Meine Buchdealer für den Lesestoff. Auch eine Geschichte des Konsums
#1
Ab Mitte der 70er bis Anfang der 80er kauften natürlich meine Eltern Bücher für mich und schenkten sie mir. Ich glaube, sie waren darüber genauso froh wie ich, weil sie aller Überlegungen enthoben waren für Geburtstag, Weihnachten und was sonst so Anlässe für Schenkungen waren. Es gab für mich nichts Schöneres, als mich zum Beispiel am frühen Weihnachtsmorgen nach dem Heiligen Abend mit meinen neuen Büchern ins Bett zu kuscheln und zu schmökern.
Da wir im Osten sehr zeitig nebenbei zu arbeiten begannen daheim, in der LPG, Werkstatt oder Fabrik; besaß ich auch bald eigene finanzielle Mittel, die ich in die Buchläden der benachbarten Kreisstädte trug. Das Leseland DDR mit seinen ganz besonderen Strukturen wäre einen eigenen Thread wert, denn die Buchhandlungen waren natürlich gut bestückt mit den Klassikern der deutschen und der Weltliteratur, aber wenn man etwas Besonderes haben wollte, brauchte man Beziehungen zur sogenannten Bückware. Das war nicht nur im Konsum so oder in der HO, sondern eben auch in der literarischen Welt. Ich als Junge vom Land ohne Vitamin B und Westgeld hatte da naturgemäß wenig Chancen, Gorbatschows Buch, westliche Bestseller oder bibliophile Ausgaben zu erstehen.
Als ich in Halle an der Saale zu studieren begann und nach einem Semester für die nächsten neun nach Jena wechselte; begann für mich als Buchkäufer eine neue Zeitrechnung: Die jeweiligen Universitätsbuchhandlungen hatten mehr zu bieten, als was ich mir jemals hätte kaufen können. Plötzlich gab es alles, denn die Wende war gekommen; und ich stand staunend vor den proppenvollen Regalen mit meiner leeren Geldbörse. So blieb mir oft nur, die inzwischen verramschten Bände von Reclam Leipzig aufzukaufen. Als am 1. Juli 1990 die D-Mark kam, habe ich monatelang kein Buch gekauft, weil ich mich nicht getraut habe, das richtige und gute Geld dafür auszugeben. Leider habe ich inzwischen vergessen, welches Buch ich als erstes mit Westgeld gekauft habe, aber ich weiß noch, dass es ein Zwanziger war, denn ich bedrückt und mit schlechten Gewissen über den Tresen reichte.
Nach der Wende schlug aber auch die große Stunde der großen Buchversandhäuser und Buchclubs wie Mail:Order:Kaiser, Zweitausendundeins, Bertelsmann, Weltbild; die in allen Oststädten plötzlich Filialen aufmachten und deren Kataloge ich daheim auf dem Sofa las wie die bunten Märchenbücher in meiner Kindheit. Ich habe da unglaublich viel bestellt und gekauft, meine Eltern auch; aus heutiger Sicht war vieles Schrott und Ausschuss, aber einige Sachen schätze ich noch heute; ich erinnere eine „Geschichte der Inquisition“ oder das dreibändige Lexikon der Weltliteratur von Hermann Pongs. Ach die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt (WBG) besaß mich als Mitglied, sodass ich etwa die Besondere Wissenschaftliche Reihe abonniert hatte.
Aber mit dem Berufseinstieg und dem Leben auf dem Land rückte für mich ganz klar ein monopolistischer Riese in den Vordergrund; denn ich bin sicher einer der wenigen Privatkunden von Amazon, die Umsätze gemacht haben wie Unternehmen. Natürlich war und ist mir das nicht recht, denn ich weiß genug über Bezahlung und Arbeitsbedingungen, aber mir blieb ab Ende der 90er kaum eine Wahl. Als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte mit zwei Korrekturfächern fehlte mir die Zeit für Shoppingtouren und auf einem Dorf in der ostdeutschen Provinz lebend kam ich einfach in keine gut sortierte Buchhandlung. Ich war abhängig von Amazon und im Grunde bin ich es heute via Prime und Co. noch immer.
Unterwegs in den Ferien war natürlich keine Buchhandlung und vor allem kein Antiquariat vor mir sicher. Vor zwanzig, dreißig Jahren gab es noch sehr gute in Jena, Gera, Weimar, Leipzig, Halle; aber diese Zeiten sind längst vorbei. Wenn ein Antiquariat bis heute überlebt hat, führt es entweder sehr teure Spezialsachen oder es steckt bis unter die Decke voller entbehrlicher Bücher. Natürlich gibt es Ausnahmen, ich habe im Frühjahr in Bamberg langesuchte Bände gefunden, aber das ist nicht mehr die Regel. Während der Buchmesse in Leipzig gab es früher auch ein paar antiquarische Regalkilometer, aber auch da wurde ich kaum noch fündig. Eine große Versuchung bleiben für mich stets Büchergenossenschaften und soziale Einrichtungen mit Büchertischen, ich nenne mal stellvertretend das Antiquariat des Bürgervereins Perleberg. Das Konzept ist einfach: Die Leute bringen ihre Bücher kostenlos hin, ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um Lagerung, Stellung und Verkauf und Fanatiker wie ich kriegen bei einem Euro pro Buch Stielaugen und Greifhände. Ganze Lastwagen hätte ich vollgestopft, besäße ich einen; aber auch so hat es über die Jahrzehnte gereicht, um ein weiteres Zimmer daheim als Bibliothek umbauen zu müssen.
Die letzten Jahre, ich gestehe es nur ungern, kaufe ich zwar noch im Buchladen meiner jetzigen Kleinstadt, hauptsächlich aber wickle ich 99 Prozent meiner Bücherkäufe über Medimops (Momox) ab. Der Grund dafür ist schlicht: Der höchstwahrscheinliche Marktführer bei gebrauchten Büchern ist so gnadenlos günstig, dass ich mich ihm nicht entziehen kann. In der Regel kosten mich meine Erwerbungen nur ein Viertel des ursprünglichen Preises und oft genug handelt es sich trotz anderer Beschreibung um Neuware. Als Normalsterblicher, dessen ganzes Geld ohnehin in Büchern und Tonträgern steckt und der kaum Rücklagen hat, bleibt mir gar nichts anderes übrig. Nur für seltenere Bücher greife ich auf ZVAB, Booklooker, Buchfreund und all die anderen Versandantiquariate zurück.
Natürlich: Ich bin eigentlich alt genug, um den Unterschied zwischen Qualität und Quantität zu kennen, aber wenn man lange gelesen hat, kennt man einfach zu vieles, was man haben möchte. Und die Spreu vom Weizen muss man zu oft selber trennen, weil man sich auf den Kulturbetrieb nicht verlassen kann. Würde ich in einer Großstadt mit vernünftigen Unibibliotheken oder anderen Büchereien leben, wer weiß, ob ich so viel Geld zum Fenster rausschmeißen würde. Aber ich gestehe, dass ich Bücher lieber besitze als leihe. Wenn die Kohle alle ist, ist ohnehin Schluss.
"Die jeweiligen Universitätsbuchhandlungen"
Eine andere bei Lieferungen mit von westlichen Verlagen Lizensiertem bevorzugte Buchhandlung war damals die am Berliner Alex. Der Laden war wohl Schaufenster fürs Ausland, das einen bestimmten Eindruck vermitteln sollte.
Antiquariate waren ebenso wichtig wie das Frequentieren möglichst vieler Standort in diversen Städten. Die Bände einer U.S.A.-Trilogie erwarb ich in drei verschiedenen Läden: 1982 den dritten Band in einer "Volksbuchhandlung" und anschließend die vorherigen in zwei Antiquariaten. Auch Bibliotheksausweise hatte ich gleichzeitig aus drei verschiedenen Groß- und mittelgroßen Städten.
"Vor zwanzig, dreißig Jahren gab es noch sehr gute in Jena, Gera, Weimar, Leipzig, Halle; aber diese Zeiten sind längst vorbei."
Anderswo schaut es ähnlich aus. Allein im Hamburger Schanzenviertel verschwanden in den letzten zwanzig Jahren etliche gute Antiquariate, darunter eines für Kunstbücher am Schulterblatt. Geblieben ist dort aber eines, das auf Theater und Musik spezialisiert ist. Zur Region um Weimar fällt mir ein, dass am Erfurter Domplatz noch immer eines mit Schwerpunkt deutsche Aufklärung und Klassik (oder Humanisten?) existiert.
Abgesehen davon, bleibt noch anzumerken, dass ich deinen Forumbeitrag schon mal irgendwo gelesen habe.
- Anmeldung
- Information zur Anmeldung
- Gedanken um die Literatur
- Lektüreliste
- Buchvorschläge
- Die schöne Welt der Bücher
- Sachen gibt's - Sachbuch
- Das "andere" Buch
- Literatur im Verriß
- Blicke auf Menschen
- Zitate
- Überlegungen
- An der Literatur orientierte Gedanken
- An der Philosophie orientierte Gedanken
- An der Kunst orientierte Gedanken
- An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken
- Kritzeleien
- Gedanken vom Tag
- Yoricks literarische Nachtgedanken bei Tage
- Lennies Gedankenschnipsel
- Flümmerey/ La Vista di AscOltO
- Die Zeiten sind, waren, werden sein: so und so
- Die realistischen Gedanken des Monsieur Moulin
- Autorenforum
- Prosa
- Poesie
- Lyrik
- Spielereien
- Gespräche
- Gespräche über Kunst und die Welt
- Kunst im Gespräch
- Bargeflüster
Jetzt anmelden!
Jetzt registrieren!