Übersetzungen - Glanz und Elend kultureller Vermittlung

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01.02.2026 18:49
#1
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Wenn es im Klappentext zur Neuübersetzung von Flauberts Éducation sentimentale heißt, sie sei lang erwartet (von wem eigentlich?) und man könne in der Übertragung von Elisabeth Edl den epochalen Roman noch einmal ganz anders entdecken und dazu der Titel nun nach Die Erziehung der Gefühle, Die Erziehung des Herzens, Lehrjahre des Herzens, Lehrjahre des Gefühls, Die Schule der Empfindsamkeit in der Neuübersetzung selbstverständlich anders, also Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend lauten muss, verkneife ich mir kaum das Schmunzeln; denn der Buchmarkt ist heute so übervoll, dass dem Verlag nichts anderes übrigbleibt, als so einen Zinnober zu veranstalten.

Solche Überlegungen und Abneigungen gegen den kapitalistischen Kulturbetrieb dürfen aber nicht dazu führen; sich dem großen Thema Übersetzungen von großer Literatur zu verschließen. Für mich, der ich die alten europäischen Kultursprachen außer dem Russischen und dem Englischen nicht beherrsche außer einigen Brocken, die durch die Kenntnis des Lateinischen vermittelbar sind; haben Übersetzungen immer eine sehr große Rolle gespielt in meiner Lesebiografie. Ich habe mich auch intensiv mit den Grundlagen und Problemen von Übersetzungen an sich auseinandergesetzt; auch selbst herumprobiert; und ich denke, neben meinen wichtigsten Berufswünschen Generalstabsoffizier und Universitätsdozent für Geschichte und Philosophie wäre der Beruf des Übersetzers einer gewesen, der zu mir gepasst, zu dem ich eine Befähigung und sogar besondere Eignung gehabt und der mich womöglich auch ausgefüllt hätte.

Die 1:1-Übertragung von literarischen Texten aus der Quell- in die Zielsprache ist an und für sich ein aussichtsloses Unterfangen. Mag das bei pragmatischen Textsorten noch angehen, türmen sich bei künstlerischen die Probleme schnell hoch auf; denn wenn der Inhalt eines Wortes noch halbwegs adäquat wiedergegeben werden kann; so ist das bei Mehrfach- und Nebenbedeutungen; bei ganzen Sätzen und Passagen, Satzmelodie, Rhythmus und Klang schier unmöglich; wenn sich die Sprachen wesentlich unterscheiden. Die Bandbreite an Ansätzen ist daher groß, zwischen der Interlinearversion und der Nach- und Neudichtung liegen zwei Millionen Möglichkeiten verborgen und vier verschiedene Übersetzer vertreten fünf Auffassungen. Und nicht selten entbrennen in akademischen Zirkeln, aber auch in den Feuilletons der großen Blätter regelrechte Schlachten um die reine und richtige Lehre des Übersetzens.

Denn Neuübersetzungen von Werken der Weltliteratur sind notwendig, weil sich unsere moderne Welt schnell wandelt und unsere Sprache mit ihr. Aber das gilt nicht für alle Bücher und schon gar nicht wäre hier ein Automatismus zu folgern. Es gibt inzwischen mehrere Neuübersetzungen vom Leben des Benvenuto Cellini; natürlich modern erläutert und mit wissenschaftlichem Apparat versehen; aber die alte von Goethe tut ihren Dienst auch noch immer. Es muss schon einen besonderen Grund haben; meine ich, wenn man Zeit und Geld investiert, um sich heute einen Klassiker neu vorzunehmen. Nur der Ablauf des Copyrights darf da nicht der Anlass sein, ein Jubiläum oder eine Vermarktungsstrategie.

Ich selbst möchte nur auf ein paar Werke hinweisen, die in verschiedenen Übersetzungen zu haben, zu lesen und zu vergleichen; mir ein unstillbares Bedürfnis ist. Dazu zählen die Dichtungen von Arthur Rimbaud; deren Modernität so viele unterschiedliche Übersetzer und Nachdichter auf den Plan gerufen hat, dass man eigentlich französisch lernen müsste, um hier wirklich zum Wortlaut vorzudringen. Wenn ich überlege, wieviel Zeit ich damit verbracht habe; Zeile für Zeile erst interlinear zu erfassen und dann mit den verschiedenen Übersetzungen zu vergleichen; wäre ich wohl besser beraten gewesen, mich zwei Jahre auf den Hosenboden zu setzen und in die Muttersprache Rimbauds einzutauchen als „normaler“ Sprachlernender. Von meinem Lieblingsroman Tristram Shandy von Lawrence Sterne besitze ich selbstverständlich alle jemals erschienen Verdeutschungen und wenn ich lese, dass Hemingway oft gekürzt und verstümmelt ins Deutsche kam, greife ich natürlich auch zu den neuen Übersetzungen von Werner Schmitz und anderen bei ‎Rowohlt.

Und dann gibt es eben die Schriftsteller, deren Originalgenie auch in sprachlicher Hinsicht sie fast unübersetzbar macht oder deren ältere Übersetzungen als kanonisch gelten, dass die Kenntnisnahme neuer unabdingbar, ja sogar Pflicht und also ein Muss ist. Elisabeth Kaerrick übersetzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Pseudonym E. K. Rahsin Dostojewskis Gesamtwerk bei Piper, die Bände beförderten, unterstützten und begleiteten dessen Renaissance und Rezeption im alten und neuen Europa, als Kassette sind sie heute zu Spottpreisen erhältlich. Swetlana Geiers Bemühungen, die fünf großen Romane neu zu übersetzen, können daher nicht genug gewürdigt werden; weil sie bei einem so vielschichtigen wirkungsmächtigen Autor einfach an der Zeit und notwendig waren. So würde ich auch nie eine Neuübersetzung von James Joyce ignorieren; schon gar nicht, wenn Friedhelm Rathjen Ein Porträt des Künstlers als junger Mann neu übersetzt hat.

Denn natürlich baut man im Laufe seines Lebens starke Beziehungen zu einzelnen Übersetzern auf, die aus welchen Gründen auch immer ein Monopol auf einen Autor haben. Vielleicht ist das einer gewohnten Synchronstimme bei Film und Fernsehen zu vergleichen und so kenne ich Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle, Rudyard Kipling, Jostein Gaarder, Umberto Eco u.v.a.m. nur aus einer Hand. Aber im Fall von Friedhelm Rathjen kam ich tatsächlich in den Genuss, eines der größten Bücher der Weltliteratur völlig neu zu lesen und zu genießen. Ich besitze nun alle neueren Übersetzungen von Moby Dick und hätte nie geglaubt, welche Unterschiede selbst bei Zeitgenossen möglich sind und wie sehr man den originalen Wortlaut verfälscht, geglättet und zurechtgestutzt hat, weil man die ästhetischen Prämissen Melvilles völlig missverstanden hat und man die Brüche und Divergenzen nicht als Signum der aufkommenden Moderne nahm, sondern als künstlerische Unvollkommenheit erachtete.


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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01.02.2026 18:49
#2
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In meinen reifen Jahren gibt es wenig, was ich wirklich hasse und zutiefst verabscheue; aber wenn Rezensenten in den großen Blättern oder den bekannten Fernsehrunden sich nicht entblöden, regelmäßig von einer großartigen Übersetzung zu sprechen oder gar von der besten deutschen überhaupt, dann krieg ich so einen Hals, dass die Adern zu platzen drohen. Wie kann man sich solche Urteile anmaßen? Man müsste ja im schlichtesten Fall das ganze besprochene Buch auf deutsch und im Original gelesen haben für solche Einschätzungen und bei vergleichenden Äußerungen wäre zumindest die partielle Kenntnis aller bisherigen Übersetzungen erforderlich. In der Regel trifft auf die Kritiker aber weder das eine noch das andere zu. Was sie meinen ist lediglich, dass sie den Text der Übesetzung "gut" fanden; manche verwechseln gar die Verdeutschung mit dem Original.


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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01.02.2026 18:50
#3
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Sieben (sic!) Neuübersetzungen von George Orwells dystopischem Klassiker 1984 sind im letzten Jahr erschienen; weil der Schriftsteller 1950 verstorben ist und die Texte nun gemeinfrei sind; sieben (sic!!) Neuübersetzungen; das muss man sich einmal vorstellen, sieben Stück (sic!!!); da werden andere großartige Bücher überhaupt nicht übersetzt und hier finden sich innerhalb eines Jahres sieben (sic!!!!) Übersetzer für den gleichen sattsam bekannten Text; sage und schreibe sieben (sic!!!!!) Verlage (Rowohlt, dtv, Anaconda, Ullstein, Nikol, Manesse, Insel) haben durchkalkuliert und befunden, es lohne sich dennoch und tatsächlich wurden alle sieben (sic!!!!!!) Projekte bis zum Ende durchgezogen und nun liegen tatsächlich von einem Buch, das so ziemlich jeder kennt und jeder ernsthafte Leser auch schon gelesen hat mindestens einmal, von diesem einen Buch liegen also im Frühjahr 2021 unglaubliche sieben (sic!!!!!!!) Neubesetzungen vor und man greift sich an den Kopf, in den Schritt; kratzt sich das Kinn und denkt, das kann doch alles nicht wahr sein, wie saudämlich funktioniert denn dieser Kapitalismus. Gutes Buch nebenbei … aber seven new translations to german – never ever … [© 2021]


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01.02.2026 18:50
#4
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Da ich es eben von Übersetzungen hatte; habe ich nochmal überlegt; für welche Dichter ich früher Sprachen lernen wollte. Im Französischen waren es tatsächlich die Symbolisten; also Baudelaire; Rimbaud; Verlaine; Mallarmé. Italienisch wollte ich für Leopardi und Eco lernen; spanisch für Jorge Luis Borges; letzteres war eigentlich die einzige wirklich ernsthafte Initiative, die aus Gründen, die ich nicht mehr erinnere; auch im Sande verlief. Dass ich gerne für Poe, Melville und vor allem Sterne und Woolf besser englisch gelesen hätte, versteht sich. Aber selbst das Deutsche mit seinen vielen Spielarten reizt mich immer wieder, die Dia- und Soziolekte sind ein Steckenpferd von mir und ich wüsste vor meinem Ableben doch noch zu gern, in welcher Sprache Herbert Grönemeyer eigentlich singt; denn ich konnte noch nie in seinen Booklets nachsehen, ob da Übersetzungen beiliegen.


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01.02.2026 18:51
#5
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Das eine oder andere zu wissen bilde ich mir schon hin und wieder ein; aber dass kein Text der Weltliteratur häufiger als die Shakespeare-Sonette (mit Ausnahme von Bibeltexten) ins Deutsche übersetzt wurde, habe ich erst kürzlich gelesen.

"300 Übersetzer haben sich seit dem 18. Jahrhundert, als Shakespeare in Deutschland wie in England wiederentdeckt wurde, bis heute mit den Sonetten beschäftigt. In den Jahren zwischen 1836 und 1894 erschienen allein zwölf kommentierte deutsche Gesamtübersetzungen. Derzeit (April 2021) sind 79 deutsche Gesamtübersetzungen und 60 Teilübersetzungen von 10 oder mehr Einzelsonetten publiziert. Von den Sonetten Nr. 18 und Nr. 66 gibt es jeweils über 200 deutsche Übersetzungen. [Wiki]

Da bin ich nun doch überrascht. Ich kam überhaupt nur drauf, weil Alexander Wendt in seinem schon mal erwähnten sehr lesenswerten und unterhaltsamen Buch Du Miststück. Meine Depression und ich (2016) über eine prekäre Randexistenz berichtet; die sich auch an der Übersetzung versucht hatte und sich von ihm zu dem Zwecke eine wunderbare Ausgabe auslieh; im Nachlass fand man aber nur das 66. Sonett; was viele wohl übersetzt hätten, auch der Autor. Ich selbst habe mich nie daran versucht; auch nie eine Neigung und inneren Ruf dazu verspürt. Ich vergriff mich seinerzeit als romantischer Jüngling an Puschkin, Majakowski, Lermontow, Mandelstam, Jessenin; но о результатах предпочитаем молчать. Immerhin sagt es schon einiges über jemanden aus, wenn man sich ansieht, wen er übesetzen will.


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01.02.2026 18:51
#6
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Wenn man sich überlegt, dass es keine vernünftige kommentierte Auswahlausgabe der Kanzelreden von Jacques Bossuet in deutscher Übersetzung gibt und auch keine Werkauswahl von François Fénelon; dann wird der eine oder andere einwenden; das sei doch heute Spezialwissen und nicht mehr wichtig, wen das interessiere, der solle doch bitte französisch lernen; aber mit dem Blick auf die großen Theaterautoren der französischen Klassik sieht es auch nicht besser aus; denn wir besitzen weder von Jean Racine noch von Pierre Corneille und nicht einmal vom großen Molière Gesammelte Werke in unserer Muttersprache. Für ein Kulturvolk wie das Deutsche unverzeihlich; das wäre so, als ob die Franzosen keinen Gottsched oder Lessing übersetzen würden. Ein paar Reclambändchen nützen hier wenig.


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01.02.2026 18:51 (zuletzt bearbeitet: 01.02.2026 18:53)
#7
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Von Übersetzungen hatte ich es in diesen Blättern schon häufiger. Mittlerweile ist aber Vorsicht geboten bei den mit viel Tamtam beworbenen Neuübersetzungen ("Endlich in moderner, angemessener Sprachgestalt!") selbst ehrwüriger und angesehener Verlage mit gutem Leumund, denn allzu oft beherrschen die Übersetzer und vor allem die Übersetzerinnen die Zielsprache, also ihre Muttersprache, deutlich schlechter als die Ausgangssprache. Was da dem kundigen Leser heutzutage teilweise zugemutet und als "modernes" Deutsch verkauft wird, spottet jeder Beschreibung. Aber woher sollen es die jungen Leute auch wissen und können, sie lesen nicht, zumindest kennen sie die deutsche Sprache nicht mehr gründlich genug und oft genug fehlt auch jegliches Gespür deren für Farben, Form und Rhythmus.

Das kann sich manchmal innerhalb von nur wenigen Jahren zeigen, wenn etwa die ersten drei Malaussène-Romane von Daniel Pennac durch Wolfgang Rentz bei Rowohlt übersetzt werden, die Reihe aber später von Eveline Passet bei Kiepenheuer und Witsch fortgesetzt wird und sie auch die ersten beiden Bände noch nachholt. Der Unterschied in den gelungenen Formulierungen ist derart groß, dass man es kaum glauben mag; wobei ich das mit nur blasser Kenntnis des französischen Originals sage und es hauptsächlich an der Qualität des Deutschen messe. Beide sind nicht schlecht, aber der erste Übersetzer hat eindeutig mehr Gespür für die Feinheiten des deutschen Ausdrucks, er übersetzt lebendiger, anschaulicher, kraftvoller; wo die spätere seltsam einfallslos und blutleer bleibt.

Gerade bei Neuübersetzungen zeitloser Klassiker des europäischen Realismus aus dem 19. Jahrhundert (Balzac, Flaubert, Stendhal, Tolstoi, Dostojewski, Turgenjew etc.) sollte man daher sehr vorsichtig sein und vor dem Kauf unbedingt Stichproben nehmen, was heute angesichts der digitalen Möglichkeiten kein Problem darstellt. Oft genug, so mein Eindruck, lesen sich die Übersetzungen der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts bis in die 50er und 60er Jahre hinein besser als viele moderne. Das liegt natürlich an der Verarmung der Sprache heute und daran, dass man den Lesern keine komplexe mehr zuzumuten beabsichtigt. Die Anbiederung an sogennannte Standards der deutschen Gegenwartssprache, die vielen Konzessionen und Zugeständnisse an den vorgestellten modernen Leser begradigen vermeintlich Lesehürden und lassen das Lesen ins Leere laufen.

Aber es gibt auch gegenteilige Beispiele: Die Kontroverse um die beiden Neuübersetzungen von Herman Melvilles monumentalen Roman "Moby-Dick; oder: Der Wal" von Matthias Jendis und Friedhelm versinnbildlicht das gut. Jendis übersetzt genau, merzt aber die Unebenheiten und Ecken und Kanten aus; Rathjen, dem eine „systematische und dogmatische Verholperung und Verhässlichung“ vorgeworfen wird, macht aber nicht anderes, als dass er sich traut, den eigentümlichen "Un-Stil" des Originals wiederzugeben, der auf so wunderbare Weise mit dem Ungehobelten des Inhalts korrespondiert. Aber dieses Romanungetüm ist auch ein Ausnahmefall, im Grunde unübersetzbar wie alle ganz große Literatur. Für die "normale" Literatur gilt, dass man immer abwägen muss; ob die Modernisierung einer Neuübersetzung den Verlust an Ausdrucksmöglichkeiten im Deutschen wert ist.


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01.02.2026 18:52
#8
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In einem der sieben vollendeten Romane Raymond Chandlers, "The Lady in the Lake" aus dem Jahr 1943, deutsch zuletzt immer als "Die Tote im See" und "Die Lady im See" publiziert, gibt es eine sehr schöne Stelle, die im Original so lautet:

"He spat outdoors and sat down again and rumpled the mousy brown hair under his Stetson. His head with the hat off had the indecent look of heads that are seldom without hats."

Der Hutträger und kurzzeitige Nichthutträger ist der Constable and deputy sheriff Patton, beobachtet und erzählt von Philip Marlowe oder einem auktorialen Erzähler. Der Verlag Diogenes hat zweimal übersetzen lassen innerhalb von reichlich 40 Jahren, zuerst von einem später sehr bekannten Mann aus dem "Literarischen Quartett", diese Übesetzung wurde dann Teil der 13-bändigen Ausgabe Sämtlicher Werke in Kassette:

Hellmuth Karasek (1976)
"Er spuckte nach draußen, setzte sich wieder hin, nahm den Stetson ab und kratzte sich das mausgraue Haar, das sein Hut bisher bedeckt hatte. Ohne Hut sah sein Kopf seltsam ergänzungsbedürftig aus, wie das bei Leuten oft der Fall ist, die so gut wie nie den Hut absetzen."

Kürzlich hat Diogenes eine neue Übersetzung vorgelegt, zunächst nur als recht teure gebundene Ausgabe erhältlich:

Robin Detje (2021)
"Vor der Tür spuckte er aus, dann setzte er sich wieder, nahm den Stetson ab und fuhr sich durch die mausbraunen Haare. Sein Kopf sah ohne Hut so peinlich aus wie Köpfe, die selten ohne Hut sind. "

Wenn man sich beide Übersetzungen anschaut, ergeben sich natürlich Fragen. Die neuere scheint im Ganzen dem englischen Original angemessener, die erste wirkt sperrig und geradezu verfälschend, nicht nur bei der Farbe, sondern auch in der spezifischen Wortwahl. Robin Detje beherrscht das Deutsche jedenfalls besser als Hellmuth Karasek. Bei beiden jedoch bleibt offen, warum "rumpled" nicht mit "zausen" oder wühlen "übersetzt" wird; und vor allem, warum selbst der Begabtere von beiden das "indecent" nicht mit "ungehörig", "unschicklich", "anstößig", "unanständig" übersetzt, wo doch gerade letztere Vokabel die Intention Chandlers eher trifft.

Klar, ich kann jetzt flink den "Google Übersetzer" benutzen, aber ich bin auch kein Anglist. Diesem sollten doch Nachschlagewerke genug zu Gebote stehen, die mehrere Synonyme anbieten mit Begründung und Herkunft, dass eine angemessene Verdeutschung möglich ist.


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02.02.2026 19:07
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#9
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Diese Kämpfe mit den Übersetzungen sind mir sehr vertraut. Ein unsäglich Ding ist auch der sogenannte Neusprech (ein furchtbares Wort, das die Misere aber sehr gut trifft), um die Eleganz eines Werks nach modernen Ansprüchen einzigartig zu zerstören. Meine letzte Auseinandersetzung betraf "Die Baugrube", hochgelobt und orientiert am Original, von Gabriele Leupold übertragen, nur leider schlicht und einfach nicht lesbar. Platonow hat viele sprachliche Eigenheiten, die als Stolperfalle gelten dürften, aber seine Philosophie sollte dabei nicht verloren gehen. Mögen die Übersetzungen von Volk und Welt (Werner Kaempfe und Alfred Frank) oder Oberbaum (Borowski) auch geglättet sein, ohne Zugriff auf das ungekürzte und unzensierte Manuskript, sie lesen sich deutlich besser und wären immer für die Erstlektüre vorzuziehen. Bei Leupold geht einiges verloren. Ein Beispiel wäre:

"Ach du, Masse, Masse! Es ist schwer, aus dir den Grützbrei des Kommunismus zu organisieren!"

... das bei Kaempfe noch so klang:
" Ach Masse, Masse! Wie schwierig ist es doch, das Skelett des Kommunismus organisatorisch aus dir zu formen."

Am besten gelungen ist immer noch die Übertragung von Renate Reschke, die beides, die Philosophie und die eigenwilligen Wortschöpfungen Platonows, bewältigte und in ein fließend poetisches Deutsch packte, hier vor allem in "Tschewengur". Und auch bei anderen russischen Werken, Ilf und Petrow, Bulgakow, etc. ziehe ich allen anderen Übersetzungen weiter ihren talentierten Mann vor, der oft auch die als unübersetzbar geltenden Sonderlinge meisterhaft bewältigte.

Ich erinnere mich, dass alles damals mit Kerouacs Werk begann, bei dem mir die alte Übersetzung deutlich besser gefiel als die nachfolgende, in der bekannte Zitate klanglich unsäglich verformt waren. Da schreibt man diese heraus, kreiert ganze Collagen, hat sie täglich vor Augen und dann kommt einer daher und macht alles anders. Das war auch die Zeit, als Tschechow auf einmal Čechov hieß. Rahsins Übersetzung von Dostojewski ist für mich immer noch die tragende, an die keiner herankommt. Auch in der Gesamtausgabe der Goncourt-Brüder, an der sich gleich drei weibliche und männliche Übersetzer (das Lob sei mit ihnen) versucht haben, ist der Unterschied bemerkbar.


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14.02.2026 15:20 (zuletzt bearbeitet: 14.02.2026 15:21)
#10
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Zitat von Taxine im Beitrag #9
Diese Kämpfe mit den Übersetzungen sind mir sehr vertraut. Ein unsäglich Ding ist auch der sogenannte Neusprech (ein furchtbares Wort, das die Misere aber sehr gut trifft), um die Eleganz eines Werks nach modernen Ansprüchen einzigartig zu zerstören. Meine letzte Auseinandersetzung betraf "Die Baugrube", hochgelobt und orientiert am Original, von Gabriele Leupold übertragen, nur leider schlicht und einfach nicht lesbar. Platonow hat viele sprachliche Eigenheiten, die als Stolperfalle gelten dürften, aber seine Philosophie sollte dabei nicht verloren gehen. Mögen die Übersetzungen von Volk und Welt (Werner Kaempfe und Alfred Frank) oder Oberbaum (Borowski) auch geglättet sein, ohne Zugriff auf das ungekürzte und unzensierte Manuskript, sie lesen sich deutlich besser und wären immer für die Erstlektüre vorzuziehen. Bei Leupold geht einiges verloren. Ein Beispiel wäre:

"Ach du, Masse, Masse! Es ist schwer, aus dir den Grützbrei des Kommunismus zu organisieren!"

... das bei Kaempfe noch so klang:
" Ach Masse, Masse! Wie schwierig ist es doch, das Skelett des Kommunismus organisatorisch aus dir zu formen."

Am besten gelungen ist immer noch die Übertragung von Renate Reschke, die beides, die Philosophie und die eigenwilligen Wortschöpfungen Platonows, bewältigte und in ein fließend poetisches Deutsch packte, hier vor allem in "Tschewengur". Und auch bei anderen russischen Werken, Ilf und Petrow, Bulgakow, etc. ziehe ich allen anderen Übersetzungen weiter ihren talentierten Mann vor, der oft auch die als unübersetzbar geltenden Sonderlinge meisterhaft bewältigte.

Ich habe die Baugrube mit Gabriele Leupold und Tschewengur mit Renate Reschke, die Bände von Volk und Welt standen bei Vatern. Bei dem von dir zitierten Beispiel bräuchten wir nun den Originalsatz, denn Grützbrei und Skelett sind ja nun zwei völlig verschiedene Wörter.

Zitat von Taxine im Beitrag #9
Rahsins Übersetzung von Dostojewski ist für mich immer noch die tragende, an die keiner herankommt.

Man darf freilich nicht vergessen, dass die Prägung durch das Kennenlernen nicht unerheblich ist. Man misst automatisch alles an den ersten Leseerinnerungen. Wenn ich heute ausländische Klassiker wiederlese, greife ich zuerst immer zu den Übersetzungen der Erstlektüre.

Zitat von Taxine im Beitrag #9
Das war auch die Zeit, als Tschechow auf einmal Čechov hieß

Diese Transliteration habe ich nie mitgemacht. Entweder die althergebrachte Art oder gleich in kyrillischen Buchstaben. Das Problem ist riesig auf dem Tonträgermarkt bei russischen und sowjetischen Komponisten und Dirigenten. Für Gennadi Roschdestwenski gibt es gut ein Dutzend Schreibweisen.

Zitat von Taxine im Beitrag #9

Ich erinnere mich, dass alles damals mit Kerouacs Werk begann, bei dem mir die alte Übersetzung deutlich besser gefiel als die nachfolgende, in der bekannte Zitate klanglich unsäglich verformt waren. Da schreibt man diese heraus, kreiert ganze Collagen, hat sie täglich vor Augen und dann kommt einer daher und macht alles anders.

Meine Lücken im angloamerikanischen Bereich sind groß, Jack Kerouac habe ich auch noch nicht gelesen. Wie kam man seinerzeit an diesen Autor? Schon in der DDR oder erst später? Und ist das mit den Collagen wörtlich zu nehmen, ein Kunstwerk?


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14.02.2026 17:07
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#11
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #10
Ich habe die Baugrube mit Gabriele Leupold und Tschewengur mit Renate Reschke, die Bände von Volk und Welt standen bei Vatern. Bei dem von dir zitierten Beispiel bräuchten wir nun den Originalsatz, denn Grützbrei und Skelett sind ja nun zwei völlig verschiedene Wörter.

Hier ist Kaempfe tatsächlich deutlich näher am Original. Bei Platonow heißt es:

"Эх ты, масса, масса. Трудно организовать из тебя скелет коммунизма!"

Leupold versucht dagegen mit "Grützbrei" keine wörtliche Übersetzung, sondern eine interpretierende, eigene, indem sie auf die volkstümliche, absurde Metaphorik zurückgreift, die Platonow ansonsten gerne benutzt (Bürokratie als Brei, Mensch als formbare Masse, usw.), aber eben nicht hier. So ist Kaempfe in meinen Augen nicht nur näher, sondern klingt auch poetischer.

Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #10
Man darf freilich nicht vergessen, dass die Prägung durch das Kennenlernen nicht unerheblich ist. Man misst automatisch alles an den ersten Leseerinnerungen. Wenn ich heute ausländische Klassiker wiederlese, greife ich zuerst immer zu den Übersetzungen der Erstlektüre.

Das ist oft so, das stimmt schon, hier allerdings nicht. Mein erster Roman war "Schuld und Sühne", in der Übersetzung von Hermann Röhl, die mich überhaupt nicht packte. Dann las ich das Buch einige Zeit später noch einmal, nun von Rahsin, und war vollauf begeistert. Geier werde ich mir mit den "Dämonen" irgendwann auch noch antun, sie soll ja am nächsten sein und auch das Diminutiv ordentlich ausgereizt haben, wie Dostojewski selbst.
Hier zeigt sich dann aber doch sehr schön, dass das nahe am Original nicht immer sinnvoll ist, dass Sprache in einer Übersetzung vor allem klingen und fließen muss, entsprechend etwas angepasst gehört, ohne das Werk zu verfälschen. Im Russischen sind Verniedlichungen (ähnlich wie im Griechischen) üblicher, ohne banal zu wirken. Im Deutschen ist das dagegen durchaus der Fall, weil man so nur mit Kindern redet.

Trotzdem halte ich nichts von der Herangehensweise, wie sie Leupold umsetzte, diese Modernisierung im Neusprech, die eher zeitaktuell ist, nicht authentisch. Ähnliches stieß mir bei der ansonsten sehr guten Übersetzung von Erica Jongs "Angst vorm Fliegen" auf, wo auch sehr viel woker geschrieben wurde, hier allerdings nicht weiter störend, da sich die weibliche Übersetzerin dann doch wesentlich besser in Jong hineinversetzen konnte als ihr männlicher Vorgänger aus den 70ern.

Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #10
Meine Lücken im angloamerikanischen Bereich sind groß, Jack Kerouac habe ich auch noch nicht gelesen. Wie kam man seinerzeit an diesen Autor? Schon in der DDR oder erst später? Und ist das mit den Collagen wörtlich zu nehmen, ein Kunstwerk?

Das war schon etwas später im "Westen". Tatsächlich meine ich eine echte Collage als Kunstwerk für die Wand, bestehend aus verschiedenen Bildern und Zitaten, die man, durch die tägliche Begegnung, dann auswendig konnte, sodass andere Übersetzungen wie verfälscht klangen, selbst wenn sie dem Original mehr entsprachen. Bei Kerouac ging es mir um dieses Zitat, das aus der alten Rowohlt-Ausgabe von 1959 stammt, noch unter dem Titel "Unterwegs" (Übersetzer war Karl Brachvogel):

"Denn die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren - jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe Wunderkerzen."

Daraus haben sie in späteren Ausgaben dann das gemacht:

„Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten, die verrückt sind aufs Leben, verrückt aufs Reden, verrückt aufs Gerettetwerden, die alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder etwas Banales sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe römische Kerzen, die wie Spinnen über die Sterne explodieren, und mitten drin siehst du das blaue Zentrumlicht platzen und alle rufen ‚Awww!‘“

Oder das:
"Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten, die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen."

(Salin hatte mich vor langer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass die Idee wiederum von einem anderen als Kerouac stammt, wenn ich mich richtig erinnere. Aber das spielt für die Übersetzungen und das, was ich meine, keine Rolle. )


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14.02.2026 18:49
#12
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Zitat von Taxine im Beitrag #11
Geier werde ich mir mit den "Dämonen" irgendwann auch noch antun

By the way: Ich besitze leider kein Wörterbuch der russischen Sprache aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber es ist mir schleierhaft, wie der Titel mit "Dämonen", "Böse Geister", "Besessenen" übesetzt werden kann, da die Semantik der Wörter doch komplett unterschiedlich ist.


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15.02.2026 12:04
avatar  Salin
#13
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Zu dem Zitat von Kerouac schrieb ich bislang wahrscheinlich nichts. Inhaltlich fallen uns beiden wohl mehrere, auch von Kerouac selbst als Vorbilder genannte Dichter und Romanciers ein, bei denen Ähnliches zu lesen war, ebenfalls als zentrales Lebenselement. Doch von der Formulierung her lese ich den Satz als Original.

"Wie kam man seinerzeit an diesen Autor? Schon in der … oder erst später?"
Im Osten der 1980er war Kerouac gleich in mehreren jugendlichen Milieus beliebt. Egal, ob ich "Intellektuelle", Blueser, Jazzer, Folk-Liebhaber, Anhänger von Freygang/Pasch oder von Punkbands wie Schleim‑Keim und Paranoia traf – dort war er bekannt. Umso schwieriger war es, einen jener Reclam-Leipzig-Bände zu erwerben. Unterwegs musste ich damals ausleihen. Anderes kam erst 1990 dazu, als der persönliche inhaltliche Zugang deutlich verschoben war.
Da ansprechende, alternativ anmutende Konzerte recht selten waren, reiste der interessierte Teil der jungen Generation dafür durchs Land, darunter viele trampend. Wie Kerouacs Helden war man unterwegs, wenn auch nur an Wochenenden und in Ferien, und anhand der Kleidung jeweils unterscheidbar von "Normalos", "Stinos", Parteigenossen oder was es sonst noch gab. Auf jedem größeren Bahnhof durfte man sicher sein, dass es stets jene Personengruppen waren, die von der Polizei stark bevorzugt beiseitegenommen und ausgiebig kontrolliert wurden. Bei Berlin-Besuchen lag meine diesbezügliche Quote bei 66%; erinnert sei ebenfalls an die Kontrollen durch die Transportpolizei in den Zügen zum Beispiel vor Eisenach: Fahrkarten, Ausweise, Gepäck, dazu die Fragen. Mitunter blätterte ein Polizist in einem kleinen handgeschriebenen Notizbuch, das offenbar als Fahndungsliste und Zwischenspeicher für größere Archive diente. In allem wurde rumgeschnüffelt, selbst in kleinen Taschen mit nur einem Buch drin. Man musste nur eins der für sie nicht normalen Kleidungsstücke tragen. Manche wurden in den Trapo-Raum mitgenommen, und wer "Pech" hatte, musste mit den nächsten Zug zurück. Ich kenne Gleichaltrige, die wurden auf derselben Strecke nie von der Trapo kontrolliert. Entsprechend unterschiedlich die Resonanz des Themas in den bisherigen Romanen über jene Zeit.

Im Kleinen Wörterbuch der Weltliteratur und in den Studien zum Amerikanischen Roman der Gegenwart, beide aus den 1980ern, finden sind sehr wohlwollende Beschreibungen Kerouacs und seiner Werke. Auf die Rezeption durch junge Leser im eigenen Land wurde da natürlich nicht eingegangen.


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15.02.2026 13:02
#14
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Ich würde dafür plädieren wollen, die schönen Bemerkungen in einem Kerouac-Thread oder einem zum "Leseland DDR" zu bunkern.

Zitat von Salin im Beitrag #13

Im Osten der 1980er war Kerouac gleich in mehreren jugendlichen Milieus beliebt. Egal, ob ich "Intellektuelle", Blueser, Jazzer, Folk-Liebhaber, Anhänger von Freygang/Pasch oder von Punkbands wie Schleim‑Keim und Paranoia traf – dort war er bekannt. Umso schwieriger war es, einen jener Reclam-Leipzig-Bände zu erwerben. Unterwegs musste ich damals ausleihen. Anderes kam erst 1990 dazu, als der persönliche inhaltliche Zugang deutlich verschoben war.


Gut, in diesen Milieus bewegte ich mich nicht, obwohl ich viel zu Heavy-Metal-Konzerten reiste. Aber vielleicht war ich auch zu jung und hätte zur Wende Mitte-Ende-20 sein müssen?!


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15.02.2026 15:16
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#15
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #12
Zitat von Taxine im Beitrag #11
Geier werde ich mir mit den "Dämonen" irgendwann auch noch antun

By the way: Ich besitze leider kein Wörterbuch der russischen Sprache aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber es ist mir schleierhaft, wie der Titel mit "Dämonen", "Böse Geister", "Besessenen" übesetzt werden kann, da die Semantik der Wörter doch komplett unterschiedlich ist.


Den geeigneten Titel zu finden, ist wahrscheinlich genauso schwierig wie die Einordnung der Dostojewski'schen Werke selbst. Einerseits ist alles volksnah und alltäglich, andererseits unglaublich tiefschürfend (nicht tiefsinnig) und die Seele erschütternd. Dostojewski erreicht mehr das Herz als den Verstand. Oder doch auch diesen, aber eher durch die ewigen Fragen und die Sinnsuche, nicht durch das, was er erzählt.

Das Wort бесы ist entsprechend ähnlich, auch im Russischen nicht so eindeutig, wo Dostojewski dazu noch ein Puschkin-Gedicht und ein biblischen Zitat voranstellt. "Dämonen" klingt zwar erhaben, ist aber zu metaphysisch, während die "Besessenen" stärker auf den Inhalt bezogen sind, aber auch nicht nur, denn im russisch-orthodoxen Glauben (so auch bei Puschkin) sind бесы die Geister, die Menschen besetzen oder vielmehr besessen machen. Die meint Dostojewski ebenso wie jene Unholde bzw. Teufelchen aus dem russischen Volksglauben (wie sie auch bei Sologub auftreten, z. B. in seinem Buch "Der kleine Dämon").
Korrekt wäre daher wohl "Teufel" (im Plural und ohne Bezug zu Luzifer), oder eben "Böse Geister", wie Geier es nannte.


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