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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Fremde Planeten

in Prosa 10.06.2024 19:12
von Sokolow • 193 Beiträge

Ach Frischans, er hiess wirklich Frischans und der mit ihm sprach hiess Garstig, wirklich Garstig. "würdest du zu der neuen Nachbarin gehn und sie fragen, ob sie sich fotografieren ließe von mir, würdest du das für mich tun, du weiß doch, diese romane, sie füllen mich vollkommen aus, fragst du sie, sie in netzstrümpfen, wie in den versandkatalogen, die wir gar nicht kennen können, weil wir dazu viel zu jung sind.
wir sind siebenundachtzig, ich erinnere mich noch gut an die ersten Versandkataloge, in die Hütten haben wir uns versteckt und jeden Büstenhalter gezählt.
Seis drum hier geht es nicht um solchen Blödsinn, wir sind erwachsen, lad sie ein, wir sprechen später darüber, ich werde Erbsensuppe kochen.
im ernst?
oh ja, wir wollen unserem Gast doch etwas bieten.
Und wann fotografierst du sie?
später, später. geh nur zu ihr hin und frage sie. Garstig zögerte einen Moment, aber schließlich willigte er ein und machte sich auf den Weg zur neuen Nachbarin. Er klopfte nervös an ihre Tür und wurde von einer freundlichen Stimme begrüßt. Er stammelte etwas von einem Fotoshooting und einer Einladung zum Abendessen, was die Nachbarin freudig annahm. Was soll ich denn anziehen, zum Fotoshooting meine ich. Sie zerrte ihn in ihre Wohnung.
Es ist noch nichts gemacht in der Wohnung, überall noch Wanzen und Abhörgeräte, traurig oder?
Ja schon, aber ich soll sie zum essen einladen und zum fotografieren, mehr nicht, was machen sie denn da?
Ich schau sie an, ich frag mich ob sie ein Rechtsradikaler sind. Mögen sie Streuselkuchen, ich hab noch welchen, hat meine Oma gebacken, sie ist vor zehn Jahren gestorben.
Sie zog an seiner Krawatte. Die kriegt man aber schwer aus, sagt sie.
Was machen sie denn, wie kommen sie auf solche Ideen, Rechtsradikal, ich bin nicht Rechtsradikal, ich stand vor dem Grab von, wie heisst er denn doch noch.
Hitler.
Nein, was denken sie denn, der hat auch gar kein Grab.
Wer dann?
weiß nicht mehr, vergessen, ein Dichter, ein großer Dichter.
Goethe.
Komisch dass mir der Name nicht selbst eingefallen ist.
Wie wäre es, wir legen uns hin und sie erzählen mir, wann sie das erste Mal auf Deutschland stolz waren.
Hören sie, ich war nie auf Deutschland stolz, na gut als Klaus Fischer diesen Fallrückerzieher in die Hand nahm, gegen die Schweiz.
Gegen die Schweiz.
Da war ich schon stolz.
Auf die Schweiz?
Nein, auf Deutschland.
Sag ich doch.
Aber dann hat es aufgehört.
Warum?
Andere Dinge kamen.
Was für Dinge, schmutzige Dinge, Sex vielleicht
(wird rot) kein Sex, Ideen haben sie, gut einmal, eine schöne Frau war dass, sie saß immer
unter der Treppe und gähnte, sie wohnte in der Nähe, sie hatte vier Fernsehzeitschriften abonniert, sie backte mir
einen Bienenstich.
Hier ist etwas von dem Streuselkuchen.
Ein Stück höchstens.
Er schmeckt steinhart, wenn sie einen schaffen bin ich davon überzeugt, dass sie kein Rechtsradikaler sind.

Garstig war erleichtert, als er die Wohnung der neuen Nachbarin wieder verließ. Er konnte nicht glauben, was für eine sonderbare Begegnung das gewesen war. Zurück bei Frischans erzählte er ihm von dem merkwürdigen Gespräch und dem seltsamen Verhalten der Nachbarin. Frischans schien amüsiert zu sein und begann bereits, die Erbsensuppe vorzubereiten.

"Wie war sie denn so? Hat sie sich für das Fotoshooting eingelassen?" fragte Frischans neugierig.

"Ja, sie hat tatsächlich zugestimmt. Aber es war wirklich seltsam, sie redete von Wanzen und Abhörgeräten in ihrer Wohnung", antwortete Garstig verwirrt.

Frischans lachte laut auf. "Das klingt ja nach einer interessanten Frau. Vielleicht ist sie einfach etwas exzentrisch. Aber lass uns erstmal die Suppe essen und dann planen wir das Fotoshooting. Vielleicht können wir sie ja sogar dazu überreden, eine netzstrümpfähnliche Pose einzunehmen."

zuletzt bearbeitet 10.06.2024 19:15 | nach oben springen

#2

RE: Fremde Planeten

in Prosa 13.06.2024 10:40
von Taxine • Admin | 6.689 Beiträge

Auch das Kochen der Erbsensuppe könnte schon ein Hinweis auf Rechtsradikalismus sein. Und das Fotoshooting gilt heute im woken Untergang sicherlich als sexistisch, selbst wenn sie zustimmt, es sei denn, die Nachbarin macht danach Bilder von den beiden Herren in Frauenkleidern. 😉

Schön, wie du moderne Zeiten in Prosa verarbeitest. (Ist der erste Entwurf, oder?)




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