Reiht euch ein, ihr edlen Geister und der Worte größte Meister - Buchreihen in Ost und West
#1
Bei jedem Büchernarren erkennt man auf den ersten Blick in seine Bibliothek hinein, welche Buchreihen er in seinem Lese- und Sammelleben bevorzugt. Bei mir ist das erst jüngst der Fall, seit die meine auf einhundert Kilometer voneinander entfernte Orte verteilt ist mit zehn Zimmern und ich meinen schon pathologischen Ordnungs- und Systematisierungswahn zumindest partiell zu Gunsten ästhetisch-konformer Ansichten aufgegeben habe. Denn früher ordnete ich auch die Reihenbücher alphabetisch und sachlich ein; nun dürfen sie schön gleichmäßig hintereinander gut aussehen im Kollektiv.
Es ist wenig verwunderlich, dass meine Bücherreihenbiografie maßgeblich durch die Verlage der DDR geprägt wurde, der Aufbau-Verlag hierbei an erster Stelle. Das begann ganz früh mit der Reihe Die kleinen Trompeterbücher aus dem Kinderbuchverlag der DDR, die steht heute noch in der Bibliothek meiner Eltern und die werde ich ganz sicher, so die Biochronologie eingehalten wird, einmal übernehmen; allein, weil die Nummer 106 „Haribert das Schwarzohr“ von Siegfried Weinhold aus dem Jahr 1974 mein erstes großes Leseerlebnis war.
Dann folgte aber auch schon die bei weitem wichtigste Reihe, nämlich die Bibliothek deutscher Klassiker (BDK), auch aus dem Aufbau-Verlag. Mit ihr lernte ich bei Lessing und Goethe angefangen, den Lieblingsautoren meines Vaters, die gesamte klassische deutsche Literatur kennen und zwar von der Pike auf. Und nicht nur die bekannten Schriftsteller wie Schiller, Kleist oder Fontane; sondern auch solche, die heute schon kaum noch ein Germanist kennt, wie Klinger, Raimund, Anzengruber oder Nestroy; dazu die von der DDR als Vorläufer vereinnahmten Börne, Freiligrath, Weerth. Fast alle ersten wichtigeren Lektüreerlebnisse hatte ich mit der BDK-Reihe: Bräker, Brentano, Büchner, Chamisso, die Droste, Ebner-Eschenbach, Eichendorff, Gotthelf, Grabbe, Grillparzer, Gryphius, Hebbel, Hebel, Heine, E.T.A Hoffmann, Hölderlin, Keller, Klopstock, Lenau, Lenz, Lichtenberg, Conrad Ferdinand Meyer, Mörike, Moritz, Novalis, Jean Paul, Raabe, Reuter, Friedrich von Schlegel, Schubart, Seume, Stifter, Storm, Tieck, Voss, Wieland, Winckelmann.
Nicht einmal Reclam Leipzig oder später Stuttgart konnten sich so viel Verdienste anrechnen lassen, mich mit dem so genannten klassischen Erbe bekannt gemacht und für den Rest des Lebens infiziert zu haben mit der Sucht nach schönen Büchern von großen Autoren. Ich weiß noch wie heute, wie ich die Deutschen Schwänke und die Deutschen Volksbücher verschlang; wie ich den Stechlin zuerst in dieser Ausgabe las; Hutten, Müntzer, Luther und auch den Simplicissimus von Grimmelshausen. Die fünfbändige Herderausgabe ist noch immer die einzige ehrliche auf dem antiquarischen Buchmarkt, denn die von Suphan aus dem Ende des 19. Jahrhunderts umfasst 32 Bände in Fraktur und die neueste vom Deutschen Klassiker Verlag in zehn Bänden kostet pro Band mindestens 150 Euro; man braucht also zwei Tausender für die gesamte Edition.
Diese BDK-Bände liegen mit ihrem Oktavformat (8°) optimal in der Hand und haben trotzdem ein wunderbares Druckbild mit lesbaren Typen auch für Brillenschlangen und augengeschädigte Vielleser; ihr Leineneinband vermeidet geradeso das Mausige und ist widerstandsfähig bei ordnungsgemäßer Haltung und Pflege der Bestände. Noch heute bekommt man saubere Exemplare, die nicht ausgeblichen sind oder verschmutzt. Und das Wichtigste zuletzt: Diese Bände sehen aus, wie aus der Bibliothek eines englischen Landhauses entnommen oder der gutbürgerlichen eines Goethe oder Mommsen. So nebeneinander in Reihe und womöglich noch vollständig, was ich erst nach der Wende geschafft habe, als man die Bände nachgeworfen bekam (inzwischen sind sie wieder gefragt), bekommen nicht nur Bibliophile einen mordsmäßigen Ständer; die DDR ließ sich für ihre Volksausgabe nicht lumpen, da verschmerzt man durchaus die oft eher fragwürdige Textgestalt; denn neuere kritische Editionen hätte man sich nicht leisten können in der Masse.
Parallel dazu verantwortete der Aufbau-Verlag zusammen mit anderen Verlagen (Rütten & Loening, Volk und Welt etc.) die Reihe Die Bibliothek der Weltliteratur (BDW), in der ich vor allem meine ersten Schritte im Bereich der titelgebenden Weltliteratur machte, mit dem Schwerpunkt auf den englischen, französischen, russischen Realisten von Dickens über Balzac bis hin zu Tolstoi. Die Aufmachung war lange nicht so hochwertig wie die der BDK-Reihe; aber das interessierte mich damals weniger; wenn man Bücher kennenlernen durfte wie Bel-Ami, Das Totenschiff, Der stille Don, den Schwejk, Die Elenden, Die toten Seelen, Früchte des Zorns, Jahrmarkt der Eitelkeit, Madame Bovary, Rot und Schwarz, Schuld und Sühne, Väter und Söhne, Verlorene Illusionen. Noch heute denke ich an diese Bücher in ihren damaligen Farben; das Pantschatantra war so gelb-beige; Dombey und Sohn blau-violett und so weiter. Die Bände habe ich heute längst nicht mehr alle, da man nach der Wende auch andere Ausgaben in ansehnlicherer Gestalt und mit besseren Übersetzungen bekam.
Auch vom Aufbau-Verlag stammte die wunderbare Reihe Bibliothek der Antike, über die ich recht zeitig wirklich sämtliche Klassiker des griechischen und römischen Altertums in deutscher Übersetzung kennenlernte. Diese schlichten, auch mal voluminöseren weiß eingeschlagenen Bände mit ihren verschiedenfarbigen Rahmungen und der Eule vorne drauf liebte ich ganz besonders und mochte sie auch später nur ausnahmsweise durch die aus der westdeutschen Reihe Die Bibliothek der Alten Welt vom Artemis-Verlag ersetzen. Die großen Tragiker, Homer, die Geschichtswerke, die Dichtung von Ovid bis Vergil, die Satiriker – all das las ich hier zuerst und ich möchte die Bände nicht gegen die teuren, den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden der Sammlung Tusculum tauschen, zumal meine Kenntnisse des Altgriechischen eher symbolischer Natur sind und mein Latein inzwischen dreißig Jahre alt und vom Mittellateinischen beeinträchtigt ist.
Vom Verlag Volk und Welt Berlin stammte die Reihe Spektrum, die sogenannte Schwarze Reihe nach ihren Umschlägen; die man nicht abnehmen konnte. Hier erschienen in der DDR quasi monopolistisch fast ausnahmslos internationale Titel, die man sonst nirgendwo zu kaufen bekam. Dementsprechend waren die schmalen Bände mit Ausnahme der dort ebenfalls erscheinenden sowjetischen Moderne nur äußerst schwer zu bekommen im normalen Buchhandel. Prinzipiell galt das für alle besonderen Bücher und Reihen in der DDR, dass man sie nur als Bückware bekam, mit Beziehungen oder als Mitglied der Nomenklatur. Meine Eltern und ich gehörten in keines dieser Spektren und so waren wir wirklich Mängelwesen in einer Mangelgesellschaft. Das seltene und schwer zu beschaffende Buch verhalf diesem aber auch zu einer besonderen Aura und Wertschätzung, die im Überfluss des Westens nicht denkbar gewesen wäre und auch heute im vereinigten Deutschland nicht mehr nachvollziehbar sein wird.
Erst jetzt, über 30 Jahre nach der Wende, habe ich alle Ausgaben, die mich interessieren, beisammen. Aber man lese die Namen der Schriftsteller, um sich ein Bild zu machen, wie revolutionär diese Reihe in der DDR aufgefasst werden musste: Bulgakow, Antoine de Saint-Exupéry, Jewgeni Jewtuschenko, Bohumil Hrabal, Marguerite Duras, Jean Anouilh, William Faulkner, James Baldwin, John Updike, Stanisław Lem, Elias Canetti, Arkadi und Boris Strugazki, Wassili Schukschin, Elfriede Jelinek, Henry Miller, Wolfgang Koeppen, Ilse Aichinger, Isaac Bashevis Singer, Peter Handke, Aragon, Philip Roth, Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer, Friederike Mayröcker, Italo Calvino, Carlos Fuentes, John Updike, Mario Vargas Llosa, Albert Camus, Vladimir Nabokov, George Orwell. Als ich im September 1989 in Halle an der Saale zu studieren begann und ich bei einem meiner neuen Freunde fast die gesamte Reihe sah, war ich nicht einfach nur neidisch, ich war eifersüchtig wie ein Nebenbuhler und meine Finger strichen heimlich über die Buchrücken, wenn er nicht hinsah. Ob ich das eine oder andere Bändchen mitgehen ließ damals, kann ich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen; es wäre wohl aber verjährt, zudem Mundraub.
Die Edition Neue Texte, wieder vom Aufbau-Verlag, ergänzte die schwarze Reihe, indem sie den Werken der Klassischen Moderne solche mehr experimentellen Charakters aus dem In- und Ausland zur Seite stellte; es erschienen dort aber auch die Texte von DDR-Autoren, die damals in der Endphase der Republik als besonders mutig und kritisch galten, was man bei heutiger Lektüre gar nicht mehr nachzuempfinden vermag, bestenfalls als belesener Alt-Ossi. Die Welt der Kunst lernte ich beinahe ausschließlich über die von mir abgöttisch geliebten Bildbände dieser Reihe aus dem Henschelverlag kennen; noch heute ziehe ich diese zuweilen zerfledderten Bände den nagelneuen Hochglanzprodukten vom Taschen-Verlag vor.
Lyrik sammelte ich Platz sparend über die Edition Poesiealbum vom Verlag Neues Leben und natürlich besaß ich endlose Broschur von Reclam Leipzig, natürlich keine Reihe im eigentlichen Sinne; auch wenn es innerhalb welche gab wie die Taschenbibliothek der Weltliteratur oder die bb-Reihe (Billige Bücher), Vorläufer der Aufbau-Taschenbücher von meist schlechter äußerer Qualität, was vor allem die Bindung anging, fast so liederlich wie die sehr originellen Heftchen der Roman-Zeitung (auch Neues Leben); zweispaltig gedruckt auf üblem Papier, Süskinds Parfüm roch ich da zuerst mit den Augen, Goldings Herr der Fliegen, Der alte Gringo von Carlos Fuentes, Camus' Pest, Jakob der Lügner von Jurek Becker, Hesses Unterm Rad, Almayers Wahn von Joseph Conrad, Die Verachtung von Alberto Moravia, Der stille Amerikaner von Graham Greene und einige Reißer von Harry Thürk.
Nach der Wende schossen die Buchgemeinschaften in den Städten wie Atompilze aus dem Boden und das neue Angebot begrub den gemeinen lesenden Ossi unter sich; während man 1990 frisch aus der Druckerei kommende Bände aus DDR-Produktion zu hunderttausenden einfach auf die Halde schüttete; überschwemmte eine Flut an minderwertigen Büchern das Land. Jede größere Stadt hatte ihren Bertelsmannladen mit vertraglich gebundenen Kunden und auch ich ließ mich zunächst hinreißen und kaufte jede Menge Schund und Schruz.
Aber eine Ausnahme gab es und das war die Jahrhundert-Edition Bertelsmann: Hier begann eine neue Phase von Lektüren für mich und es reichte eigentlich ein Titel wie Ulysses von James Joyce, um zu begreifen, was ich meine. Aber ich las dort eben auch zuerst Gabriel García Márquez, Lampedusas Leopard, Hamsuns Segen der Erde, Die Islandglocke von Halldór Laxness, Verdammt in alle Ewigkeit von James Jones, Gides Falschmünzer, Schau heimwärts, Engel! von Thomas Wolfe, Unterwelt von DeLillo, Tallhover von Hans Joachim Schädlich, Tausend Kraniche von Yasunari Kawabata, Die Schlafwandler von Hermann Broch. Ich liebe bis heute die Aufmachung in grauem Leinen, mit Schutzumschlag und extra noch einem Klarsichtumschlag; und das alles, obwohl das Buch ohnehin im Schuber ausgeliefert wurde; als weiteres Extra lag jedem Band eine ordentliche Broschur bei mit Informationen zu Leben und Werk des Autors, zum Inhalt des vorliegenden Buches, auch Bildern. Was für ein Aufwand für gutes Geld, Chapeau! noch heute dafür.
Natürlich habe ich im Laufe der Zeit auch noch auf andere Reihen Augen geworfen; aber das recht häufige Vorkommen der im Grunde hässlichen und augenfeindlichen gelben Bändchen von Reclam Stuttgart in meiner Bibliothek resultiert nur daraus, dass es bestimmte Bücher nur dort gibt. Anders sieht das schon aus mit der Insel Bücherei, der Sammlung Diederich, Diederichs Gelber Reihe oder der Manesse Bibliothek der Weltliteratur – hier stimmen einfach inhaltlicher Anspruch und bibliophile Aufmachung zusammen. Die Bibliophilen Taschenbücher aus dem Harenberg Verlag kranken allerdings an ihrem kleinen Format. Die ANDERE BIBLIOHEK von Enzensberger ärgert mich zuweilen in ihrer Buchauswahl und sorgt auch in ihrer farblichen Gestaltung für zu viel Exzesse meines Erachtens. Die wohl schönste Edition der letzten Jahre ist, wie ich finde und nicht zu erwähnen vergessen möchte, die Buchreihe Naturkunden Matthes & Seitz Berlin, herausgegeben von Judith Schalansky – mehr geht derzeit nicht in Sachen Kongruenz Inhalt und Form. Im gleichen Verlag erscheint auch die Reihe Fröhliche Wissenschaft, die meist schmalen Bändchen stehen inhaltlich ihrem Namensgeber selten nach.
Ein Teil des Lesenswerten fand so seinen Weg auch in den Osten, wobei freilich nicht vergessen werden sollte, dass dies betreutes Lesen war, ganz zu schweigen von den jeweiligen Nachworten. Womit ich aber nicht sagen will, dass es derlei heute nicht gibt.
Was Verlage an Lieferbarem führen, ist heute oft profillos. Die Ausrichtung wechselt mit der Mode, während an Alt-Lizenzen festgehalten wird, wo sie noch die Kohle bringen. Dies gilt auch für Reihen. Diederichs Gelbe Reihe hielt immerhin die 30 Jahre an ihrer Linie fest.
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