Literatursendungen im Fernsehen
#1
Ich bin ja ein bescheidener (langweiliger?) Mensch, was den Alltag und das Glück anlangt, und so stellt für mich Kunst und Krempel am Samstagabend bei einer Flasche Bier durchaus den Höhepunkt einer jeden Woche da; bevor ich mich mit einem Buch in mein winziges Arbeitszimmer unterm Dachstuhl oder gleich ins Bett verziehe. Und der Sonntagvormittag gehört für mich seit jeher den diversen Buchsendungen im Öffentlich-Rechtlichen, insoweit meine Gute mich auf dem Sofa in Ruhe schauen lässt und nicht andere Verpflichtungen oder Konzertfreuden rufen. Wer allenthalben über die GEZ schimpft und entsprechende Abstimmungen in der Schweiz verfolgt hat, sollte sich einmal vor Augen führen, wie viele Literatursendungen es doch quer durch die Sendelandschaft gibt und dass wir dankbar sein sollten statt zu mosern, auch wenn die Qualität natürlich unterschiedlich ist und manches Format zu hinterfragen wäre.
Druckfrisch, das spätabends oder nachts läuft, nehme ich meist auf, finde aber, dass es stark nachgelassen hat, auch wenn ich nach wie vor zu Denis Scheck stehe, dessen Geschmack oft der meine ist und der sich ja auch bei Lesenswert (SWR) und im Lesenswert Quartett (SWR) engagiert. Buchzeit (3Sat) sah ich eben wieder als Extrasendung zur Leipziger Buchmesse, die ich seit Jahren nur noch besuche, wenn ich als Fachlehrer mit einer 11. Klasse hinmuss; aber die Millionen Menschen verleiden einem alles; man kommt an keinen Stand und schon an gar keine Lesung dicht heran. Zudem kennen Leute wie ich den Buchmarkt genau, verfolgen Neuerscheinungen ohnehin; nur um die kilometerlangen Antiquariatsregale tut es mir leid. Das Bücherjournal (NDR) ist so ein Format, bei dem man wenig falsch machen kann; wenn man einmal die Auswahl der vorgestellten Bücher hintanstellt; was mich mehr umtreibt, sind die Formate, bei denen über Bücher und Literatur überhaupt gesprochen wird. Das literarische Quartett (ZDF) habe ich seit seiner Restitution noch gar nicht bewusst gesehen, Fröhlich Lesen (MDR) kann ich mir nicht mehr ansehen, weil ich die – sorry – Hässlichkeit, Dummheit und Penetranz der Moderatorin einfach nicht ertrage. Ein Geheimtipp für Genießer, auch weintechnisch und von der Konversationskultur her, bleibt erLesen (ORF 3) mit Heinz Sichrovsky; leider muss man wirklich zuweilen sehr laut drehen, sonst versteht man die österreichischen und schweizerischen Idiome oft nicht.
Am Häufigsten frequentiere ich den Literaturclub (SF – Schweizer Fernsehen – DRS/3sat) obwohl mich die moderierende Nicola Steiner mit ihren falschen Gesichtszügen und ihrer kompletten literarischen Inkompetenz sehr an konkrete Personen aus dem beruflichen Alltag erinnert. Ich finde es gut, wenn in geselliger Runde engagiert über Literatur gestritten wird und ich sehe auch ein, dass im Fernsehen andere Regeln gelten und wenn hernach im Anschluss an die Sendungen Bücher gekauft werden, haben die Diskussionen ihren Zweck erfüllt. Dennoch tut es mir immer wieder weh, wenn ich sehe, wie schwer sich schon Fachleute mit einfachen Inhaltsangaben tun und wie stark bei jeder Beurteilung meist die inhaltliche Aspekte betont und Sprache wie Form nur gestreift werden und das führt immer zu dem grundsätzlichen Problem, was ein gutes Buch ausmacht.
Literatursendungen tragen deshalb eine große kulturelle Verantwortung: Im Jahr 2015 erschienen nach den Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels knapp 90 000 Bücher neu oder in Erstauflage – in so einem Jahr können Fernsehformate über Bücher davon bestenfalls zwei oder drei Dutzend vorstellen und bewerten und vielleicht ein halbes wirklich so genau, dass man weiß, worauf man sich einlässt als Leser. Buchhandlungen und Internetversandhändler belegen es, dass nach intensiven Gesprächsrunden die Verkaufszahlen der besprochenen Werke geradezu explodieren. Gesegnet seien also die TV-Journalisten, die ihrer Verantwortung gerecht werden und die literarisch gebildet genug sind, um richtig auszuwählen; aber auch ihr Mediengeschäft verstehen, um bei der Masse anzukommen.
P.S. Der Text ist älter, die Moderatoren haben zuweilen gewechselt, manche Sendung gibt es vielleicht gar nicht mehr. Denis Scheck ist inzwischen bei mir ganz durch. Und zum Rundfunkbeitrag habe ich inzwischen auch eine andere Meinung.
#2
Ich habe mich schon mehrfach in den letzten Jahren über das Versagen der Literaturkritik geäußert in diesen Blättern, meistens bezogen auf die Belletristik, aber in unseren Zeiten des gesellschaftspolitischen Umbruchs wird man auch um die sogenannten Sachbücher nicht herumkommen. Thilo Sarrazin hat mit "Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" (2010) eines der wichtigsten in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt geschrieben und dafür teuer bezahlt, obwohl er mit den folgenden neun auch sehr gut verdient hat, immer Platz 1 in der Spiegel-Bestsellerliste:
Europa braucht den Euro nicht. Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat (2012)
Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland (2014)
Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert (2016)
Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht (2018)
Der Staat an seinen Grenzen: Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart (2020)
Der neue Tugendterror: Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland (2021)
Die Vernunft und ihre Feinde: Irrtümer und Illusionen ideologischen Denkens (2022)
Deutschland auf der schiefen Bahn. Wohin treibt unser Land? (2024)
Ich möchte hier inhaltlich auf die jeweils vorgetragene Thematik nicht eingehen, die Bücher kann jeder selber lesen; überdies werden sie anderswo hinreichend diskutiert; wenn auch nicht dort, wo es eigentlich Not täte. Zum letzten nun äußert sich Denis Scheck, weil er wie stets auch die Bestsellerliste der Sachbücher schafzüngig kommentiert:
Zitat
"Demokratie braucht Meinungsfreiheit", schreibt Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch, "und Meinungsfreiheit braucht gelebte Pluralität auch für das Unerfreuliche und Abstoßende". Da bin ich ganz seiner Meinung. Nur will mir nicht einleuchten, wie man sich in solch bedrückenden Zeiten zum nützlichen Idioten der neofaschistischen Rechten in Deutschland machen und eine statistisch noch so sehr abgesicherte Handreichung für den Hass auf Migranten, die Angst vor Überfremdung und die Abstiegsängste panischer Kleinbürger liefern kann. Mir scheint, Thilo Sarrazin ist ein Nachfahre von Kleists Michael Kohlhaas und beharrt halsstarrig aufs Rechthaben, und wenn die Welt dabei in Trümmer fällt.
Ich habe Denis Scheck früher sehr verehrt, als er mir im Fernsehen erstmals vor die Linse und die Ohren kam, liebte ich ihn abgöttisch: Wir sahen uns ähnlich, wir hatten einen ähnlichen literarischen Geschmack, scheuten vor keiner unpopulären Kritik zurück und liebten offensichtlich beide das gute Leben, deftige Speisen, gute Alkoholika und kräftiges Rauchwerk. Er zog sich nur besser an als ich und ihn kennen Millionen, während sich um mich keine Welt dreht dem Himmel sei Dank. Leider drifteten seine Urteile im Zuge seiner Popularität und zunehmenden Medienpräsenz ins Beliebigere und wurden zu professionell, zu mainstreamig und marktabhängig. Wahrscheinlich ist das in einer Gesellschaft mit Vokabeln wie Buchmarkt und Literaturbetrieb nicht anders möglich.
Die Worte über Sarrazins letztes Buch unterschreiten aber eine Grenze, die man als ehrlicher Intellektueller mit liberalem Geist und Rückgrat niemals unterschreiten darf. Einer der Fälle, da man aus einem "literaturkritischen Urteil" eine ganze gesellschaftspolitische Analyse machen kann. Der Autor hat also Recht, aber indem er seine Studien veröffentlicht, wird er zum Handlanger der Faschisten. Der unfassbar dämliche Verweis auf den Helden von Kleist verstärkt den Irrsinn noch: Dem wurden zwei Pferde gestohlen und er wurde auf seinem Rachefeldzug zum Mörder. Sarrazin veröffentlicht ein Buch (sic!), an dessen inhaltlicher Richtigkeit der Kritiker nichts auszusetzen hat, diese Publikation setzt er aber gleich mit einer in Gewalt untergehenden Welt. Da fällt einem nichts mehr ein, zu so viel blasierter und bornierter Dummfrechheit. Wenn er stattdessen den Alt-Parteien den Tipp gegeben hätte: "Lest und lernt und handelt dann so; dass die "Faschisten" nicht weiter an Boden gewinnen, dann hätte er den Scheck eingelöst, den mutige Intelligenz mit Rückgrat ausstellt. Dieser Scheck ist leider geplatzt. Schade.
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