Alain Damasio
Alain Damasio
„Die Flüchtigen“
Alain Damasio ist einer der faszinierendsten und eigenwilligsten zeitgenössischen französischen Autoren, ein Grenzgänger zwischen Science-Fiction, Philosophie, Poesie und politischem Aktivismus. Geboren 1969 in Lyon, hat er eine klassische Ausbildung hinter sich, als Lehrer unterrichtet, sich als Musiker, Klangartist und Spieleentwickler versucht und schließlich seinen ersten Roman herausgebracht. "Die Horde im Gegenwind" gilt in Frankreich bereits als Kultroman, ist ein hybrides, sprachgewaltiges Epos, das man nur schwer in eine Schublade stecken kann. Ähnlich sieht es mit dem hier vorgestellten Werk "Die Flüchtigen" aus, das zweite, das bei Matthes & Seitz in deutscher Übersetzung vorliegt und einige Preise erhielt, verdient, wie ich finde.
"Sie warten, bis wir einen Fehler begehen, oder provozieren ihn notfalls selbst: ein brennender Park, geplünderte Eigentumswohnungen, ein Zwischenfall mit einem Kind ... Ihr Totem ist die Angst, mit ihr wird jede Repression durchgesetzt."
Was genau ist dieser Roman? Ein Mix aus Gesellschaftsanalyse, Science-Fiction und Avantgarde, mit einer Geschichte, die einen sofort packt, die aber auch nicht leicht zu lesen ist, vor allem durch die inflationäre Nutzung modernster Begriffe. Gezeigt wird eine dystopische Welt der totalen Überwachung, in der ganze Städte von Konzernen aufgekauft werden, um Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben und Platz für die Wohlhabenden zu machen, wie es sich die Elite des WEFs erträumt. So geschieht es auch mit der Hype-Stadt Orange. Mittelst modernster Technik entsteht hier das Digitale, in dem sich der Mensch kaum noch ohne persönliche KI bewegt und alles auf ihn abgestimmt ist. Gemessen werden Verhalten, Emotionen, Gedanken und Bewegung. Durchläuft man bestimmte Zonen und Schleusen, wird sofort erfasst, wer man ist und was man braucht, um die dazu passenden Produkte anzubieten. Im Grunde ist dieser totale Konsum, diese Welt als Technik-Kokon mit Umgebungsintelligenz, ähnlich konzipiert, wie die Funktionsweise des heutigen Internets, nur in den realen Raum versetzt. Diese Technologie "... umhüllt unsere Einsamkeit mit einer Blase, die sie mit coolen Geräten und Interfaces tapeziert. Natürlich nutzt sie das aus, um uns bis zur Unterhose auszuspionieren und bis ins Mark zu manipulieren!"
In Orange gibt es Standard-, Premium- und Platinmenschen (nebst den Armen, denen der Zugang zu den Dingen von vornherein verwehrt ist), die sich, je nach Tarif, in bestimmten Zonen und in bestimmten Verkehrsmitteln bewegen können. Man wird bewertet, ist überall erfasst und hat wenig Chancen, sich außerhalb dieser Zonen zu bewegen. Dafür muss man das System austricksen, was wenigen gelingt, beispielsweise durch das Tragen von antibiometrischem Makeup. Es gibt Aufstände, aber die meisten fühlen sich in so einem Leben pudelwohl. Es ist bequem und praktisch, nimmt einem alles ab, selbst die eigenen Wünsche.
Zitat
"Dass unsere Wände lebendig und unsere Tische empfindsam sind, dass unsere Mülleimer mit uns sprechen und unsere Spiegel uns Komplimente machen, verleiht den Dingen Geist."
Gezeigt wird eine künstliche Intelligenz, die auf den Menschen in seinen ganz eigenen Bedürfnissen reagieren kann, die ihm ein Geschehen und Sein vorgaukelt, dass vordergründig auf sein Wohl ausgerichtet ist, während der Begriff "Freiheit" dahinter vollständig verschwindet, selbst für die, die sich dem entziehen möchten, denn sie sind permanent auf der Flucht. Gleichzeitig ist so eine Welt nur für die Elite geschaffen, die den einfachen Menschen nicht in ihrem Umkreis duldet und den arbeitenden Menschen zudem auch gerne durch Künstliches ersetzt.
Wie man sieht, mangelt es Damasio nicht an Ideen, als hätte er alles eingesaugt, was sich in unserer Gegenwart und Zukunft anbahnt. Auch die Story selbst kann sich sehen lassen, überzeugt sowohl von der Spannung als auch vom Konzept her.
Als ihr Kind Tishka verschwindet, trennen sich Lorca und Sahar, weil letztere durch ihn immer an die vierjährige Tochter erinnert wird und versucht, zu akzeptieren, dass die Dinge unwiderruflich sind und das Kind wahrscheinlich tot ist. Lorca dagegen lässt sich weiter von Hoffnung tragen. Er glaubt, Tishka wurde von sogenannten Flüchtigen entführt oder mitgenommen, wieselartige Kreaturen, die sich unsichtbar machen können, was die Jagd auf sie erschwert. Es braucht Intuition und noch einiges mehr, um ihnen auf die Schliche zu kommen. Aber eigentlich ist nie so ganz klar, was sie sind, nur dass sie über Töne kommunizieren, Materie absorbieren, auf Emotionen reagieren und, wenn sie gefangen werden, sofort versteinern, damit man sie nicht erforschen kann. Lorca lässt sich zum Jäger in einer Spezialabteilung des Militärs ausbilden, weil er die Gabe hat, diese Wesen aufzuspüren, obwohl er bereits 45 Jahre alt ist und zum Soldaten wenig taugt. Er hofft so, seine Tochter wiederzufinden, die er unter den Flüchtigen glaubt. Sahar wiederum lehnt seinen Versuch ab und geht davon aus, dass das Militär die Menschen täuscht, die Flüchtigen nur einem Grund dienen:
Zitat
"Zusammenhalt ist das oberste Gebot für unseren sterbenden Staat, und nichts schafft größeren Zusammenhalt als eine geteilte Bedrohung."
Sie denkt, dass Lorca sich etwas vormacht, um seine Trauer durch abstruse Ideen zu verarbeiten. Doch schon bald findet Lorca heraus, dass sich die Flüchtigen auch für einander opfern (selbst für Menschen, die sie in ihrem Kreis aufgenommen haben) und dass sie etwas ganz anderes sind als zunächst angenommen. Ab hier wird es umso spannender.
Die Kritik an bekannten Folgen des Fortschritts durch Kontrolle und Digitalisierung erfolgt teilweise offen, teilweise auch unterschwellig, eingebettet in eine mögliche Zukunft, die sich der Leser nur allzu gut vorstellen kann. Neben der persönlichen Werbung und Überwachung durch Drohnen und über einen vom System aufgezwungenen Fingerring (natürlich ein "hübsches Schmuckstück mit zeitlosem Design und aufwendigem Marketing") ist es möglich, Kinder nach Marken zu benennen, um Tantiemen zu kassieren. Auch Bargeld ist kaum noch im Umlauf, schön sichtbar in dieser Szene:
Zitat
"Statt ihnen etwas abzukaufen und damit das System zu unterstützen, gab ich den Verbettlern lieber etwas Geld, Bargeld, was ihnen stets merkwürdig vorkam. Niemand außer Schwarzhändlern und ein paar alten Leuten führte noch Bargeld mit sich. Immerhin etwas zu essen, eine Nacht im Kapselbett und gebrauchte Klamotten konnte man damit noch kaufen, zumindest dort, wo die Schuppen und Absteigen überdauerten, wo also noch nicht alles am Tropf des REGEN hing - dem Regionalplan für Entwicklung, Grüne Energie und Nachhaltigkeit (zum nasse Tränen lachen, ehrlich). Immerhin etwas, das nicht in den Rachen der automatischen Profiterzeuger floss!"
Besonders lehrreich ist die Unterhaltung mit der KI, die sich Lorca mit der Bedingung" kritisch" einstellt und dann im Test in ihren Reaktionen durchschaut. Damasio muss sich kaum etwas ausdenken, hat aber das Wesen dieser Technologie und Entwicklung wunderbar verstanden. Die Reaktion der KI ist immer auf den Menschen, der da fragt, abgestimmt und streichelt bei Bedarf das Ego, sodass eine Nachfrage als Herausforderung wirkt, statt eine befriedigende Antwort zu liefern. Das kommt uns sicherlich bekannt vor, wenn wir selber mit der KI kommunizieren. Und auch das kennen wir, die wir das gebundene Buch dem digitalen Gerät vorziehen:
Zitat
"Durch die Schaufensterscheibe sah ich Sahar, die ein Papierbuch las - eines dieser analogen Dinger, die nie abstürzten, nicht mit einem sprachen, ohne Strom funktionierten und nie fragten, ob man sie nicht aktualisieren wolle."
Erzählt wird das Ganze aus verschiedenen Perspektiven, oft sprunghaft und ohne den Sprechenden immer genauer zu definieren. Das Erkennen der jeweiligen Person ergibt sich aus der Art der Formulierung und der individuellen Gedanken. Beeindruckt hat mich, wie es Damasio dadurch gelingt, den kritischen Geist aus allen Blickwinkeln zu zeigen. So denkt Lorca völlig anders als Sahar, obwohl beide das System ablehnen, während auch die anderen Protagonisten noch einmal ihre ganz eigene Sichtweise haben. Ebenso wird wunderbar dargestellt, wie idealistische, skeptische und verzweifelte Menschen vom System genutzt werden.
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(Alle Zitate stammen aus der Ausgabe: Alain Damasio "Die Flüchtigen", Matthes & Seitz Berlin)
Alain Damasio
Die Horde im Gegenwind
"Die Zeit ist in euch wie Wasser in einer Flasche. Sparsam trinkt ihr jeden Tag ein klein wenig von euch selbst.
Dieser Roman ist wahrlich von Wind durchweht, dass nicht nur Menschen, sondern auch die Worte verloren gehen. Man wird als Leser mitten ins Geschehen geworfen und muss sich den Beginn irgendwie zusammenreimen oder wie ein Puzzle zusammensetzen. Bald zeigt sich, dass hier eine Horde gegen den Wind ankämpft, um herauszufinden, was am Ende der Dinge liegt. Sie besteht aus Menschen, die verschiedene Aufgaben erfüllen und nur in der Gruppendynamik stark sind. Wie im Roman „Die Flüchtigen“ wird abwechselnd erzählt, wodurch das Geschehen von allen Seiten sichtbar wird. Dabei ist jeder Charakter lediglich mit einer Glyphe gekennzeichnet, was gegen Ende des Romans notwendig Sinn ergibt. Aber das Lesen wird dadurch keinesfalls erschwert. Im Gegenteil zeigt sich die Geschichte so aus allen Perspektiven, und der Leser weiß schnell, wer wann redet, da die Charaktere sehr eindeutig sind.
Alles ist eine Fantasiewelt, in der jedoch immer die Weitergabe des Wissens von Generation zu Generation erfolgt. Es gibt mehrere Gruppierungen. Neben der Horde existieren die Nestlinge, die in den Dörfern bleiben, und die Schräglinge, die plündern oder nach Gold suchen. Ebenso sind da die Freolen, die mit modernen Schiffen längst weiter als die Horde vorgedrungen sind und die Technik gegen die Körperkraft symbolisieren. Aber um alle neun Formen des Windes zu erleben, bedarf es des Fußmarsches ohne Hilfsmittel. Weder Fahrzeug noch Boot sind erlaubt, nur die eigene Kraft des Körpers. Die jetzige Horde ist bereits siebenundzwanzig Jahre unterwegs und keinesfalls die erste. Die meisten Teilnehmer waren zu Beginn der Reise noch Kinder und folgten den Angaben der vorherigen 33 Horden, die ihnen Tipps zum Überleben überliefert haben. Denn der Gegenwind erhebt sich in Wogen, die tödlich sind und kreiert Illusionen, die den Geist verwirren.
Die Gruppe bildet eine Einheit. Wenn nur einer aus der Reihe tanzt oder aufgibt, sind alle betroffen. Es geht darum, gemeinsam stark zu sein, wo so viele Feinde und Fallen auf dem Weg warten. - „Ein einziger Riss im kollektiven Willen, und Verdrossenheit sickerte ein, breitete sich aus wie ein Virus…“ - Sie orientieren sich an einer eigenen Karte, die unvollständig ist. Sie reicht vom Fernstromab bis zum Fernstromauf, der vielleicht gar nicht existiert. Genau das gilt es, herauszufinden. Dabei kommt es darauf an, alle neun Formen des Windes kennenzulernen, als die einzige Möglichkeit, im Fernstromauf überleben zu können.
Der Zusammenhalt gibt ihnen Kraft und es entwickeln sich tiefe, zwischenmenschliche Beziehungen, die auch den Leser miteinbeziehen. - "Weil Begegnungen rar gesät sind, muss man die Reichtümer derer auslesen, die man jeden Tag um sich hat..." – Und mit jeder Konfrontation der verschiedenen Winde erweitern sie ihr Wissen, bilden geeignete Formationen und halten ihre Erfahrungen für mögliche Nachfolger fest. Allerdings bestehen auch Interessen, sie von ihrem Ziel abzubringen. Überhaupt sind Gestalten vorhanden, für die Zeit und Raum keine Rolle spielt, sowohl auf Freundes- als auch Feindesseite. Die Gruppe lebt nach einem strengen Kodex. Und es geht darum, herauszufinden, inwieweit ihr Unternehmen sinnvoll ist und es sich tatsächlich lohnt, seinen Träumen hinterherzujagen.
Das alles wird sehr fantasiereich erzählt. Damasio wechselt dabei zwischen trivialen Actionszenen und tiefer Philosophie. Natürlich fehlt der kreative Anteil nicht, beispielsweise durch die Wettbewerbe der Palindrome zwischen den Dichtern. Darüber hinaus nutzt Damasio Satzzeichen und Typografie, um Windböen, Wirbel und die physische Anstrengung des Gehens darzustellen. Sehr schön war auch die Bibliothek als ein Turm, der ausschließlich aus Büchern besteht, genauer gesagt, aus Steinen, in denen das Wissen als Destillat in Form von Aphorismen eingeritzt ist, von dem die Horde profitieren möchte. Das zu erreichende Ziel erinnert während des Lesens immer wieder an Strugazkis goldene Kugel, denn auch hier heißt es, im Fernstromauf gehen Wünsche in Erfüllung. Ebenso wäre Tarkowskijs Version als Begegnung mit den eigenen Ängsten, Nietzsches Gegenüberstellung von Lebenswillen und unbezwingbarer Naturkraft und der Kampf gegen die Windmühlen eines Don Quichottes denkbar, während es dann doch ganz anders kommt. Überhaupt geht Damasio immer einen Schritt weiter, bringt ZEN und Quantentheorie mit ein, reflektiert über Zeit, Sein und Sehnsüchte.
Zitat
"Allein die Skelette werden eigentlich geboren, eine Chance haben nur jene, die sich über ihr Bündel Knochen und Holz erheben, auf der Suche nach einem Fleisch, auf der Suche nach einer Borke und einer Haut, nach ihrem Mark, auf der Suche nach einem Stoff, der sie durchdringt und somit erfüllen kann."
Dieser Roman hat mir noch besser als sein Zweitwerk gefallen, weil hier im Chaos eine tiefe Ruhe zu spüren und auch die Geschichte geordneter ist. Ich bin vor allem vom Ideenreichtum Damasios begeistert, der sich tatsächlich mit keinem anderen Schriftsteller vergleichen lässt. Auch das Ende ist gelungen, wobei der Leser vorab einige Vermutungen anstellen darf, was passieren wird. Der Roman entstand bereits 2004 und erschien bei Matthes & Seitz erst 20 Jahre später in der deutschen Übersetzung von Milena Adam. Der Kultstatus in Frankreich ist, in meinen Augen, absolut verdient.
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(Alle Zitate stammen aus der Ausgabe: Alain Damasio "Die Horde im Gegenwind", Matthes & Seitz)
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