Die Bibliothek als Spiegelbild eines geordneten Kosmos

08.02.2026 07:12
#1
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Die Ordnung und Katalogisierung der elterlichen Bibliothek, die ich Anfang der 90er schon einmal unter meinen Fittichen hatte; in welcher man aber nunmehr durch die Nachlässig- und Uneinsichtigkeit besonders meines Vaters aber auch rein gar nichts mehr findet, läge mir wirklich immer noch am Herzen! Ich stehe hier ohne Wenn und Aber auf dem Standpunkt, dass eine Bibliothek ohne sklavische Ordnung, die ein umgehendes Auffinden des gesuchten Bandes ermöglicht, keine ist; dass ein Buch, das zwar da ist, aber nicht gefunden werden kann, auch nicht existiert! Ich gehe sogar so weit, zu behaupten; dass eine Bibliothek ohne Struktur schlimmer ist als eine Müllhalde voller Bücher; dass ein Buch, das unauffindbar in einer ungeordneten Büchersammlung steht, schlimmer ist, als wäre es nie geschrieben worden! Eine Bibliothek als Labyrinth taugt für atemlose Lektüren der Bücher von Borges bis Eco bei Gewitter und Kerzenschein, aber nicht für einen Büchernarren mit täglich hundertdreiundsiebzig Griffen ins Bücherregal.

Stunden habe ich allein in den letzten Wochen verbracht, um die Bücher von Christa Wolf oder Jurij Brězan zu suchen, die zwar alle da waren, sich aber an völlig verschiedenen Standorten befanden. Rechne ich die Suche der letzten zwanzig Jahre zusammen, komme ich bestimmt auf eine recht erkleckliche Zahl von Tagen, Wochen; wenn nicht gar Monaten! Um Doubletten zu vermeiden und Neuerwerbungen zu koordinieren, haben wir schon vor einem Vierteljahrhundert die Sammelschwerpunkte abgegrenzt, so dass meine Eltern vorzüglich die Lexika, Enzyklopädien, Klassiker, DDR-Literatur, Biografien, Naturwissenschaften und Zeitgeschichte erwarben; während ich die anderen Felder beackerte, wobei es natürlich trotzdem Überschneidungen gibt, denn Philosophie zum Beispiel sammeln mein Vater und ich gleichermaßen, wenn auch nicht unbedingt die gleichen Autoren und Denker.

Bei mir herrscht strenge Ordnung: Die Wissenschaften unterteilt in Sachgebiete und dort thematisch oder chronologisch geordnet; die schöne (und weniger schöne) Literatur nach Ländern und Nationen bzw. Sprachfamilien und dort alphabetisch sortiert! Neuerscheinungen werden nach gleichem Muster in extra Regalen gesammelt und alle paar Jubeljahre nach großem Umräumen ins Ganze eingeordnet! Das macht zwar viel Arbeit, geht aber nicht anders; da ich noch keinen Gesamtkatalog habe, der mir Standorte verraten würde. Was ich inzwischen leide, da ich zwei Bibliotheksstandorte betreuen muss, habe ich schon angedeutet.

A. Nationalliteraturen
1. Deutsche Literatur (von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart)
2. Englische Literatur
3. Französische Literatur
4. US-Amerikanische Literatur
5. Russische Literatur
6. Italienische Literatur
7. Iberische Literatur (spanisch, portugiesisch [weltweit])
8. Skandinavische Literatur (Dänemark, Norwegen, Schweden, Island)
9. Kleinere Nationalliteraturen (Ungarn, Polen etc.)
10. Antike Literatur (Griechenland, Rom)
11. Sagen, Märchen, Mythen, Legenden
12. Naher und Ferner Osten - arabische, indische und chinesische Literatur

B. Fachgebiete
1. Geschichte (Ur- und Frühgeschichte bis Gegenwart)
2. Religionswissenschaften/ Kirchengeschichte/ Theologie
3. Philosophie
4. Germanistik/ Literaturwissenschaft
5. Mediävistik
6. Sprachwissenschaft
7. Bildungs- und Erziehungswissenschaften/ Pädagogik und Didaktik
8. Psychologie
9. Kunstgeschichte
10. Biografien
11. Musikwissenschaft
12. Naturwissenschaften
13. Lebenshilfe/ Ratgeber
14. Varia

C. Lexika

D. Varia
1. Buchreihen
2. Große Bücher


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08.02.2026 07:13
#2
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Die Ordnung einer Privatbibliothek größeren Ausmaßes ist und bleibt eine Wissenschaft für sich und spiegelt die Persönlichkeit des Lesers und Sammlers. Bei mir herrscht, wie ich schon des Öfteren ausführte, strenge Ordnung, die einzelnen Nationalliteraturen sind alphabetisch und bei den Autoren chronologisch sortiert. Dennoch konnte ich mich nicht entschließen, die großen Krimi-Reihen mit einzustellen und habe sie extra aufgestellt. Und das nicht, weil ich Agatha Christie, Georges Simenon, die skandinavischen Krimi-Autoren oder andere Vielschreiber geringschätzen würde; aber es käme mir irgendwie unangemessen vor, zwischen Gilbert Keith Chesterton und Charles Dickens vier Dutzend Bände um Miss Marple oder Hercule Poirot zu platzieren oder innerhalb der französischsprachigen Literatur die 75 Romane um Maigret zwischen Sarte und Stendhal. In den US-amerikanischen Literatur dagegen habe ich keine Probleme damit, Raymond Chandler und Dashiell Hammett zwischen und Saul Bellow, F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway zu stellen, weil deren Werk vergleichsweise weniger umfangreich ist, dafür aber wirklich große Literatur auch außerhalb des reinen Sujets. Natürlich sind die Grenzen fließend, was zum Beispiel ist mit Arthur Conan Doyle?


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