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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Enrique Vila-Matas

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 17:16
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hier wohl eines der schönsten Bücher von ihm "Bartleby und co" .
Ein Reichtum an Buchvorschlägen, die man nach und nach gerne verfolgt. Ein belesener Mann, der versteht eigene Geschichte und Lesebegierde zu vermengen.
Hier lesen wir von 86 Anmerkungen, 86 Kapitel, ein "Labyrinth der Negation", warum verschiedene Schriftsteller aufgehört haben zu schreiben.
Es bleibt dabei ein Roman, die Geschichte des Erzählers Marcelo, der vor 25 Jahren seinen Roman veröffentlichte und seither ein trauriges Dasein als Büroangestellter fristet, bis er beschließt über das Bartleby-Syndrom zu schreiben, dass nach der Figur von Hermann Melville benannt ist, und einen Überblick vermittelt, über (hauptsächlich) Literaten, die aufgehört haben, zu schreiben.
Es sind 86 "Kapitel"... Eine Auseinandersetzung mit diesem Syndrom, und auch die eigene Suche des Erzählers. Es ist ein

In Antwort auf:
... modernes Schauspiel all dieser Menschen, ihr Erstarren angesichts der Dimensionen des Absoluten im Zusammenhang mit jeglicher Art von Kreation (...)



Es ist auf jeden Fall interessant zu beobachten, warum die Menschen schreiben und warum sie aufhören zu schreiben, warum der Künstler immer mit dem Zerwürfnis kämpft, und warum ein Leser nie verstehen wird, wieso der Schreibende das "Leben" dem "Schreiben" vorzieht... oder einfach keine Idee mehr hat (wie es bei Duchamp der Fall war, als ihn der Künstler Naum Gabo in Paris fragte, warum er aufgehört habe zu malen.
Seine Antwort:
„Mais que voulez-vous? Je n´ai plus d´idées.”

Dann hier ein paar Ausschnitte:
(zusammengefasst)


In Antwort auf:
Franz Kafka kann es vor allem in seinen Tagebüchern nicht lassen, ständig die grundlegende Unmöglichkeit des literarischen Stoffs zu erwähnen.
Ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist ein Ungeheuer, das zum Wahnsinn einlädt.
(Kafka)





In Antwort auf:
André Gide erschuf eine Figur, die einen ganzen Roman hindurch mit dem Versuch zubringt, ein Buch zu schreiben, das er doch niemals schreibt (Paludes).




In Antwort auf:
Robert Walser: Er lebte die achtundzwanzig letzten Jahre seines Lebens in geschlossenen Anstalten, zunächst in Waldau, später in Herisau, wo er eifrig damit beschäftigt war, auf winzigen Zetteln in mikroskopisch kleiner Schrift fiktiven, unentzifferbaren Nonsens aufzuzeichnen.



In Antwort auf:
Marguerite Duras:
„Schreiben heißt auch nicht sprechen. Heißt schweigen. Es ist ein Geheul ohne Ton.“



In Antwort auf:
Seneca behauptete, der Ruhm sei schrecklich, weil er vom Urteil vieler abhinge.


In Antwort auf:
„Ich bin niemand“, sagt Pepín Bello, wenn man im Gespräch mit ihm erwähnt, dass er als Initiator, Vordenker und Prophet die Generation 27 zusammengeführt hat und besonders den Freundeskreis, den er, Garcia Lorca, Buñuel und Dalí in der Residencia de Estudiantes bildeten.



In Antwort auf:
Für Del Giudice ist das Schreiben ein hoch riskanter Akt.
Ein geschriebener Text muss, wenn er etwas taugen soll, vor allem neue Wege eröffnen mit dem Anspruch, noch nie Gesagtes zu sagen.
Das Land vom Meer aus gesehen...




In Antwort auf:
Lord Chandos-Brief:
Der unendliche Raum des Kosmos, von dem wir ein Teil sind, sei nicht in Worte zu fassen und die Schriftstellerei sei folglich ein kleiner, völlig unwichtiger Irrtum, so winzig, dass er uns fast stumm mache. Hier thematisiert Del Giudices Roman zwar die Unmöglichkeit zu schreiben, aber er zeigt uns auch, dass es neue Blickwinkel gibt, um neue Dinge zu betrachten, und es folglich besser ist zu schreiben als nicht zu schreiben.



In Antwort auf:
Stendhal:
„Hätte ich 1795 jemandem von meinen Schreibplänen erzählt, hätte jeder vernünftige Mensch mir gesagt, ich solle täglich zwei Stunden schreiben, egal ob mit oder ohne Inspiration. Solche Worte hätten mir geholfen, die zehn Jahre meines Lebens zu nutzen, die ich mit Warten auf die Inspiration völlig vergeudet habe.




In Antwort auf:
Georges Perec„Lange Zeit bin ich schriftlich schlafen gegangen!"




In Antwort auf:
Oscar Wilde
in den letzten Lebensjahren schrieb er nicht mehr, sondern erfüllte sich den Wunsch des völligen Müßiggangs, was die schwierigste Sache der Welt ist, die schwierigste und die intellektuellste.
„Als ich das Leben nicht kannte, schreib ich; jetzt, wo ich seine Bedeutung kenne, habe ich nichts mehr zu schreiben.“



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.08.2007 17:18 | nach oben springen

#2

RE: Enrique Vila-Matas

in Die schöne Welt der Bücher 10.11.2007 15:25
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Auch ein schönes Buch von Vila-Matas ist PARIS HAT KEIN ENDE

Hier erfährt man von den ersten (sicherlich einigen bekannt erscheinenden) Gehversuchen eines jungen Menschen, der beschließt, Schriftsteller, Dichter, Künstler zu werden.
Vila-Matas gestaltet sein Buch als ein Autor, der irrtümlich, und seit er ein paar Kilos mehr auf den Hüften hat, annimmt, er würde aussehen wie Hemingway, und dadurch die Erinnerung wieder heraufbeschwört, als er selbst in jungen Jahren (auf den Spuren seines Idols) nach Paris ging, um arm und glücklich zu werden, dort dann allerdings eher arm und unglücklich war und zum Glück wenigstens mit allerlei Menschen zusammentraf. Er hat bei Marguerite Duras als Untermieter gewohnt, hat Georges Perec auf der Straße getroffen, in einer geheimen Buchhandlung eine geheime Vorlesung von Borges gehört, hat einer Party von Paloma Picasso beigewohnt und hat einen einsamen, schwarz gekleideten Samuel Beckett im Stadtgarten erblickt, der verzweifelt eine Zeitung las …

Wie immer erhält man bei dem belesenen Schriftsteller viele Einblicke in Literatur und Dichterleben, die mit Humor erzählt werden, wie zum Beispiel die Begegnung mit Perec, als der noch junge Autor diesen im Bus entdeckt, ihm begeistert und mit ungeheurem Interesse folgt:
In Antwort auf:
... bis ich plötzlich nur noch eine Handbreit von seinem Gesicht entfernt war. Auf einmal bemerkte Perec diese Ungehörigkeit – ein Unbekannter nur eine Handbreit neben seinem Ohrläppchen – und sagte lauthals, so als wolle er mir bedeuten, ich solle mein Gesicht gefälligst woanders hinstecken: „Die Welt ist groß genug, junger Mann.“


Über die Ironie sagte Jules Renard:
„Die Ironie ist die Schamhaftigkeit der Menschen.“
Vila-Matas stellt dagegen:
„Die Ironie ist die höchste Form von Aufrichtigkeit.“

Im Sinne eines Epitaphs von Marcel Duchamp:
Im Übrigen sind es immer die anderen, die sterben.
erzählt der Autor:
In Antwort auf:
Ich bildete mir ein, ein Leben voller Weltschmerz sei ungeheuer schick. (…)
Ich fühlte mich wie ein wandelnder Geist in der Abenddämmerung, und nie zuvor habe ich die Vorstellung besser verstanden, die wir uns von der tragischen Verlassenheit der Toten machen. Früher hätte ich es unglaublich schick gefunden, wie ein Geist herumzuirren. Doch als ich an jenem Augustabend merkte, dass ich in meinem Pariser Viertel längst ein Niemand war, wurde mir erst klar, welch unfassbares Unglück sich unter der Hülle des Weltschmerzes verbarg. Es war alles andere als angenehm, verzweifelt durch die Straßen meines alten Viertels zu laufen. Wenn es schon nicht elegant war, sterben zu wollen, dann umso weniger, tot zu sein und durch Gegenden zu streifen, wo man früher lebendig war.


Der junge Autor war damals regelrecht vom Tod besessen:
In Antwort auf:
Damals behauptete ich ständig, ich könne das Leben nicht mehr ertragen und wünschte mir nichts sehnlicher als zu sterben. „In Wirklichkeit ein Trick, um dich, nachdem Gott tot ist, vor dem schmachvollen Eingeständnis zu drücken, dass du ein Nichts bist“, (…)


Dabei nimmt er sich Deleuze/Guattaris Werk "Anti-Ödipus" zur Hand und beruft sich auf Foucault, der darin als Zitat angeführt wird:
In Antwort auf:
„Denk ja nicht, nur weil du ein Revolutionär bist, müsstest du auch traurig sein.“


Oder im Gegenteil ließe sich auch sagen: Es reicht nicht, leidend zu blicken, sich eine Sartre-Pfeife in den Mund zu stecken, um zu zeigen, dass man die Welt verändern will.
Dieses Verhalten ging dann auch nur solange gut:
In Antwort auf:
... bis ich eines Tages in >La Closerie des Lilas< Severo Sarduy begegnete, der mich fragte, was ich Samstagabend vorhätte. „Mich umbringen“, erwiderte ich. „Dann verabreden wir uns eben für Freitag“, sagte Sarduy.


Endlich kommt er zur Besinnung:
In Antwort auf:
Inzwischen finde ich Menschen, die ohne jegliche Lebensfreude auf der Welt sind, nicht mehr schick, sondern höchstens langweilig.


Und:
In Antwort auf:
Natürlich ist es nicht ganz unkompliziert, jung zu sein, was aber noch lange nicht hießt, dass man verzweifeln müsste.


Ich muss sagen, dass erinnert mich stark an eine Phase meiner Jugend, als man noch von seinen Emotionen hin- und hergerissen war, als die "Qual", obwohl noch nichts Weltbewegendes erlebt, ständiger und auch künstlich erzeugter Begleiter war.

Zum Trost im Worte des Georges Perec (Espèces d’ espaces):
„Es liegt etwas Schreckliches in der Idee der Stadt; man hat den Eindruck, wir könnten uns nur an tragische oder verzweifelte Bilder klammern.“

Doch so leicht ist es ja nicht, indem man erst einmal erkennt, da kommen dann erneute Hinterfragungen auf den jungen Dichtersmann zu:
In Antwort auf:
Wieder war ich ratlos angesichts dieser Negation der Zeit, in diesem Fall ihrer Widerlegung, frei, frei nach einem Text über den Orbis Tertius, dem wichtigsten Axiom der philosophischen Schulden. Laut diesem Axiom ist die Zukunft nur Realität in Form unserer gegenwärtigen Ängste und Hoffnungen, und die Vergangenheit ist lediglich als Erinnerung Realität.
Die Vergangenheit ist immer ein Konglomerat von Erinnerungen, sehr prekären Erinnerungen, da sie nie wahr sind.


Langsam entdeckt er die Macht des Schreibens:
In Antwort auf:
Wenn ich ein wahrer Schriftsteller wäre, so sagte ich mir, würde mir Afrika gehören. Und warum Afrika? Weil ich dann die Melancholie erleben würde, dorthin zurückzukehren, wo ich nie war.
(…) Wäre ich ein wahrer Schriftsteller, wäre ich absolut modern. Und mit dem Morgengrauen würde ich, mit glühender Ausdauer gewappnet, prächtige Städte betreten.



Oder, wie Benet sagt:
„Heute habe ich die erste Seite eines Romans geschrieben; ich weiß zwar nicht, wovon er handelt, aber ich weiß, dass mich ein Jahr voller Obsessionen erwartet.“

Auch interessant diese Perspektive:
In Antwort auf:
Dabei fällt mir ein, dass mir einmal jemand gesagt hat, das Zentrum der Welt befinde sich an einem Ort, wo ein großer Künstler gearbeitet habe, und nicht etwa in Delphos.


André Gide hat gesagt, ein Künstler dürfe sein Leben nicht so schildern, wie er es gelebt habe, sondern müsse sein Leben so leben, wie er es erzählen wolle. Das darf man sich dann auch ruhig zu Herzen nehmen.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.11.2007 17:42 | nach oben springen


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