Die Klassiker - ein editorisches Trauerspiel. Oder: Der unsichtbare Kanon ...

Gestern 10:55 (zuletzt bearbeitet: Gestern 19:38)
#1
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Im März 2022 durfte der von mir sehr geschätzte Wolfgang Matz, ich habe drei Bücher von ihm gelesen, in der FAZ unter der Überschrift „Deutschland entsorgt seine Literatur“ beklagen, dass in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern die vernünftigen und bezahlbaren Klassikerausgaben fehlen. Gelegentlich leisten sich die modernen Medienschaffenden einen solchen Ausflug in die konservative Kulturkritik; als Feigenblatt für die eigene Unbedarftheit und als Ausweis der eigenen Weltläufigkeit, Toleranz und Bildung. Freilich ist dieser, wo nicht gefälscht, eine billige Fälschung, die Kopie einer Kopie; längst abgelaufen vor vielen Jahrzehnten und kann nur schlecht verbergen, was für Schindluder da in den Gazetten seit so langer, viel zu langer Zeit getrieben wird.

Wir haben also nach Matz die preiswerten Taschenbücher des monumentalen Sonderfalls der gelben Reclam-Bibliothek. Es gibt die gigantischen historisch-kritischen Ausgaben, zumeist in Universitätsverlagen, unbezahlbar, nie zu beenden; viele Regalmeter füllend mit für den normalen Leser vollkommen überflüssigen Spezialinformationen wie Varianten, Manuskriptbeschreibungen und vielem mehr. Viele der im Buchhandel erhältlichen und preisgünstigen Taschenbücher beschränken sich meist auf gängige Haupttitel, nicht selten in unzuverlässiger Textgestalt. Entscheidend für das Weiterleben der Klassiker, ihre Rezeption, ihr stetiges Wiederlesen aber ist die kompakte Werkausgabe, zuverlässig, repräsentativ, handlich, erschwinglich, gut und pragmatisch kommentiert; dazu angemessen schön, haltbar gedruckt und gebunden, damit sie auch wiederholtem Zugriff standhält.

In der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2026 ist man in letzter Hinsicht so gut wie verloren, da kann ich dem gescheiten Germanisten nur zustimmen. Als passionierter Leser, Bücherfreund und Sammler konnte ich das seit spätestens Anfang der 80er Jahre persönlich verfolgen, obwohl in der DDR eine ganz eigene Buchkultur die Tendenz milderte; Wolfgang Matz sieht die Anfänge des Endes richtigerweise bei den kulturrevolutionären Achtundsechzigern; die wie ihr Namensgeber in China eben genau diese Kultur vernichteten statt sie zu bewahren, zu erhalten und fortzuentwickeln. Zeitig begann ich also die mir zugänglichen Werkausgaben zu sammeln; vor allem die Bibliothek deutscher Klassiker (BDK), deren Textgrundlagen freilich oft mehr als zweifelhaft und überholt waren; und später, was schon schwieriger wurde; weil sie erheblich teurer waren und zu Zeiten des Umbruchs erworben wurden, wo jeder Pfennig noch im Portemonnaie festklebte für wichtigere Aspekte des täglichen Lebens, die sehr schönen Ausgaben von Artemis & Winkler, Hanser, Becks, Klett-Cotta, Athenäum oder auch Insel.

Als mit dem Deutschen Klassiker Verlag (DKV) Suhrkamps das literarisch-editorische Paradies vor meinen Augen erschien, glaubte ich wieder an das Gute und den Fortbestand der Menschheit. Endlich (endlich!!!) sollten die lange fehlenden Ausgaben von Johann Gottfried Herder, Ludwig Tieck oder Bettina von Arnims erscheinen; dazu die vielen wichtigen Texte aus dem Mittelalter, der Zeit von Humanismus und Renaissance, dem Barock und der vorklassischen Zeit; auch die weniger bekannten Großen des langen 19. Jahrhunderts. Das Projekt scheiterte, musste scheitern; denn wer sollte diese Luxusbücher, deren Kommentare an Seitenzahl die Primärtexte nicht selten um ein Vielfaches übertrafen, kaufen und sich ins Regal stellen? Man bräuchte nicht nur ein gewaltiges Privatvermögen als gewöhnlicher Leser, sondern auch ein geräumiges Haus mit hunderten Quadratmetern für diese Meterware. Als die Herder-Ausgabe herauskam, hätte ich viel bezahlt; für zehn Bände zwischen 150 und 500 Mark, später auch Euro; aber ein- bis zweitausend (sic!!!); das war mir einfach nicht möglich. Immerhin, das will ich nicht verschweigen; habe ich nun die Taschenbücher aus dieser Reihe komplett; aber sie ersetzen eben auch nicht die kompakten Werkausgaben, weil sie nicht annähernd vollständig sind.

Nun bleibt der Befund; dass wir Goethe, Schiller, Lessing, Fontane haben können für gutes Geld, aber dann wird es schon eng. Wie habe ich mich gefreut, als ich Gerhart Hauptmanns Sämtliche Werke in 11 Bänden bei Propyläen ergattern konnte; diese Ausgabe ist gerade wieder einmal lieferbar, war es lange Zeit nicht. Aber wie viele Namen müsste man nennen; wo es klemmt, wo eine vernünftige Leseausgabe fehlt? Die von Ludwig Tieck ist vielleicht das wichtigste Desiderat; aber es fehlen auch Uhland, Immermann, Gotthelf, Claudius, Platen, Heinse, die Arnims, Bürger, Chamisso, die Droste, Eichendorff, Grabbe, Grillparzer, Hoffmann, Klopstock, Lenz, Mörike, Moritz, Raabe, Seume, Stifter. Dem Literaturliebhaber bleibt so nur das Suchen und Stöbern in den Antiquariaten; etwa nach den einzelnen Bänden von Wilhelm Raabes Sämtlichen Werken (Braunschweiger Ausgabe) bei Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen (jetzt Brill); auch dieser Verlag erleidet so das Schicksal wie die großartigen Winkler Dünndruck-Ausgaben. Ich hatte vor zehn Jahren leichtsinnig Wielands Sämmtliche Werke als Reprint bei Greno weggegeben an die Forschungsstelle in Oßmannstedt, weil ich glaubte, bis zum Wielandjubiläum; wenn 250 Jahre seit der Ankunft des Dichters in Weimar vergangen sind, möchte die von Jan Philipp Reemtsma mitverantwortete und finanzierte Historisch-kritische Ausgabe, vorliegen, aber da hatte ich mich getäuscht; ein oder zwei Bände beim DKV oder bei Reclam, mehr ist auch heute nicht zu haben.

In anderen Ländern läuft das ganz anders: In Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung erhält die Hauptfigur François, ein Literaturwissenschaftler, sozusagen als Lockmittel für den Übertritt zum Islam und damit den Wiedereintritt in die Pariser Universität den Auftrag, eine wissenschaftliche Ausgabe der Werke Huysmans’ für die Pléiade zu besorgen. Daraus sieht man erstens, was es anderswo für Projekte gibt und zweitens; welchen Stellenwert diese haben. Wolfgang Matz schreibt zur deutschsprachigen Misere: „Muss das so sein? Nein. Denn wirft man einen Blick über den Tellerrand der Sprachgrenze, so wird das Desaster nur noch klarer. In Frankreich umfasst die berühmte Bibliothèque de la Pléiade – neben Hauptwerken der Weltliteratur – praktisch die gesamte französische Literatur: gut kommentierte Leseausgaben in nunmehr 660 Bänden, handlich, übersichtlich und unaufwendig durch knappen Satzspiegel und Dünndruck; der komplette Flaubert in fünf Bänden misst achtzehn Zentimeter im Regal, Stendhals Romane in drei Bänden vierzehn Zentimeter, zwei Bände Baudelaire acht; der Preis deshalb in Relation zum Inhalt moderat. Die Pléiade leistet genau das Notwendige: Wer die entsprechend ausgewählten Bände besitzt, der besitzt ein komplettes Korpus der französischen Literatur im einheitlichen Standard. In Italien tut die Reihe I Meridiani bei Mondadori Ähnliches, ebenfalls fortgesetzt bis weit ins zwanzigste Jahrhundert; nicht viel anders die Library of America.

Im sogenannten Land der Dichter und der Denker gibt es so etwas nicht! Der Kahlschlag der letzten Jahrzehnte und die Torpedierung der klassischen Verlagswelt lassen wenig Spielraum für Hoffnungen und Träume zwischen zwei Buchdeckeln. Es bräuchte nach Matz eine seriöse Lenkung durch die Akademien und eine forcierte Förderung durch Politik und Wirtschaft. Wie der Öffentliche Nahverkehr und der medizinische Sektor, sage ich; bleibt die Wahrung der kulturellen und literarischen Tradition eine Frage öffentlichen Interesses und des Gemeinwohls. Statt Milliarden im Kampf gegen eine nur eingebildete Bedrohung von rechts zu verpulvern, sollte man lieber das Geld nehmen und in eine dem französischen Vorbild ähnliche Reihe investieren. In den Büchern unserer Großen lässt sich wesentlich mehr Gedankengut gegen alle Formen totalitärer Herrschaft finden als in allen modernen ideologischen Fest-, Hetz- und Kampfschriften. Diese Bücher sollte man natürlich in die Hand nehmen können; daheim lesen im Sessel, auf dem Sofa; oder im Park, am Strand und im Bett. Und auch für den, der nur eine Bücherwand zum Renommieren braucht; sollte genug gesorgt sein.

Gibt es eine Reaktion in Deutschland auf solche Klagen? Natürlich nicht. Bestenfalls ereifern sich die tiefsinnigsten unserer flachen Köpfe darüber; dass es doch gar keinen Kanon gäbe; den man zu editieren vermöchte. Wir bräuchten auch gar keinen; denn die Gegenwart hätte andere Sichtweisen und Autoritäten nötig. Eine solche Perspektive ist einzigartig; alle anderen Länder mit großen Nationalliteraturen wissen genau, was ihre Klassiker sind und wer irgendwie kanonisch ist; die Franzosen, die Engländer, die Russen, ja selbst die Amerikaner. Natürlich ist jeder Kanon dazu da, pro Jahrhundert, Jahrzehnt, Jahr, Monat, Tag, ja stündlich geprüft zu werden und das über die Jahrtausende des geschriebenen Worts; aber das bedeutet auch, dass es ihn gibt. Es ist doch selbstverständlich; dass nicht alle Dichter und Schriftsteller kanonisch bleiben; die Welt verändert sich und mit ihr der Blickwinkel und die Bewertung; andere haben es aus unterschiedlichen Gründen nicht in den Kanon geschafft, obwohl sie hineingehörten; wieder andere sind drin, ohne dass man noch genau weiß warum eigentlich; und ganz anderes wurde gar nicht erst geschrieben, wäre aber sicher im Kanon gelandet.

Ein Kanon ist ein wundersames Gebilde und er ist so ungerecht und undemokratisch, wie auf dieser Welt nur etwas ungerecht und undemokratisch sein kann. Aber ich wiederhole, er existiert: Was früher in der Schule gelesen wurde und an der Universität gelehrt; alles, was im Sieb der Jahrzehnte hängen bleibt, das ist irgendwann so etwas wie ein Kanon. Dieser Kanon hängt von sehr vielen außerliterarischen Gesichtspunkten ab und eine Grundvoraussetzung sind bezahlbare Bücher, die den Text durch die Zeiten tragen, damit willige Leser sie finden können. Es sind Bücher, die man immer wieder zur Hand nimmt und immer wieder liest; weil sie uns auch noch nach langer Zeit ansprechen und unsere eigene Zeit zu deuten vermögen. Man muss doch nur einen Band Wieland neben einen beliebigen Schmöker heute legen und parallel lesen; um zu erkennen; wie Inhalt, Form und Sprache sich unterscheiden; einen Aufsatz von Lessing neben den eines Denkers heute. Einen Kanon zu leugnen; kann nur die Ursache haben; dass sich die heutige intellektuelle Elite mit Blick auf die Vorfahren als äußerst durchschnittlich, ja mittelmäßig erkennen muss; als weit unterhalb eines einstigen denkerischen und schriftstellerischen Niveaus angesiedelt. Hass, Neid und Missgunst des unliterarischen Massenmenschen treffen hier ganz sicher nicht die Falschen; denn unsere Großen von einst waren ausgesprochene Feinde des Mittelmaßes.

Wie stehen wir also heute da? Zum einen haben wir eben keine bezahlbaren Taschenbuchwerkausgaben unserer Klassiker oder all derer, die irgendwie in einen Kanon gehören könnten. Und die wenigen Ausgaben für Studium und Schule werden mit Warnhinweisen versehen, dass sich Lesende womöglich an gewissen Inhalten und Formulierungen stören könnten oder gar verletzt fühlen bis hin zum Trauma. Und im Text selbst wird bereinigt, getilgt, zensiert, umbenannt und in welcher Art auch immer übergriffig eingegriffen; die eigentliche Textgestalt ist nicht mehr gesichert. Hunderte Jahre Arbeit verdienstvoller Editionsphilologie werden hektisch dem Mainstream und Zeitgeist geopfert. Es werden Zeiten kommen; dass wir die Buchdealer unseres Vertrauens aufsuchen müssen, um umbereinigte, kritischen Ansprüchen genügende und ursprünglich bezahlbare Werkausgaben erwerben zu können; nun aber wieder unsäglich teuer, weil Drogen eben ihren Preis haben.


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Gestern 14:15 (zuletzt bearbeitet: Gestern 15:57)
#2
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Der Widerstand gegen jeden Kanon etwa in der Literatur nun schon seit vielen Jahrzehnten in unseren Breiten liegt nicht im Willen zu vorsichtigen und differenzierten Werturteilen begründet; sondern schlichtweg darin, dass man zu faul zum Lesen ist und diese Bequemlichkeit hinter vorgeblichen Objektivierungen und Relativierungen versteckt. Der Sieg der Dummheit, Unwissenheit und Faulheit lässt sich nur bemänteln, wenn man einen Kanon jeglicher Art leugnet und postuliert, es gäbe keinen, weil sich die Literaur einer Kanonisierung entzöge, da alles relativ und zeitgebunden und letztlich gesellschaftlich determiniert sei. Mit dieser Begründung vermeidet man sinnfällig die Überprüfung von Lektürearbeit und belastbaren Kenntnissen auf allen Feldern literarischer Bildung, weil man immer behaupten kann; das und das kenne man nicht, dafür aber anderes. Ganz im Gegenteil kennt man in der Regel eben weder das, was früher im Kanon bestand, noch das, was sich nicht oder noch nicht und nicht mehr in diesem befindet. Die Weigerung bezüglich aller Festlegungen resultiert also letztlich aus der selbst verursachten und als solcher erkannten Bildungsferne der Verweigerer, aus der Dekonstruktion althergebrachter Bildungsideale und einem Relativismus, der sich vor der allgemein gültigen Wahrheit und der für sie notwendigen Arbeit fürchtet.


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Gestern 16:10 (zuletzt bearbeitet: Gestern 16:21)
#3
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Ein Beispiel für die Klassiker-Ausgaben: Ich las die letzten Wochen nach Anregung anderswo erneut Johann Gottfried Seume, dessen Hauptwerke (Mein Leben, Mein Sommer 1805, Spaziergang nach Syrakus, Apokryphen, Gedichte) in zwei schmalen Bändchen Platz finden. Ich lernte ihn selbstverständlich über die zweibändige BDK-Ausgabe der DDR kennen, deren Textgrundlage freilich nicht den heutigen Standards entspricht. Daneben bot Reclam Leipzig die russisch-nordische Reise, bei Reclam Stuttgart sah ich die Autobiografie. Da ich nun endlich von diesem großen Manne eine moderne historisch-kritische Ausgabe haben wollte, legte ich mir zum Jahreswechsel antiquarisch die drei Bände des Deutschen Klassiker Verlages zu, zusammen je nach Anbieter 200-250 Euro. Das ist natürlich im Sinne der obigen Ausführungen absolut untragbar, hier müsste es eine zweibändige Taschenbuchausgabe nach Art der Pléiade für bestenfalls 38 Euro geben.


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Gestern 16:33
#4
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Aus der Rubrik das Volk der Dichter und Denker Teil 425:

Friedrich Nietzsche ist der wirkungsmächtigste und am Stärksten rezipierte deutsche Philosoph, die Geschichte der Edition seines Gesamtwerkes ein Krimi und eine Tragödie. Seit Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts aber erscheinen die Bände der Kritischen Gesamtausgabe, die von den beiden Italienern Giorgio Colli und Mazzino Montinari, denen man in Weimar ein Denkmal setzen sollte, besorgt wurde und 1980 in erster Auflage auch als erschwinglichere Kritische Studienausgabe (KSA) bei dtv erschien, der 1988 die 2. Auflage und 1999 die vorläufig letzte und dritte folgte.

Die letzte Auflage liegt also inzwischen fast ein Vierteljahrhundert zurück und wird mittlerweile, wenn man sie überhaupt bekommt, antiquarisch mit um die 500 Euro gehandelt, die beiden vorigen liegen zwischen 250 und 350 Euro. Ich bin mir sicher, dass ein Markt für eine Neuauflage da wäre, die Nachfrage muss doch groß sein. Aber dtv erklärt auf Nachfrage, dass weder kurz- noch mittelfristig eine geplant sei. Ich weiß nun nicht, welche verlegerischen Gesichtspunkt im Rahmen der Wirtschaftlichkeit hier eine Rolle spielen, aber dass man die einzige verlässliche Gesamtausgabe Nietzsches nicht mehr kaufen kann, scheint mir ein absolutes Unding und ein Armutszeugnis auch für unsere Kultur.

Man mag einwenden, dass es die ersten sechs Bände mit den Hauptwerken, die zu Lebzeiten und postum erschienen sind, alle einzeln zu kaufen gibt und inzwischen auch in einer sechsbändigen Ausgabe innerhalb der renommierten Philosophischen Bibliothek des Felix Meiner Verlages vorliegen, aber es fehlen eben die Bände 7 bis 14 mit den Nachgelassene Fragmenten von 1869 bis 1889, die einzeln nicht erhältlich und auch nicht Teil anderer älterer Ausgaben sind in diesem Umfang und dieser Vollständigkeit. Diese acht Bände sind genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger für eine umfassende Beurteilung der Bedeutung Nietzsches, weil etwa die 1906 von der Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche und dem langjährigen Freund Heinrich Köselitz („Peter Gast“) herausgegebene Schrift mit dem berühmt-berüchtigten Titel "Der Wille zur Macht" nur hier so gelesen werden kann, wie sie philologisch seriös erscheint, als eine lose Sammlung unsystematischer, unzusammenhängender Fragmente, als Vorarbeiten, Studien, Unfertiges. Gerade weil das vermeintliche Hauptwerk die philosophische und sonstige Rezeption so maßgeblich beeinflusst hat, geht an den Nachlassbänden kein Weg vorbei. Dafür müssen sie aber vorliegen und greifbar sein.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in Frankreich keinen vollständigen Voltaire mehr bekommt, in England keinen David Hume oder in den USA keinen William James. Aber natürlich kann ich mich auch täuschen, freilich hat keiner der Genannten den Rang und die Bedeutung eines Nietzsche. Man stelle sich dann eben vor, man bekäme keine vollständige Musik von Bach mehr zu hören oder könnte Bilder von Caspar David Friedrich nur noch ausschnitthaft sehen.


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