Das E-Book und sein Reader – des Buchmarkts neue Leader?!
#1
Ich bin jetzt Mitte 50 und lese seit einem halben Jahrhundert Bücher. Zu 99,999999999999 Prozent waren das analoge, also solche; die dreidimensional in der sogenannten Wirklichkeit existieren; mit Seiten, Titelblatt, Buchrücken, Einband, Widmung, Autographen, Exlibris; Anstreichungen, Eselsohren, Kaffee-, Blut- (Mücken!!!) und Rotweinflecken.
Für mich gehört das Haptische, das Handling, immer schon dazu; also über den Rücken streichen, die Blätter sanft umwendend; das Buch zärtlich ansehen und ins Regal stellen; es aus dem Fenster schmeißen oder zerreißen; den Kamin mit ihnen anheizen oder ihnen einen Schrein basteln; einen wackligen Tisch reparieren oder sie wild umherliegen lassen im Gemach, um freigeistige Mädels zu beeindrucken. Mein Verhältnis zum Buch war immer taktil geprägt, denn ich neigte schon immer zum Be-Greifen; zum Lernen über den Kontakt, auch den Körperkontakt, die physische Nähe; vielleicht, weil ich als gerade geborenes Baby ein gutes halbes Jahr im Krankenhaus liegen musste und der menschlichen Nähe entbehrte, der physischen Manifestation des Anderen, der nicht ich war. Nie Bibliophiler, aber doch mit einer zarten rücksichtsvollen Hand für jedes Buch, ob neu oder alt, ob gebunden oder broschiert; groß oder klein; dick oder dünn, eckig oder rund: Kaum jemals mit Absicht brach ich einem Buch den Rücken, wie so viele tun, um unterwegs besser lesen zu können; wo ich konnte, vermied ich Verschmutzung oder Beschädigung. Jedes Buch war und ist mir kostbar und heilig.
Auch olfaktorisch: Ich mag den Geruch von Büchern, alten wie neuen; obwohl ich nicht antiquarisch veranlagt bin, was die Nase angeht. Der Geruch von uralten, feuchten, schimmelnden Bänden oder von solchen aus Raucherhaushalten widert mich an und da kann es passieren, dass ich die gesuchtesten Werke der größten Autoren in die Mülltonne werfe. Auch altes ranziges Bratenfett speichern die alten Schwarten und Scharteken; Krankheit, Siechtum und Tod. Wer da eine empfindliche Nase hat, sollte sich vorsehen.
Aber das reale Buch in der wirklichen Realität ist eben auch raumfüllend und füllt die Leere unserer Existenz aus und prägt unsere direkte Umgebung, wird mit seinen Gefährten zur Wohn- und Heimstatt. Den horror vacui eliminierend breitet sich der Geist aus in der Stube und im Hirn. Tapeten werden überflüssig, Raumteiler, dekorative Elemente und innenarchitektonische Winkelzüge. Das Buch an sich existiert in drei Dimensionen und über den Leser auch in der vierten und bei Frommen noch einer darüber hinaus.
So kann es kaum wunder nehmen, dass ich seit jeher dem E-Book und seinem Reader skeptisch, ablehnend, ja feindlich gegenüberstand. Diesen Geräten fehlte alles, was ich über die Jahrzehnte kannte und als zu meiner Existenz gehörig betrachtete: Physische Sinnlichkeit, Geruch, Ausdehnung in Raum und Zeit; Aerodynamik und Brennwert; von der Nutzlosigkeit unter einem Stuhl- oder Tischbein ganz zu schweigen. Dazu gab es am Beginn der Entwicklung zu viele technische Probleme: Bildschirmgröße, Format, Bild, Licht, Bedienbarkeit etc.; ich habe alle paar Jahre das neueste Produkt in Augenschein genommen; aber noch vor zwei Jahren sagte mir der Kindle Paperwhite (16 GB) mit 6,8-Zoll-Display (17,3 cm) und verstellbarer Farbtemperatur nicht zu. Nun habe ich den Amazon Kindle Paperwhite Signature Edition (32 GB) erstanden und kann keine Ausflucht mehr gelten lassen, die lediglich das Technische, die Bedienung, den Alltag und die Praktikabilität betrifft. Leicht zu bedienen bei bestmöglichem Lesekomfort selbst für Maulwürfe wie mich und mit einer augenfreundlichen Anlage, die selbst das beste Buch mit den schönsten Seiten und den angenehmsten Typen nicht wird übertreffen können. Dazu der Zugriff auf potenziell zehntausende Bücher, die unkomplizierte und umweltfreundliche Erstehung, die platzsparende Lagerung; wenn man nicht gerade ausschließlich auf dem Weg zurück ist in die Höhlen der Steinzeit oder wenigstens die Arbeitsstuben der humanistischen Gelehrten, wird man am elektronischen Buch nicht mehr vorbeikommen.
Für mich gibt es nur noch vier Probleme. Zum ersten tun sich meine klobigen Bauernpfoten schwer mit den schmalen Readern, die mir ständig aus der Hand zu gleiten drohen. Wenn man ein halbes Jahrhundert das Buch mit beiden Händen gehalten hat und eher grobmotorisch veranlagt ist, gerät das Handling schnell zum Flying. Auch bin ich es gewohnt, links und rechts eine Seite vor mir zu haben; die Unsitte, ein Taschenbuch so zu lesen, dass man immer nur eine Seitenfront unterm Auge hat, konnte ich nie leiden. Ebenfalls fehlt mir dieser analoge Blick auf den Stand der Lektüre: Ich vergleiche das gerne mit der analogen Uhr, bei der man am Stand der Zeiger die Uhr- oder Tageszeit erkennen kann bei nur flüchtigem Hinsehen. Auch ohne Lesezeichen sehe ich, wie weit die Lektüre fortgeschritten ist; selbst am Daumen zwischen den Seiten kann man das ablesen. Und zuletzt ist die Versuchung, sich Buch um Buch mit einem Klick und bargeldloser Bezahlung zuzulegen enorm groß: Wenn man so schon viel zu viele Bücher gekauft hat über die Jahrzehnte, dürfte das bei so niedrigschwelligen Voraussetzungen noch schwerer sein, Maß zu halten und zu widerstehen.
#2
Vielleicht zwei Beispiele von vielen für meines Erachtens gelungene Angebote: Neben den beinahe vollständigen Werken von Jean Paul oder Stefan Zweig für keine 2 Euro habe ich zum Beispiel Brehm's Tierleben (Band 1-28) für 2,99 € geschossen und für den gleichen Preis die Bibliothek der Kirchenväter, die analog um die 100 Bände umfasst. Man spart Unmengen richtiges Geld und vor allem Platz und kann jederzeit zugreifen, was gerade bei den Patres ecclesiae im Alltag von großem Nutzen sein kann. 
Die Bibliothek der Kirchenväter ... über 50.000 Seiten in einem Ebook. Unglaublich!!! (Durch den Umrechnungskurs für mich 3,17 Dollar, also 2,69 Euro oder so.
)
Die günstigen Gesamtausgaben sind mittlerweile sehr gut zusammengestellt und auch von der Qualität der Übersetzungen und des Buchaufbaus hervorragend. Wenn man bedenkt, wie es noch vor einigen Jahren war, wo sowohl die Reader als auch das Format der Ebooks teilweise unzureichend waren, sind die heutigen Geräte, vor allem das Kindle, schon zu loben. (Ich hatte letztes Jahr sehr lange alle Tests durchstöbert, um mich dann für das "Paperwhite Signature Edition" zu entscheiden, das im Vergleich mit allen anderen Readern immer noch das Beste ist (knapp gefolgt vom den Geräten von Pocketbook.) Das Lesen macht Freude, der Blick auf die Seite und das Schriftbild ist tatsächlich mit dem auf Papier vergleichbar.
Bei mir war der Kauf auch aus der Notwendigkeit geboren, dass ich bei Buchbestellungen aus Deutschland fast immer an die 20 Tage warten musste. Bis dahin war das Interesse schon wieder verändert. Die Preise der aktuellen Ebooks sind natürlich, dem gebundenen Buch gegenüber, eine Zumutung und haben sich etwa bei 19,90 Euro für neue Ebooks eingependelt, ob 100 oder 500 Seiten. Ich verstehe den Aufwand der Gestaltung und Zusammenstellung, bin natürlich auch oft froh, dass die vielen Anmerkungen und Fußnoten nun mit einem einfachen Klick auf die Zahl direkt im Text erscheinen, sodass man sich das Blättern sparen kann, aber zwei Euro weniger als das gebundene Buch, oder von mir aus vier Euro, ist schon etwas happig. Vor allem in Deutschland boomt ja der Ebook-Markt, was die Möglichkeit, solche Preise zu nehmen, erklärt. Andererseits verhindert es dann aber auch jenes zu einfache "Zuschlagen" und man wählt schon mit Leseprobe viel genauer, was tatsächlich gekauft und heruntergeladen wird.
Zuvor gab es wenigstens noch die gemeinfreien Ebooks als kostenlose Versionen. Mittlerweile sind die, die auch beim Gutenberg Projekt zu lesen sind, das seine Website angenehm lesefreundlich modernisiert hat, ab 1,99 Euro zu haben. Bei alternativen Anbietern auch für 0,49 Euro. Das freut den Lesebegeisterten.
#4
Was mir freilich überhaupt nicht einleuchtet, weil mir wahrscheinlich die sozioökonomischen Grundlagen des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft fehlen; ist, warum die E-Books immer noch nicht wesentlich billiger sind als die originalen analogen Ausgaben?! Im Gegenteil kann man beobachten, dass bei neueren und "bedeutenderen" Werken der Preis für den "Download" sogar höher ist und bei ohnehin schon extrem preisintensiven wissenschaftlichen Werken deutlich höher bis hin zum Doppelten oder Vielfachen. Wenn man bedenkt, dass keinerlei Kosten für Druck, Lagerung oder Verkauf anfallen; bleibt mir das ein Rätsel; es sei denn, man will den "normalen" Buchmarkt nicht vor der Zeit zerstören.
P.S. Da war ich wohl wie bei Olympia eine Hundertstel zu spät. :) Oder wie es bei uns heißt: Zwei Dumme, ein Gedanke ... 
Ja, das verstehe ich auch nicht. Es wird sicher eine Kompensation der Einbußen beim Verkauf analoger Bücher sein und eben die Anpassung an die hohe Nachfrage. Für wissenschaftliche Werke sind teilweise 100 Euro üblich. Umfangreiche Briefausgaben liegen bei 80 Euro, wobei sich Papierbuch und digtiales Buch kaum unterscheiden. Andererseits gibt es dann natürlich auch wieder vieles, das weiterhin nicht als digitale Version, sondern nur als gebundenes und gebrauchtes Buch erhältlich ist, besonders bei den seltener gelesenen Werken.
#6
Was mich aber wirklich ärgert, ist; dass man keine Zeilen oder Absätze zitieren kann via Copy & Paste. Natürlich verstehe ich den wirtschaftlichen Hintergrund, dass dieser Kopierschutz jeder illegalen Vervielfältigung und Verbreitung einen Riegel vorschieben soll; aber mir als Nutzer macht er es unnötig schwer, Zitate in einen eigenen Text einzufügen.
Bis vor etwa einem halben Jahr war es tatsächlich noch möglich, Zitate direkt im Reader zu kopieren und mit einer beliebigen Quelle zu teilen. Alternativ könntest du dir die Kindle-App auf das Smartphone laden. Hier ist nicht nur das Kopieren einzelner Zitate "erlaubt", sondern auch das Teilen der gesamten Zitate und Anmerkungen des Buches mit einer dafür geeigneten App.
#8
Aus der Beschreibung:
Zitat
Ausreichend Akku für den Lesemarathon – Eine einzige Aufladung über USB-C reicht für bis zu 12 Wochen.
Ich habe das Teil am 4. Februar nach Erhalt erstmalig aufgeladen und letzte Nacht war der Akku runter. Das sind Pi mal Daumen ein reichlicher Monat plus minus Geklecker. Für meine Ansprüche genügt das vollkommen, ich frage mich nur, wie man auf die Zeiten des Herstellers kommt?!
Die Zeiten sind wohl einem Durchschnittstest entnommen, wenn man das Ebook nur für eine halbe Stunde Lesezeit am Tag nutzt. Bei mir hält der Reader in der Regel ähnlich lang, aber ich lade ihn meistens schon vorher auf. Unterwegs ist das auch mit vier Wochen praktisch.
#10
Tja, das sind die von Amazon gesammelten anonymen Daten, besser gesagt, Markierungen, die als die beliebtesten von vielen Lesern hervorgehoben wurden. Manche finden das anregend, zu sehen, was andere markieren, die meisten eher nicht. Du kannst sie aber leicht ausschalten. Dafür musst du eines deiner Ebooks öffnen. Tippe dann oben in die Mitte des Bildschirms, damit die Menüleiste erscheint, gehe auf Schriftarten bzw. das Symbol "Aa" und dort auf "Mehr". Wenn du etwas runterscrollst, gibt es dort die Funktion "Beliebte Markierungen", bei denen du den Regler auf Aus stellen kannst.
Auch die Datenerfassung kannst du etwas einschränken. Hierfür rufst du "Einstellungen" (die drei Punkte oben rechts) im allgemeinen Menü auf, dort "Geräteoptionen" und "Datenschutz & Sicherheit". Unter diesem Punkt kannst du bei "Datenschutz“ die Datenerfassung für personalisierte Werbung/Verbesserungen ausschalten.
Zum Akku auch noch ein kleiner Hinweis. Die Akkuzeit hält natürlich noch einmal deutlich länger, wenn du das WLAN häufiger ausschaltest und im Flugmodus liest.
#12
Habe jetzt schon dreimal aus Versehen ein Buch bestellt, als ich auf der Leseprobe umherwischte. Da kommt ein Button "Jetzt kaufen" ohne weitere Nachfrage, eigentlich unüblich. Man kann zwar stornieren, aber die Erstattung dauert ewig und manche lassen sich nicht zurückgeben. Ärgerlich, wenn E-Books bei 40 oder 98 Euro liegen. Aber vielleicht bin ich auch nur ein Bewegungsidiot, Körperklaus und digitaler Nullchecker. 
Das ist mir tatsächlich noch nicht passiert. Irgendwo in deinem Konto bei Amazon lässt sich der 1-Click-Kauf ausschalten. Ob das auch auf den Reader zutrifft, weiß ich allerdings nicht. Ich glaube, man kann die Geräte einzeln ausschalten. Ansonsten gilt: sich am besten immer links oben zu halten, wenn man das Menü aufrufen will. Dort ist das "Im Shop ansehen", rechts das "Kaufen". Beim Wischen: unterhalb der Hälfte bleiben. 
Bei der Recherche stieß ich auf einige Menschen, denen das häufig passiert, auch auf solche, die anfragen, wie sie sich vor Käufen bewahren können, da sie nach den günstigen Angeboten süchtig sind und immer kaufen. Neue Technologien kreieren neue Bibliomanien.
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