Octavia E. Butler
Octavia E. Butler war eine der ersten schwarzen Schriftstellerinnen, die sich im Science-Fiction-Genre einen Namen machte. Geboren 1947 und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, schlug sie sich lange mit Gelegenheitsjobs durch, um dann 1976 mit "Patternmaster" ihren ersten Roman über Menschen mit telepathischen Kräften vorzulegen, dem weitere Teile folgten. Ihr bekanntestes Werk "Die Parabel vom Sämann" ist in heutigen Zeiten wieder aktueller denn je und beschreibt den Zustand einer Welt, die in Chaos versinkt und was das für ein Leben im Miteinander bedeutet.
"Zahra nahm seine Hand. »Die töten kleine Kinder«, sagte sie. »In dieser Welt hier töten sie jeden Tag kleine Kinder.«"
Geschrieben in den 90er Jahren beginnt dieser Science-Fiction-Roman als Dystopie im Jahr 2024 und endet im Jahr 2027. Hier trifft man auf ein zerstörtes Amerika, in dem Menschen in bitterer Armut leben, in der Gewalt, Diebstahl, Vergewaltigung und Mord an der Tagesordnung sind. Die Erzählerin ist die 15-jährige Lauren, die in einem der besseren Viertel mit ihrer Familie lebt. Ihr Vater ist Pastor und sie versuchen sich innerhalb ihrer Gemeinde gegen die gewalttätige Welt zu verteidigen. Ständig kommen Diebe, die ihnen das Letzte, was sie noch besitzen, rauben möchten. Es gilt, Hemmungen zu überwinden, auch selbst, obwohl noch zivilisiert, zur Waffe zu greifen. Menschen verschiedener Hautfarbe leben zusammen, gleichgemacht durch das Leid der Welt, während sich die Politik lieber mit Weltraumfahrt beschäftigt, statt auf der Erde für eine Verbesserung der Umstände zu sorgen. Die Armut ist unfassbar, die Preise für Lebensmittel unbezahlbar, wo man sich kaum noch frisches Wasser leisten kann, geschweige denn Benzin oder ein Auto. Bestimmte Ortschaften setzen auch wieder auf Sklaverei, um die Ausbeutung voranzutreiben. Und doch gibt es noch Menschen, die an Veränderung glauben, dass bald alles wieder gut wird.
"Ich lerne immer noch dazu, wie hartnäckig Leute etwas verleugnen können, sogar wenn ihre Freiheit und ihr Leben dadurch auf dem Spiel stehen."
Lauren besitzt eine Gabe. Sie kann den Schmerz anderer spüren und ist in dieser apokalyptischen Welt noch einmal mehr angreifbar. Über ihre Aufzeichnungen versucht sie sich, dieses Leben begreifbar zu machen, die absurde Gewalt, die um sie herum vorherrscht. Hinterfragt wird dabei auch, wie Erziehung und Moral in einer solchen Welt überhaupt noch Sinn ergeben, jene Gebote wie Du sollst nicht stehlen, töten ... Wenn die Welt ins Chaos taucht, sind diese Regeln aufgehoben, um das Überleben zu sichern. Aber Lauren fühlt jeden Schmerz und Tod, gerade auch, wenn sie ihn selber verursacht. Sie hat die Idee, eine neue Gemeinschaft zu gründen, die Erdensaat heißt, gleichsam eine neue Religion, die ohne mystischen Kitsch auskommt. Aber bis zur erfolgreichen Umsetzung dauert es noch lange.
"»Ich habe gelesen«, sagte ich zu ihm, »dass die Welt alle vier oder fünf Jahrzehnte verrückt wird. Der Trick dabei ist, zu überleben, bis sie sich wieder beruhigt hat.«"
Ich habe das Werk aufgrund des dystopischen Hintergrunds gelesen und weil ich von Butler zuvor noch nicht gehört hatte. Grundsätzlich ist der Roman spannend gestaltet, als die Aufzeichnungen Laurens in Tagebuchform. Er beschreibt den Kampf der Überlebenden und eine Welt voller Gewalt und Verderben, jedoch eher ohne überraschende Momente. Bei Butler rücken auch Bezüge zur Sklaverei und Unterdrückung in den Vordergrund, während der Wahn einer außer Kontrolle geratenen Menschheit die Basis bildet.
(Alle Zitate sind der Ausgabe Octavia Butler "Die Parabel vom Sämann", Heyne Verlag entnommen.)
#2
Ich habe von der Autorin das erste Mal in diesem Film gehört:
A Quiet Place: Tag Eins
Vereinigte Staaten 2024
Regie: Michael Sarnoski
Das ist das Prequel zu den Filmen A Quiet Place (2018) und A Quiet Place 2 (2020). Die todkranke Heldin stöbert unter Lebensgefahr in der Auslage eines Buchladens und liest meiner Erinnerung nach in "Dämmerung", dem ersten Band der Xenogenesis-Trilogie, die ich mir umgehend bestellte und bis zum vorzeitigen Abbruch las. Das Thema der Verschmelzung von menschlicher und außerirdischer Rasse fand ich prinzipiell unglaublich spannend, aber die Durchführung und der erzählerische Gestus schreckten mich bald ab. Vielleicht muss man Derartiges im Original lesen.
Mich hatte 2024 eine Buchbesprechung neugierig auf diese Autorin gemacht. Die "Parabel vom Sämann" ist der erste Teil, "Die Parabel der Talente" der zweite. Hier wird aus der Ich-Perspektive erzählt, wobei der Roman stilistisch nicht unbedingt viel zu bieten hat, vergleicht man mit anderen Schriftstellern dieses Genres. Ich ging davon aus, dass die gewählte Perspektive einer 15-Jährigen hier ausschlaggebend war. Aber, wenn du "Dämmerung" abbrichst, will das wohl schon einiges besagen, dass der Stil ähnlich ist.
Im "Sämann" fand ich die Idee gut, dass da ein Mensch denselben Schmerz spürt, den er anderen zufügt, und sei es, um sich zu verteidigen. Das Ende war allerdings dann doch etwas kitschig. Trotzdem werde ich den zweiten Teil noch lesen, um zu erfahren, wie es weitergeht. Mal sehen, ob ich mit der Autorin warm werde. Mich stören grundsätzlich eher Bücher oder Filme, die uns Minderheiten auch heute noch als geplagte Opfer hinstellen möchten. Butler ist jedoch deutlich vor der Zeit, als diese Art der Lektüre populär wurde.
#4
Ich hatte das seinerzeit bei meinen ersten Recherchen so verstanden, dass die Autorin zur Ikone wurde, weil sie sich wohl als erste Frau und Farbige an Science-Fiction versuchte; wobei die Begegnungen zwischen Menschen und Aliens auch das Schicksal ihres Milieus spiegeln würde. Aber ich bin im SF-Bereich weniger firm, das begann bei mir mit Jules Verne und endete mit Stanisław Lem. Vielleicht lese ich noch einmal nach, ich habe seit heute wieder freie Ressourcen.
Die erste Frau war sie wohl nicht, aber die erste Schwarze durchaus. Ich hatte gelesen, dass sie schon mit zehn Jahren schreiben wollte und ihre Tante ihr als Kind immer erklärt hat, Schwarze können keine Schriftsteller werden. Sie verarbeitet wohl hauptsächlich Sklaverei und Rassismus, setzt auch bewusst schwarze Figuren ein. Das begann allerdings noch zu einer Zeit, als es tatsächlich Diskriminierung gab, ganz im Gegensatz zur heutigen Misere, wo Trends in Literatur und Fernsehen auf die Quotenerfüllung und den Einsatz von Minderheiten ausgerichtet sind, ohne dass dafür eine tatsächliche Notwendigkeit besteht, oft auch zugunsten von Talent und interessanterer Themen. Unterdrückt ist keiner mehr, weder Frauen noch Schwarze noch Transsexuelle. Alle sind tolerant und bunt. Vermittelt wird jedoch das Gegenteil, um das Normale als falsch und, wie du ja auch erwähntest, sogar als krank darzustellen.
Lem bleibt natürlich der ungeschlagene Meister dieses Genres, was auch den philosophischen Anteil betrifft. Und die Strugazkis haben bei mir immer einen Sympathiebonus. 
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