HirngespinsteAustausch zwischen Literatur und Kunst |
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Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 19.08.2007 16:15von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Eine andere Frage:
Was wäre der Mensch ohne sein Schmerzempfinden?
Würde er dann auseinanderfallen, sich selbst zerfleischen, von gleichen Ängsten kontrolliert sein?
Zitat von Andruchowytsch
Wir sind es gewohnt, dass der Körper eines Menschen seinem individuellen Gestaltungswillen gehorcht. Er bewegt sich im Raum, gestikuliert, schützt sich vor Stößen, hält seine eigenen, vom Bewusstsein vorgegebenen Koordinaten ein.
(aus den "Zwölf Ringen")
Aus diesem Satz - mal wieder - gestaltete sich die Frage nach dem Leben ohne Schmerz.
Der Mensch wäre weniger vorsichtig mit sich selbst. Sein ganzes Bewusstsein wäre auf andere Dinge konzentriert. Wohin würde dieses fiktive Dasein führen?

Art & Vibration

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 19.08.2007 16:41von Jo • 65 Beiträge
Schmerz ist ja Vorsicht. Das Kind lernt von kleinauf, dass z. B. Feuer Schmerz verursacht.
Ohne ihn würde sich der Mensch vielleicht auch gar nicht auf seinen Tod besinnen. Zumindest hätte er keine Angst davor. Es wäre dann wohl ein einfaches Verschwinden.
Es grüßt
Jo

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 19.08.2007 17:08von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
der Gedanke "Keine Todesangst" lässt sich wohl auf alle Gebiete ausbauen. Der Mensch hätte wesentlich weniger Angst, denn im Grunde ist die Angst vor dem Schmerz größer als der Schmerz selbst.
Wenn ich mir aber vorstelle, dass das ganze Nervensystem eine völlig andere Funktion hätte, dass der Mensch unvorsichtig den Körper allen möglichen Gefahren aussetzt, (mal eklig formuliert: über Glas läuft, sich schneidet, blutet und einfach weiter läuft), dann sehe ich ihn regelrecht auseinanderfallen. Trotzdem würde er vielleicht mit sicherem Schritt auf anderer Ebene betrachtet weniger stolpern und fallen. Oft ist ja das Zögern das, was einen mutigen Sprung (über einen versinnbildlichten Abgrund) erst vereitelt. Dieser plötzliche Schreck vor dem Mißlingen. Auch dieser Sprung lässt sich auf alle möglichen Formen und Varianten ausbauen, ... das Zögern vor einem neuen Schritt, vor neuen Möglichkeiten, das Zugehen auf fremde Menschen ... usw.
Auch wäre die Gesellschaft anders ausgerichtet. Weniger auf Sicherheit bedacht, mit weniger Warnungen und Verboten behaftet.
Der Gedanke ist noch frisch, darum muss ich ihn erst ordnen. Ich werde noch intensiver darauf eingehen.

Er schoß mir so durch den Kopf und führte mich direkt in die Hinterfragung eines: Was wäre, wenn ...
Manchmal mag ich die Überlegungen, die zu nichts führen.


Art & Vibration

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 19.08.2007 23:43von Ferro • 154 Beiträge
Die Versuche des Menschen, sich dieses Geschöpf ohne Schmerz vorzustellen, sind reichlich. Man blicke da auf den Golem, den Androiden, den Roboter.
Grüße
vom Ferro

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 20.08.2007 00:00von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Ein Mensch, der den Schmerz nicht fühlt, kann zumindest keine Leidenschaft in sich tragen, wenn wir uns jetzt mal auf die psychische Ebene wagen. Das innere Feuer lodert nur, wenn man sich der Gefahr bewusst ist, wenn man weiß, dass eine Überwindung notwendig ist, es muss also ein Wissen um den Schmerz vorhanden sein.
Nehmen wir den Menschen, der liebt. Er weiß, dass er, wenn er sich auf die Gefühle einlässt, auch verletzt werden kann. Würde er keinen Schmerz empfinden, hätte er auch nichts zu verlieren. Es wäre ein fast schon monotones Treiben.
Unter diesen Bedingungen würden wohl kaum gute Romane entstehen.

Art & Vibration

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 21.08.2007 20:11von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge

Gerade weil der Jugend oft ihr Pathos vorgeworfen wird, muss der "gereifte Künstler" sich von diesem "Schocken-Wollen" lösen, dieses Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von sich werfen, um der Welt einen Baustein an heller nicht düsterer Stimmung hinzuzufügen.
Ich kann den Hintergedanken dabei verstehen, das Aufzeigen-Wollen, auf alles Leid zu stoßen usw., trotzdem ist es mir bei aller Mediengewalt immer mehr zuwider, dass sich diese Themen wieder verstärkt in die künstlerische Ausdrucksform drängen. Diese Form des Ausdrucks wirkt dann auf mich eher wie eine gewollt auferlegte Wunde.
Weil immer mehr Kunstformen entstehen, weil man sich an Moderne überbieten muss, reicht es auf keinem Gebiet mehr aus, einfach darzustellen. Diese ganze Übersättigung aus allen Richtungen, was heißt aus Sicht der Künstler wie auch der Betrachter, treibt die Kunst in immer bizarrere Formen, bei denen sie schließlich ihren Sinn, ihren "Grundgedanken" verliert.
Vielleicht müssen gerade heutzutage Bilder in der Betrachtung eine Form an Schönheit bergen. Diese kann sich unterschiedlich ausdrücken, nicht in der Darstellung oder im Ausdruck, sondern in ihrer Aussage. Kunst muss auf den Betrachter ganz unterschwellig wirken und in ihm hauptsächlich etwas Gutes auslösen. Ebenso ist es in der Musik, wo der Klang sich ins Innere entfalten muss (und nicht, weil modern, an der Oberfläche quietscht!). In der Literatur wird es schwieriger, denn hier baut sich durch das Thema "Schmerz" so manche Spannung auf.
Ein Wunsch, Schmerz darzustellen, spiegelt auch inneres Empfinden der jeweiligen Künstler wider, völlig egal, was man aufzeigen oder ausdrücken oder darstellen will, egal, welch absurd neuen Schrei man nun schon wieder in eine Form presst. Kunst zum Aufzeigen von Weltensicht und eigener politischer Einstellung öffnet im Betrachter ganz unbewusst einen Raum der Leere.
Trotzdem muss man dagegen stellen, dass die Betrachter ihre Kunstansichten auch nur noch nach Markt und Trend richten, was schade ist.

Art & Vibration

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 21.08.2007 21:14von larifant • 270 Beiträge
Habe gestern Nacht zufällig (ich bin ein Kind) "Das kalte Herz" gelesen, wo in etwa das psychische Schmerzempfinden (insbesondere Mitleid = Mitschmerz?) ausgeschaltet wird.
Aussage: Wer keine (Herzens-)schmerzen kennt, kann sich auch an nichts erfreuen.
Hauff war weder Philosoph noch Neurologe, nur Theologe und schon mit 25 gestorben.
Gruß.
L.


RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 21.08.2007 21:49von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Das Gegenteil der Freude scheint mir die Traurigkeit zu sein, und wenn der Schmerz nicht existiert, die Leidenschaften, die Ängste, etc., dann kann das völlig monotone Treiben durchaus einen Kern an Traurigkeit bergen.
Vielleicht ist es aber auch nur diese Nuance an Traurigkeit, die ein Außenstehender (der den Schmerz kennt?) wahrnimmt. Wer inmitten allem lebt, wird sich ohne die Gegensätze in einem "Trott" befinden, vielleicht sein Sein gar nicht hinterfragen. Denn meistens führt doch gerade der innerliche Schmerz zu einer Notwendigkeit, sich ihn erklären zu wollen, wie darüber hinaus auch den Rest.
Und, ein anderer Gedanke: Vielleicht wäre Mitleid in solch einem Dasein auch gar nicht notwendig.
Und, vielleicht - ganz im Gegenteil - wäre Nächstenliebe ein ganz natürlicher Bestandteil, denn meistens entsteht Hass aus Schmerz und Mangel.
Allerdings führen viele Wege in die Gleichgültigkeit. Ein "Zuviel" wie auch ein "Zuwenig". Aus diesem mittigen Zustand heraus wird wohl auch keine Liebe entstehen können.
Liebe Grüße
Taxine

Art & Vibration

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 22.08.2007 19:26von Jo • 65 Beiträge
In der Betrachtung der Sünden fällt mir nur ein: Wie viele sich hier etwas versagt haben, um nicht in die Hölle zu kommen. Also ist auch der Verzicht eine Art Schmerz.
Der Schmerz als Warnsignal lässt den Menschen in jedem Fall seine Umwelt wacher betrachten.
Es grüßt
Jo

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 22.08.2007 19:38von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Auch der Stolz ist Schmerz oder ruft ihn hervor. Und meist dann durch eigenes Verschulden.
Grüße
Taxine

Art & Vibration

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 26.01.2010 21:54von Bea • 680 Beiträge
Ich schlucke meine abendliche Dosis Tabletten und öffne das Fenster.
Nach Lüften meines Zimmers setze ich mich an meine Bücher. Die einzigsten Bücher, die für mich noch von Interesse sind, sind Lehrbücher der Philosophie und Psychologie.
Ich habe längst nicht mehr die Hoffnung zu genesen, doch möchte ich nicht als Ignorantin sterben, ohne zu wissen, was das ist - mein Inneres.
Über meine Krankheit mache ich mir keine Sorgen und einen Arzt zu konsultieren, bereitet mir auch keine große Freude mehr.
Zwei Therapien habe ich abgebrochen und ich schlucke nur noch die Tabletten, wenn ich Spinnen sehe und meine Kopfschmerzen unerträglich werden.
Am Anfang meiner Krankheit verschlang ich einen Klassiker nach dem anderen, weil ich Verbündete suchte.
Menschen, die diese inneren Qualen kennen und durchlitten haben.
Von Hesse bis Thomas Mann, aber kein Buch zog mich so an, wie das Buch von Nietzsche: „Also sprach Zarathustra“. Dieses Buch las ich am Anfang meiner Krankheit und nur mit diesem Buch fühle ich mich verbunden und verstanden.
Ich verschlang Zeile für Zeile und las später noch all seine anderen Bücher. So bin ich von Nietzsche auf die Philosophie gestossen und mich treibt eine innere Kraft, noch mehr über mich zu erfahren.
Für meinem Dafürhalten bietet der Tod keinen Anlass zum Philosophieren. Sterben ist immer eine schreiende Ungerechtigkeit und es gibt auch keine Rechtfertigung, dass der Tod unvermeidlich ist.
Ich wollte meinen Tod in eine ehrenhafte, schöne, tapfere Tat umsetzen.
Befreit von all den Schmerzen und Seelenqualen um in ein unbekanntes Land fliegen zu können.
Aber als ich ein Buch von Hermann Hesse las, kam ich auf die Idee, meinen Tod einfach zu verschieben. Nicht nur ein schönes Trostmittel für die Nacht, sondern auch für den Tag.
Nun sitze ich wie Faust über meine Bücher und forsche nach den Punkten in meinem Kopf, die vielleicht aus Glasperlen bestehen und ein Spiel mit mir spielen wollen.
Ein Spiel, das Nietzsche schon kannte und daran zerbrach.
(Ich möchte später einmal einen Roman schreiben - was haltet ihr davon? - So stelle ich mir einen Anfang vor...?)
Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

RE: Mensch und Schmerz
in An der Philosophie orientierte Gedanken 27.01.2010 09:56von Patmöser • 1.121 Beiträge
Zitat von Bea
Ich schlucke meine abendliche Dosis Tabletten und öffne das Fenster.
Nach Lüften meines Zimmers setze ich mich an meine Bücher. Die einzigsten Bücher, die für mich noch von Interesse sind, sind Lehrbücher der Philosophie und Psychologie.
Ich habe längst nicht mehr die Hoffnung zu genesen, doch möchte ich nicht als Ignorantin sterben, ohne zu wissen, was das ist - mein Inneres.
Über meine Krankheit mache ich mir keine Sorgen und einen Arzt zu konsultieren, bereitet mir auch keine große Freude mehr.
Zwei Therapien habe ich abgebrochen und ich schlucke nur noch die Tabletten, wenn ich Spinnen sehe und meine Kopfschmerzen unerträglich werden.
Am Anfang meiner Krankheit verschlang ich einen Klassiker nach dem anderen, weil ich Verbündete suchte.
Menschen, die diese inneren Qualen kennen und durchlitten haben.
Von Hesse bis Thomas Mann, aber kein Buch zog mich so an, wie das Buch von Nietzsche: „Also sprach Zarathustra“. Dieses Buch las ich am Anfang meiner Krankheit und nur mit diesem Buch fühle ich mich verbunden und verstanden.
Ich verschlang Zeile für Zeile und las später noch all seine anderen Bücher. So bin ich von Nietzsche auf die Philosophie gestossen und mich treibt eine innere Kraft, noch mehr über mich zu erfahren.
Für meinem Dafürhalten bietet der Tod keinen Anlass zum Philosophieren. Sterben ist immer eine schreiende Ungerechtigkeit und es gibt auch keine Rechtfertigung, dass der Tod unvermeidlich ist.
Ich wollte meinen Tod in eine ehrenhafte, schöne, tapfere Tat umsetzen.
Befreit von all den Schmerzen und Seelenqualen um in ein unbekanntes Land fliegen zu können.
Aber als ich ein Buch von Hermann Hesse las, kam ich auf die Idee, meinen Tod einfach zu verschieben. Nicht nur ein schönes Trostmittel für die Nacht, sondern auch für den Tag.
Nun sitze ich wie Faust über meine Bücher und forsche nach den Punkten in meinem Kopf, die vielleicht aus Glasperlen bestehen und ein Spiel mit mir spielen wollen.
Ein Spiel, das Nietzsche schon kannte und daran zerbrach.
Zitat
(Ich möchte später einmal einen Roman schreiben - was haltet ihr davon? - So stelle ich mir einen Anfang vor...?)
Schreibe, gute Bea, schreibe. Jetzt!
Grüße,
Peter
