Der Dialekt, die Dialekte - Volkes Stimme, keine Sekte

17.02.2026 17:28 (zuletzt bearbeitet: 18.02.2026 08:31)
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Dass die deutsche Sprache ohne ihre Dialekte ärmer wäre, im Literarischen wie im Alltag, muss nicht eigens betont werden, wie man das heute in manchen Medien findet. Das ist eine Selbstverständlichkeit und eher sollte es wundernehmen, dass man die Dialekte über Jahrzehnte vergessen hat; abgetan als Beifang des Provinziellen, Völkischen, Ausdruck gar einer Blut-und-Boden-Ideologie; rückständig, archaisch, beschränkt und bäuerisch; etwas, das man nicht nur ignorieren sollte; sondern das überwunden, ja ausgemerzt werden muss. Aber der Dialekt war widerständig wie die orthodoxe Kirche im bolschewistischen Russland – die hat 70 Jahre nach der Revolution einfach wieder weitergemacht, als habe es Lenin, Stalin und den Atheismus nie gegeben; und auch die Mundarten sind bislang nicht wie erwartet mit ihren vermeintlich letzten Sprechern ausgestorben.

Denn die besonderen Eigenarten, die die besondere Lebenswirklichkeit samt den zu Grunde liegenden Wurzeln spiegeln; machen die Dialekte attraktiv auch für jüngere Menschen. Wer sich seiner Wurzeln besinnt, seiner Herkunft; wer Wert auf die Pflege von Traditionen legt und Brauchtum, der findet im Dialekt seiner Vorfahren, Ahnen und Landsleute eine Heimat. Und so wie er den eigenen liebt, achtet er auch die anderen und so wird mitnichten aus der Liebe zum Eigenen der Hass auf alles Fremde; sondern im Gegenteil schweißt das volkstümlich gesprochene Wort zusammen in den weiten deutschen Landen.

Was mich als gelernten Ossi nur so ärgert, ist die mediale Vermittlung der verschiedenen Dialekte in den letzten Jahrzehnten. Und da zuallererst die Verhunzung des Sächsischen zum Soziolekt; die letztlich alle ostmitteldeutschen Mundarten in Sachsen, Thüringen, Anhalt etc. stigmatisiert, da sie in Film und Fernsehen immer von zurückgebliebenen, minderbemittelten Versagern und primitiven Nazis gesprochen werden. Mancher Kabarettist und Comedian hat daraus inzwischen eine Goldgrube geschachtet; Wolfgang Stumph staatstragend bieder; Uwe Steimle sarkastisch; Olaf Schubert genial und Elsterglanz als Thrash. Es bleibt dennoch eine denunziatorische Schweinerei: Ausgerechnet das Obersächsische, aus dem sich über Martin Luther und die Meißner Kanzleisprache unser schriftsprachliches Hoch- und Standarddeutsch entwickelt hat; die Sprache Goethes, Nietzsches und Thomas Manns; wird verhohnepipelt als Ausdrucksform des ewigen Ossis.

Im Gegenzug feierte in zahlreichen Filmen und Serien etwa das Ober- und Niederbayerische Auferstehung und zog in alle Stuben ein von den Alpen bis zur Nordsee; auch das Ruhrpottdeutsch erlangte Kultcharakter; spätestens seit den Werner-Filmen auch das Niederdeutsche; die Berliner Schnauze hat ihren Ruf als Mundart der hauptstädtischen Großfressen nie verloren; Heinz Becker führte das Saarländische über die Kleinkunst in die Hochkultur ein; das Schwäbeln wurde sympathisch, die Rheinfränkischen Dialekte kennt man durch Günter Strack und Co.; das Wienerische war seit jeher populär, nicht erst durch Kottan; und heutzutage verlangt die Flut an regionalen Krimiformaten nach Mundartsprechern, wobei die Macher hier oft genug Schwierigkeiten haben; solche im reinen Typus zu finden.

Mich wundert eigentlich, dass es noch nie ein Format gab im TV, bei dem die wichtigsten deutschen Dialekte eine Rolle spielen. Alleine eine Diskussionsrunde zwischen einem Oberbayern, einem Schwaben, einem Ruhrpottler, einem Sachsen, einem Berliner; einem Norddeutschen, einem Hessen, einem Kölner, einem Oberfranken; einem Wiener etc. wäre doch eine Gaudi schlechthin. Wenn man sich beeilt, findet man vielleicht auch noch genuine Sprecher des Ost- und Westpreußischen, des Schlesischen und des Sudetendeutschen; bevor diese Dialekte mit ihren letzten Zeugen ganz verschwinden.

Dass die Dialekte komplexer und ausdifferenzierter sind als gemeinhin angenommen, ist natürlich klar; aber das lässt sich im Fernsehen für die Massen kaum vermitteln: Allein in Thüringen gibt es mehr Dialekte als man glaubt; im Osten spricht man ganz anders als im Westen, Norden und Süden. In Bayern gibt es große Unterschiede nicht nur zwischen Bayerisch und Fränkisch; viele halten vieles für Oberbayrisch, was eigentlich niederbayerisch (Fredl Fesl!) ist und die Münchner sind schon wieder ein eigenes Kapitel. Der norddeutsche Raum kennt neben dem aussterbenden Platt, einer eigenen Sprache und keinem Dialekt im eigentlichen Sinne; so viele Mundarten wie Landstriche; das Gleiche gilt für alle Naturräume und historischen Regionen. Manchmal klingen zwei Städte im Ruhrgebiet einander sehr ähnlich, dann wieder gar nicht. Dialekt bedeutet ja auch nicht nur einen eigenen Wortschatz und eine eigene Semantik; viel geht über die Betonung, die Sprach- und Sprechmelodie; den Slang.

Und große Literatur im Dialekt? Ja, das geht auch; aber selten; schon wegen der problematischen Rezeption. Fritz Reuter mag das bekannteste Beispiel aus der deutschen Literaturgeschichte sein, aber Uwe Dick lebt noch und verbindet experimentelle Sprachgewalt in der Tradition Johann Fischarts und Arno Schmidts mit der Kraft des niederbayerischen Dialekts.


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17.02.2026 17:40
#2
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Peter Frankenfeld hat diesbezüglich noch volkspädagogisch gewirkt ...


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