Wladimir Sorokin
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Wladimir Sorokin: Der Schneesturm (deutsch Kiepenheuer & Witsch 2012)
Ich las zum ersten Mal ein Buch des Autors und war komplett überwältigt von dessen Vorstellungskraft und literarischen Meisterschaft. Inhaltlich und stilistisch ist diese längere Erzählung eher kein Roman und als Novelle des magischen Realismus ein Hybride aus der russischen und europäischen Literaturgeschichte, die das 19. Jahrhundert ebenso genial persifliert wie die Postmoderne.
Der Inhalt ist bekannt: „Der Landarzt Garin will so schnell wie möglich in den Ort Dolgoje, um die Menschen dort gegen eine rätselhafte Krankheit zu impfen, die jeden Infizierten zum Zombie macht. Doch es herrscht Schneesturm, Garins Pferde sind erschöpft, und so heuert er den einfältigen Brotkutscher Kosma an, dessen Schneemobil von winzigen Pferden gezogen wird. Und so beginnt seine Reise in eine Märchenwelt mit Ingredienzien einer Hochtechnologiegesellschaft.“ Tatsächlich bietet Sorokin alles auf, was man von einer abenteuerlichen Schlittenfahrt durch die weiten Ebenen des verschneiten Russlands erwarten kann – ständige Pannen behindern die Fahrt, es wird genausolang gewartet, stillgestanden und repariert wie gefahren und geeilt; man trifft auf allerlei Dinge, die es nicht gegen dürfte wie winzigkleine Pferde oder riesengroße; kleinwüchsige Menschen und Riesen; aber auch auf naheliegendere Aspekte wie ominöse Drogenverkäufer und plündernde Chinesen. Auch ein Liebesabenteuer darf nicht fehlen, die schöne dralle Müllerin, Gattin eines Zwerges, erlebt leidenschaftlichen einvernehmlichen Sex mit dem Doktor.
Dass die beiden Protagonisten ihr Ziel niemals erreichen werden, ist einem frühzeitig klar und fast erscheint einem ihr Ende noch geradezu gemäßigt angesichts der Möglichkeiten, die der Autor im Verlauf der Geschichte andeutet. Interessant ist die Konstellation auf jeden Fall, denn der Landarzt bleibt über weite Strecken unsympathisch und steht sicher als Individuum dennoch auch für eine Kaste, einen bestimmten Menschenschlag, vielleicht sogar einen typisch russischen. Den jedenfalls vertritt auch der so sehr gute Mensch Krächz, wie man den Kutscher nennt; ein Mann, den man sofort liebgewinnt mit alle seinen Eigenheiten und Charakterzügen, die einen gutmütigen, liebevollen Landbewohner von ganz unten zeigen; der so menschlich fühlt und lebt und aber auch hörig ist der Obrigkeit, voller Widerstandkraft gegen alle Unbilden und dennoch so typisch russisch fatalistisch und geduldig im Ertragen selbst des größten Elends und Wahnsinns.
Was das Büchlein so einzigartig macht, ist die Fähigkeit des Autors; einen stofflich zu fesseln mit einer anscheinend simplen Abenteuergeschichte und gleichzeitig auf enorme Art und Weise zu befremden, zu verängstigen, zu verstören und sogar kalten Schweiß auf die Stirne treten zu lassen, ohne dass man den kleinen Roman zuzuklappen und in die Ecke zu schmeißen vermöchte. Neben vielen anderen Vorbildern, die hier in anderen Rezensionen bereits genannt wurden, steht ganz sicher Frank Kafka Pate, der ja unter anderem auch einen Landarzt in die Irrationalität unterbewusster Gesellschaftlichkeit reisen lässt. Man ahnt also ständig, dass hinter den abstrusen Szenen, deren es einige gibt – etwa das im Nasenloch eines toten Riesen festgefahrene Gefährt, das nur durch schweißtreibende Beilhiebe wieder befreit werden kann – immer auch das schrankenlos Andere lauert; das Böse, das Gute, der Wahnsinn, die Normalität; wer kann das schon sagen?!
Schriftstellerisch ist das unglaublich gut gemacht mit sparsamen, wiewohl effektiven Mitteln: Die suggestive Schilderung des Drogentraums des Doktors möchte ich ebenso herausheben wie die Szenerien beim trunksüchtigen Zwergen-Müller oder die Beschreibungen der Körperwahrnehmungen in der Nähe des Erfriedungstodes. Dieser Spagat über Jahrhunderte gesellschaftlich-historischer Zustände und Literatur bis in die nahe imaginierte Bald-Gegenwart fasziniert vielleicht auch deshalb, weil weder Raum noch Zeit, also das kleine Format ausführlichere Ausgestaltungen zulassen. Dennoch würde ich zu gerne wissen, was auf den Landarzt zukommt, als er halbtot gefunden wird; denn er spürte, es ginge etwas zu Ende und etwas ganz Anderes würde kommen. [© 2018]
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