Literaturkritik - das Ende einer Disziplin
#1
„Das Leben ist so kurz! Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahre nur 70. Und für die fünfundvierzig Jahre, von Fünfzehn bis Sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das 3150 Bände : die wollen sorgfältigst ausgewählt sein!”(Arno Schmidt: Ich bin erst Sechzig)
Über die Modalitäten der Lektüre und genauen Kennziffern könnte man natürlich streiten mit dem großen Schriftsteller; allein, ob man noch schneller liest oder langsamer; man 3000 Bände schafft, 2000 oder 6000, ist eigentlich mit Blick auf das Problem unbedeutend. Die Lebens- und damit Lesezeit ist begrenzt! Und damit beginnt die Karriere der Literaturkritik in Zeiten des Überflusses und des industrialisierten Massenausstoßes von Druckerzeugnissen: Denn sie hat als wichtigste Funktion für die Menschen und potenziellen Leser, die nicht die Zeit, die Mittel und das Knowhow dafür haben; den Buchmarkt zu sondieren und Bücher zu selektieren.
Auf die daraus folgende ungeheure Verantwortung der Literaturkritiker und Macher der Feuilletons in allen Print-, TV- und virtuellen Medien habe ich bereits hier hinreichend hingewiesen. Und man muss in diesem Zusammenhang ganz klar und nüchtern konstatieren, dass die Massenmedien diesem Anspruch nicht einmal annähernd gerecht werden und vielleicht auch nicht gerecht werden können; auch nicht die Feuilletons der großen markt- und meinungsführenden Blätter wie SZ, FAZ, Spiegel, Die Zeit etc. Warum ist das so? Das Versagen hat natürlich Gründe. Und diese hängen ebenso natürlich in erster Linie mit den Kritikern zusammen, den Feuilletonisten, den Redakteuren und sonstigen Verantwortlichen im jeweiligen Haus.
Zum ersten sind die heutigen Literaturkritiker mittleren Alters schon in der zweiten und dritten Generation in einer unbelesenen Kultur mit sekundären Analphabeten und Illiteraten sozialisiert worden, sie sind Zöglinge unserer inzwischen bildungs- und kulturfernen allgemeinbildenden Schulen und Absolventen von uniformen Universitäten ohne Freiheit der Forschung und vorurteilsfreies Denken. Ihr geistiges Format ist dementsprechend dürftig und der Drang, sich weiterzubilden durch geistige Arbeit, nur sehr gering ausgeprägt; schließlich bietet die moderne Lifestylegesellschaft anderweitig Ablenkung genug. Bücher, die man anfassen kann, gelten als überholt; wenn man am Bildschirm schnell mal durchscrollen kann.
Sie besitzen daher zweitens ein Lektüreniveau, das man vor einem halben Jahrhundert bestenfalls Gymnasiasten hätte durchgehen lassen. Weder in quantitativer Hinsicht noch in qualitativer können sich diese mit wirklich belesenen Alt-Kritikern wie Rolf Vollmann oder Ulrich Greiner messen. Sie lesen zu wenig; viel zu wenig; oft das Falsche; und kümmern sich zu viel um kurzlebige Kommunikation fern vom Buch. Da ihnen auch eine selbst nur annähernd klassische literarische Bildung fehlt, verstehen sie große Literatur in ihrem Anspielungsreichtum und ihrem unendlichen Bezugssystem nicht, auch wenn das Wort Intertextualität zu ihren Lieblingen zählt. Was eben nur verbergen soll, dass man eigentlich keine Ahnung hat; welche Bücher von welchen Büchern sprechen.
Zum dritten verstellt bei der Masse der Journalisten ihre Einbindung in ein als links-grün verstandenes Milieu durch vorgefertigte, ideologisch geprägte Sichtweisen den unvoreingenommenen Blick auf Bücher, Texte und Schriftsteller; sodass von einer zumindest bemüht objektiven Perspektive in keiner Weise schon lange nicht die Rede mehr sein kann. Denk- und Sprachverbote, schablonenhafte Durchmusterung auf politische Korrektheit; unstatthafte Bezugnahmen auf die Biografie des Autors und überhaupt eine tagespolitisch kleinliche und spießige Wertungsnomenklatur, die der Reichhaltigkeit und oft auch Überzeitlichkeit großer Kunstwerke nie und nimmer gerecht werden kann.
Viertens dominiert aus eben den genannten Gründen bei ihnen noch mehr als bei ihren beflissener und kompetenter schreibenden Ahnen die geradezu pathologische Fixierung auf die inhaltlichen Aspekte des Geschriebenen und die fast völlige Vernachlässigung der formalen, strukturellen und sprachlichen Aspekte. Wer wenig von Literatur versteht, zu wenig gelesen hat und sich nicht auf die Instrumentarien der Analyse und Interpretation versteht, verlegt sich natürlich auf das Ausweiden des Inhaltes, nicht einmal des Sujets oder Stoffes; denn dazu bedürfte es ja umfangreicherer Kenntnisse. Dass aber schon eine vernünftige Inhaltsangabe für viele Kritiker eine zu anspruchsvolle Aufgabe ist; kann man beinahe täglich nachlesen oder nachsehen im TV. Kritiker sollen keine Literaturwissenschaft treiben für den potenziellen Leser, aber sie sollten jenem glaubhaft ein sprachliches Kunstwerk vor Augen stellen können. dazu müssten sie es aber selbst erst als solches erkennen und darin liegt das Problem.
Zum fünften sind heutige Literaturkritiker in einen Apparat eingebunden, der ihnen weder die Zeit lässt; sich ausführlich mit einem Buch auseinanderzusetzen; noch die Möglichkeiten der Muße bietet, die für eine ausgewogene Lektüre erforderlich ist. Klaus Theweleit meinte in seinem auf CD erhältlichen Vortrag „Ekstasen der Zeitenmischung: Geschichtsdarstellung in der Kunst“, dass Kritiker nicht einen einzigen Aspekt seiner Auseinandersetzung mit Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas herausgefunden hätten, weil sie eben weder ihren Shakespeare noch die proletarische Literatur kannten. Das mag ein wenig ungerecht sein, denn Theweleit in seiner manischen Belesenheit und Verknüpfungswut ähnelt oft dem beschworenen Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky; aber er hat schon Recht mit seinem an gleicher Stelle gegebenen Hinweis, die Buben erhielten ihre zu rezensierenden Exemplare eine Woche vor Redaktionsschluss, blätterten ein wenig drin herum und schreiben dann Seichtes, Oberflächliches und sehr oft sogar sehr Dummes dazu nieder.
Und so versuchen sie eben sechstens ihre Unwissenheit, Unbelesenheit und Dummheit hinter großen Reden, großer Attitüde, inhaltlicher Anklage oder großmäuligen Lobesbekundungen zu verstecken; wobei letztere die durchaus übelsten sind. Die Geschichte von dies und das muss neu geschrieben werden; die Biografie, die alle vorigen ersetzt und überflüssig macht; der bedeutendste, der größte Roman des Jahrhunderts; atemberaubend; ein Meisterwerk; muss man im Bücherschrank haben; von enormer erzählerischer Kraft und wie die Schlagworte alle lauten. Man könnte mit diesen nichtssagenden, vollmundigen Floskeln im Baukastensystem jede Buchbesprechung der Welt hinbekommen. All diese Superlative auf den Klappentexten, die man den Verlagen noch nachsieht, weil sie ihre Bücher ja verkaufen müssen; haben in einer Rezension nichts zu suchen. Solche Urteile stehen niemandem zu, der nicht alle Bücher zu einem Thema gelesen hat oder alle Biografien oder der nicht wenigstens die meisten russischen Romane kennt, ehe er sich dazu aufschwingt, einen davon als den besten zu deklarieren. Natürlich kann ein Journalist Mitte 30 noch nicht soviel gelesen haben wie ein Büchernarr von 70; aber genau deshalb stünde den Redaktionsstuben etwas mehr Bescheidenheit gut an und vor allem Zurückhaltung und Sachlichkeit; auch wenn die Welt drumherum sehr bunt und sehr laut ist.
Zwei Beispiele will ich zum Schluss nennen, die Ausnahmen von der Regel scheinen: Beide Literaturkritiker kennt man inzwischen auch von der Mattscheibe; Martin Ebel (Jg.1955) ist regelmäßig Gast bei Nicola Steiner im Literaturclub (SF – Schweizer Fernsehen – DRS/3sat) und Ijoma Mangold (Jg.1971) im Lesenswert Quartett mit Denis Scheck. Sie verkörpern für mich zwei Tendenzen von Literaturkritik, mit denen ich mich anfreunden kann; Ebel ist ein enorm belesener, gebildeter, sehr sachlicher, rationaler, zutiefst liberaler und ausgeglichener Leser; der Inhalt und Form gebührend berücksichtigt und diplomatisch disputieren kann; Mangold ist ein Hedonist reinsten Wassers, für den die geistigen Genüsse eine genauso große Bedeutung haben wie die sinnlichen; er genießt Literatur wie einen guten Wein und ein schmackhaftes Mahl; kommt überdies sehr konservativ von Goethe, Thomas Mann und Proust her und schreibt auch selbst. Beide sind interessanterweise unsichtbare Außenseiter im deutschen Literaturbetrieb, weil der eine seit fast 20 Jahren aus der Schweiz in die Seiten schaut und der andere als dunkelhäutiger Kurpfälzer mit nigerianischen und schlesischen Wurzeln und seinem kultivierten Gestus bei wallendem Haarschopf als Exot wahrgenommen wird.
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