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Romualdas Granauskas
in Die schöne Welt der Bücher 16.11.2025 22:16von Taxine • Admin | 6.760 Beiträge
Romualdas Granauskas
"Das Strudelloch"
"Es wird gesagt, in der Jugend solle man leben, im Alter verstehen."
Tatsächlich habe ich dieses Buch nur aufgrund des beeindruckenden Namens ausgewählt, vielleicht auch in Erinnerung an Gavelis, um noch einmal in das damalige Litauen zurückzukehren, auf eine Perspektive hoffend, die weniger experimentell und noch weniger von Zorn bewegt ist. Granauskas erfüllt das auf allen Ebenen. Der Schriftsteller wurde 1939 geboren und gehörte zu den großen melancholischen Wortschöpfern Litauens, der sich mit dem traurigen Los des Menschen beschäftigte. Dieser Roman ist ein Alterswerk, eines der wenigen, die ins Deutsche übersetzt wurden, und reflektiert über das harte Leben während der Sowjetzeit, das Russen, Litauer, Ukrainer und andere gleichermaßen durchmachten, wie vielfach beschrieben. Der Schriftsteller vertieft sich in diesen mühseligen Alltag und zeigt das graue Gesicht der Trostlosigkeit, des Stumpfsinns und der Leere.
Erzählt wird die Geschichte von Gaučys Jiuozapas, der starb, ohne dass jemand erfuhr, wann und warum, der schon im Leben nicht dazugehörte und irgendwann einfach verschwand. Der Sprung erfolgt zurück in seine Kindheit, in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mitten hinein in die ländliche und strapaziöse Tretmühle der Kolchose, irgendwo, in einer Einöde abseits der Städte, mit wenigen Häusern und vereinzelten Dorfbewohnern, von denen schon einige ihren Verstand eingebüßt haben. Sie stehen abseits und doch auch zwischen den Fronten:
Zitat von Granauskas
"Es gab die Deutschen, es gab die Russen, aber die Mutter musste jeden Morgen, unabhängig von den einen oder von den anderen, ihr Kreuz entlang der Bahngleise schleppen, ihr Kreuz in der wörtlichen und in der übertragenen Bedeutung des Wortes: Sie legte sich ein Schulterjoch über die Schultern, hängte an jedes Ende eine Blechkanne voll Milch und wankte damit durch Kälte, Schnee und Regen in Richtung Stadt, jeden Morgen wieder mit ihrem Schulterjoch, immer auf demselben Pfad an den Bahngleisen, der wahrscheinlich auch dann nicht zugewachsen wäre, wenn sie ihn nur allein benutzt hätte."
Nach der Kindheit, die mit einem traumatischen Erlebnis endet, und nach drei Jahren in der Armee, sucht der junge Gaučys Arbeit als Fahrer und kommt mit ein paar Russen in einem städtischen Wohnheim unter, wo die Klos vollgeschissen sind, der Waschraum auf der anderen Seite des Korridors liegt, wo sie wie die Raben klauen und der billigste Fusel in Strömen fließt. Zuerst hat er Mitleid mit seinen Mitbewohnern, als er den Wodka mittrinken muss, dann allerdings auch mit sich selbst. Die Zeit im Wohnheim droht ewig zu dauern, denn Anrecht auf eine eigene Wohnung hat nur, wer bereits mehrere Jahre gearbeitet hat. Klava, eine Alkoholikerin und alleinstehende Mutter von zwei Kindern, die im Wohnheim allen Männern bekannt ist, nutzt seine Gutmütigkeit aus, ist aber auch die einzige, die ihm etwas "Wärme" gibt, bis sie sich ineinander verlieben. Natürlich steht dem Glück der graue Alltag entgegen, aber auch Klavas Großzügigkeit, ihn nicht in ihr elendes Leben hineinziehen zu wollen. Es locken eine Wohnung und eine andere Frau namens Maška, mit der das Leid dann erst richtig beginnt.
Granauskas ist ein Meister der Alltagsschilderung und komprimiert die Tragik zu einem Lesestoff, der das Herz rührt, aufrüttelt und Fragen stellt. Ich persönlich bewundere diese Kunst, die Trostlosigkeit so intensiv einzufangen. Zwischen dem schäbigen Dasein der Protagonisten funkelt ab und an auch ein Anflug Humor durch, wie ein Lächeln unter Tränen. Und Borschtsch isst Caučys auch häufiger und erinnert damit an einen typischen sowjetischen Alltag, der einem durchaus bekannt vorkommt:
Zitat von Granauskas
"Ab und zu hielt er nicht weit vom Markt bei einer billigen Kantine an, aß einen Teller rote Beetesuppe, aber sie war weder heiß noch schmackhaft, man könnte sagen, rötliches Wasser, in das ein Teelöffel saure Sahne hineingetan worden war."
Für mich war dieses Buch eines der Highlights in diesem Jahr, das ich so schnell nicht vergessen werde. Es erinnert an die wunderschönen Werke von Wassili Bykau, Andrej Platonow, Wenedikt Jerofejew und Wassili Grossman und hat doch eine ganz eigene, einzigartige Stimme.
(Alle Zitate stammen aus der Ausgabe: Romualdas Granauskas "Das Strudelloch" Wallstein Verlag)

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