Giuliano da Empoli

31.01.2026 16:27
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Giuliano da Empoli
"Der Magier im Kreml"

Empoli ist der Gründer von Volta, einem progressiv-linken, sozialdemokratischen und pro-europäischen Think Tank aus Italien, mit Sitz in Mailand, Rom und Brüssel. Er gehört dem Netzwerk Global Progress an, das ein Pendant zu den konservativen und liberalen internationalen Think-Tank-Netzwerken darstellt, und beschäftigt sich mit Europapolitik, Digitalisierung, Erhalt der „Demokratie“, Populismus-Bekämpfung, transatlantische Beziehungen und grün-sozialer Ökonomie. Diesen Hintergrund sollte man vielleicht kennen, um die Manipulation dieses, in meinen Augen, durchaus gut geschriebenen Buches nachvollziehen zu können, vor allem, weil der Autor weit ausholt und die Sowjetunion geschickt mit dem heutigen Russland verschmelzen lässt. Sinnvoll wäre auch ein Blick auf seine anderen Bücher, darunter das 2022 erschienene „Ingenieure des Chaos“, in dem seine „progressive“ Gesinnung noch besser zur Geltung kommt. Hier warnt er eindringlich vor dem Populismus der Rechten, vor Klimaleugnung, Fake News und Verschwörungstheorien, unterstellt, selbstredend ohne Beweise und Fakten, eine manipulative Hinlenkung der Wähler zur Abstimmung des Brexits und den bewusst geschürten Hass auf Migranten, der natürlich nichts mit der täglichen Flut und Masse der Ankommenden und dem extremen Anstieg der Kriminalität zu tun hat. Kurz, einen größeren Schwachsinn hat man selten gelesen.

In diesem hier vorgestellten Roman „Der Magier im Kreml“ bietet Empoli den fiktiven Aspekt seines Denkens und nutzt den Zeitgeist geschickt aus, indem er sich auf die Dämonisierung Putins konzentriert, wodurch ihm dann auch der erhoffte Bestseller gelingt. Der Vergleich zwischen seinen Büchern erscheint hier dann auch wie Tag und Nacht, denn der Lesegenuss ist hier garantiet. Dass er der Mehrheit der Russen eine Liebe zu Stalin unterstellt, nur weil es, wie überall, einige wenige gibt, die, vergleichbar mit den Neo-Nazis, den Machthaber auch heute noch bewundern, kann natürlich schon so einigen aufstoßen, wo die offen gezeigte Verehrung der Ukrainer für Bandera nicht einmal ansatzweise erwähnt wird. Aber letztendlich spielt das für die literarische Qualität des Romans keine Rolle.

"Sehen Sie, um zu verstehen, dass Gorbatschow die Sowjetunion zerstören würde, musste man ihm nicht zuhören; man musste ihm nur zusehen. Er ging aufs Podium, und sofort brachte man ihm sein Glas Milch. Die Leute trauten ihren Augen nicht. Dann verdoppelte er den Preis für Wodka. Er wollte alle auf Milch umpolen. In Russland! Ist das noch zu fassen? Und da wundert man sich, dass alles den Bach runterging."

In diesem Stil weckt der Roman schon von Anfang an die Sympathie der Leser. Empoli versteht es, die Sowjetunion und ihren Zusammenbruch eindrucksvoll ins Bild zu setzen. Da werden einige Erinnerungen wach, die jeder Russe zu Genüge kennt, von der Bürokratie bis zum Fremdschämen über betrunkene Repräsentanten des Landes. Warum der liebenswerte Magier ausgerechnet einem Fremden aus dem Internet seine ganze Lebensgeschichte erzählt, nur weil dieser Samjatin gelesen hat, wird natürlich nicht so recht ersichtlich, zeigt aber umso mehr, dass der fesselnde Einstieg lediglich dem Sprung in das "Zarenreich" Putins dient. Aber tatsächlich, der Roman hat mich (bis auf das eher kitschige Ende) über etliche Seiten unterhalten. Ich würde ihn in vielen Dingen als wahr einstufen, wie es wohl jeder Russe tut, vielleicht sogar Putin selbst. Dennoch erfolgt auch hier das übliche Spiel einer gekonnten Vermischung der Tatsachen und Propaganda, um auch kritische Leser in den Bann zu ziehen. Ebenso war für mich die Erwähnung Limonows sympathisch, dessen Worte ich übrigens, trotz der im Buch geäußerten Kritik, Wort für Wort unterschreiben würde, ob mit oder ohne Biss in den Hamburger.

Dass die Geschichte über die Fakten der Machtorientierung nicht nur auf Russland, sondern auch auf andere Großmächte zutrifft, muss und will der Autor natürlich nicht vertiefen. Etwas Kritik wird an Europa und Amerika durchaus geübt, aber oftmals ist die Darstellung wenige Seiten später bereits fiktionalisiert, beispielsweise mit der These, dass Putin die westliche Degeneration bewusst zulässt und ausnutzt, diese gar erzeugt. Natürlich fixiert Empoli sich auf Putin als Staatsoberhaupt der absoluten Macht, der all diese Dinge par excellence verkörpert. Selbst die Geschichte mit Jelzin ist gelungen, weckt aber, gerade wenn man das Heute ins Auge fasst, deutlich mehr Assoziationen zu Biden. Dem haben sie nicht nur einmal ein Brett ins Kreuz geschoben, um ihn aufrecht hinzusetzen, ohne dass er sich artikulieren konnte. Aber schön ist die Szene natürlich, weshalb sie hier auch festgehalten wird:

„Da Jelzin nicht in der Lage war, in sein Büro zu gehen, ließ Boris die Möbel aus dem Kreml in die Residenz des Präsidenten schaffen, um den Eindruck zu erwecken, er sei voll und ganz einsatzfähig. Bei der Aufnahme der Botschaft war Jelzin so schwach, dass er nicht einmal gerade auf dem Stuhl sitzen konnte, weshalb man ihm ein Brett in den Rücken schob, um ihn zu stützen. Jetzt musste noch das Problem mit der Rede gelöst werden: Der Präsident war außerstande, verständliche Worte zu artikulieren. Er wurde gebeten, seine Lippen so gut es ging zu bewegen, und die gesamte Rede wurde im Schneideraum aus Stücken vorheriger Reden zusammengesetzt.“

Empoli orientiert sich vor allem am bekannten westlichen Medienstoff, verarbeitet diesen literarisch und stark emotional, in Form des Monologs des Magiers Baranow, den man, trotz seines Amtes, ins Herz schließt. Vieles wird erwähnt, das man kennt, teilweise verfälscht der Autor aber auch die Dinge, denn gerade wenn sie wahr sind, macht er aus ihnen eine Inszenierung oder ein Schauspiel. Anderes entspricht sicherlich den Tatsachen, was wohl dann auch die Sympathie der Leser, ob Russen oder andere, erklärt. Eine Lüge ist natürlich die Hunde-Phobie von Merkel, die das (in den Medien breit diskutiert) in ihrem Heldenepos, pardon, in ihrer Freiheitsneurose, ich meine, in ihrer Autobiografie als eines ihrer Highlights präsentierte, während es einige bezeichnende Fotos und Videos gibt, auf denen sie ganz friedlich und wie jeder andere Mensch diverse Hunde streichelt und liebkost. Das Machtspiel Putins mit seinem Hund ist allgemein eher zu bezweifeln, aber ein umso besserer Fraß für die Medien und selbstredend auch für einen fiktiven Roman.

"Die Politik verfolgt ein einziges Ziel: Sie reagiert auf die Ängste der Menschen. Deshalb wird der Staat in dem Moment, in dem er nicht mehr in der Lage ist, seine Bürger vor der Angst zu schützen, bis auf die Grundfesten seiner Existenz wieder infrage gestellt."

Das trifft in allen Punkten zu, gilt jedoch nicht nur für die Sowjetunion, sondern umso mehr auch für Europa. Eingeräumt wird, dass Putin die Menschen mit seinem Wesen fesselt, dass es ein tiefsitzendes Verlangen von ihm ist, Russland auf ein anderes Level zu heben. Gleichzeitig widerspricht Empoli dem, indem er diesen Trieb zur reinen Schauspielkunst erklärt. Er setzt voraus, dass es keine Politiker mehr gibt, die tatsächlich an der Entwicklung ihres Landes orientiert sind. Das ist zwar in Europa tatsächlich der Fall, Putin traue ich allerdings durchaus ein echtes Interesse zu, sein Land mächtig und unabhängig machen zu wollen, was am Ende auch den dort lebenden Menschen zugutekommt. Die Aufhebung der Privatisierung, um Firmen wieder zu Staatseigentum zu machen, ist für ein Land und seine Wirtschaft immer von Vorteil und würde auch in europäischen Ländern einiges verändern. Stattdessen lassen die meisten die Fremdkontrolle und Bereicherung durch das Ausland und durch Geschäftsleute zu und wundern sich, dass die Preise steigen. Dass der Roman mir suggerieren möchte, Sympathie für die von Putin aus dem Land verwiesenen Oligarchen aufzubringen, ist zwar nett gemeint, gelingt aber kaum, wenn diese sich zuvor, mithilfe des westlichen kapitalistischen Einflusses, an einem keuchenden Land sattgefressen und die bankrotten Firmen für lächerliches Geld aufgekauft haben, um ihr Dasein ordentlich zu vergolden.

Sicherlich kann man hinterfragen, was aus einem Volk wird, das etliche Jahre im Sowjetsystem zum Schweigen und Denunzieren verurteilt war. Die hier gegebene Antwort, dass Menschen gerne Köpfe rollen sehen, ist ebenfalls ein kaum auf Russland allein beschränktes Begehren. Im Westen wäre das sicherlich ein ebenso willkommenes Spektakel, nur ist es, wie auch im Buch erwähnt, dort nicht möglich, weil hier die Oligarchen (getarnt als Philanthropen) die Politik bestimmen und ihre eigenen Gesetze schaffen, die ihnen den tiefen Fall, trotz kriminellen Handelns, ersparen oder doch erheblich erschweren.

Die Darstellung Putins entspricht in vielen Dingen der Wahrheit, ist aber auch bei Trump zu beobachten, wobei beide Politiker die geltenden Regeln ändern, um sich ihren Machterhalt zu sichern. Natürlich werden im Buch auch Putins territoriale Ansprüche in Szene gesetzt, das Drama des Krieges dazu als Böswilligkeit und reiner Kopfkrieg verkauft, genauer als ein Versuch, die Russen unter dem Banner des Zusammenhalts zu einen und so besser zu kontrollieren, während er gleichzeitig dazu dienen soll, dem Westen die eigene Macht zu demonstrieren, die Empoli sich nicht zu schade ist, als geringer zu erachten als sie erscheint, denn bei ihm ist Putin kein Schachspieler, sondern ein Simulant, ein durchschnittlicher KGBler, der Stalin imitiert und, wie dieser, um sich herum nichts und niemanden duldet, der seine Macht gefährden könnte. Da möchte ich gerne dann doch auf die verweisen, die nach ihm kommen könnten, deutlich radikalere Anwärter, die auch kein Problem damit hätten, Europa die passende Antwort zu erteilen. Das gemäßigte Reagieren Putins auf die ständige Provokation und Aggression der europäischen Politiker sollte dabei nicht vergessen werden. Andere drohen längst damit, Europa dem Erdboden gleichmachen zu wollen. Freilich sind es nur Drohungen, jedoch keine, die man auf die leichte Schulter nehmen sollte, wenn man für einen anderen Staatschef plädiert. Schließlich stellt Empoli dann noch gekonnt und theatralisch die Olympischen Spiele dem Ukrainekrieg gegenüber. Prunk und Leid, Fest und Zerstörung. Emotional aufgebauscht und einseitig präsentiert, mit dem Bild und Symbol der kaputten Puppe in den Trümmern. Mit diesen Szenen packt der Manipulator das Herz und trichtert ihm das Grauen ein.

Dass neben Putin und anderer (zur Untermauerung der Wahrheit) mit echtem Namen benannter Figuren die Koksnase, der Infantile oder der Grönland-Eroberer überhaupt nicht auftreten, ist ein weiteres Manko, denn sicherlich gehören auch diese kritisch betrachtet, haben sie immerhin keinerlei Skrupel, für ihre eigenen Ansprüche Menschenleben zu opfern. Aber trotz all meiner Kritik ist das Buch tatsächlich gut konzipiert. Gefallen hat mir auch der Schluss als Warnung, dass alles, was unsere heutige Technologie bestimmt und dem Menschen die sozialen Kontakte erleichtert, ein Produkt des Militärs ist und auch alleine zu diesem Zweck geschaffen wurde, um zu überwachen und zu kontrollieren. - „Schon jetzt ist die Perfektion der Maschine zum Ideal von Milliarden von Menschen geworden, die darum kämpfen, sich immer mehr in den Strom der Technologie einzufügen.“ - Der Mensch, als Teil des Krieges, wird am Ende durch die Maschine und Drohne ersetzt, sodass keine Gefahr des Widerspruchs oder Ergebens mit weißer Flagge mehr besteht. Das Vernichten ist dann totalitär, bis zum letzten Atemzug. Darüber hat auch Alexis Jenni schon schön geschrieben, in „Die französische Kunst des Krieges“. Bei Empoli heißt es: „Im Grunde ist der Diktator, wie unser Brodsky sagte, nur eine veraltete Version des Computers“ Dem ist nichts hinzuzufügen.


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(Alle Zitate stammen aus der Ausgabe: Giuliano da Empoli "Der Magier im Kreml", C.H.Beck Verlag)


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02.02.2026 18:39 (zuletzt bearbeitet: 02.02.2026 18:42)
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Wenn hier wie in Mainstreamforen eine Option zum Liken drunter wäre, würde ich das tun und die Sache wäre geritzt. :) Einfach, weil ich deine fleißigen und engagierten (das ist kein Code!) Ausführungen absolut unterstütze und ich nicht ermüdend re­pe­tie­ren möchte. Immerhin: Was sagt es über einen, wenn man wie ich das Buch holen will zum Abgleich und zunächst der Abteilung mit den Russen zustrebt? :) Ich meinte ja bei meiner Empfehlung, dass ich mich gut unterhalten fühlte und die ideologische Stoßrichtung wider Russland und Putin nicht vordergründig wahrnähme.

Ich bin nicht so kritisch mit Leuten, die aus einem Stall kommen; wenn das Vorgelegte gut ist.* Und bis auf das kindische (kindliche?) Ende hat man wirklich wenig zu meckern. Die naiven linksgrünen Narrative erkenne ich im Roman nicht. Auch ich mochte die Hauptperson gleich und ich habe die Darlegungen schon so empfunden, dass es nicht vordergründig um Machtmechanismen in Russland ging, sondern auf der ganzen Welt bei allen möglichen Regierungsformen; wobei letztlich alles auf ganz andere Schwerpunkte künftigen Machterhalts hinausliefe, wie du ja erhellend zitiert hast. Fragen der Mentalität bleiben natürlich offen: Hat Clintons Verhalten gegenüber Jelzin wirklich so aufgewühlt? Ich weiß es nicht. Dass der Zar seinen Hund zum Hosenanzug mitnahm, bereitete zumindest mir große Freude; und ich finde es schade, dass es nur eine Fiktion ist. :)

* Wobei: Auf Herfried Münkler bin ich seit "Die neuen Deutschen: Ein Land vor seiner Zukunft (2017)" auch sauer, gerade weil ich seine Bücher zum 30jährigen Krieg und zum 1. Weltkrieg schätzte. Ob ich jemals wieder etwas von ihm lese? Selbst "Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch" steht hier noch ungelesen. Und am Schlimmsten finde ich Elke Heidenreich, die ich wie Thea Dorn oder Iris Radisch einst mochte. Sie alle haben sich inzwischen diskrediert durch engstirnige Anbiederung an den Zeitgeist, aber wie sie im Literaturclub 2014 aufgetreten ist in völliger Unkenntnis von Martin Heideggers Schwarzen Heften und geifernd vor Hass und Dummheit und Selbstgerechtigkeit dem Moderator Stefan Zweifel über den Mund fuhr und später seine Absetzung erwirkte, ist ein starkes Kapitel faschistoiden Machtmissbrauchs und renitenter Moralbesoffenheit. Sie könnte das beste Buch der Welt schreiben, ich läse es nicht.

P.S. Samjatin hatte ich schon wieder vergessen, seltsam, dass ich die vier Bände von Kiepenheuer nicht habe.


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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