Literarische Sozialisation - autobiografische Reflexionen

03.02.2026 16:07
#1
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Durch das Forum ist mir auch wieder bewusst geworden, wie wichtig die literarische Sozialisation ist, überhaupt die bildungsmäßige Vergesellschaftung. Die uralte Streitfrage, was vererbt sei und was anerzogen, halte ich persönlich für ideologische Spiegelfechterei, weil es doch keinerlei Zweifel daran geben kann, dass viele unglaublich wichtigen Aspekte genetisch bereits angelegt sind: Körperbau, Gesundheit, Attraktivität usw., all das determiniert unser Leben derart, dass wir es nicht ignorieren können. Genauso unzweifelhaft ist es, dass es einen großen Unterschied macht, ob ich als zehntes Kind einer schwarzafrikanischen Familie im Sudan zur Welt komme oder als einziges einer wohlsituierten bundesdeutschen Arztfamilie. Die Lebenschancen sind sehr ungleich verteilt, weil die Menschen eben nicht gleich sind. Was wiederum nicht bedeutet, dass es in bestimmten Bereichen nicht Aufgabe der Gesellschaft(en) wäre, Ungleichheiten wenigstens ansatzweise auszutarieren.

Für den Leser wird man dagegen kaum von einem geborenen sprechen können, das Lesen als Weltflucht oder weniger existenzielle Leidenschaft wird anerzogen.* Lesen bleibt dann auch ein lebenslanger aktiver Prozess, nichts ist nach Arno Schmidt seltener als ein guter Leser. Mein Vater hat mir wie gesagt das Lesen noch vor der Schule beigebracht, damit ich ihn nicht weiter nerve. Er stammte aus einer uralten thüringischen Bauernfamilie, in der man es bis in meine Jugend hinein nicht gerne sah, wenn jemand las und nicht in Haus, Hof und Garten nützlicher und möglichst schmutziger Arbeit nachging. Dass es nicht so arg war wie in Ulla Hahns Romanen "Das verborgene Wort" (2001) und "Aufbruch" (2009) geschildert, lag an meines Vater Großvater, also meinem Urgroßvater, der großen Ausnahme, mit der alles begann; der Weg nämlich hinaus aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten zu akademischen saturierteren Kreisen. Mein Uropa war nicht nur Bauer, sondern auch Schmied, Imker, Tierarzt, Heilpraktiker und Prediger und vor allem ein leidenschaftlicher Leser und Büchernarr. Als endlich die Bahn bei uns im Dorf hielt, reiste er im Sonntagsstaat nach Leipzig und kehrte mit Büchern zurück. Nicht sehr vielen, denn weder hatte er das Geld noch blieb ihm so viel Zeit zum Lesen. Da war viel Geistliches dabei, aber auch Fachkundliches zu seinen Gewerken; Medizinisches und Landwirtschaftliches. Aber eben auch Klassiker der deutschen Literatur.

Meinen Vater, seinen Enkel, hat er damit angesteckt. Er war begeistert vom dem, was man in der DDR das „Klassische Erbe“ nannte, also die gesamte Weimarer Klassik: Lessing, Klopstock, Wieland, Herder, Goethe, Schiller – das waren seine Hausgötter und so lernte ich früh nach den Kinder- und Jugendbüchern Schriftsteller kennen, die eigentlich noch zu schwer für mich waren. Aber ich stehe noch heute auf dem pädagogischen Standpunkt, dass es nichts Besseres gibt als antizipierendes Lernen, das frühe Versuchen und Scheitern am Großen, das man nie vergisst und immer wieder zu begreifen sich anschickt. Zu dieser Klassik gesellte sich im Osten natürlich das Junge Deutschland, das man - wie in den 80ern Luther und Müntzer, die ich auch früh las - als Vorläufer des Sozialismus deutete, und so lernte ich auch sehr früh Büchner, Heine, Börne, Herwegh, Georg Weerth kennen. Auch der Europäische Realismus stand hoch im Kurs bei uns, auch wenn man den großen Autoren wie Balzac, Tolstoi, Thackeray oder Fontane ankreidete, dass sie die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse nicht erkannt hätten, lobte man dennoch die Schilderung gesellschaftlicher Zustände. Danach erfreute sich die Exilliteratur nach 1933 einer großen Beliebtheit, sodass ich an Anna Seghers, Bruno Frank, Klaus Mann, Ludwig Renn, Arnold Zweig und vielen anderen nicht vorbeikam. Dann natürlich der Schwerpunkt auf der DDR-Literatur und derjenigen der sozialistischen Bruderstaaten, besonders der Sowjetunion. Die modernere Gegenwartsliteratur der westlichen Staaten lernte ich so wirklich erst nach der Wende kennen, die der USA durch einen Freund beim Studium.

Meine Mutter, die aus einer Familie von Arbeitern und kleinen Angestellten stammte, die wie so viele andere bei Kriegsende aus Ostpreußen fliehen musste und sich in alle Winde verstreute, wobei einige im Osten blieben; war eine überzeugte Kommunistin und führte mich nicht nur zur frühzeitigen Lektüre von Marx, Engels, Lenin; sondern lenkte den Fokus natürlich auf jede Art von schöngeistiger sozialistischer Literatur. Heute mag man über Willi Bredel, Bruno Apitz, Dieter Noll; Ostrowski, Fadejew, Scholochow nichts mehr wissen, mich haben sie stark beschäftigt, auch wenn später so vieles und anderes in mein Blickfeld trat. Auch die DDR-Literatur der 70er und 80er Jahre habe ich so wie kaum ein anderer Bub intensiv wahrgenommen, sodass ich im 1. Semester dazu glänzen konnte, bevor alles den Bach runter ging und sich kein Aas mehr für Christa Wolf, Hermann Kant oder Peter Hacks interessierte. Immerhin kann ich für mich persönlich den Durchbruch zum richtigen Leser als Erweckungserlebnis exakt benennen: Ich war 17 und saß nachmittags mit Tschingis Aitmatows „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ (heute „Ein Tag länger als das Leben“) im Garten und schaute plötzlich über den Buchrand in die Natur um mich und erkannte sie, speziell den gerade wesenden Frühling. Und ich erkannte, was große Literatur ist.

Auf der EOS (unserer Penne) hatte ich großes Glück mit meinem Deutschlehrer, einem uralten promovierten Verehrer Thomas Manns. Über ihn und die „Buddenbrooks“ kam ich zu DER großen Liebe meines Leselebens. Mit dem „Zauberberg“ und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ erschloss sich mir eine ganz andere und neue Welt des Bildungsbürgertums, das bei uns in der DDR als reaktionär und dekadent gegolten hatte. Zu Thomas Mann als großem geistes- und ideengeschichtlichen Anreger trat Hermann Hesse, der meine deutschsprachige Lektüre lenkte. Dann kam Umberto Eco, der mich zunächst geschichtswissenschaftlich prägte und leitete; dessen Einfluss aber auch über Jorge Luis Borges zu einer weiteren großen Liebe gerann, aus der sich wiederum die vielfältigsten Wege in die Weltliteratur verzweigten. Nur noch Arno Schmidt konnte ab Mitte meiner Zwanziger mich noch nennenswert in meiner Lektüre beeinflussen, ansonsten zog ich mehr oder weniger selbstständig meine Bahn. Seitdem lese ich alles Geschriebene als eine Art von Literatur, den Roman ebenso wie den philosophischen Traktat oder eine Gebrauchsanweisung.

Fakt ist, dass mein Leben als Leser und meine Lektürebiografie ohne die beschriebenen Einflüsse ganz anders verlaufen wäre. Dabei habe ich natürlich noch vieles vergessen oder unterschlagen, aber momentan reichen die Kraft und Erinnerung nicht zu mehr.

* Ganz wahr ist das natürlich auch nicht, denn gescheiten Menschen mit angeborenen körperlichen Beeinträchtigungen blieb oftmals gar nichts anderes übrig als die Lektüre und das Klugsein. Ich erinnere nur an Lichtenberg oder Leopardi. Aber das Verhältnis von Krankheit und Geist ist ein weites Feld, siehe Ludovico Settembrinis Ausführungen im "Zauberberg". Ich jedenfalls wäre sicher auch ein anderer Leser ohne meine frühen Gebrechen.


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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13.02.2026 10:09
#2
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Mehr oder weniger streng scheiden würde ich die literarische Sozialisation als evolutionären, tiefgreifenden Lektüre- und Charakterbildungsprozess von den Tipps und Hinweisen eines jahrzehntelangen Lesealltags. Traurigerweise muss ich konstatieren, dass ich im ersten Vierteljahrhundert meines aktiven Berufslebens nicht einen einzigen Buchtipp von einem Kollegen bekommen habe, an den ich mich erinnern könnte; was eine ganze Menge über den traurigen Zustand unserer höheren Bildungsanstalten und deren Protagonisten aussagt. Erst als ich in meiner letzten Schule auch auf deutlich jüngere Kollegen traf, bekam ich immer wieder gute Hinweise; vor allem natürlich auf politische Literatur angesichts der Zeitläufte, praktisch nie auf schöngeistige.

Das Lesen der Literaturbeilagen und Feuilletons habe ich schon vor vielen Jahren aufgegeben. Ich war einmal Abonnent der ZEIT; aber in den nuller Jahren begann mich zu nerven, wie die Klientel dort nur noch in ihrem eigenen Saft schmorte, sich den geistigen Horizont verengen ließ und sich schließlich sogar der linksgrünen woken Bewegung ergab. Überdies eine Milchmädchenrechnung, dass man die Zeit, die man für die Lektüre der ZEIT benötigt, in die guter Bücher investieren sollte. Natürlich gab und gibt es dennoch Rezensionen, für die man dankbar sein kann; an mir gehen sie aber in der Regel vorbei. Das ist anders bei den TV-Formaten, in die ich hin und wieder hineinzappe; da greife ich zuweilen einen Hinweis zu einer Neuerscheinung auf.

Ganz anders nun ist das, wenn man Literaturforen oder andere mit literarischen Zweigen konsultiert und dort auf überaus belesene Kollegen trifft, die womöglich in ihrem Leseleben noch andere Schwerpunkte gepflegt haben und daher auf Bücher in großer Zeil verweisen, die man selbst unbedingt auch noch nachlesen möchte; zumal sich Diskurse nur ergeben können, wenn alle Beteiligten das gleiche Buch gelesen haben. Das kann ganz schnell in eine Überforderung ausarten, wie ich das von der Klassischen Musik her kenne; denn seitdem ich in Klassikforen schreibe, haben sich meine Bestände an Tonträgern verzehnfacht; ohne die Chance, jemals alle mehrfach durchhören und besprechen zu können. Hier muss man unbedingt das richtige Maß finden zwischen den eigenen Lektüreplänen und den spannenden Hinweisen der Mitforianer.


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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