Bücher, die ich häufiger als zweimal gelesen habe: Ein kurzer Überblick

25.01.2026 15:56
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Eine Abteilung meiner Privatbibliothek umfasst natürlich sozusagen selbstreflexiv Bücher über die Geschichte des Buches, über Bibliotheken, öffentliche und private Sammlungen; Buchkunst, Buchillustrationen und – ganz wichtig - Bücher über Bücher; also Bücher über andere Bücher. Dieser letzte Bereich wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger für mich; vor allem in der Hinsicht, dass ich geradezu vogelwild darauf bin zu erfahren, was andere halbwegs normale Menschen wie ich lesen und welche Bücher ihnen besonders wichtig sind, welche in ihrem Leben sozusagen eine existenzielle Bedeutung haben. Also nicht Thomas Mann oder Nabokov oder hundert andere große Schriftsteller, deren Texte über andere Bücher sattsam bekannt sind und viel über diese Autoren selbst aussagen, sondern Journalisten, Literaturwissenschaftler oder eben ganz normale Leute wie du und ich, die ihr ganzes oder halbes Leben mit Lektüre verbrachten.

So sind also Romanführer sehr nützlich für den Überblick oder des gestrengen und zuweilen unleidigen Rolf Vollmann Bücher „Die wunderbaren Falschmünzer“ oder „Der Roman-Navigator“; oder Ulrich GreinersLeseverführer“; selbst mehr oder weniger zeigefingrige Werke wie das gelungene „Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur“ von Michael Maar und das weniger gelungene, weil steifbeinige „Literatur lesen wie ein Kenner. Eine Handreichung für passionierte Leserinnen und Leser“ von Hermann Kurzke; selbst SchwanitzensBildung. Alles, was man wissen muß“; oder die von Markus Gasser; „Das Buch der Bücher für die Insel“ und „Eine Weltgeschichte in 33 Romanen“ sowie dessen zahlreichen Beiträge auf seinem YouTube-Kanal „Literatur ist alles“. Es sind eher Bücher wie „Der Sinn des Lesens“ von Pieter Steinz, die mich so beeindruckt und erschüttert haben; dass ich es ihnen gerne nachtun möchte, wäre ich nur dazu in der Lage. Dem sicheren und nahen Tod durch die furchtbare und nach wie vor unheilbare Krankheit ALS entgegensehend, hat sich der Autor noch einmal in seiner Bücherwelt umgetan:

„"Der Sinn des Lesens" ist nicht nur die Chronik eines angekündigten Todes, sondern gewährt einen wesentlichen Blick auf die Bedeutung der Literatur: ihren Sinn fürs Leben.Im Sommer 2013 wurde bei dem niederländischen Journalisten und Buchliebhaber Pieter Steinz die unheilbare Nervenkrankheit ALS diagnostiziert. Nur wenige Monate später begann er eine Reihe von 52 kurzen Essays über seine Krankheit und vor allem über seine Lieblingsbücher und -autoren zu schreiben, über Dickens, Alexandre Dumas und Shakespeare, über Stevenson, Thomas Mann und Proust, Ovid und Seneca – aber auch über Carl Barks, Jacques Brel und Astrid Lindgren.In diesen ebenso anrührenden wie lebensfrohen und humorvollen Betrachtungen setzte Pieter Steinz seinen körperlichen Verfall in Beziehung zur Weltliteratur. So wendet er sich Oscar Wildes "Bildnis des Dorian Gray" zu, wenn er über die Veränderungen seines Körpers nachdenkt, dem "Hungerkünstler" Kafkas, wenn er über die zunehmend auftretenden Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme berichtet; Andersens "kleiner Meerjungfrau"? die sich zwischen Tanzen und Sprechen entscheiden muss, dient ihm als Folie der Geschichte seines Stimmverlusts. Trotz des düsteren Grundthemas sind diese kunstvoll gebauten Essays voll uneitler, ja tapferer Ausstrahlung, was in Holland bei Erscheinen zahlreiche Reaktionen auslöste.

Listen kann natürlich jeder Literaturenthusiast, Vielleser und Büchernarr aufstellen und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden; das Unwesen des Rankings der heutigen Zeit ist ja nur eines; wenn es sich an Mittelmäßiges und Inflationäres verschwendet. Entscheidend ist immer die persönliche Not, denn wenn Literaturkenner notieren sollen, was sie für große und Weltliteratur halten; die „objektiv“ gesehen bedeutendsten Werke; werden zu großen Teilen dieselben Bücher auf der Liste stehen; angefangen von Homer über die griechischen Tragiker, die Bibel, die mittelalterlichen Epen, Dante, Luther, Cervantes, Shakespeare, Goethe, Schiller, Dickens, Tolstoi, Dostojewski, Flaubert, Balzac, Proust, Joyce, Thomas Mann etc. bis in die Nähe der Gegenwart, also Rushdie oder Tellkamp; das hängt dann aber schon von der eigenen Nationalität und Sprachenkenntnis ab. Für wesentlich wichtiger und aussagekräftiger halte ich Bücher über jene Bücher, die einen im Lauf des Lese- und sonstigen Lebens sozusagen existenziell angerührt und beeinflusst haben; ohne die man sich sein Leben ganz anders vorzustellen hätte; weil deren Einfluss auf Herz, Geist und Seele einfach zu mächtig war, als dass man sie nicht fürderhin als Familienmitglieder und enge Freude begrüßen dürfte. Ein solches Buch möchte ich unbedingt schreiben, bevor ich in die Ewigkeit eingehe als ein Niemand, der gerne gelesen hat; ja eigentlich das Lesen dem Leben immer vorgezogen hat. So leicht schreibt sich das aber nicht; das ist immer ein Endkampf, ein Lebens- und Lesefinale; das zehrt und schließt ab; dafür muss man innerlich bereitsein.

Was man aber ohne Not tun kann; ist aufzulisten; welche Bücher man in seinem Leben nicht nur einmal, sondern zwei- oder dreimal oder sogar noch häufiger gelesen hat. Eine solche Liste muss sich nicht zwangsläufig mit den beiden oben genannten überschneiden; mit der sogenannten Weltliteratur schon mal gar nicht und selbst von den existenziellen Büchern hat man aus verschiedenen Gründen nicht alle mehrfach gelesen; während andersherum bestimmte oft gelesene Bücher weder seinerzeit noch jetzt von existenzieller Bedeutung für einen sind und waren, sondern aus anderen Gründen immer wieder vorgenommen wurden. Andere hatten in einer bestimmten Lebensphase eine besondere Bedeutung, jetzt aber nicht mehr; das trifft oft auf die Kindheit und Jugendzeit zu. Wieder andere würde man unbedingt ein zweites Mal gelesen haben wollen; aber der schiere Umfang spricht dagegen (Prousts Recherche); die Schwierigkeiten der Lektüre sind immens (Zettel’s Traum) oder man fürchtet sich vor dem erneuten Höllenritt (Jahnns Fluß ohne Ufer). Und es gibt solche, bei denen man sich vor allem nach Jahrzehnten nicht traut; die eigenen Lektüreerfahrungen und damit verbundenen existenziellen Einschläge zu überprüfen im Nachgang; so wie es mir mit Tschingis AitmatowsDer Tag zieht den Jahrhundertweg“ (heute „Ein Tag länger als das Leben“) geht; DEM Buch meiner Lesebiografie, ohne dass ich ein ganz anderer wäre; und aus eher ästhetisch-literarischen Gründen auch mit „Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien“ (Hagener Trilogie, Teil 2) von Frank Schulz.

Arno Schmidt schrieb ja in seinem kurzen Text „Ich bin erst Sechzig“: Das Leben ist so kurz! Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahre nur 70. Und für die fünfundvierzig Jahre, von Fünfzehn bis Sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das 3150 Bände : die wollen sorgfältigst ausgewählt sein!” Hierbei geht es mir nicht um die Zahl der Bücher, die man in einem Leben lesen kann; sie stimmt natürlich nicht; sondern um den Befund, dass man im Grunde jedes gute Buch zweimal lesen muss und daran geht glaube ich kein Weg vorbei; der einzige Grund, es nicht zu tun, ist eben der; dass die Lebens- und Lesezeit begrenzt ist und man noch andere Bücher kennenlernen möchte. Ich lasse also hier Dramen und Theaterstücke außer Acht, sonst wären natürlich Faust oder Don Karlos mit dabei; ich spreche nicht von Lyrik und Gedichten; sondern nur von Romanen und längeren Erzählungen im weitesten Sinne, also Belletristik, schöngeistiger Literatur. Deshalb sind auch Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche nicht aufgeführt, obwohl ich manche Bücher von ihnen sehr oft wiedergelesen habe. Selbst Kurzgeschichten lasse ich weg, sonst wäre natürlich ein Jorge Luis Borges mit dabei.

Das sind also die Bücher, die ich nicht nur einmal oder zweimal: sondern wenigstens dreimal bis zehn- oder zwölfmal gelesen habe; wobei ich einschränkend hinzufügen muss; dass ich auch die komplette Durchhörung einer Vor-Lesung dazurechne; wenn es sich nicht um ein Hörspiel, sondern wirklich um eine ungekürzte Lesung des Originaltextes bzw. von dessen Übersetzung ins Deutsche handelt; in der Regel verschlingt der Genuss eines Hörbuches sogar um ein Vielfaches mehr Zeit als die eigene Lektüre und nicht nur deshalb, weil man dabei oft einschläft zur Nacht. Es fehlen hier also eine ganze Menge Bücher, die ich einerseits für ganz große Literatur halte und andererseits eine große Rolle in meinem Leseleben gespielt haben; aus den unterschiedlichsten Gründen jedoch nicht häufiger lesen konnte. Ihnen werde ich mich später zuwenden.

• Götz R. Richter: „Savvy“-Trilogie (Savvy, der Reis-Shopper, Die Höhle der fliegenden Teufel und Trommeln der Freiheit)
• Liselotte Welskopf-Henrich: Die Söhne der Großen Bärin
• Dieter Noll: Werner Holt
• Hermann Kant: Die Aula
• Jack London: Der Ruf der Wildnis
• Jack London: Wolfsblut
• Michail Scholochow: Der stille Don
• Hermann Hesse: Der Steppenwolf
• Nibelungenlied
• Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums.
• Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle
• Thomas Mann: Buddenbrooks
• Thomas Mann: Der Zauberberg
• Thomas Mann: Dr. Faustus
• Umberto Eco: Der Name der Rose
• Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel
• Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita
• Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich
• Joris-Karl Huysmans: Tief unten
• Joris-Karl Huysmans: Die Kathedrale
• Günter Grass: Das Treffen in Telgte
• Stefan Heym: Ahasver
• Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
• James Joyce: A Portrait of the Artist as a Young Man
• James Joyce: Ulysses
• Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
• Alois Brandstetter: Die Abtei
• Hans Wollschläger: Herzgewächse oder Der Fall Adams
• Hermann Melville: Moby Dick
• Thomas Bernhard: Alte Meister. Komödie. Roman
• Thomas Bernhard: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. Erzählung
• Thomas Bernhard: Autobiographische Schriften: Die Ursache. Eine Andeutung. Autobiografische Erzählung/ Der Keller. Eine Entziehung. Autobiografische Erzählung/ Der Atem. Eine Entscheidung. Autobiografische Erzählung/ Die Kälte. Eine Isolation. Autobiografische Erzählung/ Ein Kind. Autobiografische Erzählung
• Thomas Bernhard: Der Untergeher. Roman
• Arno Schmidt: Nobodaddy's Kinder: Trilogie
• Arno Schmidt: Das steinerne Herz
• Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik; Stahlberg 1957; Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1965
• Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium; Stahlberg 1960
• Arno Schmidt: Die Schule der Atheisten. Novellen-Comödie in 6 Aufzügen; S. Fischer 1972
• Arno Schmidt: Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/endlichkeit für Gönner der Verschreibkunst
• Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. Fragment aus dem Nachlass
• Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone
• Michel Houellebecq: Elementarteilchen
• Michel Houellebecq: Unterwerfung
• W.G. Sebald: Die Ausgewanderten
• W.G. Sebald: Austerlitz
• Wilma Stockenström: Denn der siebte Sinn ist der Schlaf

Diese Liste zu erläutern und zu kommentieren, bedürfte es natürlich auch eines kompletten Buches. Das geht schon bei der Kinder- und Jugendliteratur los, denn jeder, der wie ich 1975 mit dem Lesen begann, fand in der DDR eine Kinder- und Jugendbuchliteratur vor wie selten in einem anderen Land in dieser Quantität und Qualität. Sehr viele Bücher aus dieser Zeit stehen noch bei meinen Eltern in deren Bibliothek; vielleicht komme ich eines Tages dazu, sie zu durchmustern und in meiner Erinnerung zu überprüfen. Das ist nämlich das Schwerste; sich an solch lange entfernten Lektüren zu erinnern und noch schwerer, zu analysieren, was diese mit einem als Menschen und Leser so anstellten. Ich hatte viele Lieblingsautoren und Lieblingsbücher als Kind und Jugendlicher; bei den meisten steht mir noch heute das Titelbild vor Augen wie bei „Die Tigerklaue Jagdgeschichten“; „Der Schwur vom Shillelagh“ von Manfred Hoffmann oder „In der Ussuri-Taiga – Expeditionsbericht“. Der erste richtige Bestseller meines Leselebens dürfte „Haribert das Schwarzohr“ von Siegfried Weinhold aus der Reihe Kleine Trompeterbücher gewesen sein; später hatte ich Lieblingsschriftsteller, von denen ich alles las, was ich in die Hände bekam; Kurt David (unter anderem „Freitags wird gebadet: aus dem Tagebuch eines Minderjährigen“ – ich habe geschrien vor Lachen), Walter Püschel, Ludwig Renn, Harry Thürk, Uwe Kant. Natürlich auch Bücher von den „Freunden“, wie das bei uns im Haushalt hieß; Arkadi GaidarsDie Feuertaufe“ und später schon große Literatur wie etwa Victor HugosGavroche - Die Geschichte eines Pariser Jungen“, die aus den „Elenden“ stammt. Ob ich aber diese Bücher mehr als zweimal gelesen habe, weiß ich natürlich nicht mehr. Ganz sicher weiß ich das nur von Götz R. Richter, dessen Savy-Trilogie über Monate bei mir auf dem Nachtisch lag; und natürlich wie bei vielen anderen Ostkinder auch von Liselotte Welskopf-HenrichsDie Söhne der Großen Bärin“. Hier war es sogar so, dass ich die sechs Bände zuerst nicht der Reihenfolge nach lesen konnte; weil uns noch zwei oder drei fehlten, als ich atemlos die Abenteuer des Dakota-Jungen Harka zu verfolgen begann. Erst als nach langen Bemühungen endlich alle Bände im Haus waren, nahm ich mir alle noch mehrmals vor. Es wird Zeit, dass jemand dem Karl May des Ostens; wie es immer sehr ungerecht heißt; Gerechtigkeit widerfahren lässt und die Erfahrungen und Prägungen ganzer Lesergenerationen erforscht.

Werner Holt“ ist trotz oder wegen der Behandlungspflicht in den allgemeinbildenden Schulen der DDR das Kultbuch mehrerer Generationen junger Männer geworden, die es freilich nicht als Antikriegsbuch, sondern als Abenteuerlektüre vital gegen den Strich lasen. Noch heute sind meine männlichen Gymnasiasten begeistert, wenn sie sich das Buch nach meiner Empfehlung besorgten. Man wird diese Rezeption in ferner Zukunft fernab ästhetischer Qualität einmal wie bei weiland Karl May zu untersuchen haben. Aber der Held ist nun mal ein intelligenter junger Mann in spannenden Zeiten; er hat gute Freunde und furchtbar Schlag bei den Frauen; es wundert also nicht wirklich, dass er zur Identifikation einlud. Das ist auf ungleich höherem Niveau bei Robert Iswall aus der „Aula“ nicht anders und das machte den Roman seinerzeit für mich so wichtig; weil er nicht nur als Dokument der frühen DDR zu lesen war, sondern auch als Darstellung des menschlich Allzumenschlichen; das ich damals noch nicht so genannt hätte.

Jack Londons Bücher hatte ich als Jugendlicher alle gefressen; aber die beiden über Hund und Wolf erlebten eine Renaissance, als ich begann, Schäferhunde zu halten und wieder in der Natur aufzugehen. Das mag infantil klingen; würde der Sache aber nicht gerecht; der tiefen Sehnsucht nach einer Einheit zwischen Mensch, Kreatur und Natur; die es so vielleicht einmal gab, aber vor Millionen Jahren, als der frühe Mensch sich dessen kaum bewusst war. „Der stille Don“ war dann der erste dicke Wälzer; den ich mehrfach gelesen habe, damals in einer zweibändigen Ausgabe, heute in einer vierbändigen: Noch heute sehe ich die charakteristische Figur des Grigori Pantelejewitsch Melechow vor mir, seine halbasiatische Wildheit in historisch wirren und unsteten Zeiten und in einer Landschaft, nach der mich die Sehnsucht bis heute verzehrt.

Und wie jeder halbwegs intelligente Außenseiter konnte ich mich mit 17 oder 18 dem „Steppenwolf“ nicht entziehen; dieser publikumswirksamen Feier des ausgestoßenen und isolierten Intellektuellen. Hermann Hesse ist vielleicht das einzige Beispiel von Literatur von Rang; die man als Jugendlicher und junger Erwachsener schätzt und die man später im reifen Altere im versuchten Nachvollzug nicht mehr begreift. Noch in meiner mündlichen Abschlussprüfung Germanistische Literaturwissenschaft konnte ich nicht verstehen, warum mein innig geliebter Professor so despektierlich über Hesse, das ewige wehleidige unverstandene Kind sprach, das nie erwachsen wurde; heute ist mir das klar. Ich habe seinerzeit die zwölfbändige Werkausgabe in kürzester Zeit verschlungen, aber heute scheue ich mich sogar, wieder in das „Glasperlenspiel“ hineinzuschauen, weil ich Angst habe, es könnte mich sogar dieses unumstrittene Hauptwerk, für das er letztlich den Nobelpreis bekommen hat, im Nachgang enttäuschen. Dennoch verdanke ich dem „Steppenwolf“ meine Liebe zu Novalis oder heute vergessenen Schmökern wie „Sophiens Reise von Memel nach Sachsen“ von Johann Timotheus Hermes.

Das Nibelungenlied mag hier stellvertretend für all jene Werke stehen, die anonym oder als Volksbücher auf uns gekommen sind, und eine unglaubliche Wirkung in Literatur, Kultur und Leben entfalteten. In der Nach- und Neudichtung von Franz Fühmann kennengelernt las ich später als Student das mittelhochdeutsche Original und fing an, nicht nur alle „Übersetzungen“ ins Neuhochdeutsche zu sammeln, sondern auch alle Bearbeitungen, Adaptionen; deren köstlichste vielleicht in Arno Schmidts hier auch aufgeführten Roman KAFF auch Mare Crisium zu finden ist. Natürlich hat auch mein Vorname eine Aktie an diesem Interesse, denn dass ausgerechnet dieser von der spannendsten Figur des Epos getragen wird, konnte ich schlecht ignorieren. Gustav Schwabs Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums lernte ich als Kind zunächst in einer einbändigen Ausgabe des Kinderbuchsverlags oder auch eines anderen DDR-Verlags kennen; bevor ich später die vollständige in mehreren Ausgaben erwarb. Was damals eine vorgelehrte Abenteuerlektüre war hat als stete Wiederlektüre heute viel mit Erinnerung und vorsätzlicher Bildung zu tun; je länger man sich mit der abendländischen Geistes- und Kulturgeschichte beschäftigt, desto häufiger kehrt man zu deren Grundlagen zurück.

Die ganz großen Schriftsteller wie Jean Paul stellen den Leser auch oft vor ganz große Lektüreprobleme; daher verwundert es nicht, dass ich dessen „Idylle“ vom „vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“ mehrfach las und nicht den „Titan“ oder die „Flegeljahre“. Aber natürlich erkannte ich mich auch wieder in meinem Berufskollegen; seinen Schrullen und Wünschen; seinem Leben, Weben und Streben. Mit Thomas Mann begann mein Eintritt in die große deutsche Literatur, bis heute ist er neben Arno Schmidt und zwei, drei anderen DER Autor meines geistigen Lebens. Ob ich mich in einem der Brüder in den "Buddenbrooks" wiedererkannte; mir wohlige Schauer über den Rücken liefen, wenn Hanno den Schlussstrich zog in der Familienbibel; ich die Hallen abendländischer Enzyklopädie im „Zauberberg“ durchschritt oder im "Faustus" alles fand bis ins kleinste Detail, was mich bis heute umtreibt, diese Bücher sind eigens für mich geschrieben worden. Bulgakows Hauptwerk habe ich bewundert wegen seines Mutes und seiner Komik; heute scheinen mir die literarischen Mittel zu simpel; aber wer weiß, die Zeiten sind bald wieder danach, dass man zu ihm greifen wird.

Den Eco habe ich schön oft genannt als den großen Anreger meiner vor allem geschichts- und geisteswissenschaftlichen Studien; das Mittelalter und die Frühe Neuzeit seiner ersten beiden Romane spielten als Epoche in der DDR überhaupt keine Rolle und so zogen sie mich in eine exotische Welt, die ich nie wieder verlassen habe. Ähnlich Brandstetter, der meine erste Begegnung mit dezidiert kulturkonservativen Einstellungen war; dessen ganz und gar nicht verstaubte Gelehrsamkeit mein Herz erwärmte und den Geist schulte. Überhaupt diese so sehr anderen Wege als die, die ich in der späten DDR mit Marx und Engels gegangen bin: Joris-Karl Huysmans über die absolute Dekadenz und den absoluten Ästhetizismus, den Satanismus und Okkultismus hin zu einem demütigen Katholizismus als Laienbruder eines Mönchsordens; Joycens jugendlicher Held, der über Scholastik und Thomismus zu Literatur und Ästhetik findet; Prousts tausendseitige Erinnerungsarbeit durch Zeit und Raum – das alles war so fremdartig und faszinierend für mich; dass ich gar nicht sagen kann; ob ich ohne ostzonale Sozialisation auch so darauf angesprungen wäre.

Überhaupt alles, bei dem der Magische Realismus eine Rolle spielt; ein Begriff, den Borges nicht mochte; weil er das Attribut für überflüssig hielt; also planer gesprochen alles, was die normalen konventionellen Bahnen verließ und sowohl über Humor, Ironie und besondere Blickwinkel den Wahnsinn und Irrwitz des Alltags, der Menschen und der Welt in den Focus nimmt. Da nimmt es nicht wunder, dass Stefan Heyms „Ahasver“ so stark bei mir nachwirkte; Grassens „Das Treffen in Telgte“ oder Hans Wollschlägers „Herzgewächse“; der eine über eine direkte Parodie, der andere über eine zeitversetzte und der letzte über den klassischsten Stoff der deutschen Literatur. Selbst Hermann Melvilles Moby Dick, den ich mehrfach las wegen der verschiedenen Übersetzungen, gehört in diese Reihe.

Im Grunde jedes Buch, das nicht enden will; ein Roman wie der „Tristram Shandy“, der einfach so anfängt und hunderte Seiten später einfach so aufhört; der weniger die Geschichte, die der Titel nahelegen würde, sondern ganz andere, und auch die nicht und dann wieder doch. Es ist voll der skurrilsten Gestalten, der exzentrischsten Ideen und formalen Innovationen; es ist so naiv wie weise; so episch breit wie anekdotisch kurz. Der Autor hält uns zum Narren, belehrt uns und treibt seine Faxen. Nichts ist, wie es scheint; und doch ist alles folgerichtig. Sexualisiert bis ins Mark und gelehrt bis in die Knochen gebärdet sich der selbstherrliche Verfasser - in aller Bescheidenheit natürlich - wie der höchste Schriftsetzer selbst, der allmächtige Vater, der die Welt schrieb und seiner nicht schonte. Und vor allem, bei aller artistischen Brillianz, ist der Unroman komisch, zum Brüllen komisch, zum Schenkelklopfen und Herausprusten komisch, dass einem zuweilen der Atem stille steht und man sich erholen muss von der fröhlichen Tortur. Neben derber Komik finden sich Stellen, die zum Lächeln reizen, die Passagen, die zum Schmunzeln nötigen, die Konstellationen, die den Mund verbreiterten, die Gespräche gar, die einem die Tränen in die Augen treiben. Komisch, ironisch, sarkastisch, humorig, lustig, zynisch, lächerlich, grotesk ist das Buch; dabei immer hintersinnig und verschmitzt, man liest es mit lachendem und weinendem Auge. Und wie bei jedem großen Buch spricht die Wahrheit aus allen seinen Zeilen; und neben dem heilsamen Gelächter steht sattsam bekannt die Melancholie. Es ist nur ein Buch für starke Geister und gefestigte Seelen. Wer gewiegt sein will, sollte besser zum Goethe greifen. Dass man mit literarischer oder sonst wie gearteter Bildung den Tristram erst recht genießen kann, versteht sich von selbst. Es gibt keinen vorurteilsfreien Genuss im Reiche des Geistes. So steht am eigentlichen Beginn des Romanzeitalters um die Mitte des 18. Jahrhunderts bereits ein Buch auf der Schwelle der Moderne; nimmt alle inhaltlichen, formalen und sprachlichen Schliche der Zukunft vorweg und setzt sich somit anfangs schon selbstsicher und herrlich als großen Schlusspunkt. Wenn mit Joyce die Zukunft begann, kulminierte sie in der Sternschen Werkstatt.

Arno Schmidt ist der Autor meiner mittleren Mannesjahre; inzwischen nicht mehr so präsent wie zwischen 25 und 35; aber immer noch enorm wichtig. Sein Lebensstil, seine Ansichten über das Leben und die Literatur; seine Urteile und sein Habitus und Gehabe; das alles nimmt mich nach wie vor für ihn ein; natürlich vor allem auch, weil er einige der schönsten Prosaseiten deutscher Zunge überhaupt geschrieben hat, leider allzu oft versteckt in monströsen Gebilden mit Millionen Wörtern. Auch Thomas Bernhard packte mich von Beginn an über seinen unverwechselbaren Stil und seine unvergleichliche Suada; die ich so auch lebe und atme; ich könnte auch, freilich nicht so meisterhaft wie er, jahrelang über die Verhältnisse und die Schlechtigkeit der Menschen mich auslassen und die Kunst der Wiederholung über sich hinauswachsen lassen, freilich nicht aus der österreichischen, sondern aus der ostdeutschen Perspektive heraus. Er schrieb sozusagen mein deutsches Manifest, während Michel Houellebecq das der Moderne auf Französisch verfasste: Weit davon entfernt, ihn für einen großen Literaten zu halten, verkörpert er für mich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit; er hält unserer Zeit einen Spiegel vor, der immer wieder anläuft vor Geilheit, Dummheit und Sinnlosigkeit.

Der letzte Schriftsteller, dessen Bücher ich sofort und in kürzester Zeit dreimal und öfter gelesen habe, ist W.G. Sebald: „Die Ausgewanderten“ und „Austerlitz“ trafen mich so tief ins Mark in ihrer zeitlosen Geschichtlichkeit, in ihrer fiktionalen Biografik, schonungslosen Illusionslosigkeit, melancholisch-depressiven Grundstimmung und nur vordergründig antiquierten sprachlichen Form; dass ich mich bis heute nicht von der Lektüre erholt habe. Ihm verdanke ich auch den entscheidenden Hinweis auf das umfangreiche Romanwerk des jüngst verstorbenen Gerhard Roth; dessen Romane ich, so mir die Zeit bleibt, wieder und wieder lesen werde bis hin zu meinem Sterbebett. Und wer weiß, wen ich noch für mich entdecke.


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Gestern 11:02
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Admin

Vollmanns Literaturführer habe ich auch sehr gerne gelesen, aber tatsächliche Empfehlungen, die man noch nicht kannte, waren darin kaum gegeben. Er orientiert sich eher an den für Literaturkenner bekannten Büchern. Der einzige Roman, den ich auf seine Empfehlung las, war Clarins "Die Präsidentin". In Büchern von Enrique Vila-Matas oder von Borges habe ich deutlich mehr Geheimtipps gefunden. Aber das ist natürlich auch immer eine Sache des Geschmacks. Vollmanns Buch selbst liest sich allerdings tatsächlich als schöne Anregung. Zwar gibt es bei mir selten Phasen der Leselustlosigkeit, aber es kann durchaus sein, dass Enttäuschungen das Lesen erschweren. Meistens hilft dann der Griff zu einem anderen Buch, und wenn nicht Romane, dann eben Biografie, Tagebücher oder Briefe.

Bücher, die ich zweimal gelesen habe, gibt es bereits einige, bei denen ich mir auch eine weitere Lektüre vorstellen kann. Nur Dostojewskis "Brüder Karamasow" las ich bereits dreimal, in völlig verschiedenen Lebensphasen, wodurch auch eine völlig unterschiedliche Sympathie für die Figuren entstand. Das Lesen seiner Bücher ist für mich eine Form der Reinigung, wie es bei anderen das Neue Testament ist.

Auch Bulgakows "Meister und Margarita" las ich zweimal, da ich beim ersten Mal nicht alle Andeutungen verstanden hatte. Ein weiterer Grund war die damals neue Übersetzung von Alexander Nitzberg, den ich, ähnlich wie Reschke, sehr schätze. Mittlerweile gibt es eine neue von Alexandra Berlina, die ich aber nicht kenne und die mir wahrscheinlich zu modern wäre.

Zweimal las ich alle Bücher von Jean Rhys, da ich das Glück hatte, eine Gesamtausgabe zu erwerben, die in allen vier Büchern noch eingeschweißt und tatsächlich ungelesen war, obwohl sie nur noch gebraucht erhältlich war. Auch das kann zur Zweitlektüre animieren. Zwetajewa las ich mehrfach, sowohl die Biografien von Marija Belkina und Elaine Feinstein als auch ihre Briefe und Aufzeichnungen.

Und weiter: Lautréamons "Die Gesänge des Maldoror", Baudelaires Schriften und Gedichte, Léautauds, Gides und Greens Aufzeichnungen und Tagebücher, Maurice Sachs "Sabbat", Jodorovskys "Wo der Vogel am schönsten singt", Flauberts "Bouvard und Pécuchet", Platonows "Tschwewengur", Laurence Sternes "Tristram Shandy", Pessoas "Buch der Unruhe" und James Hoggs "Vertrauliche Aufzeichnungen und Bekenntnisse eines gerechtfertigten Sünders" habe ich bereits mehr als einmal gelesen. Das sind die, die mir gerade einfallen. Gleiches gilt für das Lexikonwerk "Was geschah mit Schillers Schädel" von Rainer Schmitz, das ich liebe und das etliche unbekannte und bekannte Anekdoten und Informationen über so gut wie jeden in der Literaturwelt enthält. Dieser Klopper an Buch würde sich wahrscheinlich auch für die Insel eignen, um sich köstlich zu unterhalten.


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