Die deutschsprachige Literatur der Gegenwart - (k)ein Lamento

Heute 06:24
#1
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Die Klage über das dürftige Niveau der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist so alt wie die Gegenwart selbst. Die wirklich große Literatur macht nur einen geringen Prozentsatz alles Geschriebenen aus, das kann gar nicht anders sein. Das ist nun mal so und sich darüber zu beklagen, wäre töricht. Aber man kann immer mal wieder darauf hinweisen, warum das in der jeweiligen Gegenwart so ist. Wenn man sich einig ist in der Bestimmung, dass große Literatur in ihrer prinzipiellen Einheit von Inhalt, Form und Sprache zu erkennen ist, mag man Folgendes festhalten.

Im inhaltlichen Bereich muss die Literatur der Gegenwart natürlich die Probleme ebendieser Gegenwart aufgreifen, ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse sein. Und zwar nicht der eingebildeten Probleme, der Pseudo- und Luxusprobleme; sondern der wirklichen; welche die Seele des Zeitalters ausmachen. In diesem Punkt versagt die deutsche Literatur unserer Zeit geradezu spektakulär; ich kenne praktisch keinen Autor und kein Buch; dass es sich traut, die wirklich aktuellen Probleme der sagen wir letzten 30 bis 50 Jahre differenziert anzugehen. Alles, was auch Journalismus, Feuilleton und Massenmedien meiden aus Angst vor den Konsequenzen; greift auch die Gegenwartsliteratur nicht auf. Juli Zeh ist eines der wenigen Beispiele; die zeigen; wie es funktionieren könnte; zumindest rein stofflich und inhaltlich; aber auch sie agiert noch zu zahm, zu vorsichtig, zu abgesichert; zudem rein literarisch eher durchschnittlich. Schriftsteller wie ein Michel Houellebecq oder ein Bernard-Henri Lévy wären in der Bundesrepublik undenkbar und auch in Frankreich neigt sich deren Zeit.

Im formalen Bereich braucht man sich kaum die Mühe machen tiefgründiger zu recherchieren. Überall steht Roman drunter oder man verzichtet auf jegliche Gattungsbezeichnung. In jedem Fall folgen die Erfolgsautoren dem immer gleichen Muster: Das Buch darf nicht zu lang sein; es muss in Kapitel eingeteilt sein, die ebenfalls nicht zu lang sein dürfen; es muss genug Absätze je Seite geben; die Schrift muss groß sein; zwischen den Kapiteln darf ruhig jede Menge Weiß recyclebaren Papiers das Auge matt blenden. Alles, was den Leser überfordern könnte, muss unbedingt vermieden werden; bloß keine Experimente und wenn doch, dann solche als Avantgarde maskierte wie durchgehende Kleinschreibung ohne funktionalen Aspekt oder in Versform gequetschte Prosastücke. Was die Form alles vermöchte, hat seit Arno Schmidt keiner der Großen weitergeführt.

Im sprachlichen Bereich ist meines Erachtens die Misere am größten, noch schlimmer als im inhaltlichen. Man lege sich einfach erfolgreiche, gelobte, gefeierte und prämierte Texte der letzten 20 Jahre neben solche von Luther, Fischart, Grimmelshausen, Lessing, Wieland, Goethe, Schiller, Jean Paul, Kleist, Büchner, Heine, Schopenhauer, Fontane, Nietzsche, Kafka, Thomas Mann, Brecht, Arno Schmidt, Hermann Burger, Reinhard Jirgl. Man vergleiche den Wortschatz, die Möglichkeiten der Semantik und der Syntax; den Reichtum der sprachlichen Bilder und die Kraft dieser Prosa mit der sprachlichen Armut unserer Gegenwartsautoren. Man fällt fast in Ohnmacht vor Freude und unbändigem Vergnügen; wenn man den Roman "Ich ist ein anderer – das Leben des Arthur Rimbaud" aus dem Jahr 1995 von Henning Boëtius aufschlägt und über die endlosen Metaphern, Bilder und Vergleiche staunt, die sich auf jeder Seite finden; während man sonst nichts als blutleere, lebensarme, aseptische Literatur unter die Augen bekommt.

Was bleibt einem also anderes übrig, als die große Literatur der Vergangenheit zu lesen oder so alt zu werden, bis die zwei oder drei Meisterwerke unserer Zeit endlich aus der Masse auftauchen.


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Heute 06:25
#2
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Ingeborg-Bachmann-Preis - 42. Tage der deutschsprachigen Literatur 2018: Von den 14 lesenden Autoren leben vier in Berlin, zwei in Wien, zwei in Hamburg; die anderen in Großstädten wie Luzern, Frankfurt (Main), Nürnberg, Leipzig, Zürich. Praktisch alle sind Akademiker, haben ein abgeschlossenes Hochschuldstudium, zumeist der Geisteswissenschaften. Was sagt uns diese kleine soziologische Statistik, die noch nicht einmal die Jahrgänge 1965 bis 1992 thematisiert? Eigentlich alles über den Literaturbetrieb in der BRD und den Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur: Schriftsteller, die über die akademische Bildung kommen und im großurbanen Raum leben, können unmöglich genuin schreiben und die Welt in toto abbilden. Solche muss es auch geben, aber nicht in der Masse. Wo sind die Dichter aus der Provinz, die Autodidakten und Naturtalente, die ihren Wortschatz aus der Wirklichkeit schöpfen? Die ganz großen Dichter kamen immer aus diesen Reihen. Mein Nachbar daheim - er ging mit mir zur Schule bis zur 10.Klasse, die er mit Ach und Krach abschloss - ist ein einfacher Mensch ohne jede und schon gar nicht akademische Bildung und spricht eine bildhafte, plastische, lebendige Sprache voller überraschender Wendungen, die, wenn man sie aufschriebe, Fischart, Grimmelshausen oder Grass zur Ehre gereichte. Demgegenüber ist alles, was ich in Klagenfurt höre, blutarm und aseptisch.

Sicher, auch den Nobelpreis für Literatur haben zu 80 Prozent die Falschen bekommen. das ändert aber nichts an der prinzipiellen Zielsetzung und wenn ich dem eigenen Anspruch nach das größte Talent im deutschsprachigen Raum finden und prämieren will, kann ich nicht nur akademische Großstädter einladen, wenn die nur wenige Prozent der aktiven Schreiber ausmachen. Und natürlich schließen sich Wettbewerb und Literatur aus. Anders als in der Musik, wo ja immer noch eine Konzertsituation imitiert wird, hat der eigenen Vortrag des Autors vor Publikum und Jury, die dann die Texte beurteilt und damit zum Teil der Texte wird, nichts, aber auch gar nichts mit der stillen Lektüre des Lesers daheim im Lehnstuhl zu tun. Wie auch eine Literaturverfilmung nichts anderes ist als eine Interpretation des Textes mit filmischen Mitteln und also sehr wenig mit dem Text an sich zu tun hat; hat so ein Wettbewerb, der ausschließlich der Unterhaltung, Quote und den Verkaufszahlen gilt, mit wahrer Literatur nichts zu tun. Man stelle sich die komplexen Texte von Proust, Joyce oder Arno Schmidt in Klagenfurt vor; die Mehrheit der Kritiker und des Publikums hätten gar nicht die Mittel, diese Texte zu erfassen.

Dessen unerachtet wäre es eben schön, er wäre ein Instrument zur Hebung von wirklichen Talenten. Denn obwohl ich ein großer Liebhaber etwa der russischen, französischen, englischen etc. Literatur bin; viele meiner absoluten Lieblingsbücher wie der Tristram Shandy oder der Ulysses aus anderen Sprachräumen stammen; bin ich an allererster Stelle und das schon immer in die deutsche Literatur verliebt, weil das Deutsche meine Muttersprache ist und ich sie als einzige so gut kenne, dass ich mich traue, Urteile abzugeben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und die deutsche Literatur beginnt nach Heinz Schlaffer um 1750, ihren Höhepunkt hat sie zwischen 1770 und 1830, mit einigen Nachwehen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und natürlich Vorläufern wie Fischart und Grimmelshausen. Die wirklichen Leser werden hier zufrieden nicken. Amen! Auch ich unterschreibe das, mein Sinn für das Deutsche als Sprache und Literatur wurde durch Autoren wie diese geschärft:

Luther
Fischart
Grimmelshausen
Lessing
Wieland
Goethe
Schiller
Jean Paul
Kleist
Büchner
Heine
Schopenhauer
Fontane
Nietzsche
Kafka
Thomas Mann
Brecht
Arno Schmidt

Trotz dieser klassischen Prägung spielt für mich die deutsche Gegenwartsliteratur – und damit kommt der Bachmann-Preis wieder ins Spiel - eine große Rolle und zwar die ab 1945 bis 1990 und erst recht die seit der Wende. Warum? Ganz einfach, die Themen der deutschen Geschichte seit spätestens 1871 mit ihren Brüchen und Verwerfungen 1914, 1919, 1933, 1945, 1961 und 1990 können nun einmal nur von neueren Autoren beschrieben werden und geschafft hat das bislang noch keiner wirklich, wahrscheinlich, weil das mit dem klassischen Gesellschaftsroman nicht mehr möglich ist. Und meine eigene Biografie in der Endzeit-DDR und seit der Einheit schreit natürlich ebenso nach künstlerischer Durchdringung und Gestaltung, daher nehme ich am aktuellen Literaturbetrieb Anteil, wohl wissend, dass die großen Würfe erst später und wahrscheinlich erst nach mir kommen werden; große Kunst braucht Zeit. Dennoch gab und gibt es große Schrifsteller in dieser Zeit; ich nenne nur Arno Schmidt, Hans Erich Nossack, Hermann Burger, Thomas Bernhard, Ludwig Hohl, Reinhard Jirgl, Hans-Ulrich Treichel, Hartmut Lange u.a. Für die neueste Epoche wird es naturgemäß schwierig, aber immerhin haben wir Frank Schulz, Uwe Tellkamp oder Lutz Seiler und natürlich einige andere, über die ein Urteil noch zu früh wäre.

Daher tue ich mir jedes Jahr auch die Tage der deutschsprachigen Literatur an, weil ich hoffe; fündig zu werden und hin und wieder klappt das auch. Hier die Preisträger, die zu Recht gewannen:

Hermann Burger
Wolfgang Hilbig
Franzobel
Sibylle Lewitscharoff
Georg Klein
Uwe Tellkamp
Thomas Lang
Lutz Seiler
Peter Wawerzinek

Das ist doch gar keine so schlechte Ausbeute.


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