sich seiner selbst bewusst ist, geht er aus solchen Krisen gestärkt hervor. Andere sind auf einmal ständig mit Angst und Verzweiflung konfrontiert, die sie nicht mehr kontrollieren, geschweige denn abschalten können. Und meistens folgt auf geistige Krisen auch die körperliche Erkrankung.
Gleiches gilt für Bodenständige, die nie jenen Zustand zwischen Wirklichkeit und Phantasie erlebt haben, den fast alle Kunstschaffenden kennen, und die dann plötzlich den Boden unter den Füßen verlieren. Sie geraten in eine Art seelisches Delirium, dem sie nicht gewachsen sind (so mancher Künstler übrigens auch nicht). Bei Gasdanow sind es solche Menschen, die aus der Welt geworfen sind und anstelle ihres eigentlichen Schicksals ein Ersatzleben leben. Und in diesem gewinnen sie nie die Größe, die ihnen vorbestimmt war.

(Alle Zitate aus Gasdanow "Nächtliche Wege", Hanser Verlag)




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#2

RE: Gaito Gasdanow

in Die schöne Welt der Bücher 02.05.2022 10:58
von Sokolow • 122 Beiträge

von dem habe ich nun schon zwei Bücher gelesen, ich darf mich nicht zu viel bewegen, deshalb kann ich
leider nicht sagen welche es waren, aber irgendwann vielleicht :-) das werde ich jedenfalls auch kaufen...

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#3

RE: Gaito Gasdanow

in Die schöne Welt der Bücher 02.05.2022 15:11
von Taxine • Admin | 6.466 Beiträge

"Den Abend mit Claire" hattest du, glaube ich, gelesen. Den werde ich auch noch lesen. Nicht schlecht war von Gasdanow sein "Phantom des Alexander Wolf". Das Buch mit Buddha hat mich dagegen eher weniger begeistert, allerdings ist auch nicht haften geblieben, was der Grund dafür war. Mich sprechen, wie in den "Nächtlichen Wegen", vor allen Dingen jene Außenseiter an, die auch bei Hamsun, Nabokov, Cossery oder Reve auftauchen.
Bin übrigens immer noch bei Wodin. Die ist wunderbar in ihrer gläsernen Stadt und schafft es, den russisch absurden Alltag, aus Sicht des "Westlers"(*), perfekt zu beschreiben. Anders ging es mir auch nicht. Man ist an so vieles in Deutschland gewöhnt und das Improvisieren an Leben, Schlangestehen, Organisieren und Einkaufen, wie es in der Sowjetunion üblich war, habe ich zum Glück nie erleben müssen. Vieles gibt es bis heute, so z. B. einen Busfahrer, der sich durchs Leben schlägt und ein Nachfahre Dostojewskis ist, oder ein gerufener Krankenwagen, der dann wieder fährt, wenn es sich um einen verprügelten Schnapsbruder auf einer Treppe handelt, der kurz vorm Abnibbeln ist. Allgemein erinnern mich ihre Geschichten an so manche Behördengänge in St. Petersburg oder die Weißen Nächte, die ich 2010 erlebt habe, als eine ganze Stadt mehrere Stunden, durch die OMON in Schach gehalten, auf Putin und seine reichen Freunde warten musste, damit die Show mit dem roten Schiff und den Feuerwerken nahe der Peter-und-Pauls-Kathedrale und Eremitage überhaupt beginnen konnte, statt um 12 Uhr dann um 2 Uhr am Morgen, so dass keine Metro mehr fuhr und die vereinzelten Taxifahrer Summen nannten, bei denen man dachte, sie wollen einem das ganze Taxi verkaufen.


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(* Als Beispiel ihrer Gefühle, als sie aus der Sowjetunion zurückkehrend wieder in Deutschland ist:
"Ich ging auf der Straße und konnte nicht hinschauen zu den vor Glück strotzenden Schaufenstern und Reklameschildern, fühlte mich wie eine Verräterin in diesem bequem vernetzten Alltag, in dem jeder Handgriff auf das Minimum von Arbeitsaufwand reduziert war, ich stellte mir Sonja vor, die unter dem lauwarmen Wasserstrahl in der Küche fettige Teller spülte, in der Badewanne Wäsche mit stinkender Schmierseife wusch, stellte mir die Menschenschlangen vor den Moskauer Lebensmittelgeschäften vor, das fettige, untranchierte Fleisch, das in den ersten Morgenstunden bereits ausverkauft war, nicht davor ekelte mich, sondern vor diesen protzigen, überladenen Schaufenstern, unter denen die schaurige Vergangenheit einer Nation begraben lag. Diese blitzblanke, befriedete Oberfläche, unter der die Wohlstandsneurosen, die Verdrängungen, die Psychosen, Isolation und Verkümmerung wucherten. Der Unterschied zwischen hier und Moskau war, daß dort die Mängel, die Schwierigkeiten, die Katastrophen obenauf lagen, jederzeit sichtbar und greifbar, nicht übertüncht, zugeschmiert, verbannt hinter eine undurchlässige Fassade." (Wodin)




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